Willkommen bei KPÖ Oberösterreich 

Antworten eines lesenden Arbeiters

  • Samstag, 12. August 2006 @ 20:06
Kultur Von Kurt Palm

Begegnungen und Abschweifungen mit Bert Brecht

Meine ersten Erinnerungen an Bertolt Brecht sind mit einem Lesebuch verbunden, das ich Anfang der 70er-Jahre im Foyer der Arbeiterkammer Vöcklabruck erstand. Es handelte sich dabei um ein in Kommunistenkreisen gern gelesenes Buch, das in der Sowjetunion gedruckt worden war und in erster Linie jene Texte enthielt, die Brecht als strammen Dichter des Proletariats auswiesen.


Brechts späte Abrechnung mit Josef Stalin oder seine erotischen und pornografischen Gedichte hatten in diesem Sammelband ebenso wenig Platz wie seine skeptischen Aufzeichnungen über die Entwicklung in der DDR oder seine Konflikte mit Teilen des kommunistischen Parteiapparats.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass diesem Buch als Motto Brechts berühmtes Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters vorangestellt war.

Da mein Vater als Schlosser sozusagen Subjekt dieses Gedichts war, las ich ihm eines Tages in unserer Küche in Timelkam diesen Text in der Hoffnung vor, ihn für die Anliegen des internationalen Proletariats zu gewinnen. Meinen Vater ließ dieses Gedicht allerdings ziemlich kalt, und er empfahl mir dringend, mich lieber meinem Studium zu widmen, als ihn mit solchem „Blödsinn“ zu belästigen. Diese Reaktion bestätigte meine Befürchtung, dass auch er bereits ein ideologisches Opfer der Sozialpartnerschaftspolitik in Österreich geworden war und sich mehr für Garagentore und Balkongeländer als für den Klassenkampf interessierte.

Selbstverständlich ließ ich mich von solchen marginalen Rückschlägen nicht davon abhalten, mich weiterhin im Kommunistischen Studentenverband in Salzburg zu betätigen und die Werke Brechts aufmerksam zu studieren. Zum Thema „Garagentor“ fällt mir noch ein, dass mein Vater auch das „Lindpointner“-Kipptor im Elternhaus des Schriftstellers Franzobel im Nachbarort Pichlwang montiert hat. Stefan, so heißt Franzobel mit bürgerlichem Vornamen, erzählte mir später einmal, dass er als junger Bursche dieses Aluminium-Garagentor - sehr zum Ärger seiner Eltern -, auch als Fußballtor benutzt hat.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz erklären, was das Foyer der Arbeiterkammer Vöcklabruck mit dem Brecht-Lesebuch zu tun hat: In meiner Funktion als führendes Mitglied der Kommunistischen Jugend organisierte ich viele Jahre lang in der Vorweihnachtszeit einen „kommunistischen Buchmarkt“, der im Foyer der Vöcklabrucker Arbeiterkammer stattfand. Auf diese Weise versuchte ich, Bücher aus der DDR und der UdSSR unter die heimatlichen Weihnachtsbäume zu schmuggeln, was mir bei opulent ausgestatteten Bildbänden wie „Tiere vor der Kamera“ oder „Indianische Kunst von Mexiko bis Peru“ auch gelang.

Weniger Glück hatte ich freilich mit den Standardwerken der kommunistischen Weltbewegung. Die vierbändige Ausgabe des Sowjetklassikers „Der stille Don“ von Michail Scholochow (1899 Seiten) oder die Pflichtlektüre für Jungkommunisten, „Die junge Garde“ von Alexander Fadejew (748 Seiten), blieben am Ende meist bei mir „hängen“. Auf diese Weise wird wohl auch das Brecht-Lesebuch in meinen Besitz gekommen sein. Im Laufe der Jahre zerfiel dieses Buch und ging schließlich bei einem meiner vielen Umzüge in Salzburg verloren.

„O Himmel, strahlender Azur!“

Das erste Mal klick in Bezug auf Brecht machte es im Frühjahr 1976, als eine Studententheatertruppe aus der DDR im Festsaal der Salzburger KPÖ-Zentrale in der Elisabethstraße 11 gastierte. Die Bezeichnung „Festsaal“ ist vielleicht ein bisschen übertrieben, handelte es sich bei diesem Etablissement doch um einen finsteren, ziemlich heruntergekommenen Saal, der aber zumindest über eine Bühne und die entsprechende Bestuhlung verfügte.

Für die legendären KSV (Kommunistischer Studentenverband, Anm.)-Feste wurde der Saal natürlich leergeräumt, damit die Studentinnen und Studenten genug Platz zum Tanzen hatten. Das Werk Brechts spielte bei diesen hedonistischen Partys eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich es dort Szenen gab, die Brecht in seinen pornografischen Gedichten so beschrieb:

„Im Mund noch den Geschmack des andern Manns /Im Kalten Schoß noch einen andern Schwanz!“
„Ich brauche einfach meinen geregelten Geschlechtsverkehr/Alles andere ist Seife“
„Am besten fickt man erst und badet dann.“

Nicht selten trat aber auch ein, worüber Brecht in einem anderen Zusammenhang schrieb:

„Oh, diese Weiber, Himmelherrgottsakrament!/ Arg schon die Liebe, aber ärger noch der Tripper brennt!“

Aber diese Texte waren zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht und lagen wahrscheinlich in irgendeinem Giftschrank im Brecht-Archiv in Ostberlin oder möglicherweise sogar in einem Banktresor in der Schweiz.

Im Mittelpunkt des Programms, mit dem die Theatergruppe aus der DDR im Volksheim der KPÖ Salzburg gastierte, standen also weniger die erotischen Gedichte und Lieder Brechts als vielmehr seine politisch eingreifenden Texte. Wie sehr in dieser Zeit die Politik unser Alltagsleben bestimmte, zeigen einige meiner Kalendereintragungen aus dem Jahr 1976:

Donnerstag, 26. Februar 1976: Dekorieren helfen für Kinderlandfasching („Kinderland Junge Garde“ war die der KPÖ vorgelagerte Kinderorganisation)
Mittwoch, 3. März 1976: 18 Uhr 30: Referat über Angola in Waidhofen an der Ybbs
Samstag, 20. März 1976: 10 Uhr 50: Fußball. KSV gegen MSB (5:2 verloren); (MSB war der Marxistische Studentenbund=Maoisten, was die Niederlage doppelt schmerzhaft machte)
Montag, 29. März 1976: Lesung Elfriede Jelinek (Hörsaal 312)
Freitag, 2. April 1976: Sowjetabend bei Gerhard Fink. Kurzreferat über den 25. Parteitag der KPdSU

Es war also ziemlich viel los, damals in Salzburg und Waidhofen an der Ybbs. Zurück in den Keller des Volksheims zum Auftritt der DDR-Studenten, von dem mir drei Eindrücke in Erinnerung geblieben sind: Einer der Schauspieler trug einen typischen Brecht-Anzug samt Mütze. Auf der Bühne befand sich ein Kleiderständer, der als Requisit eine wichtige Rolle spielte. Und: Es wurde die „Ballade von den Seeräubern“ gesungen.

Wäre dieses Lied nicht gesungen worden, hätte ich den Abend wahrscheinlich längst vergessen. Aber diese Ballade brannte sich geradezu in mein Gehirn ein, wobei es mir besonders die letzte Strophe angetan hatte:

„Noch einmal schmeißt die letzte Welle
Zum Himmel das verfluchte Schiff
Und da, in ihrer letzten Helle
Erkennen sie das große Riff.
Und ganz zuletzt in höchsten Masten
War es, weil Sturm so gar laut schrie
Als ob sie, die zur Hölle rasten
Noch einmal sangen laut wie nie:
O Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind, die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!“

Brecht hat dieses Gedicht als 20-Jähriger geschrieben, und ich vermute, dass es der Duktus des draufgängerischen Abenteurers war, der mich damals so tief beeindruckte. Die Haltung, die in diesem Text zum Ausdruck gebracht wird, entsprach jener des jungen Haudegens Brecht, der im März 1918 in einem Brief an seinen Freund Caspar Neher schwärmte: „Uns steht noch soviel bevor! Auf einem Schiff fahren, morgens, mittags, in der Nacht! Unter brennenden weißen Tropenleinwandzelten! Und nachts in Mastkörben unter dem Orion!“

Dass Brecht viele Jahre später ausgerechnet „auf einem Schiff“ in seine vorletzte Exilstation USA reisen sollte, gehört zu den vielen tragischen Wendungen seines bewegten Lebens.

Auf nach Havanna

Wenige Tage nach dem Brecht-Abend besorgte ich mir in der Bibliothek des Germanistischen Instituts der Universität Salzburg den Text dieser Ballade und lernte ihn auswendig. Danach ließ ich keine Gelegenheit aus, für die Verbreitung dieses Liedes zu sorgen. Als ich beispielsweise vom 29. Juli bis zum 9. August 1978 zum 11. Weltjugendtreffen nach Havanna fuhr, wurde dieser Brecht-Song von einigen Mitgliedern der kommunistischen Delegation zur inoffiziellen österreichischen Hymne umfunktioniert. Dass wir mit der ständigen Wiederholung dieses Liedes während des Aeroflot-Flugs von Wien nach Havanna die sowjetischen Stewardessen nervten, verstehe ich heute besser als damals. Die offizielle Hymne der österreichischen Delegation hatte übrigens folgenden Text, der zur Melodie des bekannten kubanischen Volksliedes „Guantanamera“ gesungen wurde:

„Auf nach Havanna,
zum Festival nach Havanna.
Auf nach Havaaaanna,
zum Festival nach Havaaaanna.
Fidel erwartet die Gäste
Zum elften Weltjugendfeste.
Fidel erwartet die Gäste
Zum elften Weeeeltjugendfeste.
Wir lernen spanisch problemlos
Und grüßen schon Venceremos!“

„Venceremos“ - also „Wir werden siegen!“ - war bis weit in die Achtzigerjahre hinein der Leitspruch der internationalen Solidaritätsbewegung mit dem chilenischen Volk, dessen demokratisch gewählte Regierung unter Salvador Allende am 11. September 1973 in einem blutigen Putsch unter kräftiger Mithilfe der USA gestürzt wurde. Als am 11. September 2001 die beiden Gebäude des World Trade Centers in New York nach einem Terroranschlag einstürzten, staunte ich nicht schlecht über diesen merkwürdigen Zufall.

Kurt Palm, ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.8.2006


Wohnkampagne der KPÖ?

Publikationen

 
 
Immer bist du auf der Wanderschaft. Henriette Haill (1904-1996).
Browse Album

Aktiv werden in der KPÖ …

… oder einfach mehr über die KPÖ erfahren? Schick uns ein E-Mail oder nutze das Kontaktformular oder ruf an: 0732 652156

Versorgerin

Kritische Beiträge zur Kultur- und Kommunalpolitik in Linz und darüber hinaus.
Online-Versorgerin