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Festival Market Place Linz

  • Mittwoch, 14. Februar 2007 @ 21:21
Kultur Franz Fend hat einen Flaneur bei seinem Streifzug durch die Linzer Architektur begleitet

Der Philosoph Walter Benjamin hat in den Dreißiger-Jahren des letzen Jahrhunderts bei seinen Streifzügen durch Paris die literarische Figur des Flaneurs eingeführt. Der Flaneur streift durch die Straßen und Passagen der Städte, lässt sich treiben beobachtet Menschen und Ambiente, macht sich seine Gedanken, reflektiert, erkundet, experimentiert. Die Figur des Flaneurs begleitet uns durch die gesamte Geschichte der kritischen Auseinandersetzung mit den Städten und mit dem, was die jeweils Herrschenden aus ihnen zu machen gedenken.

In Linz ist die Figur des Flaneurs nicht beheimatet. Es ist ihm in jeder Hinsicht zu klein, es bereitet ihm Unbehagen. Das mag mit der Geschichte dieser Stadt zusammenhängen, denn die Psychogeografie dieser Stadt, die vor hundert Jahren noch keine 30.000 Einwohner hatte, bringt stets mehr agrarische Assoziationen hervor denn urbane. So werden noch heute die Innereien von Friedrich III, der Linz zum Zentrum des heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen machen wollte und die Zukunft aus Mäusekot zu lesen versuchte, als Reliquien verehrt und angebetet.

Da wird die Identität stiftende Stahlindustrie, die ab 1938 in zwei Jahren aus dem Boden gestampft worden ist, nach wie vor als Geschenk des Führers betrachtet, wie auch der Zweite Weltkrieg für viele verloren worden ist. Da ist immer noch die Rede von den Hitlerbauten in der Stadt, die architektonisch aus zweierlei Gründen höchst interessant sind: Einerseits mit dem Blockwartsystem als architektonischer Vorwegnahme der modernen Überwachungsgesellschaft. Andererseits wurde beim Wohnbau ein Gesetz von Joseph II zurück genommen, dem zufolge Stiegen in Wohnbauten nicht aus Holz gefertigt werden durften, damit im Brandfalle ein Fluchtweg offen bliebe. Der nationalsozialistische Wohnbau verwendete wieder Holzstiegen, die BewohnerInnen waren Material – wie Mörtel und Ziegeln. Die Hitlerbauten gelten vielen noch immer als vorbildlich.

Barocke Machtentfaltung

Kein guter Ort für den Flaneur. Streift er durch das Bahnhofsviertel wird das Unbehagen stärker. Die Architektur des so genannten Landesdienstleistungszentrums lässt keinen Zweifel aufkommen, wer hier wem Dienste zu erbringen hat. Es ist ein Barockbau mit allen Attributen absolutistischer Machtentfaltung. Die Eingangsstiege, in düsterem schwarzem Stein gehalten, mit überbordender Metallplastik, ist eine finstere Inszenierung von Macht, getragen von der Theatralik und vom Pathos der Gegenreform.

Der erste Rückbezug auf die Barockkunst in der Architektur erfolgte nicht zufällig im autoritären österreichischen Ständestaat in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, als es den Herrschenden darum ging, möglichst viel vom Habsburger Absolutismus in die (Kultur)Politik herüberzuretten und die Position der Katholischen Kirche in Politik und Gesellschaft zu festigen. Die architektonische Kontinuität ist evident und wohl nicht geeignet, die Stadtbewohner in der Emanzipation zu aufgeklärten Citoyens zu unterstützen. Vielmehr handelt es sich um eine in schwarzen Stein geschriebene Aufforderung zu Untertanengeist und Duckmäusertum.

Gelenkte Besucherströme

Einer der signifikantesten Neubauten der nächsten Zeit, die Erweiterung des Ars Electronica Center steht kurz vor der Realisierung. Von der baulichen Erscheinung gewiss ein markantes Objekt. Bei einer Präsentation des Siegerprojekts im Architekturforum durch Architekt Andreas Treusch ist jedoch zuerst vom Spirit des Bauplatzes die Rede. Auf die dörfliche Struktur inmitten der Stadt wird wiederholt rekurriert und der Sinn des Bauplatzes werde durch die dortige Kirche gestiftet, so der Gewinner des Bewerbes.

Der Flaneur ist irritiert, ist er doch ein Menschenfreund. Und von Menschen war hier nicht im Geringsten die Rede. Weder von jenen, die dort arbeiten sollen oder jenen, die dort gastieren werden. Jene, die das Museum besuchen sollen, werden als Besucherströme abstrahiert, die gelenkt werden müssen. Als sinnliche Wesen werden sie nicht verhandelt. „Das hat mit den Ausschreibungsbedingungen der Stadt zu tun“, erklärt Wolfgang Pauzenberger von Pauhof-Architekten, wer sich zu viel überlegt, der mache sich verdächtig. Längerfristige städtebauliche Planungsstrategien seien bei den Wettbewerbsausschreibungen der jüngsten Zeit ohnehin nicht zu bemerken.

In Linz zeige man in vielen Fällen, wie man es nicht machen sollte. Alleine die zahlreichen absurden Nachweise und oftmals uneinbringliche Referenzen, die für eine Teilnahme bei einem dieser Wettbewerbe zu erbringen seien, machen es jüngeren Teams enorm schwierig überhaupt mitzumachen. Als gravierendes negatives Beispiel wird von mehreren Architekten der Bewerb zur Bebauung des Frachtenbahnhof-Areals genannt. Schon die Ausschreibung als einstufiger Ideenwettbewerb sei katastrophal.

Das Siegerprojekt werde zwar gut dotiert, sämtliche Rechte gehen damit aber an die Bauträger über, die erwiesenermaßen andere Interessen haben als eine Stadtplanung, die alle Beteiligten einbinde. Weder das mit bürokratischen Aufgaben ausreichend beschäftigte Planungsamt, noch diverse Polit- und Parteizirkeln können komplexe stadtplanerische Aufgaben und Probleme lösen wie sie heute anstünden, so die Pauhof-Architekten. Auch nicht das Raiffeisen-Regime in Kumpelei mit der Stadtpolitik, möchte der Flaneur hinzufügen, der bei seinen Rundgängen das schwarze Giebelkreuz des Raiffeisen-Konzerns auf jedem zweiten Neubau beobachtet. Auch kein Zeichen urbaner Aufgeklärtheit, vielmehr ein mystisches Symbol, das bäuerliche Haushalte vor mehr eingebildeten denn realen Gefahren beschützen hätte sollen.

Pferdekopf über dem Musiktheater

Dieses Logo wird fraglos auch auf dem neuen Musiktheater prangen, das wider jegliche stadtplanerische Strategie auf den Blumauerplatz gepappt wird. Wohl weil bei diesem Bauplatz am wenigsten Gegner ausgemacht werden konnten und zweifelsohne, weil eine Raiffeisen-Tochter sich zuvor die Gründe gesichert hatte. Von städtebaulichem Akzent kann hier auch kaum die Rede sein, ist es doch in erster Linie von Verkehrssträngen umgeben und nur von einer Seite öffentlich zugänglich. Aber es passt zum nächstgelegenen Landesdienstleistungszentrum, hat es doch auch in der Intendanz des Theaters ein konservatives Flashback gegeben. Die Codes des neuen Intendanten sind eindeutig: Das Abonnentenpublikum stehe im Zentrum der Aufmerksamkeit heißt es. Die Übersetzung lautet: „Ich werde konservatives Theater machen, zur Erbauung des Publikums. Eine Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit ist mir nicht so wichtig.“

Doch alles, was immer auch gespielt wird in dieser Stadt, es passt zum Imagewechsel, den die Stadtmarketing-Manager der Kommune verschrieben haben. Industriestadt möchte man nicht mehr sein, da könnte ja die Erinnerung aufkommen, wem man die Industrie zu verdanken hat. Nämlich nicht Hitler, sondern den tausenden Zwangsarbeitern, die den Grundstein des Reichtums von Linz legen mussten.

Dorf will man auch nicht sein, man bezieht sich zwar immer wieder auf dörfliche Strukturen in der Stadt, als ob man die abwandernden Mittelschichten, die in den umliegenden Dörfern im Grünen wohnen, aber in Linz arbeiten, und somit den täglichen Stau erzeugen, zurückgewinnen könnte. Also ist man neuerdings Kulturstadt und hinsichtlich des Jahres 2009 posaunt man das umso lauter hinaus. Mit Pflasterspektakel, Linzfest, Klangwolke, Kronenzeitungsfest und jüngst auch OÖ-Nachrichten-Fest hat man ja schon ganz gut geübt.

Dem Flaneur bleibt nur übrig, an diesen Terminen die Stadt zu verlassen. Denn hatte das Motto „Kultur für alle“ möglicherweise vor Jahrzehnten eine zivilisatorische Potenz, so hat die Durchführung dieser Idee spätestens mit Pflasterspektakel und Kronenzeitungsfest einen rassistischen Mob geschaffen, dem nur mit den Bestimmungen des Strafgesetzbuches Einhalt geboten werden könnte. Der Flaneur empfiehlt den Verantwortlichen, einmal durch eine derartige Veranstaltung zu schweifen. Die Kulturpolitik müsste ihr wohlmeinendes Ansinnen ernsthaft hinterfragen.

Marketing statt Planung

Aber da Stadtplanung und –entwicklung längst durch das Stadtmarketing ersetzt worden ist, verwundert es nicht, dass kommunale Kulturpolitik nach den Maßgaben des Fremdenverkehrs gemacht wird. Denn mit der ökonomischen Umstrukturierung, die spätestens mit der großen „Verstaatlichten-Krise“ in den Achtziger Jahren virulent geworden ist, haben sich auch die selbst gestellten Aufgaben der Gemeinden, geändert. Sie betreiben in erster Linie Standortpolitik in Konkurrenz zu anderen Städten.

Sie verstehen sich selber als Unternehmen, deren Ziel es ist, privates Kapital zu stimulieren. Das kulturelle Image ist allein Vehikel zur Realisierung dieses Zieles. Was in zahlreichen deutschen Städten in den achtziger Jahren beobachtet werden konnte, wird hierorts erst in den letzten Jahren schlagend. Konsum und Entertainment sind die zentralen Begriffe. Dazu dienten zuerst die Einkaufs-Citys und Kino-Plexe an den Stadträndern, diese Entwicklung frisst sich von den Rändern in das Zentrum. Nun werden die gesamten Stadtkerne diesen Erfordernissen untergeordnet. Konsumenten und Urlauber sind die Subjekte, welche vom „urban Management“ angesprochen werden.

Hiezu ist es erforderlich, die Innenstädte zu säubern. Soziologen sprechen von den vier A’s welche entfernt werden müssen: Arme, Alte, Arbeitslose und Ausländer (so sie keine Touristen sind). Sie entsprechen nicht dem Bild der kulturellen Erlebnisstadt, wie es neuerdings gezeichnet wird. Wie man diese Gruppen aus dem Zentrum vertreiben kann, dazu sind auf jeden Fall Pläne vorhanden. Der Flaneur jedenfalls, schließt sich der Absetzbewegung aus der Stadt an. Ihm scheint, dass die subkulturellen Milieus, welche lange Zeit den Boden für die Kultur aufbereitet haben, jetzt höchstens geduldet werden. Andererseits, so könnte man ihm entgegenhalten, gibt es was zu verteidigen, wenn nicht sogar Alternativen zum „Festival Market Place“ zu entwickeln.

Quelle: www.versorger.at


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