Gedenkrede für die „Welser Gruppe“
- Dienstag, 12. Mai 2026 @ 11:45
Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,
wir stehen heute an einem Ort, an dem Worte schwer werden.
Hier in Mauthausen wurde nicht nur gemordet. Hier wurde versucht, Menschen zu brechen. Hier wurde versucht, Hoffnung auszulöschen. Hier wurde versucht, jede Vorstellung von einer anderen, gerechteren Welt in Blut, Gas und Stein zu ersticken.
Und trotzdem stehen wir heute hier.
Wir stehen hier bei der Gedenktafel für die sogenannte Welser Gruppe.
Schon dieser Name verdient Genauigkeit. „Welser Gruppe“ war kein Name, den sich diese Menschen selbst gegeben haben. Es war ein Begriff der Gestapo. Ein Begriff der Täter. Ein Begriff jener, die den Widerstand verfolgt, verhört, gefoltert und ermordet haben.
Aber gerade daran sieht man: Die Nazis wussten genau, wen sie vor sich hatten. Sie hatten es mit Menschen zu tun, die nicht weggesehen haben. Mit Arbeiterinnen und Arbeitern. Mit Kommunistinnen und Kommunisten. Mit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Mit Katholikinnen und Katholiken. Mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung.
Und heute möchte ich besonders über jene sprechen, die in der Geschichte oft übersehen wurden.
Über die Frauen.
Denn Widerstand war nicht nur der Mann im Betrieb.
Widerstand war nicht nur der Name auf der großen Tafel.
Widerstand war nicht nur das, was später in Akten und Urteilen sichtbar wurde.
Widerstand war auch die Frau, die Nachrichten weitergab.
Die Frau, die Kontakte hielt.
Die Frau, die Flugblätter verteilte und versteckte.
Die Frau, die Lebensmittel organisierte.
Die Frau, die andere schützte.
Die Frau, die wusste: Wenn sie erwischt wird, gibt es keine Schonung.
Und die sich trotzdem traute.Frauen waren nicht der Hintergrund des Widerstands.
Frauen waren Widerstand.
Die sogenannte Welser Gruppe war ein oberösterreichisches Widerstandsnetz. Es reichte von Wels und Linz über Stadl-Paura, Lambach und Laakirchen bis nach Gmunden, Gschwandt, Steyr und ins Salzkammergut. Wenn wir heute von der Welser Gruppe sprechen, dann sprechen wir von Nachbarinnen und Nachbarn, von Kolleginnen und Kollegen, von Menschen aus unserer Region, die nicht bereit
waren, sich dem Faschismus zu unterwerfen.
Nach Gestapo-Unterlagen wurden im Herbst 1944 158 Männer und Frauen dieses Widerstandsnetzes verhaftet. Viele Männer wurden nach Mauthausen verschleppt. Viele Frauen wurden im Linzer Frauengefängnis Kaplanhofstraße eingesperrt.
Auch dort bedeutete Haft Angst. Hunger. Gewalt. Tod. Und gerade deshalb müssen wir heute aussprechen: Wenn Frauen im Widerstand unsichtbar
gemacht werden, dann setzt sich ein Teil der Gewalt fort. Nicht durch die Täter von damals, sondern durch unser Vergessen heute.
Am 27. April 1945 wurden in Schörgenhub Gisela Tschofenig-Taurer und Risa Höllermann ermordet.
Risa Höllermann.
Kurierin der Widerstandsbewegung. Eine Frau, die Verbindung hielt, wo jede Verbindung lebensgefährlich war.
Gisela Tschofenig-Taurer.
Kommunistische Widerstandskämpferin. Kurierin. Mutter. Genossin. Eine Frau, die wusste, dass Angst verständlich ist, aber Unterwerfung keine Antwort sein darf.
Und viele andere Frauen, deren Namen viel zu lange im Schatten standen.
In der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945 wurden hier in Mauthausen 42
Widerstandskämpfer in der Gaskammer ermordet. Unter ihnen waren viele Angehörige der sogenannten Welser Gruppe. Wenige Tage vor der Befreiung. Diese Menschen wurden nicht ermordet, weil der Krieg noch zu gewinnen war. Sie wurden ermordet, weil die Nazis Angst vor dem Danach hatten. Weil sie wussten: Wenn der Faschismus fällt, dann braucht es Menschen, die eine andere Gesellschaft aufbauen können.
Menschen mit Haltung.
Menschen mit Organisation.
Menschen mit Mut.
Menschen mit einer Idee von Gerechtigkeit.
Sie wollten eine Gesellschaft, die nicht auf Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg gebaut ist. Deshalb ist unser heutiger Kampf für soziale Gerechtigkeit die einzig ehrliche Form, ihr Erbe anzutreten.
Und genau deshalb müssen wir heute über Lügen sprechen.
Faschismus beginnt nicht erst mit Lagern.
Er beginnt nicht erst mit Verhaftungen.
Er beginnt dort, wo Menschen systematisch belogen werden.
Wo aus Angst Hass gemacht wird.
Wo aus Not Feindschaft gemacht wird.
Wo aus Wiederholung scheinbare Wahrheit wird.
Damals waren es Zeitungen, Reden, Plakate, Gerüchte und Hetze.
Heute sind es Videos, Kommentarspalten, Telegram-Gruppen, Facebook-Postings und TikTok-Clips.
Und heute kommt noch etwas dazu: künstliche Intelligenz. Heute kann man Videos fälschen. Stimmen nachmachen. Bilder erzeugen. Menschen Dinge sagen lassen, die sie nie gesagt haben. Ereignisse zeigen, die nie passiert sind. Wissen vortäuschen, wo nur Manipulation ist. Die Technik ist neu.
Das Muster ist alt.
Denn auch damals wurde gelogen. Auch damals wurden Feindbilder erzeugt. Auch damals wurden Menschen so lange entmenschlicht, bis ihre Verfolgung als normal erschien.
Darum dürfen wir heute nicht naiv sein.
Nicht jedes Bild ist Beweis.
Nicht jedes Video ist Wahrheit.
Nicht jede Stimme ist echt.
Nicht jeder empörte Satz ist Aufklärung.
Eine Lüge wird nicht wahr, nur weil sie tausendmal geteilt wird.
Eine Lüge wird nicht wahr, nur weil sie perfekt aussieht.
Eine Lüge wird nicht wahr, nur weil sie von einer Maschine erzeugt wurde.
Die Not der Menschen ist real.
Die Mieten sind real.
Die Teuerung ist real.
Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist real.
Die Überforderung vieler Familien ist real.
Aber diese Not darf nicht zu Hass werden.
Diese Not darf nicht zu Verfolgung werden.
Diese Not darf nicht zu Entmenschlichung werden.
Diese Not darf nicht wieder zu Tod führen.
Das ist die Lehre aus der Geschichte.
Die Rechten reden gerne von Familie. Aber sie meinen Gehorsam.
Sie reden von Schutz. Aber sie meinen Kontrolle.
Sie reden von Tradition. Aber sie meinen Unterordnung.
Sie reden von den kleinen Leuten. Aber sie geben ihnen keine Würde, sondern nur Feindbilder.
Nicht die geflüchtete Familie ist schuld an der Miete.
Nicht die alleinerziehende Mutter ist schuld an der Krise.
Nicht der Kollege mit anderer Herkunft ist unser Feind.
Nicht Frauen, die selbstbestimmt leben wollen, sind eine Gefahr.
Die Gefahr beginnt dort, wo Menschen wieder lernen sollen, andere Menschen zu verachten.
Die Gefahr beginnt dort, wo Sprache verroht.
Wo aus Menschen Zahlen werden.
Wo aus Armut Schuld gemacht wird.
Wo aus Mitgefühl Schwäche gemacht wird.
Genau dort beginnt der Weg, den wir nie wieder gehen dürfen.
Wir sagen: Sicherheit entsteht nicht durch Hass.
Sicherheit entsteht durch Frieden.
Durch soziale Gerechtigkeit.
Durch leistbares Wohnen.
Durch gute Arbeit.
Durch Schutz vor Gewalt.
Durch internationale Solidarität.
Die Antwort auf Krise ist nicht Faschismus.
Die Antwort auf Angst ist nicht Hass.
Die Antwort auf Lüge ist nicht Schweigen.
Die Antwort heißt Wahrheit.
Die Antwort heißt Organisierung.
Die Antwort heißt Solidarität.
Die Antwort heißt Widerstand.
Und dieser Widerstand ist nicht vollständig, wenn Frauen darin nur mitgemeint sind.
Frauen müssen genannt werden.
Frauen müssen sichtbar sein.
Frauen müssen führen.
Frauen müssen gehört werden.
Die Welser Gruppe erinnert uns daran: „Nie wieder“ ist kein Satz für Gedenkreden. „Nie wieder“ ist ein Auftrag.
Nie wieder Faschismus heißt: Nie wieder zulassen, dass die Lüge zur Wahrheit gemacht wird.
Nie wieder Faschismus heißt: Nie wieder zulassen, dass die Not der Menschen in Hass verwandelt wird.
Nie wieder Faschismus heißt auch: Nie wieder Frauen aus der Geschichte streichen.
Die Welser Gruppe ist nicht nur Geschichte.
Sie ist Warnung.
Sie ist Verpflichtung.
Sie ist Auftrag.
Unser Auftrag heißt:
Erinnern.
Sichtbar machen.
Widersprechen.
Organisieren.
Widerstand leisten.
Heute.
Hier.
Gemeinsam.
Niemals vergessen.
Niemals vergeben.
Nie wieder Faschismus.




