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Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

  • Montag, 8. März 2010 @ 15:09
Frauen „Das DDR-Bild ist davon geprägt, wie ich die gegenwärtige Gesellschaft erfahre...“ Herta Kuhrig über die Frauen in der Wendezeit

Der 20. Jahrestag von 1989 regt zum Nachdenken über das wiedervereinigte Deutschland an. (Auch) für Frauen ist er Anlass, Bilanz darüber zu ziehen, was aus den Ängsten und Hoffnungen, die mit der Wiedervereinigung verbunden waren, geworden ist.

Gisela Notz sprach mit Herta Kuhrig, die von 1968 bis 1977 Leiterin der Forschungsgruppe „Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft” und ab 1981 Vorsitzende des gleichnamigen Wissenschaftlichen Rates bei der Akademie der Wissenschaften der DDR war. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, ging sie im Alter von 60 Jahren in den „Ruhestand” Ruhe gab sie bis jetzt nicht, sie ist heute Vorsitzende der Seniorenvertretung in Treptow-Köpenick.

Du hattest in der DDR eine relativ verantwortungsvolle frauenpolitische Funktion. Wie siehst du die Situation 20 Jahre nach der Wende?

In Bezug auf die DDR habe ich in den vergangenen 20 Jahren immer mehr den Eindruck gewonnen, dass es offenbar so viele DDRs gegeben hat, wie es DDR-Bürger gab. Jeder der 17 Millionen Menschen hat seine Erfahrungen, seine Erinnerungen, das ist normal — aber dass die subjektiven Erlebnisse fürs Ganze genommen werden, ist das auch normal? Es könnte ganz interessant sein, denn es könnte die unterschiedlichen Lebenswelten und die unterschiedlichen Erfahrungen sichtbar machen. Jemand, der oder die 20 Jahre lang erwerbslos war und in prekären Verhältnissen leben musste, sieht auch die (DDR- )Vergangenheit anders, als eine, die 20 Jahre lang relativ gut leben konnte. Das DDR-Bild ist nicht zum geringen Teil davon geprägt, wie ich die gegenwärtige Gesellschaft erfahre, ob krisenerschüttert oder relativ stabil.

Vom dänischen Philosophen Søren Kierkegaard stammt die Erkenntnis: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.” So gesehen war für mich der Zusammenbruch der DDR ein Prozess, der sich schon längere Zeit bemerkbar machte. Es war die Agonie eines Systems, das gescheitert ist — nicht zwischen Elbe und Oder, sondern zwischen Elbe und Wladiwostok. Und es ging ohne Blutvergießen, das sollten wir nicht vergessen. Die Instrumente des Widerstands waren Gebetsbücher und Montagsdemonstrationen, es waren aber auch die Versammlungs-Protokolle, mit denen gegen das Verbot der Zeitschrift Sputnik protestiert wurde. Selbst den Nichtdissidenten wurde klar, dass die Entwicklungsfähigkeit des Systems erschöpft war. Es fielen keine Schüsse. Auch Egon Krenz hat seine Befehlsgewalt nicht ausgenutzt.

Natürlich weiß ich, dass mein Leben endlich ist, dennoch habe ich einen Traum: Ich wünsche mir, dass ich in hundert Jahren einmal zwei bis drei Wochen „Urlaub” bekäme. Dann würde ich in die Mediathek gehen und nachlesen, wie die objektivierte Geschichtswissenschaft die Epoche, die wir durchlebten — den ersten Versuch des realen Sozialismus — beschreibt. Gegenwärtig müssen viele beweisen, dass sie die Nase bei der „Revolution” am Weitesten vorne hatten.

Welche Hoffnungen und Befürchtungen hattest du zu den Zeiten der Wende?

Für mich waren es die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, den meine Generation noch erlebte, die ein radikaler Aufbruch gewesen waren; er ließ große Hoffnungen entstehen, auch im Bezug auf eine ernsthafte Politik, die die Emanzipation der Frauen ermöglichen und notwendig machen würde — nicht nur, sondern auch und vor allem auf der rechtlichen, politisch-gesellschaftlichen und auf der psychosozialen Ebene. Schließlich war ich das erste Mitglied meiner Arbeiterfamilie, das studieren konnte. Ich lernte während des Studiums der Gesellschaftswissenschaften in Leipzig so viel Neues und war überzeugt davon, dass die Welt durchschaubar, erklärbar und veränderbar ist. Große Hoffnungen setzte ich in den Sozialismus. Ich wollte mithelfen, ein sozialistisches Haus zu bauen. Leider hatten sich offenbar grundlegende Fehler in die vorgegebenen Baupläne eingeschlichen. Das sozialistische Haus erwies sich als Kartenhaus. Ich musste Abschied von vielen Träumen nehmen. Die Chance wurde verspielt.

Auch sehe ich heute, dass mein Menschenbild in positiver wie negativer Hinsicht völlig einseitig war. Ich musste erkennen, dass der Mensch zu allem fähig ist und die Fähigkeiten, die er hat, irgendwann und irgendwo einsetzt. Vor wenigen Tagen haben wir des Jahrestags von Hiroshima gedacht!

War der Umbruch von 1989 eine Revolution?

Die Frage ist doch, was wir unter einer Revolution verstehen. Wenn wir unter Revolution eine tiefgreifende Veränderung eines gesamten gesellschaftlichen und politischen Systems hin zu einem anderen, „besseren” verstehen, so ist es 1989 eher so gewesen, dass die alten Macht- und Eigentumsverhältnisse wieder hergestellt wurden. Die BRD hatte die höhere Arbeitsproduktivität, und sie hat sich durchgesetzt. Die Menschen können sich als Meister im Verdrängen erweisen. Sie versuchen, das Bestehende schön zu reden, anstatt ihm brutal ins Auge zu sehen. Bei differenzierter Betrachtung wundert es mich schon, dass es in einer Krisensituation eine Frau — und noch dazu eine in der DDR sozialisierte — war, die als fähig betrachtet wurde, die Regierungsmacht der CDU zu sichern. Wie werden die Historiker das in 100 Jahren einschätzen?

Damit es im Zuge der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht völlig dem Vergessen anheim fällt, sei doch daran erinnert, dass die Bewegung, die zum Herbst 1989 führte, sich nicht das Ziel gesetzt hatte, den Sozialismus zu stürzen. „Wir sind das Volk”, darin drückte sich Protest gegen die undemokratischen Herrschaftsmethoden des realen Sozialismus aus, nicht die Sehnsucht nach der deutschen Einheit. Die Losung „Wir sind ein Volk” kam später. Die Monate bis zum März 1990, das war die Zeit hoffnungsvoller demokratischer Bewegungen voller Visionen.

Ohne Frauen ist kein Staat zu machen, war eine Parole der Wendezeit...

Es waren vor allem auch die Frauen, die einen anderen, besseren Sozialismus — einen antipatriarchalischen — wollten. Als sich die „Wiedervereinigung” abzeichnete, äußerten sie konkrete Ängste. Bereits geraume Zeit vor deren tatsächlichem Vollzug hieß es im „Manifest für eine autonome Frauenbewegung“: „Wiedervereinigung” sei, wenn „die Diktatur des Politbüros durch die Diktatur des Bundeskanzleramts” ersetzt würde; in der Frauenfrage bedeute das „drei Schritte zurück. Es hieße überspitzt gesagt: Frauen zurück an den Herd. Es hieße: wieder kämpfen um das Recht auf Arbeit, kämpfen um einen Platz für den Kindergarten, um die Schulspeisung. Es hieße, vieles mühsam Errungene aufzugeben, statt es auf eine neue qualitative Stufe zu heben.“

Im Einigungsvertrag von 1990 stand dann: „Es ist die Aufgabe des gesamtdeutschen Gesetzgebers, die Gesetzgebung zur Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen weiter zu entwickeln.” Nach 20 Jahren wissen wir, dass von „Weiterentwicklung” kaum die Rede sein kann, in mancher Beziehung eher von einer Rückentwicklung.

In Bezug auf das Selbstbewusstsein der DDR-Bevölkerung, besonders der Frauen, habe ich mich getäuscht. Es war schon überraschend, dass sie sich vieles einfach nehmen ließen, die Wiedereinführung des §218 hinnahmen, ihr Erwerbsbeteiligung — zumindest vorübergehend — in Frage stellten und das Familiengesetz, das die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in der Familie festgeschrieben hatte, aufgaben. Plötzlich kam mit Hartz IV und dem ALG II im Januar 2005 die „Bedarfsgemeinschaft” Wo war das Recht der Frau auf die ökonomische Unhabhängigkeit vom Mann geblieben? Dass das quasi widerspruchslos hingenommen wurde ist für mich eine schlimme Erfahrung.

Ich war davon überzeugt, dass die Berufstätigkeit der Frauen als selbstverständlich gilt und die Ehe aufgehört hat, ein Versorgungsinstrument zu sein. Dieser Riesenerfolg wird mit der „Bedarfsgemeinschaft” sang und klanglos über Bord geworfen. In der DDR wurde die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft gelebt, und keine hatte ein schlechtes Gewissen, die Kinder einem Kindergarten anzuvertrauen. Heute können sich Frauen wieder öffentlich äußern, die berufstätige Mütter als Rabenmütter diskriminieren. Aber auch die Diskussion um die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie” hört sich so an, als sei das eine neue Erfindung. Sie war in der DDR Grundpfeiler der Familienpolitik. Jetzt schauen Familienforscherinnen und -politikerinnen nach Finnland, weil das schicker ist, als auf die DDR zu verweisen. Auch Gender Mainstreaming finde ich nicht absolut neu. Die Doppelstrategie zur Durchsetzung der Geschlechtergerechtigkeit, einerseits Frauenstrukturen aufzubauen und Frauenförderung zu betreiben, andererseits Frauenpolitik in alle Politikbereiche zu integrieren, war in der DDR weitgehend selbstverständlich.

Du warst bei der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes dabei. Was ist daraus geworden?

Das war am 3.Dezember 1989, als auf einer Veranstaltung in der Ostberliner Volksbühne das „Manifest für eine autonome Frauenbewegung” verabschiedet und beschlossen wurde, eine politische Vereinigung zu gründen, um am Zentralen Runden Tisch teilnehmen zu können, der am 7.Dezember 1989 erstmals zusammentreten sollte. Der Unabhängige Frauenverband (UFV) wurde am 17.Februar 1990 auf einem Kongress in Ostberlin gegründet. Er setzte sich bewusst vom DDR-weiten Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) ab, er verstand sich als Sammelbecken der autonomen Frauenbewegung, als Netzwerk und als Dachverband. Der UFV drang darauf, dass Frauen ihre Stimmen in den Veränderungsprozess einbringen konnten. Vor allem ging es ihm darum, dass die Errungenschaften, die Frauen in der DDR hatten — §218, Teilhabe an der existenzsichernden Erwerbsarbeit — im Einigungsprozess nicht verloren gehen sollten.

Die Zusammenarbeit des UFV mit den Frauenbewegungen in Westdeutschland war zunächst gut. Verständlicherweise gab es auch Schwierigkeiten und Missverständnisse. Man hatte sich Illusionen gemacht, dass es trotz 40 Jahren unterschiedlicher Sozialisation ein gemeinsames und gleichberechtigtes Vorgehen geben könnte. Ab September 1991 arbeitete der Verband als eingetragener Verein weiter. Im fortschreitenden Prozess der „Herstellung der deutschen Einheit” verlor er mehr und mehr an Bedeutung. Die Bedingungen hatten sich geändert. Im Sommer 1998 löste er sich auf.

Gemeinsam mit dem Köln- Bonner Streikkomitee hat er am 8.März 1994 den Frauenstreik organisiert. Lautstark protestierten die Frauen in Ost und West damals gegen den Abbau von Grundrechten, von Sozialleistungen und gegen die wachsende Armut von Frauen, die Zurückdrängung bereits erreichter Frauenrechte, die Zerstörung der Umwelt und die Vorbereitung deutscher Kriegsbeteiligung.

Siehst du, dass sich die Unterschiede zwischen Ost und West in der Zwischenzeit verwischt haben?

Ich habe hoffentlich gelernt, dass Pauschalurteile nicht geeignet sind, soziale Prozesse real widerzuspiegeln. Differenzieren ist angesagt. Frauen sind nicht durchgängig die „Verliererinnen der Einheit” Es gibt auch Frauen, die im kapitalistischen System ihren Platz gefunden haben, manche sogar auf den ersten Rängen. Doch immer noch größer ist die Zahl derer, die keinen Erwerbsarbeitsplatz finden konnten, ihn verloren haben oder ständig in Angst um dessen Verlust leben. Solange noch unterschiedliche Tarife in Ost und West gelten und der Rentenwert Ost niedriger ist, sind wir sicher weit davon entfernt, ein „einig Volk von Schwestern” zu sein.

Positiv für mich persönlich sehe ich, dass ich neue Kontakte und Freundschaften geknüpft habe mit Frauen, von denen ich zuvor nur aus Büchern lesen konnte. Ein echter Gewinn, vor allem menschlich.

Quelle: SoZ - Sozialistische Zeitung Nr. 9 - September 2009

Frau Kuhrig stammt aus einem kommunistischen Elternhaus, sie wurde 1930 in Tschechien (früher CSR) geboren und kam als Vertriebene aus Böhmen und Mähren in der Silvesternacht 1945/46 nach Mecklenburg. Sie hat in Schwerin eine Handelsschule sowie eine Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung besucht und danach in Leipzig studiert. Als Diplomlehrerin für die Grundlagen des Marxismus/Leninismus arbeitete sie an der Berliner Hochschule für Ökonomie. Nach der Geburt ihrer Töchter promovierte sie und wurde Leiterin der Forschungsgruppe „Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“ an der Akademie der Wissenschaften der DDR. 1973 wurde sie als Professorin berufen. An der Akademie der Wissenschaften arbeitete Herta Kuhrig, bis sie 1990 emeritiert wurde und in Rente ging.




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