Casimir Paltinger zum Thema Corona

Seit Tagen haben wir also Corona. Seit Tagen bin ich fernsehreduziert, weil ich ihn sonst aus dem Fenster geworfen hätte. Urplötzlich besteht die halbe Republik aus Held*innen. Menschen, die sonst unter der gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle ihr Dasein fristen, sind auf einmal zu den wichtigsten Mitarbeiter*innen der Firmen geworden. LKW-Fahrer aus Mittel- und Osteuropa, die ansonsten der untersten Kategorie der Lohnsklaven angehören, von Firmeninhabern ausgeplündert und geknechtet, mutieren, Corona sei Dank, binnen Tagen zu „den wertvollsten Mitarbeitern“ der Firmen, wie unlängst von einem der europäischen Firmenchefs im Fernsehen postuliert. Bekommen die Fahrer jetzt auch ein entsprechendes Entgelt für ihr Heldendasein?

Wird ihre Lebenssituation, wochenlang keine Familie, wochenlang an den Rand von Autobahnen gedrängt, wochenlang kein freundliches Wort und Erleider von Demütigungen und Schikanen privater und staatlicher Möchtegernmächtiger, in Zukunft in Betracht gezogen? Ich hege da stärkste Zweifel.

Die Damen von der Supermarktkassa steigen binnen Tagen zu den wahren Heldinnen des Alltags auf. Ich möchte ja gerne Wetten abschließen, wann all diese Kassiererinnen zum UHBP eingeladen werden und die goldene Klorolle am rot-weiß-roten Polyesterband mit Kratzborte umgehängt bekommen, für besondere Verdienste zur Aufrechterhaltung der Republik.

Auch diese Frauen, keine Gruppe, die in der Gesellschaft auch nur marginale Wertschätzung genießen. Sie fallen meist nur auf, wenn wieder einmal nichts weitergeht an der Kassa. Dann rücken sie in unser Gesichtsfeld und Schwupps ist die Beschwerde schon abgeschickt. Wie groß muss das schlechte Gewissen der Konzerne sein, wenn auf einmal sogar eine Sonderzahlung angekündigt wird. Ist das so eine Art Frontkämpferinnenentschädigung?

Unlängst las ich einen Bericht einer Linzer Wäscherei, dass sie so glücklich über die vielen Freiwilligen sind, die sie unterstützen. Momentan haben sie einen erhöhten Anfall von Spitalswäsche zu waschen und zu desinfizieren. Mit dem Stammpersonal nicht mehr zu bewältigen und so haben sie eben auf Freiwillige zurückgegriffen. Werden sie deren Einsatz dem Spital wohl schenken oder in Rechnung stellen?

Was mich allerdings am meisten aufregt, ist der Einsatz von Militär in der Lebensmittellogistik. Hat schon irgendjemand bemerkt, dass Österreich derzeit ziemlich viel Arbeitslose hat? Warum werden Gratisarbeiter unter Befehlsnotstand zu Arbeiten verpflichtet, auf die einige Zehntausend dringend warten? Soldaten im Katastropheneinsatz (Lawinen, Hochwasser, ABC-Notfälle …) absolut in Ordnung, aber nicht für Alltagsjobs, die andere ganz dringend benötigen. Werden REWE, Spar etc. die Preise in Relation senken oder wird die Profitquote halt wieder ein bisserl steigen?

Witze ĂĽber ausverkauftes Klopapier in Ă–sterreich sind gut und notwendig, die ernsten Seiten dieser Zeit sollten wir dennoch nicht aus dem Blickfeld verlieren.

Und wo sind eigentlich die Nationalrecken? Wo sind sie alle, die sonst den Zusammenhalt, das Nationale, das Patriotische und Braunschmarrn lauthals in die Medien schreien? Interessant, dass in Zeiten, in denen eine gewisse Disziplin anscheinend notwendig ist, dass Solidarität und Zusammenhalt wieder Thema geworden sind, genau diese Gruppe (zum Glück) unhörbar und unsichtbar ist. Kann es sein, dass ihnen Urlaube in Mallorca wichtiger sind?

Casimir Paltinger ist Guide in Linz