Masterplan Gehen: Ein Anfang, dem echte Schritte folgen müssen
- Freitag, 6. Juni 2025 @ 06:38
Der „Masterplan Gehen“ geht aus unserer Sicht grundsätzlich in die richtige Richtung. In Linz gilt der in der Straßenverkehrsordnung verankerte Grundsatz von Sicherheit, Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs bislang vor allem für den Autoverkehr – und viel zu selten für die zu Fuß Gehenden. Es ist daher höchste Zeit, das Zufußgehen systematisch zu fördern und den Modal-Split-Anteil von derzeit 25 % deutlich zu steigern.
Die grundsätzliche Zielrichtung des Plans ist zu begrüßen – insbesondere die Erkenntnis, dass Gehen nicht nur eine Form der Fortbewegung ist, sondern ein zentraler Bestandteil nachhaltiger, lebenswerter Städte. Die eventuelle finanzielle Unterstützung durch klimaaktiv mobil ist dabei ein willkommener Bonus, darf aber nicht der Hauptgrund für die Erstellung dieses Papiers und der Umsetzung der Maßnahmen sein. Im Vordergrund sollte die inhaltliche Überzeugung stehen – andernfalls entsteht leicht der (nicht unbegründete) Eindruck, dass es an Ernsthaftigkeit mangelt.
Darüber hinaus weist der Masterplan trotz der positiven Grundtendenz inhaltliche und strukturelle Schwächen auf, die unserer Meinung nach nicht übersehen werden dürfen:
Zu beschönigende und positive Darstellung des Status Quo: Die Beschreibung der bestehenden Infrastruktur – etwa die angegebene Gehwegbreite von zwei Metern – geht vielerorts an der Realität vorbei. Ein exemplarisches Beispiel ist das Neustadtviertel: Trotz hoher Frequenz durch Kinder, Eltern mit Kinderwägen, Schüler:innen und ältere Menschen sind die Gehwege dort häufig viel zu schmal.
Fehlende Fokusgruppe: Trotz Beteuerung, dass Kinder im Fokus stehen, fehlen in der Auflistung von „Einrichtungen für besonders zu berücksichtigende Gruppen“ wichtige Orte wie Kindergärten – gerade diese Orte haben aber hohe Relevanz für Fußgänger:innen (Personen mit kleinen Kindern) und gerade diese Wege sollten großzügig und sicher ausgelegt sein.
Auch die im Masterplan positiv hervorgehobene Trennung von Fuß- und Radverkehr z.B: am Hessenplatz (S. 53) ist realitätsfern: Insbesondere im Bereich der Bushaltestellen fehlt es an Platz für Fußgänger:innen, was regelmäßig zu Konflikten mit Radfahrenden führt. Generell kommt in Linz nach wie vor viel zu oft die sogenannte „Begegnungszone für Arme“ zum Einsatz – also ein kombinierter Geh- und Radweg. Diese Lösung wird sogar bei Neugestaltungen gewählt, während dem Autoverkehr ungestörter Raum bleibt. Fußgänger:innen hingegen müssen sich beengte Flächen mit zunehmend schnelleren, teils motorisierten Zweirädern teilen.
Auch bei der Umsetzung von Tempo 30 hinkt Linz im Vergleich mit anderen Städten hinterher. Vielerorts gelten nach wie vor deutlich höhere Geschwindigkeiten – obwohl klar ist, dass niedrigere Tempolimits wesentlich zur Sicherheit und Aufenthaltsqualität im Straßenraum beitragen würden.
Keine PUSH-Maßnahmen: Wie bei der Fahrradstrategie fokussiert auch der Masterplan nur auf Pull-Maßnahmen – also auf Anreize und Attraktivierung des Gehens. Diese sind wichtig, aber nicht ausreichend. Es braucht auch Push-Maßnahmen, welche den Autoverkehr zurückzudrängen: etwa weniger Fahrspuren, verschmälerte Fahrbahnen, den Abbau von Parkplätzen im Straßenraum, höhere Parkgebühren im öffentlichen Raum oder gezielte Temporeduktionen.
Ziele und Indikatoren unvollständig und nicht ambitioniert genug: Der Masterplan lässt bei den Zielen zentrale Aspekte völlig aus – etwa zu Gehwegbreiten, Gehdistanzen oder zur Vielzahl an Lichtsignalanlagen, die den Fußverkehr systematisch benachteiligen. Es fehlen messbare und überprüfbare Zielsetzungen, wie:
- kürzere Wartezeiten an Ampeln,
- die Umstellung auf gelb blinkende Ampeln und mehr Zebrastreifen (keine Wartezeit!),
Gerade diese Punkte wären zentral für eine echte Aufwertung des Fußverkehrs.
Ein Blick nach Graz zeigt, was noch möglich wäre: Dort enthält der Masterplan ein klares Bekenntnis zur „Stadt der kurzen Wege“, inklusive entsprechender Indikatoren. In Linz fehlt ein solches Ziel nahezu vollständig. Auch beim Flächenziel wird deutlich, wie wenig ambitioniert Linz hier agiert: Während in Graz die Fläche der Fußgänger- und Begegnungszonen bis 2040 von derzeit 127.000 m² auf 190.000 m² (fast 50%) ausgeweitet werden soll, sieht der Linzer Masterplan nur einen Anstieg von 96.070 m² auf 110.000 m² vor (nicht einmal 15%) – das ist weder mutig noch zukunftsweisend.
Fazit: Es entsteht der Eindruck, dass hier – wie so oft – ein teures Gutachten an externe Beratungsbüros vergeben wurde, deren Hauptaufgabe offenbar darin bestand, ein optisch ansprechendes Vorzeigepapier zu liefern. Im Vordergrund scheint weniger ein echter Paradigmenwechsel zu stehen, sondern vielmehr die Voraussetzung zur Erwerbung von Fördermitteln – für weiterhin unzureichende Lösungen im Fußverkehr.
Wir werden – wie schon bei der Fahrradstrategie – zustimmen, weil die Richtung grundsätzlich stimmt. Doch unsere Zweifel bleiben: Ob den guten Absichten auch Taten folgen, ist mehr als fraglich. Linz bleibt, trotz Masterplan Gehen, weiter eine Autostadt.






