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Die Geschichte des „Igels“ als Theaterstück

  • Sonntag, 1. Juli 2007 @ 09:07
Kultur Eine Nachbesprechung von Franzobels „Hirschen“ von Andreas Schmoller

Parallel zur Trilogie Hunt - Zipf -Lenz, die sich mit zeitgeschichtlichen Ereignissen im oberösterreichischen Hausruck beschäftigt, hat der Autor Franzobl ein weiteres Stück regionaler Geschichte literarisch für das Theater aufbereitet. Georg Schmiedleitner führte für die Auftragsarbeit des Grazer Schauspielhauses wieder Regie, die am 30. November 2006 uraufgeführt wurde und von den heimischen Medien durchwegs positive Kritik erfuhr. In bekannter Skurrilität und zynischem Sprachwitz präsentiert Franzobel den historischen Stoff und erlangt damit die größte Wirksamkeit, wenn der Umgang mit der Vergangenheit in der Gegenwart beleuchtet wird.

In „Hirschen“ geht es um den „Igel“, der historische Name des Verstecks jener Widerstandsgruppe, die sich um den Bad Ischler Sepp Plieseis sammelte und im Toten Gebirge erfolgreich bis Kriegsende versteckt hielt. Das Stück setzt ein, als der Protagonist (gespielt von Daniel Doujenis) nach seiner Flucht aus dem Dachauer Außenlager Hallein Ende 1943 wieder ins Salzkammergut zurückkehrt (er hatte es 1936 verlassen, als er sich auf nach Spanien zu den Internationalen Brigaden machte) und dort auf alte Bekannte trifft: Alois Straubinger (Franz Solar), ebenfalls soeben aus dem KZ geflohen, (tatsächlich 1942 aus dem Gefangenenhaus Wels geflüchtet), sowie die beiden Frauen Resi Pesendorfer (Julia Cencig) und Marianne Feldhammer (Andrea Wenzl).

Eine prominente Rolle nimmt der Jäger Mittendorfer ein, er versinnbildlicht zum einen die opportunistische Haltung des „I bin net dafür und i bin net dagegen.“ Mit seiner Zustimmung wurde die Lage des Verstecks ausgewählt und sein Sohn, der von der Wehrmacht desertierte, schloss sich der Gruppe am Igel an. Vordergründig scheint das Setting der Ereignisse im Gebirge schwer umsetzbar, jedoch kann die Lösung, auf das Bühnenbild weitgehend zu verzichten, nur als gelungen erachtet werden. Eine leere Bühne, die in drei Bereichen nach oben oder unten gefahren wird, womit die Kargheit des Toten Gebirges angedeutet ist und zugleich verschiedene Spielebenen zur Verfügung stellt.

Dabei ist Hirschen nicht einfach die künstlerische Aufbereitung einer Geschichte des Widerstands im Nationalsozialismus, die vor wenigen Jahren vermutlich durchaus Kontroversen hervorgerufen hätte. Franzobl schlägt immer wieder Brücken zur politischen und gesellschaftlichen Gegenwart, im Stück selbst und dann durch das Einfügen einer weiteren Spielebene. „Die Widerstandskämpfer sollen ihr Denkmal haben, aber damit ist es aber dann wirklich genug“, lautet der Subtext der Gesellschaft, gegen den sich die heute greisalten aber immer noch widerborstigen Widerstandskämpfer zur Wehr setzen, indem sie dann und wann die Bühne durchqueren und sich Gehör verschaffen.

Besonders gelungen ist die Schaffung einer weiteren Ebene, die rein musikalisch stattfindet, aber gewissermaßen den Kommentar zum Geschehen auf der Bühne darstellt: Die Zigeunerklänge der Instrumentalistinnen, die sich durchgehend auf eine der Spielebenen bewegen, schaffen mitunter ein Gegengewicht zu der ausgeprägten Komik Franzobls im Text und weisen gleichzeitig über das Stück hinaus auf den weiteren Kontext der NS-Verfolgung, in welchem die „Zigeuner“ ebenfalls zu den Vergessenen gehören. Weder Text noch Inszenierung tendieren zu einer Heroisierung der historischen Figuren noch zur Mythologisierung des Geschehens, sondern führen zutiefst menschliche Charaktere mit allen persönlichen Schwächen vor Augen.

Die stärksten Effekte erzielt das skurrile Volkstheater, wenn die Träume vom „freien Österreich“ in der Idylle des Ausseer Narzissenfestes ihre Erfüllung finden. Franzobl folgt dramaturgisch und inhaltlich weitestgehend dem Buch Plieseis' „Vom Ebro zum Dachstein“. Albrecht Gaiswinkler, der zweite bekanntere Widerstandskämpfer im Salzkammergut, erhält als Fallschirmspringer, der kurz vor Kriegsende im Auftrag der britischen Alliierten in der Region abgesetzt wird, eine eher klamaukhafte Nebenrolle. Beeindruckend und nachvollziehbar hingegen Plieseis, der in Hirschen durch die Jahre im Spanischen Bürgerkrieg, in Gefängnissen und KZs zu einem gefühlskalten, rigorosen Leader geworden ist.

Nur schwer lässt er sich z.B. davon abbringen, Mitglieder, die durch ihren Leichtsinn die Gruppe in Gefahr bringen, eigenhändig zu erschießen. Bleibt als einziger aber wesentlicher Schwachpunkt die Darstellung der Frauen. Sie werden zwar zu Protagonistinnen der Widerstandsbewegung am Igel, an dem historisch die Anwesenheit von Frauen verboten war (Marianne Feldhammer war als einzige mehrmals hinaufgegangen), jedoch kommt ihr tatsächliches Verdienst und die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren, nicht zum Tragen. Insbesondere die Figur der Resi Pesendorfer ist irgendwie missraten.

In aufreizenden Hotpants und Netzstrümpfen bekleidet gibt sie die unpolitische, naive Gefährtin ab, die nur drauf hofft, dass sie Plieseis vielleicht doch noch „rumkriegen“ möchte. Wer die - leider häufig verkannte - Bedeutung von Resi Pesendorfer im Widerstand kennt, wird sich darüber ärgern. Ein würdiges Denkmal wurde ihr damit wieder nicht gesetzt.

Quelle: betrifft widerstand, Nr. 82, Juli 2007

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