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1917-1991: Spurensuche bei Gramsci zum Scheitern des Sozialismus

  • Dienstag, 7. November 2017 @ 08:00
Geschichte Von Leo Furtlehner, Landessprecher der KPÖ-Oberösterreich

Für die kommunistische Bewegung war jahrzehntelang ein Theorieverständnis maßgeblich, das durch den nach Lenins viel zu frühem Tod im Wesentlichen in der Stalin-Ära geprägt und als Marxismus-Leninismus von einer Wissenschaft zu einem quasi-religiösen Katechismus umgeformt worden war.

Die Theorie schien abgeschlossen, Marx, Engels und Lenin standen (bei Ausblendung unbequemer Texte) außerhalb einer kritischen Hinterfragung, für neue DenkerInnen wie Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg blieb faktisch jahrzehntelang kein Platz.

Letztere spielten im 20. Jahrhundert im offiziösen Verständnis der kommunistischen Bewegung keine nennenswerte Rolle, ja es gab sogar Bestrebungen, sie überhaupt aus der marxistischen Denktradition auszuschließen. In den Stichwortverzeichnissen gängiger DDR-Lehrbücher kam etwa Gramsci ebensowenig vor wie der Begriff Zivilgesellschaft. Bestrebungen sie nachträglich zu Säulen des Marxismus-Leninismus zu machen sind daher ebenso fragwürdig wie das Beharren auf einem formelhaften Marxismus-Leninismus, der im Widerspruch zu ständigen Bekenntnissen eben nicht jene „schöpferisch Weltanschauung“ war, als die er gepriesen wurde.

Von Karl Marx ist die Aussage bekannt, daß er sich selbst keineswegs als Marxist bezeichnen wollte. Damit wollte er wohl deutlich machen, daß eine wissenschaftliche Weltanschauung niemals abgeschlossen, sondern in ständiger Entwicklung befindlich ist und er auch seine eigenen Erkenntnisse als durchaus begrenzt betrachtete. Von Lenin ist zwar keine gleichartige Aussage bekannt. Aber im diametralen Gegensatz zum späteren Marxismus-Leninismus spricht seine im höchsten Maße dialektische Bereitschaft, neue Erkenntnisse und auch solche bürgerlicher Theoretiker in sein Werk aufzunehmen, ebenso wie die vielfache Revidierung eigener Aussagen dagegen, daß er sich selbst als Leninist gesehen hätte.

Dies blieb Stalin vorbehalten, der seine letztendlich für den Sozialismus letale Herrschaft unter anderem damit legitimierte, daß er Lenin ikonisierte und den Marxismus-Leninismus der kommunistischen Bewegung als Katechismus verordnete. Damit verbunden sind auch alle jene Defizite – etwa durch Erklärung wichtiger Teilbereiche wie etwa der Kybernetik oder der Psychologie als „bürgerliche Wissenschaft“ oder durch verflachte Thesen wie jene der „allgemeinen Krise des Kapitalismus“ – die zu einer gravierenden Unterschätzung der Lebensfähigkeit des Kapitalismus und in weiterer Folge zum Zusammenbruch des Sozialismus führten.

Bestrebungen Gramsci zum Leninisten zu standardisieren liegen in dieser Tradition einer Instrumentalisierung, die einem dialektischen Herangehen an den Anspruch einer wissenschaftlichen Weltanschauung widerspricht. Erfahrungsgemäß beinhaltet die Erhebung theoretischer Erkenntnisse zu abgeschlossenen Lehren die Gefahr deren inhaltlicher Verflachung durch eine Zementierung als abgeschlossener Erkenntnisse und bedeutet daher eine Negierung der Dialektik als Grundlage und Wesenszug fortschrittlicher Theorie überhaupt. Man sollte also Gramsci als das nehmen was er ist, ohne ihn in ein Korsett zu zwängen.

Gramsci war eine Dogmatisierung des Marxismus und jegliche marxistische Orthodoxie fremd: „Marx hat keinen kurzgefaßten Katechismus geschrieben, er war kein Messias, der eine Aneinanderreihung von Parabeln hinterlassen hätte, die kategorische Imperative, unbestrittene, absolute, außerhalb der Kategorien von Zeit und Raum stehende Normen enthalten“ polemisierte er in einem Artikel über Marx bei gleichzeitiger Wertschätzung des „universalhistorischen Charakters“ des Marxismus, was als klare Absage an einen simplifizierenden Marxismus-Leninismus zu werten ist

Antonio Gramsci ist – ebenso wie Rosa Luxemburg – ein schlechter Kronzeuge für einen Leninismus Marke Stalin, wie die wesentlichen Kernaussagen in seinen Werken deutlich machen. Vielmehr liefert Gramsci umgekehrt einen wesentlichen Schlüssel für jene für die Zukunft der kommunistischen Bewegung höchst notwendigen Erkenntnisse, warum der Realsozialismus durch „die Hegemoniekrise oder die Krise des Staates in seiner Gesamtheit“ letztlich gescheitert ist. Trotz des frühzeitigem Todes Gramscis gibt es in seinen bedingt durch den Gefängnisaufenthalt fragmentarisch gebliebenen und vielfach mosaikartigen Werken aus der bisherigen Rezeption zahlreiche Hinweise auf Differenzen zum klassischen Verständnis eines Marxismus-Leninismus.

Gramsci war natürlich insofern „Leninist“, als er bei Lenin anknüpfte und die Oktoberrevolution als zentralen theoretische und politischen Bezugs- und Orientierungspunkt verstand. Doch ging er deutlich über Lenin hinaus und schon seine Differenzierung zwischen den Bedingungen in Rußland und jenen im Westen bedeutet eine klare Absage an einheitliche Revolutions- und Sozialismusmodelle wie sie später für Jahrzehnte gültig waren und sowohl originäre Strategien für gesellschaftliche Umbrüche als auch die Weiterentwicklung des Realsozialismus verhinderten.

Hier ist auch sein Rückgriff auf Marx und Engels von Bedeutung, in deren Werk er zwei Revolutionsbegriffe deutlich machte: Einen (tendenziell eurozentristischen) positivistisch-naturalistischen, sich „automatisch“ aus der Reife der Ökonomie bzw. unmittelbare und automatische Folge des kapitalistischen Akkumulationsprozesses ergebenden und einen anderen, der als Summe der Widersprüche bzw. Verschärfung des Widerspruches zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, als komplexe Verflechtung verschiedener Widersprüche, als „Epoche sozialer Revolution“ formuliert worden war und den schon Lenin in seiner These vom „schwächsten Kettenglied“ aufgegriffen hatte.

Gramscis These zufolge ist eine Revolution nicht mit dem einmaligen Ereignis abgeschlossen, sondern als ein höchst widersprüchlicher Prozeß erst dann, wenn die neue herrschende Klasse ihre Herrschaft in souveräner Weise ausübt und sich eine stabile Herrschaft auf eine von den subalternen Klassen als Führung verstandene und gebilligte Hegemonie stützt. Für das Bürgertum bedeutete das die Etablierung der parlamentarischen Demokratie, die für Gramsci für die mit der Revolution von 1789 begonnene Revolution erst 1871 etabliert war. Gramsci leitet daraus auch die Fähigkeit einer herrschenden Klasse zur ständigen Anpassung ihrer Herrschaft und gleichzeitig zur Abwehr der Versuche historisch neuer Klassen die Macht an sich zu reißen ab.

Daraus folgert ein langfristiges Verständnis von Revolution natürlich auch für den Kommunismus als „regulierter Gesellschaft“, für den Gramsci eine Übergangsperiode veranschlagte die „vermutlich Jahrhunderte dauern“ wird. Dem Sozialismus gelang es in seiner 70jährigen Existenz zweifellos nicht, die dafür notwendige adäquate „selbstverständliche“ Herrschaftsform zu finden. Der Dreh- und Angelpunkt dabei ist ein eklatanter Mangel an Zivilgesellschaft, jener Kategorie die laut Gramsci neben dem Staat elementar für die Ausübung von Herrschaft durch ständiges Ringungen um Erhaltung und Erreichen politischer, ideologischer, kultureller Hegemonie ist.

„Im Osten war der Staat alles, die zivile Gesellschaft war nicht ausgeprägt und daher formlos“, so Gramscis zentrale Erkenntnis, der für den Westen schlußfolgernd geltend machte „Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter dem sich eine robuste Kette von Befestigungen und Kasematten verbarg.“ Der Zusammenbruch des Sozialismus kann demnach nicht mit unwissenschaftlichen und subjektivistischen Verschwörungstheorien durch den Verrat Chruschtschows oder Gorbatschows und auch nicht auf den – unbestreitbar vorhandenen und keineswegs zu unterschätzenden – Druck von außen als Folge der ab 1917 existierenden Systemkonkurrenz erklärt werden. Wäre diese maßgeblich gewesen, wäre die Sowjetunion schon im Bürgerkrieg oder durch die faschistische Aggression 1941 zusammengebrochen.

Allerdings geht die vielleicht verkürzt daraus gezogene Schlußfolgerung, bis zum Tode Stalins habe die KPdSU die Hegemonie besessen insofern ins Leere, als – abgesehen davon, daß gerade in dieser Ära die Gewalt eindeutig über der Hegemonie stand – der Stellenwert von Hegemonie nicht unabhängig von der ökonomischen Entwicklung im gleichen Maße geltend gemacht werden kann, sondern ihre Bedeutung mit höherer Entwicklung zunimmt. Diese Erkenntnis ergibt sich ja schon durch Gramscis (und auch Lenins) Unterscheidung, daß es in wenig entwickelten Ländern leicht ist die Macht zu ergreifen, aber schwer sie zu behalten und umgekehrt. Die Ursachen, warum in der späteren Phase des Sozialismus die Hegemonie verlorenging, liegt aber in der frühen Phase, wo die Herausbildung zivilgesellschaftlicher Elemente durch die Verstaatlichung aller Gesellschaftsbereiche be- und verhindert wurde.

Und dabei liegt wiederum eine wesentliche Ursache bei der Funktion der Partei als führender Kraft der Gesellschaft. Gramsci befürwortete im Leninschen Sinne die führende Rolle der kommunistischen Partei. Er wandte sich jedoch ausdrücklich dagegen, daß diese Führungsrolle der Klasse oktroyiert wird, wie das in den sozialistischen Ländern durch Festschreibung der „führenden Rolle“ in der Verfassung geschah. Und er bezog diese Führungsrolle auf einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag, der über die Arbeiterklasse hinausgeht.

Die führende Rolle der Partei kann sich demnach nicht daraus ergeben, daß sie sich „als revolutionäres Organ proklamiert, sondern aus der Tatsache, daß es ihr effektiv gelingt, als Teil der Arbeiterklasse sich mit allen Sektionen dieser Klasse zu verbinden“. Dabei wandte sich Gramsci auch gegen eine von Bucharin vorgenommene Mystifizierung der Klasse – die nach Ausschaltung Bucharins von Stalin ebenso übernommen wurde wie die zunächst an Trotzki kritisierte Militarisierung der Arbeit und Bucharins von Gramsci kritisierte vorschnelle Systematisierung der Theorie. Die fatale Simplifizierung des Marxismus ist demnach nicht einmal Stalins eigenes Werk – er hat sich in eklektischer Weise nur die Erkenntnisse anderer zu eigen gemacht.

Gramsci unterschied auch zwischen einem „organischen, demokratischen Zentralismus“ und einem „bürokratischen Zentralismus“ – letzterer war bekanntlich jahrzehntelang im Gegensatz zum formalen Anspruch auf ersteren die Praxis des kommunistischen Partei- und Staatsverständnisses. Die große Sorge um die Rolle der Partei kam in Gramscis Brief an das ZK der KPdSU im Oktober 1926 zum Ausdruck, der bekanntlich zu einem Konflikt mit Palmiro Togliatti führte.

Darin bezeichnete er Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen als durchaus normal, kritisierte jedoch die Art und Weise wie diese ausgetragen wurden. Im Unterschied zu Lenins Lebzeiten, als solche Konflikte zur Stärkung der Partei geführt hatten, wurde durch die unter Stalin begonnene und später bis zur physischen Vernichtung gehende Ausgrenzung ihrer Träger führende „abweichender Meinungen“ mit dem Fraktionsverbot legitimiert und als sich ständig verstärkende Einheit gefeiert. Gramscis Besorgnis galt demnach dem Mangel an politischer Kultur, die er – nicht zuletzt mit der fatalen Einschätzung der Komintern von 1925, daß die gefährlichsten Gegner aus den Reihen der engsten Kampfgefährten kommen – als Gefahr für die kommunistische Bewegung durch die Art der Konfliktaustragung bewertete.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, daß nicht die von Gramsci befürchtete Spaltung, sondern im Gegenteil der Zwang zur „Einheit und Geschlossenheit“ letztendlich „irreparabel und tödlich“ für den Sozialismus endete. Gramsci wandte sich auch dagegen, daß nach dem Motto „wo gehobelt wird, da fallen Späne“ die hehren Ziele auch die Mittel heiligen und er lehnte eine Trennung von Mittel und Zweck ab. Auch damit steht er im Gegensatz zur Praxis Stalins, der wie etwa im Zuge der Zusatzprotokolle des Nichtangriffspaktes von 1939 nicht scheute, Kommunisten an Hitlerdeutschland auszuliefern.

In seinem Brief wies Gramsci auch darauf hin, daß die KommunistInnen im Westen die führende Rolle der KPdSU in der Komintern anerkennen – allerdings als „Kampftrupp sehen, der für die allgemeine Perspektive des Sozialismus tätig ist“. Genau diese Funktion sah Gramsci jedoch damals in Gefahr und warnte, durch „die mit Gewalttätigkeit verbundene Entwicklung der russischen Probleme“ die mit der Oktoberrevolution und dem Aufbau des Sozialismus errungene Ansehen zu verlieren. Den gefährlichen Tendenzen in der Komintern durch Zentralisierung mit einer hierarchischen Leitungsstruktur, Negierung unterschiedlicher realer Interessen von Mitgliedsparteien und Unterordnung unter die Politik der UdSSR stellte Gramsci ein anderes Konzept der Einheit der kommunistischen Bewegung durch Entwicklung vom Nationalen zum Internationalen gegenüber.

Im Gegensatz zur Komintern schätzte Gramsci das Abflauen der revolutionären Bewegung Anfang der 20er Jahre nicht als „relative Stabilisierung“ und unaufhaltsamen, gesetzmäßigen Niedergang ein, sondern als langfristige Konsolidierung sowie umfassenden Anpassungs- und Erneuerungsprozeß des Systems, der sich für die weiteren Jahrzehnte als von ihm als „Amerikanismus“ bezeichneter Fordismus erfolgreich etablierte.

Entgegen der von Marx nach 1848 konstatierten „ideologischen Dekadenz“ der Bourgeoisie zeigte sich der Kapitalismus als im höchsten Maße anpassungsfähig, wenn es um seine Existenz ging. Gleichzeitig wurde auch immer deutlicher, daß die ökonomische Reife einem mechanistischen Denken zufolge keineswegs mit der politischen Reife konform geht, die Kluft zwischen der „Klasse an sich“ und der „Klasse für sich“ demnach immer größer wird, weil sich mit der Entwicklung der Produktivkräfte auch das Bewußtsein der lohnabhängigen Klasse verändert.

Aus der Entwicklung in den 20er Jahren ergaben sich weitreichende Schlußfolgerungen, die aber von der Komintern nicht getroffen wurden, die sich im Gegensatz dazu für längere Zeit auf die verhängnisvolle Theorie des „Sozialfaschismus“ und auf die falsche Frontstellung Faschismus kontra Sozialismus einschwor, die auch mit der Volksfront-Strategie des 7. Weltkongresses 1935 nicht voll überwunden wurde. Und auch die bis zum Zusammenbruch des Realsozialismus geltende These einer „allgemeinen Krise“ des Kapitalismus trug ebensowenig zu einer wirklich realistischen Einschätzung der Entwicklungspotentiale des Kapitalismus sowohl auf ökonomischen, als auch auf politischem und ideologischem Gebiet bei. Die verkürzte Berufung auf Lenins Einschätzung der „Fäulnis“ negierte nämlich Lenins noch 1920 getroffene Erkenntnis, „es wäre ein Fehler zu glauben, daß diese Fäulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus ausschließt“.

Gerade mit dem Ende der revolutionären Nachkriegsphase Anfang der 20er Jahre und dem Erlöschen der Hoffnung, daß die russische Revolution durch eine Revolution in Deutschland und anderen entwickelten kapitalistischen Ländern verstärkt und gesichert würde, hätte Gramscis Erkenntnisse über die Zivilgesellschaft zu einem wirksamen Hebel für die kommunistische Bewegung werden können. Vor allem auch, weil der Anfangs vorhandene mobilisierende Effekt der Oktoberrevolution mit zunehmender zeitlicher Entfernung abnahm und dies durch die zunehmende Deformation des Sozialismus unter Stalin verstärkt wurde.

In den „Gefängnisheften“ wies Gramsci darauf hin, daß die „zeitgenössischen Diktaturen“ auf „legale Weise auch diese neuen Formen der Selbständigkeit“ – gemeint war die Autonomie von Parteien, Gewerkschaften, Vereinigungen – entzogen und der „staatlichen Aktivität einzuverleiben“ versuchen. Eben diese Verstaatlichung aller Bereiche der Gesellschaft im Realsozialismus führte im Ergebnis dazu, daß kein Platz für die Zivilgesellschaft übrigblieb. Die Elemente der Zivilgesellschaft bildeten sich daher im bewußten Gegensatz zum sozialistischen Staat als gegen den Sozialismus gerichtete meist konterrevolutionäre Elemente heraus und waren somit letztendlich wesentlich für dessen Zusammenbruch entscheidend.

Die Abwertung der „Verfassungsidee als bürgerliche Idee“, die Ablehnung einer Gewaltenteilung sowie gesellschaftlicher Kontrolle der Macht führte nach der Pervertierung der ursprünglich als demokratische Institutionen entstandenen Sowjets zu formal-bürokratischen Organen faktisch zur Herrschaft einer Parteibürokratie. Diese und nicht die Arbeiterklasse als solche war der eigentliche Träger der Herrschaft der realsozialistischen Gesellschaften, weil durch eine bürokratische zentrale Planwirtschaft nicht die Werktätigen als eigentlich Wertschaffende, sondern eine sich als „Diktatur des Proletariats“ auf die Mehrheit berufende Bürokratie de facto über die Produktionsmittel bestimmte und gleichzeitig alle Machtmittel in der Hand hatte.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, daß ein dem Anarchismus geschuldeter „Antiautoritarismus“, demzufolge „überall und stets die revolutionäre Tatsache an Stelle des vom Staat geschaffenen und garantierten Rechts“ tritt eine breite Demokratisierung und gleichzeitig die breite gesellschaftliche Emanzipation nach der Oktoberrevolution verhinderte. Die Kritik am „formalen Charakter“ der bürgerlichen Demokratie verfolgte letztlich weniger das Ziel diese zu entlarven, sondern die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution jegliche Bedeutung abzusprechen – und sie damit für den Sozialismus als gänzlich obsolet darzustellen.

Marx und Engels unterschieden zwischen dem Staat als Machtinstrument einerseits und der Gesellschaft andererseits. Gramsci erweiterte dies durch die Kategorien von politischer (als Gesamtheit aller staatlichen, juristischen, militärischen Machtstrukturen) und ziviler (als Gesamtheit aller nichtstaatlichen Institutionen, sozialen und kulturellen Beziehungen sowie des geistigen, religiösen und ideologischen Überbaus) Gesellschaft, betrachtete diese jedoch als untrennbare Einheit des politischen Überbaus und zwei Seiten einer Medaille.

Dementsprechend schrieb er zwar vom „Verschwinden kapitalistischer Nationalstaaten“, lehnte jedoch die These vom Absterben des Staates ab. Diese unter anderem dem anarchistischen Einfluß in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts geschuldete These findet sich allerdings auch bei Max und Engels weitaus komplexer, als ein bloßes finales Absterben des Staates in der kommunistischen Gesellschaft. So wird etwa in der „Deutschen Ideologie“ der Staat keineswegs nur als Instrument der Unterdrückung der beherrschten Klasse gesehen, sondern ganz wesentlich auch als Instrument für die herrschende Klasse für die „gegenseitige Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen“. Mit seinem Verständnis widerspricht Gramsci aber auch Konzepten einer sozialistischen Zivilgesellschaft oder der Zivilgesellschaft als dem eigentlichen Sozialismus schlechthin. Schon 1919 bezeichnete Gramsci den Sozialismus nicht als Anfang des Absterbens des Staates, sondern als Schaffung des „Sozialstaates der Arbeit und der Solidarität“.

Der Staat als organisatorische Verkörperung der machtausübenden Funktion der herrschenden Klasse wirkt demnach mit Zwang, wenn die auf der zivilgesellschaftlichen Ebene einer ständigen Herstellung und Sicherung unterliegende Hegemonie gefährdet ist. Dabei darf der Staat keineswegs ausschließlich auf die Instrumente des Zwanges reduziert werden, da ihm schon laut Marx und Engels die „Verrichtung der gemeinsamen Geschäfte, die aus der Natur aller Gemeinwesen hervorgehen“ obliegt. Staat bedeutet daher keineswegs ausschließlich Repression, sondern auch Ausgleich und Garantie, etwa in Form des Sozialstaates.

Da laut Gramsci die „subalternen Klassen“ vom Staat ausgeschlossen sind, ist ihre Existenz mit der als „Ensemble der gemeinhin privaten genannten Organisationen“ definierten Zivilgesellschaft verwoben. Aufgabe des politischen Kampfes ist nicht als „Fremdkörper“ in die Zivilgesellschaft einzudringen, sondern sich als Teil derselben verstehend für Veränderungen ausgehend vom Bereich der Zivilgesellschaft zu wirken. Umgekehrt versucht die herrschende Klasse im Rahmen eines „historischen Blocks“ möglichst viele Angehörige der subalternen Klassen ideologisch an sich zu binden. Dazu ist die Mitwirkung von Intellektuellen notwendig. Hier kommt auch die Kategorie der „organischen Intellektuellen“ als Produkt bestimmter sozialer Klassen ins Spiel, die Gramsci im Gegensatz zu den traditionellen Intellektuellen versteht und die eine Schlüsselrolle im Kampf um Einfluß in den zivilgesellschaftlichen Bereichen und damit auch um gesellschaftlichen Veränderungen spielen.

Die Herstellung von Hegemonie – verstanden als Zustimmung zur Herrschaft, Bindung der Massen an die Herrschenden und Verschleierung der Herrschaft – erfolgt allerdings nicht nur aus dem Bereich der Zivilgesellschaft, sondern etwa auch in ökonomischer Form direkt von der ökonomischen Basis etwa durch soziale Zugeständnisse (Lohnpolitik, Sozialleistungen usw.) respektive Errungenschaften.

Der Begriff Zivilgesellschaft unterliegt vielfach einer bewußten oder unbewußten Fehlinterpretation. Hinter Ansätzen, sie als eigenständige gesellschaftliche Formation – etwa im Gegensatz zum neoliberalen Kapital – zu betrachten, wird eine Verschleierung der wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse versucht. Dies entspricht aber keineswegs dem Verständnis Gramscis, der die Zivilgesellschaft als Teil der politischen Herrschaftsstruktur verstand.

Gramscis Kritik, die Volksmassen als „Rohmaterial der Herrschenden“ zu verstehen geht weit über den Anlaßfall des 1. Weltkrieges hinaus. Er wendet sich damit gegen alle Auffassungen, denen zufolge eine selbsternannte Elite die „paternalistische Haltung“ der subalternen Klassen bzw. Volksmassen für ihre Zwecke benützt. Er tritt demnach dafür ein, daß sich diese subalternen Klassen emanzipieren und sich nicht länger als „amorphe Massen“ mißbrauchen lassen. Damit vertritt er auch klar und deutlich einen emanzipationstheoretischen Ansatz, der sich nicht auf eine kleine sich selbst für unersetzbar betrachtende Avantgarde reduzieren läßt.

Unverkennbar hat Gramsci den Kommunismus als Erbe der geistigen und politischen Errungenschaften der französischen Revolution von 1789 gesehen. Damit unterscheidet er sich aber auch von allen Auffassungen, wonach der Sozialismus als neue Gesellschaft grundsätzlich mit allen Traditionen brechen und einen „neuen Menschen“ schaffen müsse. Wenn aber die bürgerlichen Revolutionen als wichtige Etappe des Emanzipationsprozesses eingeschätzt werden, dann können auch dadurch errungene Grundwerte für die weitere Entwicklung nicht ignoriert werden.

Vielmehr geht es darum elementare Grund- und Menschenrechte zu erhalten und durch neue Inhalte zu ergänzen und auszuweiten. Gramsci griff dabei auf die Aussage von Marx zurück, das Proletariat müsse das Erbe der kulturellen und politischen Erkenntnisse der vorherigen Jahrhunderte antreten und dabei unterscheiden, was an der bürgerlichen Revolution hinfällig sei und was eine permanente Errungenschaft für die Menschheit darstellt. Bezeichnenderweise wies auch Lenin „alle Versuche, eine eigene, besondere Kultur auszuklügeln als theoretisch falsch und praktisch schädlich aufs entschiedenste“ zurück.

Ein wichtiger Begriff bei Gramsci ist auch das Verständnis von Kommunismus als „integraler Humanismus“. Gerade die Defizite des Realsozialismus lassen bei aller positiven Bewertung einzelner Faktoren wie sozialer Sicherheit usw. und Berücksichtigung des imperialistischen Druckes von außen den Schluß zu, daß sich dieser keineswegs als „integraler Humanismus“ verstand, auch wenn dabei Differenzierungen zwischen der Stalin-Ära und späteren Jahrzehnten notwendig sind.

Die Idee der Aufklärung ist ein bleibendes Erbe der bürgerlichen französischen Revolution von 1789, daraus folgert die dialektische Verbindung von bleibenden Errungenschaften und neu zu erkämpfenden Werten. Laut Gramsci kann ohne die „Inkorporation der Argumente des Gegners“ die revolutionäre Klasse nicht die Hegemonie erlangen, weil ihr historische Legitimität und Reife fehlen, die zur Eroberung der Macht und zur Errichtung einer neuen Gesellschaft unerläßlich sind.

Als Folge dieses Defizits nahm in der Komintern-Ära und darüber hinaus wirkend der Kampf für eine neue Gesellschaft „eine Form von Religion und von Reizmitteln (aber in der Art von Drogen)“ an, die den Sozialismus durch mechanistische Auffassungen zu einer „Religion der Subalternen“ machte. Die von Marx erhobene Kritik der Religion als Opium des Volkes verkehrte sich damit auf eine fatale Weise ins Gegenteil, indem der Marxismus-Leninismus eine religiöse und messianische Gestalt gewann. Aber nur wenn der historische Materialismus „die Widersprüche nicht nur begreift, sondern sich selbst als Element des Widerspruchs setzt“ ist er zu einer wirklichen Selbstreflexion in der Lage. Nur diese ständige Hinterfragung kann sichern, eine gesellschaftliche Bewegung auf der Höhe der Zeit zu halten. Eine gewisse Nachdenklichkeit kann dabei nicht schaden...

Quellen:

Harald Neubert, Antonio Gramsci: Hegemonie – Zivilgesellschaft – Partei, VSA-Verlag Hamburg, 2001
Domenico Losurdo, Der Marxismus Antonio Gramscis, VSA-Verlag Hamburg, 2000


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