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Der Geist geistloser Zeit

  • Dienstag, 20. März 2007 @ 07:21
Bildung Franz Fend hat Liessmanns „Theorie der Unbildung“ gelesen

Zwei wichtige massenmediale Ereignisse haben im Februar stattgefunden: Die Karaoke Sängerin Nadine Beiler aus dem tirolerischen Inzing hat das Starmania Wettsingen gewonnen und der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann ist zum Wissenschafter des Jahres gekürt worden. Beides wird man nur, wenn man sich willig durch die mediale Walze drehen lässt. In einem Falle muss man dümmlich treuherzig in Interviews bekannt geben, dass man am liebsten Single sei, um dann mit Fistelstimme „Alles was Du willst“ zu trällern. Vermutlich, um möglichst schnell mit dem geilen Greis Udo Jürgens ein Date zu bekommen.

Im anderen Falle ist es ein bisschen komplizierter. Selbstverständlich muss man den jeweiligen Herrschenden stets zu Diensten sein. Liessmann hat es dabei soweit gebracht, dass er selbst der blauschwarzen Regierung aus dem Jahr 2000 fast nur Positives abgewinnen konnte. Die Liebdienerei den Regierenden gegenüber muss jedoch mit der Attitüde der Kritik kaschiert sein, damit sie den Medien-Konsumenten als geistige Durchdringung der Welt erscheine. Pierre Bourdieu hat dieser Art von Denkern, die als besonders reaktionsschnell gelten, und daher von den Medien stets das Wort erteilt bekommen als ”fast-thinker“ bezeichnet. Sie können deswegen so schnell denken, weil sie in Gemeinplätzen denken, so Bourdieu.

Wenn sich Liessmann beim Denken etwas Zeit lässt, dann sieht die Sache ganz anders aus. In seinem jüngsten Buch, „Theorie der Unbildung“ verweist er auf die normative Kraft der Ranglisten: „Rankings fungieren als ziemlich primitive, aber höchst wirksame Steuerungs- und Kontrollmaßnahmen, die dem Bildungsbereich noch das letzte Quentchen Freiheit austreiben sollen, das ihm als Relikt humanistischer Ideale geblieben ist.“ Angesichts der überbordenden Ranglisten von Universitäten, Fachhochschulen, Mittelschulen ja selbst schon Volksschulen (wie dies der Stadtrat Mayer in Linz nun plant) ist Liessmanns Analyse des Bildungssystems alles andere als Eitel Wonne.

Liessman fühlt nicht nur dem Bildungssystem im engeren Sinne auf den Zahn, seine Analyse beginnt bei der medialen Simulation von Wissen, wie sie in Millionenshows und artverwandten Formaten vorgegeben wird. Wissen werde, so Liessmann, zu einem Moment der Unterhaltungsindustrie. Auf die politischen und gesellschaftlichen Konsequenz mach der Autor gegen Ende seines äußerst lesenswerten Buches aufmerksam: „anstelle eines öffentlichen Diskurses treten die Ranglisten von Bewertungsagenturen, und während manche noch von Zivilgesellschaft träumen, wird Demokratie auf ein Voting-Spektakel reduziert, das sich medial nahtlos in die diversen Votings der Casting-Shows einfügt.“

Und diese Fetischierung der Ranglisten sei Ausdruck und Symptom einer spezifischen Erscheinungsform der Unbildung: nämlich mangelnde Urteilskraft, die Immanuel Kant zufolge eine Form der Dummheit sei. Unbildung, so Liessman weiter, sei deshalb kein intellektuelles Defizit, kein Mangel an Informiertheit, kein Defekt an einer kognitiven Kompetenz, sondern der Verzicht darauf, überhaupt verstehen zu wollen.

Liessmann bietet mit seiner Arbeit einen Überblick über die Geschichte der Bildungsbegriffe, wobei er seine Präferenzen für die klassische Idee von Bildung, der zufolge Menschen ein „zweckfreies, zusammenhängendes inhaltlich an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen aufweisen können, das sie nicht nur befähigt, einen Charakter zu bilden, sondern ihnen auch einen Moment der Freiheit gegenüber den Diktaten des Zeitgeistes gewährt“, nicht verhehlt.

Bildung sei, seines Erachtens das, was dem Individuum und der Entfaltung seiner Potentiale orientiere, was den Menschen zu einem selbst bewussten Teilnehmer am Gemeinwesen mache. Autonomie und Selbstbestimmung sowie die Erweiterung der Handlungsoptionen der Menschen sind die Ideale, die der Autor in Zusammenhang mit allem Bildungsdebatten einfordert. Seine Verachtung für egalitäre Bildungskonzepte, kann er aber auch nicht ganz verhehlen. Sein Elitenkonzept ist der klassisch humanistischen Bildung geschuldet, kratzt man an der Oberfläche ist durchaus ein aristokratisches.

Seine Attacken gelten den aktuellen Bildungsdebatten, denen – und hier ist der Autor zurecht redundant – es nicht um Bildung geht, sondern um ein Wissen, das wie Rohstoff produziert, gehandelt, gekauft, gemanagt und entsorgt werden soll. Es gehe „um ein flüchtiges Stückwissen, das gerade reicht um die Menschen für den Arbeitsprozess flexibel und für die Unterhaltungsindustrie disponibel zu halten.“ Die Methoden dazu seinen Wettbewerb, Konkurrenz, Tests, internationale Rankings, Evaluationen, Qualitätssicherungsmaßnahmen und effizienzorientierten Kursen.

All das bildungspolitische Vokabular, das aktuell in die Auseinandersetzung geworfen wird, sei es in den Debatten um die Universitätsreformen, in die PISA-Tests, ECTS-Punktelisten, Bologna-Architektur sei ein groß angelegtes Verschleierungsmanöver. Die Intention dahinter sei Entstaatlichung, Privatisierung, Risikobereitschaft, Eigenvorsorge, Flexibilisierung, Kürzung der Sozialausgaben, Elitenbildung und Zugangsbeschränkungen. Noch nie sei über Bildung und Wissen so abfällig gesprochen worden als in der so genannten Bildungsgesellschaft, so Ließmann, denn Bildung, als Fähigkeit zur reflexiven Distanz, gelte schlicht als Kulturpessimismus.

Dass sich Liessmann, kurz nach dem Erscheinen dieses absolut lesenswerten Buchs, für die Beibehaltung der Studiengebühren ausgesprochen hat, zeigt, dass er wieder in der Gesellschaft angekommen ist, die alles der Kontrolle des ökonomischen Blicks unterwirft und so die Freiheit des Denkens beschneidet.

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Zsolnay, Wien 2006


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