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Zunge heißt am Ende Sprache

  • Samstag, 7. März 2009 @ 12:10
Kultur Im besten Fall ärgert oder beglückt sie, im schlimmsten geht sie am Zwang zur Originalität zugrunde - Über die Kunst der Glosse und zur Kolumnensammlung von Kurt Palm

Kurt Palm, Kolumnist mit Durchblick: "Seine Glossen brennen kunstvoll ab wie Weihnachts- kerzen, blitzartig eine nach der anderen ..."

Es gibt in Österreich wenige, vielleicht zwei oder drei, die in der Lage waren, dem öden Medienbrei vor allem des Fernsehens und auf dem Gebiet der sogenannten "Unterhaltung" etwas abzuringen, das eine überraschende Gestalt hat. Und wenn es passiert, spricht es sich herum: Mich hat vor Jahren in Frankfurt ein Mensch angesprochen, ein Passant, der mir das Österreichertum anhörte. Der Mann fragte mich nach der Netten Leit Show, wohl weil er der Meinung war, als Österreicher hätte man von Natur aus eine Affinität zur Machart dieser Talkshow; man wäre sozusagen nach dem Prinzip dieser Show-Originalität gebaut. Die Frage hat mich gefreut, kam sie doch in einer Zeit, da man im Ausland höchstens nach Jörg Haider gefragt wurde.

Gewiss, die Nette Leit Show, das war im Vordergrund Phettberg, der Talkmaster, der alles Meisterliche verspottete und zugleich im kleinen Finger hatte. Im Hintergrund war es Kurt Palm, der Regisseur. Ich will seiner politischen Gesinnung nicht schmeicheln, aber die Art und Weise, wie er das Medium Fernsehen benützte und zugleich überführte, also kritisierte, das war die (medien-)politische Intervention eines Künstlers, der die Gesellschaft, in die er sich begibt, ziemlich verabscheut. Anderseits akzeptiert ihn die Gesellschaft als Künstler, weil sie auf seine Kunst nicht verzichten will und in manchen Fällen gar nicht kann. Auch das Ende der Nette Leit Show spricht, anders als viele andere Enden, für das Unternehmen, für die Show: Palm arbeitete mit den Unwägbarkeiten der künstlerischen Einbildungskraft, und die eignen sich nicht für die Standardisierungen, mit denen der öde Medienbrei überdauert und stets von neuem und zugleich immer wieder auf die gleiche Art angerührt wird.

Eine Zeit für jegliche Sache

Die Kolumnenschriftstellerei für den Standard hat Kurt Palm aus eigenem eingestellt. Es ist, sagt die Bibel, eine Zeit für jegliche Sache, und die Kolumne führt nun ein anderer, Christoph Winder, weiter. Die Übergabe erfolgte würdevoll. Winder, der Chef der Standard- Beilage, in der die Kolumnen erscheinen, nannte seinen "Kolumnenbeginneralbtraum" - den Albtraum nämlich, mit seinem Vorgänger verglichen zu werden; um diesem Vergleich ebenso entgegenzukommen wie ihm zu entkommen wehrt sich der Chef auf seine Art: "Ich kann mich dagegen nur mit der durchsichtigen Strategie wehren, die Vorteile des Vorgängers zu preisen und die Größe der Fußstapfen zu beschreiben, in die zu treten ich mich vermesse. Und Kurt Palm ist groß. Der Mann brilliert in Wien, kennt Oberösterreich wie seine Westentasche, hat in New York inszeniert, führt dutzende Leben, als Regisseur, Autor, KPÖ-Aktivist, Marx-Exeget und Wasweißichnoch."

Vielseitig sein, ohne sich zu verzetteln, auch politisch mit Eigensinn gesegnet, das macht Kurt Palm aus. Ich glaube, diese Existenz ist nur möglich, weil sie auf einer Art Einheit gründet. Für den, der in den Augen der anderen so vieles zu tun scheint, ist es vielleicht nur ein Projekt, an dessen verschiedenen Facetten er ständig arbeitet. Als Wiener mit einem kleinen Sommerarbeitsplatz in Oberösterreich, außerdem mit einem natürlich (un-)gebrochenen Hang zur Dekadenz, habe ich eine Vermutung: Kurt Palm schöpft seine Kraft aus der Zugehörigkeit zum oberösterreichischen Land, und gemeint ist damit keine Provinz, sondern eine übersichtliche, ziemlich harte Lebensform, mit handfesten Problemen, die man dort halbwegs zu lösen versteht. Man braucht sich als Intellektueller mit so einer Herkunft nichts vormachen zu lassen, wie etwas geht. Aber man ist auch lernbereit, aber wenn schon lernen, dann am besten von Marx und Joyce - eine im Übrigen geniale Mischung, weil in ihr zwei Gesichter der Moderne erscheinen, deren Unversöhnlichkeit bis heute das Leben bestimmt.

Was "Kolumne" im journalistischen Verwertungszusammenhang heißt, ist literarisch gesehen eine Glosse. Die Glosse gehört zu jenen Gattungen, bei denen das lexikalische Wissen bereits mehr als bloß ein solches ist. Ursprünglich nämlich bedeutet Glosse die Erklärung eines Ausdrucks, der in einer alten Handschrift vorkommt. Der Witz ist, dass die Glosse nicht die Sache erklärt, sondern immer nur die Sprache: "glossa" heißt ja Zunge, und Zunge heißt am Ende Sprache. Verbreitet waren die Glossen von der Mitte des achten bis zum 15. Jahrhundert, Hauptpflegestätten waren unter anderen der Bischofssitz Freising, die Klöster Fulda, Sankt Gallen und Reichenau. Glossen erscheinen in Handschriften entweder zwischen den Zeilen des Textes (Interlinearglossen) oder an den Rand geschrieben (Marginalglossen, Randglossen). Sie wurden entweder gemeinsam mit dem Grundtext wieder abgeschrieben und so tradiert oder zu Glossaren gesammelt. Neben den lateinischen Glossen zu kirchlichen Texten (Bibel, Texte von Kirchenvätern) entstanden volkssprachliche Glossen zu lateinisch abgefassten Rechtstexten, biblischen Schriften oder Schullektüren.

Das alles sagt das Lexikon, und es kommt dabei heraus, dass Glossen, betrieben von der Geistlichkeit, einmal komplexe geistige Verfahren gewesen sind, die keinen geringen Anteil an der Entwicklung der Sprache hatten. Die radikalste und vielleicht am meisten zerstörerische Art der Verweltlichung von Geistigem, sprich: Sprachlichem, betreibt - "naturgemäß" - der Journalismus, und dennoch hat er der "Glosse" ein blühendes Weiterleben nach ihrem Tod beschert. Journalistisch sind Glossen Randbemerkungen, knappe, zumeist ironische oder polemische Kommentare zu aktuellen Ereignissen; sie arbeiten mit der Kürze und dem Reiz - im besten Fall haben sie etwas Aufreizendes, sie ärgern oder beglücken überraschend. Im schlimmsten Fall leiden sie darunter, dass sie - nicht zuletzt ihrer Kürze wegen - die Aufmerksamkeit sehr schnell steigern müssen. Dabei geben sie leicht einem Originalitätszwang nach, der in seiner Zwanghaftigkeit nichts Originelles mehr hervorbringen kann; er steht sich selbst im Weg.

Den Leser atemlos machen

Palms Glossen sind gelassen, und sie haben, literarisch gebändigt, manchmal etwas von einem volkssprachlichen Kommentar zur hohen Politik. Ich finde mich mit Palm in der Gegnerschaft zu jenem österreichischen Ex-Kanzler, der nach seinem Rollenspiel an der Regierungsspitze fürs Erste einmal in der Arbeiterkammer Niederösterreichs untertauchte. Dieser Schatten von einem Politiker verkörperte perfekt, was ihm seine Fürsprecher zugute halten, nämlich die Ohnmacht. Dieses Manko ersetzte er durch eine Reihe von Attitüden, zum Beispiel als Weintrinker, und durch den Ruf, ein verdammt gebildeter Mensch zu sein. Seine Fürsprecher, darunter einige meiner Freunde, führen für ihren Kanzler ins Treffen, wie übel ihm seine Feinde mitspielten. Aber verdammt, das ist ja Politik, dass man mit seinen Feinden zurechtkommt.

"In Petaluma, Kalifornien", beginnt eine von Palms Glossen, "wurde kürzlich ein gewisser 'Gus' zum hässlichsten Hund der Welt gekürt." Eine gute Wahl, wie Palm herausstellt, bei der man zugleich "das Bild von Wilhelm Molterer, Josef Pröll und Maria Fekter vor Augen" hat. Und dann enthüllt Palm die Sensation, dass er persönlich nur die besten Erinnerungen an Maria Fekter hat, "denn schließlich hat sie während unserer gemeinsamen Schulzeit in der HAK Vöcklabruck ihr Abonnement der kommunistischen Schülerzeitung 'Plop' immer brav bezahlt. Danke!"

Als Geisteskind der Postmoderne, die nicht zuletzt im Zeichen der Glosse und ihrer thematisch zerstreuten und die Konsumenten zerstreuenden Ironie steht und fällt, schätze ich an der Gattung, dass sie als Randbemerkung startet und am Ende den Eindruck für sich hat, gegen den Grundtext das Wahre zu sein. Solche postmodernen Neigungen kann ich Kurt Palm nicht unterstellen, aber ich kann seine Glossen so lesen. Manche seiner Glossen brennen kunstvoll ab wie Weihnachtskerzen, blitzartig eine nach der anderen, und am Schluss bleibt gar nichts mehr von der Festlichkeit: Wie er Molterer mit dem KPÖ-Vorsitzenden Messner assoziiert und diese Assoziation dann mit der Brunftschrei-Olympiade in Bad Goisern veredelt, um schließlich zu den Parlamentswahlen zu kommen, die er mit einem Zitat Churchills krönt: "Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie längst verboten" - das macht den Leser nicht zuletzt deshalb atemlos, weil Palm es stimmig hinkriegt.

Ich habe eine Idee, wie man den besonderen Charakter, den exklusiven Charakter dieser Glossen beschreiben kann. Palm hat mich selbst darauf gebracht, weil ich einen seiner Auftritte bei den Salzkammergutfestwochen in Gmunden gesehen habe: Eine szenische Lesung seiner Glossen. Es liegt für jeden, der Palms künstlerische Arbeit kennt, auf der Hand: Auch seine Glossen haben eine theatralische Qualität; sie profitieren von der Theatererfahrung ihres Autors: Nestroy und die Operette aus spöttischer Perspektive, das ganze Kasperltheater, feiern in Palms Glossen fröhliche Urständ. Diesen Ton in der Glossenkunst bringt nur er zum Klingen, der Leser wird seine Freude damit haben. (Von Franz Schuh/ Album, DER STANDARD Printausgabe, 7./8. März 2009)

Vorwort zur Kolumnensammlung von Kurt Palm, "PalmSamstag, der schönste Tag der Woche." Das Buch erscheint demnächst im Löcker Verlag Wien.

Quelle: www.derstandard.at


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