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1919: Weltfront der Revolution

  • Freitag, 6. März 2009 @ 11:09
Geschichte Vor 90 Jahren wurde in Moskau die Kommunistische Internationale gegründet. Von Hans Hautmann

In diesen Tagen jährt sich zum neunzigsten Mal der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale (KI), der vom 2. bis 6. März 1919 in Moskau tagte. Die III. Internationale entstand zu einem Zeitpunkt, als eine revolutionäre Welle an den Grundfesten kapitalistischer Herrschaft rüttelte. Sie war Ausdruck der nunmehrigen Notwendigkeit, die effektivsten Formen der Wechselbeziehungen und der gegenseitigen Hilfe zwischen den kommunistischen Parteien der verschiedenen nationalen Abteilungen des Proletariats zu finden.


Dabei beachtete sie den Hinweis, den Karl Marx 1864 in seiner Inauguraladresse der I. Internationale gegeben hatte: »Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Missachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinander zu stehen, stets gezüchtigt wird durch die gemeinschaftliche Vereitlung ihrer zusammenhangslosen Versuche.« (MEW 16, S. 12 f.)

Lenin und die III. Internationale

Es war Lenin, der als erster die Losung der Schaffung einer Kommunistischen Internationale aufstellte. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte er schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges, als die II. Internationale am Schwenk ihrer rechten Führer in Richtung »Vaterlandsverteidigung«, sprich: Unterstützung ihrer eigenen imperialistischen Regierungen, zugrunde gegangen war. Lenin begründete nicht nur die Notwendigkeit einer neuen, III. Internationale, sondern schuf auch im Verlauf des Krieges ihre theoretischen, organisatorischen und strategisch-taktischen Fundamente. Er arbeitete unermüdlich an der Sammlung und Vereinigung jener Kräfte, die dem Internationalismus und der proletarisch-revolutionären Linie des Klassenkampfes treu geblieben waren. Bei den Konferenzen von Zimmerwald (September 1915) und Kienthal (April 1916) in der Schweiz, an denen mehrheitlich Zentristen teilnahmen, vereinte Lenin die Anhänger der revolutionären Plattform, die so genannte Zimmerwalder Linke, um sich. In seiner Schrift »Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution« vom April 1917 bezeichnete Lenin sie als jene Strömung, die dem »Internationalismus der Tat« am nächsten käme und der die Aufgabe der Gründung einer III. Internationale zufallen werde und müsse. Er schrieb: »Ihr wichtigstes Unterscheidungsmerkmal (ist): der völlige Bruch sowohl mit dem Sozialchauvinismus als auch mit dem ›Zentrum‹, der selbstlose revolutionäre Kampf gegen die eigene imperialistische Regierung und die eigene imperialistische Bourgeoisie. Ihr Prinzip: ›Der Hauptfeind steht im eigenen Land‹. Schonungsloser Kampf gegen die süßliche sozialpazifistische Phrase«. (LW 24, S. 63)

Lenin zählte sodann die Vertreter dieser Strömung auf und nannte neben dem Spartakusbund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Deutschland weitere Gruppen in Frankreich, Großbritannien, Österreich, Schweden, Dänemark, Bulgarien, Italien, Polen, den Niederlanden und der Schweiz.

Nach der Oktoberrevolution

Durch den Sieg der Oktoberrevolution in Russland erhielt der Kampf um die Schaffung der Kommunistischen Internationale eine neue Qualität und wesentliche neue Impulse. Die Machtergreifung der Bolschewiki beschleunigte den Prozess der Loslösung der revolutionären Kräfte von den rechten sozialdemokratischen Parteien, und im Gefolge des Zusammenbruchs der monarchischen Obrigkeitsstaaten Deutschland und Österreich-Ungarn bildeten sich bereits 1918 sechs Kommunistische Parteien: in Finnland (29. August 1918), in Österreich (3. November 1918), in den Niederlanden (17. November 1918), in Ungarn (24. November 1918), in Polen (16. Dezember 1918) und in Deutschland (31. Dezember 1918). Das waren jene Parteien, die neben der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), der zahlenmäßig weitaus größten Abteilung der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung, schon vor der Gründung der Komintern bestanden.

Daneben gab es in einigen Ländern noch Parteien mit kommunistischen und linken Mehrheiten, so in Bulgarien, Schweden, Griechenland, Jugoslawien, Norwegen und Mexiko. Kommunistische Gruppen bildeten sich 1918/19 auch in der Tschechoslowakei, Rumänien, Italien, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, der Schweiz, den USA, Argentinien, China und anderen Ländern.

Das bedeutete, dass die III. Internationale faktisch bereits entstanden war und wirkte. Nunmehr ging es darum, die vorhandenen Abteilungen der kommunistischen Bewegung organisatorisch zu vereinigen und damit zugleich ihre Kräfte und ihren Einfluss auf die Massen zu verstärken. Im Januar 1919 fand in Moskau eine internationale Beratung statt, die den Vorschlag Lenins annahm, den Gründungskongress der KI in allernächster Zeit einzuberufen. Ein entsprechender Aufruf wurde von den Kommunisten Sowjetrusslands, Polens, Ungarns, Österreichs, Lettlands und Finnlands, der Balkanföderation und der Sozialistischen Partei der USA unterzeichnet.

Wie gelangt man nach Moskau?

Karl Steinhardt war seit dem 3. November 1918 gemeinsam mit Elfriede Eisler-Friedländer (spätere Ruth Fischer) Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs1 (KPDÖ) und in dieser Funktion auf dem 1. Parteitag im Februar 1919 bestätigt worden. Der Parteitag hatte einstimmig den Tagesordnungspunkt über die Errichtung einer Kommunistischen Internationale angenommen und die Entsendung Steinhardts nach Moskau beschlossen.

Am 13. Februar 1919 reiste Steinhardt in Begleitung eines aus Russland heimgekehrten ehemaligen österreichischen Kriegsgefangenen namens Fatin von Wien nach Budapest, wo ihm von der Leitung der KP Ungarns falsche Papiere ausgehändigt wurden. Er verwandelte sich in den lettischen Heimkehrer nach Russland Peter Konradewitsch Gruber aus Riga. Als »Gruber« trat Steinhardt auch in Moskau auf. Unter abenteuerlichen Umständen und steter Lebensgefahr schlugen sich die beiden quer durch die Front des Bürgerkrieges nach Kiew durch, wo sie endlich auf Truppen der Roten Armee stießen. Steinhardt zeigte ihnen die von Lenin mit eigener Hand geschriebene Einladung, die er, im Hosenbund eingenäht, versteckt hatte. Von Kiew ging es mit der Bahn nach Moskau, wo er am 3. März 1919 eintraf. Steinhardt wurde sofort in den Kreml gebracht, wo er mitten in die Konferenz platzte und von Lenin und den anderen Delegierten, die ihn bereits totgeglaubt hatten, stürmisch begrüßt wurde. Unrasiert, verdreckt und in zerrissener Kleidung hielt er spontan eine Rede, in der er einen kurzen Überblick über die politische Lage in Österreich gab und dem Präsidium den Beschluss des 1. Parteitages der KPDÖ über die Gründung der III. Internationale überreichte.

Die Beratungen in Moskau hatten am Abend des 2. März 1919 begonnen. An der Konferenz nahmen 52 Delegierte von 35 Organisationen aus 21 Ländern Europas, Amerikas und Asiens teil. Bei der am 1. März erfolgten Vorbesprechung stellte sich heraus, dass der Vertreter der KPD, Hugo Eberlein (»Albert«), gegen eine sofortige Gründung der KI war. Rosa Luxemburg, die kurz zuvor ermordete Führerin der KPD, hatte es aus taktischen Erwägungen für angebracht gehalten, den Zeitpunkt des Gründungskongresses noch für einige Zeit aufzuschieben. Eberlein, der von der Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands mit einem an die Meinung Rosa Luxemburgs gebundenen Mandat nach Moskau delegiert worden war, musste daher diesen Standpunkt vertreten. Die Meinungsverschiedenheit der KPD mit den anderen in Moskau anwesenden Parteien bezüglich des Gründungstermins war allerdings keineswegs – wie von bürgerlichen und sozialdemokratischen Historikern oft behauptet – grundsätzlicher Natur, denn auch Rosa Luxemburg hatte die III. Internationale für eine »bedingungslose Selbstverständlichkeit« gehalten.

Vor Beginn der entscheidenden Sitzung am 5. März 1919 bat jedoch Lenin Steinhardt zu einer Unterredung und ersuchte ihn, den Beschluss des 1. Parteitages der KPDÖ noch einmal zur Sprache zu bringen. Gemeinsam arbeiteten Lenin und Steinhardt einen Antrag aus, der von den Parteien Österreichs, Ungarns, Schwedens und der Balkanföderation eingebracht wurde, und in dem die Gründung der III. Internationale als unaufschiebbares und »unbedingtes geschichtliches Gebot« bezeichnet wurde.

Zur Begründung des Antrags hielt Steinhardt am Abend des 5. März eine – wie Augenzeugen berichteten – flammende und temperamentvolle Rede, die schließlich den Durchbruch brachte. Seine Resolution wurde mit Ausnahme der Stimmenthaltung Eberleins einhellig angenommen. Unter begeisterter Akklamation wurde so am 5. März 1919 um 21 Uhr die Kommunistische Internationale ins Leben gerufen, wobei sich der Vertreter aus Österreich einen nicht unwichtigen Anteil zuschreiben konnte.

Am 6. März verabschiedete der Gründungskongress fünf Dokumente: das Manifest an das Proletariat der ganzen Welt, die Richtlinien der Kommunistischen Internationale, Leitsätze über bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur, den Beschluss über die Stellung zu den sozialistischen Strömungen und Leitsätze über die internationale Lage und die Politik der Entente.2 In organisatorischer Hinsicht wurde beschlossen, die Leitung der Komintern einem Exekutivkomitee (EKKI) zu übertragen. Dem ersten EKKI gehörten Vertreter Sowjetrusslands, Deutschlands, Österreichs, Ungarns, der Balkanföderation, der Schweiz und Skandinaviens an.

Der Rang des I. Weltkongresses

Die Bedeutung der Gründungsversammlung der KI bestand in der Zusammenfassung der kommunistischen Kräfte, der Proklamierung ihrer Kampfziele und der Bildung eines Zentrums. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, um dem Weltimperialismus eine einheitliche Front der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung entgegenzustellen. Aber auf dem I. Weltkongress wurde, nach den Worten Lenins, nur die Fahne des Kommunismus aufgerichtet, um die sich die Kräfte des revolutionären Proletariats sammeln sollten. Die Weiterentwicklung der Kommunistischen Internationale zu einer Organisation neuen Typs war dem II. Weltkongress vorbehalten, der im Juli/August 1920 in Petrograd und Moskau stattfand.

Den historischen Platz der KI umriss Lenin im April 1919 wie folgt: »Die I. Internationale (1864–1872) legte den Grundstein der internationalen Organisation der Arbeiter zur Vorbereitung ihres revolutionären Ansturms gegen das Kapital. Die II. Internationale (1889-1914) war eine internationale Organisation der proletarischen Bewegung, die in die Breite wuchs, was nicht ohne zeitweiliges Sinken des revolutionären Niveaus, nicht ohne zeitweiliges Erstarken des Opportunismus abging, der schließlich zum schmählichen Zusammenbruch dieser Internationale führte. Die III. Internationale entstand faktisch im Jahre 1918, als der langjährige Prozess des Kampfes gegen Opportunismus und Sozialchauvinismus, besonders während des Krieges, in einer Reihe von Nationen zur Bildung von kommunistischen Parteien geführt hatte. Offiziell ist die III. Internationale auf ihrem ersten Kongress, im März 1919 in Moskau, gegründet worden. Und der charakteristischste Zug dieser Internationale, ihre Bestimmung (ist): das Vermächtnis des Marxismus zu erfüllen und in die Tat umzusetzen, die uralten Ideale des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu verwirklichen.« (LW 29, S. 295 f.)

Die Kommunistische Internationale existierte 24 Jahre. Sie ist von bürgerlichen, sozialdemokratischen und anderen Historikern viel gescholten worden. In der Tat waren in der Zeit zwischen Lenins Tod 1924 und dem VII. Weltkongress 1935 bei weitem nicht alle strategischen Orientierungen und taktischen Richtlinien der KI das, was man Volltreffer nennen kann – Stichwort: »Hauptfeind Sozialdemokratie«. Wenn man aber vergleicht, wie die kommunistische Weltbewegung 1919 und 1943 dastand und wie grundlegend sich im Jahr der Selbstauflösung der KI das internationale Kräfteverhältnis zwischen Sozialismus und Imperialismus verändert hatte, wird man schwerlich behaupten können, dass der Komintern daran kein Verdienst zukommt.

Durch die Ereignisse von 1989/91 und deren Folgen für die Menschheit ist alles relativ geworden, auch die Betrachtung der kommunistischen Vergangenheit. Die »Verdammten dieser Erde«, vom Kapitalismus ausgebeutet, unterdrückt, manipuliert wie eh und je, könnten sich heute glücklich schätzen, eine solche Organisation an ihrer Seite zu sehen, wie es die Kommunistische Internationale einstens war.

1 seit dem 12.11.1918 offizieller Name der von der provisorischen deutsch-österreichischen Nationalversammlung konstituierten Republik (Republik Deutschösterreich). Aufgrund des Friedensvertrages von Saint-Germain (1919) musste sich der neue Staat unter Beibehaltung seiner Selbständigkeit in Republik Österreich umbenennen
2 die Gründungsdokumente sind im Internet nachzulesen unter http://www.sinistra.net

Quelle: Junge Welt; 05.06.2009, http://www.jungewelt.de


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