Willkommen bei KPÖ Oberösterreich 

Sepp Plieseis – Anmerkungen zum 100. Geburtstag eines „Unfassbaren“

  • Freitag, 20. Dezember 2013 @ 08:00
Biografien Von Michael Kurz

„Unfassbar“ war Sepp Plieseis für die Behörden der NS-Zeit, sie versuchten vergeblich, seiner habhaft zu werden. „Unfassbar“ bleibt er für uns bis heute, überwuchert von vielseitigen Zuschreibungen und Deutungen 1). Dieser kurze Artikel setzt sich zum Ziel, die Familiengeschichte und Biographie Sepp Plieseis' bis zu seiner Reise bzw. Flucht nach Spanien zu erhellen.

Es gelingt leider nicht immer, Wahrheit von Fiktion zu trennen. Plieseis selbst schönte einiges seiner Vergangenheit oder ließ manches bewusst aus, das Nachkriegs-Österreich war dankbar für jeden Widerstandskämpfer, den man als „Beitrag Österreichs“ zu seiner eigenen Befreiung herzeigen konnte. Im später einsetzenden Kalten Krieg gerieten die einheimischen Kommunisten zwischen die Fronten: die Propaganda und Stilisierung zum „Partisan der Berge“ machte aus ihm einen Helden, der unbeirrt seinen Weg ging und aus der rückschauenden Perspektive sicher und ohne Umwege ans Ziel gelangte.

Die antikommunistische Perspektive lässt folgerichtig kein gutes Haar mehr an den Widerstandskämpfern oder ignoriert sie einfach. „Geschichte ist das, was wir aus der Vergangenheit machen“, dies trifft wohl auf die Taten Sepp Plieseis' im Besonderen zu. Plieseis stand als Kommunist - hier teilt er das Schicksal mit dem Schriftsteller Franz Kain - mehrmals auf der falschen Seite der Geschichte. Bei den Nazis als Verfolgter, dann kurz Held des Kampfes für Österreich, dann wieder beargwöhnter Kommunist.

Zwischen diesen Pendelausschlägen und eigenen Auslassungen die „wahre“ Geschichte des ambivalenten Plieseis zu erörtern, ist also ein schwieriges Unterfangen. Es sollen hier nicht die Verdienste des anerkannten Widerstandskämpfers geschmälert, seine durchlittenen Qualen verharmlost oder die Gründe seiner Verfolgung relativiert werden, sondern einige Anmerkungen den Helden oder Bösewicht „menschlicher“ machen.

Sepp Plieseis stammte aus einer alten Schusterfamilie. Liberales und freisinniges Gedankengut war tief in der Familientradition verankert, dazu gesellte sich Risikobereitschaft und der Mut, Neues zu wagen. Der Urgroßvater von Sepp, Alois Plieseis (1811-1893), vulgo „Schuster Lois“, stand im engeren Dunstkreis um den „Bauernphilosophen“ Konrad Deubler, dessen Geburtstag sich 2014 zum 200. Mal jährt. Sein einstmaliges Haus neben der evangelischen Kirche in Bad Goisern (ehemals Nr. 118, heute weggerissen und Parkplatz), war eines der ersten, das im Juni 1853 anlässlich der nachmals so genannten „Deubler-Hochverratsaffäre“ visitiert wurde, wenngleich die Behörden nichts Substanzielles zu Tage förderten 2).

Auf der anderen Seite war der „Plieseis-Schuster“ - allerdings schon vermutlich Sepp Plieseis' Großvater Alois (geb. 1834) - einer der führenden Proponenten des „Goiserer-Schuhs“ und ihm kommt das Verdienst zu, dass er die „Goiserer“ mit unternehmerischem Weitblick in Serie fertigte, sie weit in die Steiermark hinein auf Jahrmärkten vertrieb und somit das Schuhwerk auch außerhalb der Region bekanntmachte 3). Sepps Vater, Johann Plieseis, wurde 1877 in St. Agatha 23, Bad Goisern, geboren. 1886 zog Alois jun. nach Lauffen und erwarb das Haus Nr. 9, wo später Sepp Plieseis am 29.12.1913 das Licht der Welt erblickte.

Plieseis selbst schildert seine früheste Kindheit: „Ich bin am 29. Dezember 1913 in Lauffen bei Bad Ischl geboren, habe in Bad Ischl die Volks- und Bürgerschule besucht, anschließend musste ich arbeiten und konnte daher keinen Beruf erlernen. Mein Vater brachte sich als Schuster und Steinmaurer durchs Leben und war ein eifriger Sozialist.“ 4)

Johann Plieseis heiratete im Februar 1904 in Lauffen Josefine Danzer, die 22jährige Tochter eines bereits verstorbenen Tagelöhners aus Pinsdorf 5). Die familiären Umstände dürften schwierig gewesen sein. Die ersten drei Kinder des Ehepaares starben noch als Kleinkind 6). Zwar war die Kindersterblichkeit allgemein relativ hoch (ca. jedes dritte Kind erreichte das Erwachsenenalter nicht), doch so hohe Sterberaten waren äußerst ungewöhnlich. Dies ist sicherlich ein Indiz für verschiedene Mängel in der Kinderversorgung und dürfte andererseits einen tiefen Schatten auf die Familie gelegt haben. Der Tod von Kindern - wenn auch damals noch „üblicher“ - ist für kein Elternpaar leicht zu verkraften. Sepp war das erste überlebende Kind.

Plieseis deutet die materielle Not nur indirekt in seinen Selbstbetrachtungen an, wenn er feststellt, dass er keinen Beruf lernen konnte, sondern gleich „arbeiten musste“. Früher musste dem Lehrherrn ein Lehrgeld bezahlt werden, was der Vater wahrscheinlich nicht aufbringen konnte. Der Beruf des Vaters wird in den Taufbüchern stets als „Tagelöhner und Inwohner“ angeben, hätte er eine eigene Werkstätte besessen oder selbst ein Handwerk betrieben, hätte ja der Sohn sonst „einsteigen“ können. Die Umstände waren also „bescheidener“, als sie der Widerstandskämpfer angibt.

Ansonsten verklärt er seine Kindheit und Jugend ideologisch und lebte praktisch nur mehr für seine hehren Ziele: „ Angeregt durch mein Elternhaus war auch ich seit meiner frühesten Jugend in der sozialistischen Bewegung tätig. War bei den Kinderfreunden gewesen, später bei der Sozialistischen Arbeiterjugend und beim Österreichischen Schutzbund. Im Jahre 1934 haben wir gekämpft in Ebensee gegen die Heimwehr. Aber nach den Februarkämpfen 1934 ist mir klar geworden, dass ein konsequenter Kampf gegen den Faschismus und gegen den Nationalsozialismus nur in der Kommunistischen Partei möglich ist. Nach reiflichem Überlegen entschloss ich mich daher, dieser Partei beizutreten (1934) und ihr meine ganzen Kräfte zur Verfügung zu stellen. In der illegalen Leitung der Organisation in Ischl übernahm ich die Verantwortung für die Organisation und Propaganda.“ 7)

Wieweit die Angaben den Tatsachen entsprechen, kann nicht verifiziert werden. Wäre Plieseis 1934 schon „politisch“ aufgefallen, hätte dies sicherlich seinen Niederschlag gefunden und er hätte bei seinem Prozess 1937 nicht als „relativ unbescholten“ gegolten (siehe unten). Das Jahr 1934 war vermutlich eher ein privates Wendejahr, denn am 1. August 1934 8) beging sein Vater in Lauffen 9) Selbstmord durch Erhängen. Ob die Verzweiflungstat in Verbindungen zu den Ereignissen vom Februar oder Juli 1934 steht, muss dahingestellt bleiben.

Wäre der Suizid von politischer Bedeutung gewesen, hätte es der Sohn wahrscheinlich hervorgehoben. Vermutlich trieb die wirtschaftliche Not den 57jährigen Vater in den Tod9. Die Ehe der Eltern war schon vorher gescheitert, da der Familienstand mit „geschieden“ eingetragen wurde. Die Mutter starb erst 1971. Eine Ehescheidung war damals nicht alltäglich und zeugt von zerrütteten Verhältnissen. Daraus kann man schließen, dass Kindheit und Jugend von Sepp Plieseis geprägt waren durch eine äußerst angespannte persönliche und materielle Situation.

Bis 1937 nimmt offenbar keiner Notiz vom späteren „Partisan der Berge“. Für trauriges Aufsehen sorgte der 23jährige beschäftigungslose Hilfsarbeiter im Frühjahr 1937, als ersieh der Wilderei schuldig machte. Denkbar ist natürlich, dass der Vorwurf konstruiert war und man einen politisch unliebsamen Gegner mit untergeschobenen Beweisen á la Putin zum gewöhnlichen Verbrecher stempeln wollte. Dagegen sprechen allerdings klar die späteren Schilderungen von Karl Gitzoller und Franz Kain 10). Außerdem hätten falsche Anschuldigungen das Bild des wegen seiner Einstellung Verfolgten noch mehr akzentuiert, was Plieseis sicherlich später unterstrichen hätte. Viel eher war es also eine gewöhnliche Straftat, die zu allen Zeiten verboten war, im Salzkammergut aber als Kavaliersdelikt, ja Ehrensache betrachtet wurde und in den 1930er Jahren mit der tristen ökonomischen Lage zu erklären oder zu entschuldigen ist. In dieser Periode hoher Arbeitslosigkeit stiegen die Fälle von Wilderei - wie zu allen Notzeiten - dramatisch an 11). Sepp Plieseis war einer unter vielen „Wildpratlern“.

Im März 1937 unternahm er gemeinsam mit Karl Gitzoller 12) einen Pirschgang im Bereich der Hohen Schrott in Bad Ischl: „Das Treffen mit Wilderern auf der Hohen Schrott bei Bad Ischl“. Darüber entnehmen wir der Zeitschrift „Österreichs Jagdschutz“ folgende Schilderung:

„Am 22. März 1937, mittags um 13 Uhr, hörte der Jäger Josef Bawaronschütz 13) anlässlich eines Dienstganges zwei Schüsse in seinem Revier. Da seit längerem Wilderer dort ihr Unwesen trieben, verständigte er sofort den Jäger des Nachbarreviers Johann Schwaiger und nahmen die beiden dann gemeinsam die Nachforschungen auf. Auf einem steilen Rücken, auf dem sie bereits wieder abstiegen, sahen sie plötzlich zwei Wilderer, die den Rücken zirka 300 Schritt unter ihnen überquerten.

Hierauf pürschten sich die Jäger unter Deckung näher und sahen dann die beiden Wilderer auf zirka 50 Schritte unter sich. Der eine Wilderer rastete, während der zweite eine Abstiegsmöglichkeit ausspähte. Die Wilderer hatten vollbepackte Rucksäcke, der eine die Decke des gestohlenen Kälbertieres über den Rucksack gepackt; beide hatten Masken umgebunden und waren mit umgearbeiteten Militärgewehren ausgerüstet. Die Gewehre erkannte Jäger Bawaronschütz mit seinem Fernglas am Verschluss. Als die Jäger die Wilderer angehen wollten, packten diese zusammen, stiegen weiter ab und kamen den Jägern neuerlich außer Sicht. Darauf stiegen die Jäger weiter gedeckt im Graben ab und hier kam es zum Zusammenstoß. Der vorangehende Jäger Schwaiger rief die beiden an: „Hier Jagdschutzwache, Gewehr nieder!“ Darauf warfen die beiden ihre Rucksäcke ab und der eine (Plieseis) schlug sofort auf Schwaiger an. In dem Moment bekam auch Bawaronschütz den Wilderer zu Gesicht und rief in ebenfalls an. Auf den Anruf von Bawaronschütz ergriffen nun beide die Flucht unter Hinterlassung der Rucksäcke und Mäntel, aber mit den Gewehren in den Händen.

Die beiden Jäger liefen ihnen nach und forderten die beiden Wilderer auf, die Gewehre abzulegen. Diese flüchteten inzwischen gegen einen bewaldeten Hang, um dort Deckung vor den sie nun frei ohne jede Deckung Verfolgenden Jägern zu suchen. Nun gab Bawaronschütz einen Warnschuß in die Nähe des einen Wilderers ab. Auf den Schuß hin fiel der zweite Wilderer, der etwa 30 Schritte rechts von dem Beschossenen war, nieder und kugelte über den Steinhang hinunter in einen Wassertümpel im Graben. Der andere flüchtete weiter gegen den Wald und wurde nach neuerlichen vergeblichen Aufforderungen, zum Waffenablegen noch zweimal von Bawaronschütz mit nahen Schüssen verfolgt. Inzwischen hatte sich der zweite Wilderer in seinem Wasserbad wieder soweit erholt, dass er sein Gewehr wieder zu Hand nehmen konnte und gegen den Jäger anschlug. Dies sah zum Glück Bawaronschütz und konnte rechtzeitig Schwaiger auffordern, sich zu decken; inzwischen kam Plieseis aus dem Graben heraus und suchte wieder Deckung hinter einem Steinblock. Da schoß Bawaronschütz auf den Stein und auf den Schuß war der Wilderer verschwunden.

Die Jäger nahmen nun unter äußerster Vorsicht die Verfolgung auf und mussten vor allem einmal Deckung suchen. Sie verfolgten dann die Spur des Plieseis, der nach ihrem Glauben an seinem nassen Gewand leichter zu überweisen sein musste, als der andere.

Als die beiden Jäger ins Tal kamen, wurden sie von einem Bauern verständigt, dass der eine Wilderer bei ihm angeschossen in der Küche sei, worauf sie zu diesem gingen. Plieseis hatte sein Gewehr noch vor seinem Eintreffen bei dem Bauern versteckt und sich bereits seines nassen Gewandes entledigt. Nach dem üblichen Rededuell wurde von den Jägern sein Rock durchsucht und hier noch 4 Patronen (8 mm) und zwar drei mit abgeplatteten Bleispitzen und eine mit einer Rundkugel und außerdem eine ausgeschossene Patronenhülse und ein Gucker (gewöhnlicher Feldstecher) gefunden. Die Verletzung Plieseis' ist hervorgerufen durch die Geller des Mantelgeschosses und von Steinsplittern. Der zweite Wilderer, Karl Gitzoller, wurde bald darauf ebenfalls verhaftet.“ 14)

Bad Ischler Nachrichten: „Wildererkomplice des Josef Plieseis überwiesen“

„Der Zusammenstoß zweier Wilderer mit zwei Jagdorganen im Jagdgebiet der Hohen Schrott bei Langwies Mitte März ist noch in aller Erinnerung. Dabei wurde der arbeitslose Hilfsarbeiter Josef Plieseis durch einen Geller verwundet und befindet sich derzeit noch in Pflege des Allgemeinen Krankenhauses in Bad Ischl, wohin er nach seiner Verhaftung überstellt wurde. Während Plieseis nach wie vor leugnet, seinen Gefährten von damals zu kennen und fest dabei bleibt, er sei auf der Flucht getroffen worden, wurde sein Komplice durch Indizien überwiesen.

Die Jäger Pavaronschitz und Schwaiger sagen übereinstimmend aus, dass Plieseis noch vom Bachbett, wohin er geflüchtet war, aus halber Deckung das Gewehr gegen die Jäger in Anschlag brachte. Der Gendarmerie Bad Ischl war auffällig, dass der wegen Wilderns bereits empfindlich, zuletzt mit drei Jahren schweren und verschärften Kerkers vorbestrafte 32jährige Karl Gitzoler aus Strobl seit dem Tage des Zusammenstoßes Verletzungen im Gesicht hatte. Diese Verletzungen bestanden aus Steinsplittern, die unter der Gesichtshaut steckten. Gitzoler behauptete, dass diese Verletzungen von einem Sturz mit dem Fahrrad herrühren. Es wurde ihm vorgehalten, dass bei solchen Verletzungen Kratzer entstehen, nicht aber Steinsplitter unter die Haut dringen. Er blieb aber fest bei seiner Verantwortung und verwies darauf, dass er seinen Lodenmantel noch habe, während der zweite Wilderer seinen Lodenmantel am Tatort zurückgelassen hatte.

Es meldete sich nun ein Zeuge, der aussagte, dass ihm Gitzoler den ganzen Vorfall bis in alle Einzelheiten erzählt habe und auch berichtete, dass er sich von einem Schmiedmeister in Reiterndorf einen Wettermantel ganz ähnlich dem seinen als Alibi ausgeliehen hatte. Dieser Zeuge gab überdies an, dass Gitzoler den Rucksack mit dem Fleisch des gewilderten Wildes in der Nähe des Kalkwerkes im Walde versteckt habe. Bei einer von der Gendarmerie mit Hilfe von Forstorganen und Polizeibeamten vorgenommenen Streifung wurde auch tatsächlich der Rucksack in der Nähe des Kalkwerkes im Wald versteckt gefunden.

Gitzoler hatte diesen Rucksack von einem Freund erhalten, der ihn zuvor durch drei Jahre selbst benützte. Dieser erkannte in dem gefundenen Rucksack einwandfrei jenen wieder, den er dem Gitzoler geschenkt hat. Gitzoler wurde verhaftet und dem Bezirksgerichte Bad Ischl eingeliefert. Er leugnete nach wie vor, wenngleich er die ihm vorgehaltenen Indizien nicht entkräften konnte. Die Beweiskette gegen Gitzoler wurde noch durch die Tatsache geschlossen, dass dieser einen Mithäftling ersuchte, den Josef Plieseis im Krankenhaus aufzusuchen und ihm auszurichten, dass dieser ihn (Gitzoler) unter keinen Umständen verraten soll.

Gitzoler, der von seiner letzten Strafe von drei Jahren schweren und verschärften Kerkers ein Jahr bedingt mit Bewährungsfrist nachgelassen bekommen hat, scheint seinen Komplicen Josef Plieseis überredet zu haben, dass dieser die ganze Schuld auf sich nehme, weil er noch relativ unbescholten ist. Plieseis erklärt, den Gitzoler nicht zu kennen. Dieser ist jedoch durch die vorangeführten Indizien einwandfrei als Mittäter überwiesen.“ 15)

Sepp Plieseis wurde so schwer verletzt, dass er bis ca. Anfang Mai in ärztlicher Behandlung des Ischler Krankenhauses bleiben musste, ehe er mit Gitzoller nach Wels überstellt wurde, wo der Prozess stattfand.

„Der Wilderer vom Schrott-Gebiet dem Kreisgericht Wels eingeliefert. Der Josef Plieseis und der Karl Gitzoler, die den Zusammenstoß mit den Jagdorganen im Gebiete der Hohen Schrott hatten, wurden Dienstag früh dem Kreisgerichte Wels eingeliefert. Plieseis befand sich bis vor kurzem in Pflege des Allgemeinen Krankenhauses Bad Ischl und wurde nach seiner Entlassung verhaftet. Er wurde seitens der Gendarmerie und des Untersuchungsrichters Doktor Benno Klimesch noch eingehend vernommen und hat seine bisherige Verantwortung geändert. Während er bisher behauptet hat, seinen Komplicen nicht zu kennen und nur zu wissen, dass er von Ebensee sei, gibt er jetzt die Möglichkeit zu, dass Karl Gitzoler der zweite Wilderer gewesen ist.

Er beschrieb dessen Kleidung haargenau mit der Kleidung, die Gitzoler bei der Tat trug und behauptet, er habe ihn nicht kennen können, weil dieser zweite Wilderer angerußt und unkenntlich war. Er habe ihn auch an der Stimme nicht gekannt und die beiden hätten sich ganz zufällig auf verbotenen Pfaden begegnet. Dieser Verantwortung wird kein Glauben beigemessen. Es ist vielmehr anzunehmen, dass sich beide verabredet hatten, wildern zu gehen. Gitzoler ist durch diese rückhaltenden Angaben des Plieseis bezüglich seiner Kleidung lückenlos überwiesen, wenngleich er bis zur Stunde noch im Leugnen verharrt.'' 16)

„Die zwei Wilderer aus Kösselbach bei Bad Ischl vor Gericht Wels“, 12. Juni: „Vor einem Schöffengericht (OLGR Steinhuber) hatten sich der 24jährige Hilfsarbeiter Josef Plieseis aus Bad Ischl und der 32jährige Hilfsarbeiter Karl Gitzoller aus Sulzbach wegen des Verbrechens des Wilddiebstahls zu verantworten. Am 24. März d. J. trafen die Jäger Johann Schwaiger und Josef Pawaronschütz in Kösselbach auf zwei Wilderer, die ein Hirschtier im Werte von S 60 erlegt hatten. Es kam zu einem Zusammenstoß, wobei Jäger Pawaronschütz einige Schüsse abgab, deren Geller Plieseis getroffen hatten. Plieseis leugnete, sein Gewehr gegen die Jäger zuerst in Anschlag gebracht zu haben. Die Waffe des Plieseis konnte nicht gefunden werden. Gitzoller stellt seine Mittäterschaft in Abrede. Er erzählte dem Reitböck zwar alles vom Wildern, besorgte sich aber ein Alibi. Man fand jedoch Gewehr und Rock in einem Versteck.

Bei der Verhandlung schilderte Plieseis, wie er im Walde einen unbekannten Mann mit geschwärztem Gesicht getroffen habe, der ihn zum Wildern eingeladen hatte. Wir hatten das Hirschtier erlegt, ausgearbeitet und die Rücksäcke damit gefüllt. Auf einmal seien die Jäger dagewesen, die geschossen haben. Die Verhandlung gegen Gitzoller wurde ausgeschieden. Der Zeuge Franz Reitböck, Kesselschmied aus Bad Ischl, schweigt sich auffallend gegenüber seiner Aussage in Ischl aus, er wurde wegen sichtlich falscher Angaben im Saale verhaftet. Reitböck gibt nun an, dass ihm der im Zuhörerraum anwesende Josef Thallinger gedroht habe, ja nicht gegen Gitzoller auszusagen. Reitböck gab an: „ I hab mi net traut, die Wahrheit zu sagen, der Gitzoller macht mi ja auf der Stell kalt“. Thallinger wurde sofort wegen Erpressung verhaftet, Reitböck auf freien Fuß gesetzt. Plieseis' Vater war Trinker und starb durch Selbstmord. Josef Plieseis wurde zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt. Verteidiger Dr. Eiseisberg (Wels) meldete die Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde an.“ 17)

Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Zeitung (17.6.1937) befand sich der Verurteilte schon auf dem Weg nach Spanien. Vermutlich wurde er bis zur Verhandlung in der zweiten Instanz in die Freiheit entlassen, was er auszunützen wusste. Er selbst hielt dazu fest: „Dann kam eines Tages die Nachricht vom heldenhaften Kampf des spanischen Volkes gegen den Faschismus. Ich wollte nicht zusehen und im Einverständnis mit meinen Genossen der KP fuhr ich 1937 nach Spanien. Um mir das Fahrgeld zu verschaffen, verkaufte ich meine letzten Kleidungsstücke....“ 18)

Im „Partisan der Berge“ liest sich der Vorfall so: Es war noch nicht viel los im Salzkammergut, so um die Mitte Juni 1937. Der Schalterbeamte tat gemächlich sein Werk. Jemand verlangte „Zweimal dritter Klasse Salzburg.“ Der Beamte sah auf. „Grüß dich, Plieseis.“... ..am anderen Tag, es war der 17. Juni 1937, schwangen sich Sepp und Jack in Landeck aus dem Zug, der hier das Inntal verließ...“ 19)

Dass sich Plieseis seiner Haftstrafe entzogen hatte, stellte schon Franz Kain in seinem Roman „Auf dem Taubenmarkt“ fest: „Plötzlich war Jogi verschwunden. Später erfuhren sie, dass er nach Spanien gegangen war. Zusammen mit einem anderen, der wegen Wilderns zu einer Kerkerstrafe verurteilt war, die er jetzt hätte antreten müssen.“ 20)

Warum Franz Kain hier so bewusst den Namen vermeidet, ist nicht klar. Die beiden kannten sich gut, Kain half dem Gesinnungsgenossen nach dem Krieg bei der Herausgabe seines Buches 21). Später widmete ihm der Schriftsteller noch eine Kurzgeschichte, wo er ihn als den „Halleiner“ bezeichnete 22). Was ihn dazu bewog, die nationalsozialistische Gruppe des Putsches von 1934 in Ischl „Saureis/Unterberger“ in „Plieseis/Hinterberger“ 23) umzutaufen, könnte wohl nur der Autor selbst beantworten.

Der leider schon verstorbene Friedrich Wiener aus Bad Ischl, Hauptschuldirektor und eifriger Heimatforscher und trotz seines Geburtsjahrganges (1930) zeitgeschichtliche Auskunftsperson, berichtete überdies, dass Sepp Plieseis auch Tabakwaren aus einem Waggon am Ischler Bahnhof gestohlen hatte, die im Besitz von August Hollerwöger (späterer Ischler Ortsgruppenleiter) waren, was mit ein Grund für seine Flucht gewesen wäre 24).

Ende Juli 1937 fand dann der Prozess gegen Karl Gitzoller in Wels statt: „Gerichtssaal. Wilderer Gitzoller aus Bad Ischl vor den Schöffen. Wels, 29. Juli. Wir berichteten seinerzeit von dem Zusammenstoß der Jäger Schweiger und Pawaronschütz mit den Wilderern Josef Plieseis aus Bad Ischl und Karl Gitzoller aus Sulzbach am 24. März d. J. in Kösselbach bei Bad Ischl, wobei die Jäger gezwungen waren, auf die Wilderer zu schießen, die auch verletzt worden waren. Die Jäger hatten die beiden überrascht, als sie eben ein gewildertes Hirschtier fortschaffen wollten.

Plieseis wurde am 11. Juni in Wels zu sechs Monaten Kerkers verurteilt; das Verfahren gegen Gitzoller wurde damals ausgeschieden. Heute war Gitzoller vollkommen geständig. Am 11. Juni hatte er hartnäckig geleugnet. Vors[itzender]: Wer hat das Hirschtier geschossen?, - Angekl[agter]: Das hab ich mit einem umgearbeiteten Militärgewehr erlegt. Vors.: Was wollten Sie mit dem Hirschtier machen? A: Wir wollten es heimtragen, weil wir keine Lebensmittel hatten. Gitzoller war auch angeklagt, zwei Kaninchen am 4. Juli v. J. in St. Gilgen gestohlen zu haben. Diesen Diebstahl leugnete er. Er habe sie bei einem Spiel erworben. Der Angeklagte ist oft vorbestraft. Er wurde zu fünf Monaten schweren Kerkers verurteilt. Er nimmt die Strafe an und erhält über seine Bitte einen Strafaufschub bis 1. September d. J.“ 25)

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Plieseis bereits in Spanien, schon am 10. Juli hatte er „seine Feuertaufe erhalten“ 26). Warum in dem Bericht verschwiegen wird, dass er geflohen war, ist rätselhaft. Für alle weiteren Ereignisse, Fragwürdigkeiten und Legendenbildungen zu Plieseis' Leben ist hier nicht der Platz. Es wäre sicherlich hoch an der Zeit, noch jene Zeitzeugen zu befragen, die die unmittelbare Umbruchszeit noch erlebt haben und Auskunft geben könnten. Warum z. B. sich Plieseis und Albrecht Gaiswinkler, der ja im Ausseerland eine ähnliche Rolle spielte, so hartnäckig gegenseitig ignorierten, ist schon etwas sonderbar. Beide Biographien (erschienen 1946 und 1947) stammten sogar vom selben „Ghostwriter“ Rudolf Heinrich Daumann. 27) Plieseis' Frau Maria (geb. Wagner), die er nach dem Krieg geheiratet hatte, spielte noch im so genannten „Ischler Milchprozess“ eine Rolle 28).

Sepp Plieseis wurde von den Amerikanern als Gemeindevorstand für Sicherheitswesen eingesetzt, diese Funktion hatte er nur kurz bis zu den Wahlen von 1945 inne. Er engagierte sich später noch im KZ-Verband, der aber unter der zunehmenden Fraktionierung litt 29), wenn man ihn im Folgenden als „Kommunisten“ bezeichnete, wandelte sich dies mehr und mehr zum Schimpfwort. Nach 1951 finden wir keine regionalen Schlagzeilen mehr von dem ehemaligen Widerstandskämpfer 30).

Anschließend wurde Plieseis' Rolle zunehmend zwielichtiger gesehen. 1952 erschien ein Artikel im „Spiegel“, der den „Berufsrevolutionär und Terroristen“ als Wegbereiter für eine mögliche „sowjetische Gesamtoperationen im europäischen Raum“ hochstilisierte 31). Der „Igelstellung“ im Toten Gebirge kam dabei hervorragende Bedeutung zu:

„Fünfte Kolonne im Salzkammergut. Bis zum nächsten Jahr muß auf unmittelbare Weisung von Moskau hin das Tote Gebirge eine sowjetische Insel im westlichen Meer sein!“, eröffnete KP-Funktionär Sepp Plieseis aus Bad Ischl den kommunistischen Kaderchefs des Salzkammergutes.

In der amerikanischen und britischen Zone Österreichs bereiten sich die Kommunisten auf den Ernstfall vor. Bereits seit Sommer 1948 werden im „Toten Gebirge“, einem mächtigen Bergmassiv an der östlichen Grenze des Salzkammergutes, teils in der amerikanischen, teils in der britischen Besatzungszone gelegen, Waffen- und Verpflegungslager angelegt, und alle sonstigen Vorbereitungen getroffen, um dieses öde und unbewohnte Gebiet als illegale Operationsbasis einzurichten.

Überschaut man vom benachbarten Dachstein, aus 3000 m Höhe, das Tote Gebirge, so glaubt man, durch ein Riesenfernrohr seinen Blick auf den Mond gerichtet zu haben. Vor den Augen breitet sich eine vegetationslose, eintönige Hochfläche aus. Nichts als Felsen, Geröllnackte und seltsam geriffelte Steinflächen - die sogenannten „Kare“ -, Schluchten und ein paar Schneemulden. Noch dazu ist das Plateau, das eine Ausdehnung von 40 km in west-östlicher Richtung hat, fast ohne Wasservorkommen. Das Tote Gebirge trägt seinen Namen zu Recht. Es ist nur natürlich, daß das Innere des Massivs völlig unbewohnt und einsam ist.

Der Touristenverkehr beschränkt sich auf die Randgebiete mit ihren Aussichtsbergen. Schattenlosigkeit und Mangel an Unterkünften tun ein Übriges. Eine Durchquerung des Gebietes auf Skiern würde 12-14 Stunden in Anspruch nehmen, aber es gibt auf dem Wege keine Schutzhütten.

Für den Ortskundigen aber liegt die Sache anders. Das Tote Gebirge besteht aus Kalk und ist daher reich an unterirdischen Höhlen, die jedoch zumeist unerforscht und in den gebräuchlichen Karten nicht eingezeichnet sind. Sie bieten dem mit den Verhältnissen Vertrauten sicheren Unterschlupf, sind aber auch labyrinthisch und gefährlich. Ende August vorigen Jahres begann eine Expedition des Vereins für Höhlenkunde“ mit der Erforschung eines unterirdischen Systems in der Gegend von Tauplitz in der Nähe von Mitterndorf am Südrand des Toten Gebirges. Internationale Höhlenforscher sind an dieser Expedition beteiligt. Man hofft neue, alle bisher bekannten Höhlen in den Alpen übertreffende Katakomben zu entdecken. Inzwischen sind die Forscher bereits in senkrecht verlaufende Schächte von etwa 320 m Tiefe vorgedrungen.

Für die Kommunisten des Salzkammergutes wurde das Tote Gebirge seit Hochsommer 1946 interessant. Es begann damit, daß Handfeuerwaffen und Munition an Umschlagplätze am Fuß des Gebirgsmassivs, z. B. an das Terrassenrestaurant am romantischen Südufer des Altausseer Sees geschafft und nächtlicherweile auf das Hochplateau befördert wurden. Mehrere Tage hindurch wurden die von Gmunden kommenden Waffen in Särgen über den Pötschenpaß, den einzigen direkten Zufahrtsweg in das Ausseer Gebiet, geschafft. Natürlich konnten diese Aktionen nicht unbemerkt bleiben. Eine Wiener Montags-Zeitung brachte über die geheimnisvollen Leichentransporte einen Bericht und äußerte den Verdacht, daß es sich dabei um den Schmuggel kommunistischer Waffen handele.

Im vergangenen Jahr wurde der Ausbau des Toten Gebirges zum kommunistischen Reduit verstärkt. Führender Kopf dieses Unternehmens ist Sepp Plieseis in Bad Ischl, Typ des Berufsrevolutionärs und Terroristen. Im spanischen Bürgerkrieg war er Mitglied der Internationalen Brigade, landete schließlich in einem deutschen KZ, floh und lebte bis zum Kriegsende illegal im Salzkammergut. Dann schloß er sich der KPÖ an.

Im Sommer 1951 wurde er zur Bundesleitung seiner Partei nach Wien beordert. In einer Geheimbesprechung mit den Kaderchefs des Salzkammergutes trug er seine neuen Orders vor. Der Ausbau des Toten Gebirges zu einer kommunistischen Bergfestung mitten im englisch-amerikanischen Besatzungsbereich ist zu beschleunigen.

Tatsächlich erschien im Sommer im Toten Gebirge eine Gruppe östlicher DPs, die, mit IRO-Papieren ausstaffiert, sich in den Hotels des Salzkammergutes niederließ und ausgedehnte, mehrtägige Ausflüge in das Gebirgs- massiv hinein machte. Als der CIC diese Leute röntgen wollte, waren sie bereits wieder abgereist. Seitdem suchen die Amerikaner in der neu entdeckten Höhlengruppe im Südwesten des Toten Gebirges verzweifelt nach den SMG's und verlegten Gebirgskanonen, die dort laut Agenten-Meldungen deponiert sein sollen.

Die „Freie Österreichische Jugend“ (FÖJ) des Salzkammergebietes hat von ihrer Wiener Zentrale die Weisung erhalten, im Rahmen ihrer diesjährigen Sommerarbeit das Tote Gebirge nach allen Richtungen hin zu durchwandern und zu erkunden. Den einzelnen Teams wurden Spezialkarten ausgehändigt, die sie nach bestimmten Gesichtspunkten zu ergänzen und richtigzustellen haben. So sollen gangbare Routen außer den erkennbaren Wegen, Höhlen, Wasserstellen und größere Flächen besonders gekennzeichnet werden. Eine Sondergruppe der FÖJ erhielt auf einem Lehrgang in der Nähe Wiens durch Geologen der Roten Armee eine Spezialausbildung, um sie geeignete Stellen für Großsprengungen ausfindig machen zu lassen. Mit acht bis zehn solcher Sprengungen ließen sich nämlich alle unerwünschten Zugänge zum Flachplateau des Toten Gebirges sperren. Die wenigen Anstiege durch die steilen Wände des Massivs sind schmal und verhältnismäßig leicht zu blockieren.

Im Falle eines Krieges wäre eine Igelstellung im Massiv des Toten Gebirges für die Sowjets von doppelter Bedeutung. Bei einer Offensive gegen das westliche Österreich könnten von hier aus Guerilla-Unternehmen zur Störung der rückwärtigen Verbindungen der hier konzentrierten Engländer und Amerikaner ansetzen. Im größeren Rahmen der sowjetischen Gesamtoperationen im europäischen Raum könnte das Tote Gebirge die erste Etappe für eine nach Italien vorstoßende Flankensicherung des /Hauptstoßes sein. Wichtigste Verkehrsstraße zur norditalienischen Tiefebene, dem am nächsten gelegenen Venetien, befinden sich unmittelbar im Vorfeld des Toten Gebirges.“

Hier wird Plieseis also zum strategischen Vorkämpfer für eine kommunistische Machtübernahme in Europa mythologisiert, was sicherlich weder seinen tatsächlichen Möglichkeiten noch seinen Intentionen entsprach. Die Motivation für den Artikel wird wahrscheinlich im Zusammenhang mit der zeitgenössischen politischen Diskussion zu sehen sein, wo eine Warnung vor kommunistischen Untergrundkämpfer offenbar opportun erschien.

Das weitere Leben des Ischlers verlief ruhiger, er saß für die KPO im Gemeinderat und war bei der Gemeinde tätig. 1959 verlieh ihm der Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl die „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945“ 32). Sein Buch wurde in der DDR in mehreren Auflagen ediert (zuletzt noch 1987). Am 21.10.1966 starb er 53jährig im Ischler LKH an einer Embolie und wurde am Ischler Friedhof begraben. In den Lokalzeitungen fand sein Tod keinen Widerhall, kein Nachruf erinnert an sein Leben.

Einzig in der Ischler Gemeindechronik ist zu lesen: „Fachinspektor Josef Plieseis, am 29.12.1913 in Bad Ischl geboren, verstarb am 21.10.1966 an einer Embolie. Plieseis hatte ein bewegtes Leben hinter sich; im Jahre 1937 ging er nach Spanien und kämpfte im Bürgerkrieg gegen die Nationalen. Im Jahre 1940 wurde er nach dem Waffenstillstand mit Frankreich an Deutschland ausgeliefert und in einem KZ interniert. Im Jahre 1943 gelang ihm die Flucht und tauchte in den Wäldern des Salzkammergutes als Partisan unter. Beim Zusammenbruch im Jahre 1945 hatte er in der ersten Zeit verschiedene öffentliche Funktionen über und trat in den Gemeindedienst ein“ 33). Seine um sieben Jahre jüngere Frau überlebte ihn um 37 Jahre und verstarb erst 2003.

Es wäre eine äußerst verdienstvolle Aufgabe für junge Forscher, sich z. B. im Rahmen einer Diplomarbeit oder Dissertation der Biographie Sepp Plieseis' zuzuwenden, den Menschen von der negativen und positiven Propaganda zu befreien und abseits von Legenden und Mythen zu einer ausgewogenen Sicht und Beurteilung der Verdienste und Versäumnisse, Schwächen und Stärken dieses faszinierenden Mannes zu kommen. 100 Jahre nach seiner Geburt und über 45 Jahre nach seinem Tod, sollte es möglich sein, ihn nicht mehr bloß durch die kommunistische oder antikommunistische Brille zu betrachten. Erst dann wird es wohl gelingen, seine regionalen Aktivitäten wertfrei zu würdigen und vielleicht auch einmal eine Straße nach ihm zu benennen. Sein Leben verlief wie bei jeder Person verwinkelt und zufällig, mit vielen unerwarteten Wendungen und lief nicht schicksalshaft nach einem vorgezeichneten Drehbuch ab, auch wenn er oder auch andere uns dies glauben machen woll(t)en.

Anmerkungen:

1 Eine Wort-Analogie besteht natürlich auch zur 2008 in Strobl gezeigten Ausstellung „UnSICHTBAR“, die sich den Widerstandskämpfern widmete.
2 Vgl. Kurz, M., 2003: Politische und religiöse Umtriebe - die „verspätete“ Gegenrevolution von 1853/54 im Salzkammergut, In: Jahrbuch des oö. Musealvereines 2003, S. 187-220.
3 Mitteilung Heimatmuseum Bad Goisern.
4 Kammerstätter, Peter: Materialiensammlung über die Widerstands und Partisanenbewegung im Oberen Salzkammergut- Ausseerland 1943-1945, Linz o.J., S. 23 und ebda., Interview mit Sepp Plieseis 1966.
5 Heiratsmatriken Lauffen, 15.2.1904. Josefa (13.4.1907-8.9.1907), Anna Maria (18.7.1909 - 4.10.1909), Johannes (7.3.1911 - 20.11.1911).
6 Kammerstätter, ebda.
7 Kammerstätter gibt fälschlich 1935 an.
8 Wieweit die Meldung in der Zeitung vom 17.6.1937 (siehe unten) zu werten ist („Plieseis' Vater war Trinker und starb durch Selbstmord“) ist fraglich. Man kann es als Entschuldigung für die Wilderei verstehen (die Umstände haben ihn zum Verbrecher gemacht), genauso wie als Erklärung (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm).
9 Karl Gitzoller gibt Jahre später zu Protokoll. „Er (Plieseis) wusste, dass ich wildern gehe, und da ist er auch mit mir gegangen. Einmal haben sie uns erwischt.“ Gitzoller und Plieseis waren wegen dieser Aktion kurzfristig inhaftiert (aus Kammerstätter). Vgl. auch Sepp Plieseis Partisan der Berge, 19874, S. 19: „Beim Probeschießen schnitt Sepp wesentlich besser ab als Jack. Gemsen schießen und ein wenig Wildern sind halt doch manchmal ganz nützlich.“ Franz Kain wurde 1936 erstmals verhaftet und wegen der Verteilung von verbotenen Schriften inhaftiert. Plieseis spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.
10 Vgl. Janisch, Peter: Gehst mir ans Leben, Schütz? Wilderer- und Jägermorde in den Alpen. - 2006, wo auch einige Geschichten aus den 1930er Jahren zu finden sind.
11 Nicht „zufällig“, wie im Gerichtsverfahren behauptet wurde. In den Berichten heißt es sowohl „Gitzoler“, als auch „Gitzoller“.
12 Schreibweise variiert Pawaronschütz, Pavaronschitz (siehe unten).
13 Salzkammergutzeitung 29. April 1937.
14 Ebda.
15 Salzkammergutzeitung, 13. Mai 1937.
16 Salzkammergutzeitung 17. Juni 1937.
17 Kammerstätter, S. 23.
18 Sepp Plieseis. Partisan der Berge, 19874, S. 7 und 12.
19 Kain Franz, Auf dem Taubenmarkt, 20032, S. 81. „Der Jogi“ ist Franz Jaritsch. Weiters erkannte dies auch Silvia Panzl in ihrer Arbeit „Das Salzkammergut als Ort oppositioneller und reformatorischer Kräfte 1933-1945 mit Schwerpunkt „Spanischer Bürgerkrieg. Diplomarbeit, Wien 2002: „Josef Plieseis musste sich im Juni 1937 - kurz bevor er nach Spanien aufbrach - gemeinsam mit seinem späteren Fluchthelfer Karl Gitzoller wegen „Wildern“ vor Gericht verantworten. Nach einem Bericht der Salzkammergutzeitung von 17. Juni 1937 wurde Plieseis zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt. Der Haft entging Plieseis durch den Aufbruch nach Spanien“. (S. 101), auch Raimund Zimpernik wusste um Plieseis „wilde“ Vergangenheit: „Plieseis war zuvor, ehe er nach Spanien ging, als Wilderer nur zu gut bekannt.“ Zimpernik, Raimund, 1995: Der rote Strähn. Bad Ischl, S. 167.
20 Vgl. Kienesberger Klaus: Der exportierte Held. Biografie des Sepp Plieseis und ihre Rezeption, In: Betrifft Widerstand 77/2006 S. 23.
21 Kain Franz. Der Weg zum Ödensee, Berlin 1973, S. 1 36- 146: Der Ochsenraub. „Der „Halleiner“, der seinen Namen daher hatte, dass er aus einer Nebenstelle des Konzentrationslagers Dachau, aus Hallein geflohen war“ (S. 136)
22 Kain Franz. Der Föhn bricht ein, 1962, S. 81/1 02/344.
23 Die Angaben beruhen auf Familientradition. Friedrich Wieners Mutter war eine Großcousine von Sepp Plieseis (genau wie übrigens auch der Urgroßvater des Autors, Josef Wiesinger aus Goisern). Dies macht die Angelegenheit etwas plausibler, doch bleibt durchaus Skepsis angebracht. Friedrich Wiener dürfen wir Verlässlichkeit attestieren, dass er es richtig weitererzählt hat, doch ist fraglich, ob die Geschichte tatsächlich so passiert ist.
24 Salzkammergutzeitung 5. August 1937
25 Partisan der Berge, S. 25.
26 Quatember, Wolfgang: Der Schatz im Berg. Die „Führersammlung“ im Altausseer Salzbergwerk (1944/45), In: betrifft widerstand 84, Dez. 2007, S. 14. Lt. anderslautenden Angaben (Ischler Heimatbuch 2004, S. 757) war der Schreiber Hans Gustl Kernmayr.
27 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Plieseis (Zugriff 07. November 2013)
28 Vgl. Salzkammergut Zeitung 17.1 1.1946, 21.10.1948, 27.1.1949, 9.6.1949, 4.8.1949, 4.5.1950 (aus der Sammlung des Zeitgeschichtsmuseums Ebensee) oder auch Quatember, Wolfgang, 1999. Das Salzkammergut. Seine politische Kultur in der Ersten und Zweiten Republik, Grünbach, S. 102f.
29 Salzkammergutzeitung 27.12.1951 „Gmunden: Kinderbescherung des KZ-Verbandes, Mitwirkende: Sepp Plieseis, Obmann Mayrhofer.“
30 Nachdem der Artikel meines Wissens nach, bisher nicht rezipiert wurde, sei er hier voll abgedruckt (Der Spiegel 23.4.1952, 17/1952, S. 22-23, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d...23373.html (Zugriff 07. November 201 3).
31 Kammerstätter, ebda.
32 Ischler Gemeindechronik 1966 im Stadtarchiv.

Quelle: betrifft widerstand 111 | Dezember 2013


Aktion der KPÖ Linz?

Publikationen

 
 
Bildband: "Partei in Bewegung. 100 Jahre KPÖ in Bildern"
Browse Album

Aktiv werden in der KPÖ …

… oder einfach mehr über die KPÖ erfahren? Schick uns ein E-Mail oder nutze das Kontaktformular oder ruf an: 0732 652156