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Erinnerungsweg in Wels eröffnet

  • Freitag, 22. Juni 2012 @ 23:00
Antifa Bildtext: Bürgermeister Dr. Koits, Israel-Botschafter Shir-On und Mag. Stöbich vor dem Mahnmal für die jüdischen Bürger von Wels (Station 9 des Erinnerungsweges, v.r.) , Foto: Stadt Wels

Am 22. Juni 2012 wurde zur Erinnerung an Welser Bürger_innen, die aufgrund ihrer Abstammung oder ihres politischen Widerstands Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus geworden sind ein antifaschistischer Erinnerungsweg feierlich eröffnet. Hauptredner bei der Eröffnung war Israels Botschafter in Österreich, Aviv Shir-On, sein.

Der Weg führt über elf Stationen durch die Innenstadt und erinnert an jüdische NS-Opfer sowie an Widerstandskämpfer der „Welser Gruppe“. Der Welser Erinnerungsweg ist ein Meilenstein der Gedenkarbeit. Das neue Gedenkprojekt wurde von der Stadt Wels und der Antifa Wels gemeinsam entwickelt.

Der Erinnerungsweg als einer der sogenannten Themenwege durch die Innenstadt ist ein maßgeblicher Bestandteil des seit 2009 in Wels laufenden Bürgerbeteiligungsprozesses Innenstadtagenda 21.

Maßgeblich getragen wird die Agendagruppe Erinnerungsweg von der Welser Initiative gegen Faschismus (Antifa) in Person ihres Vorsitzenden Mag. Werner Retzl und seines Stellvertreters Mag. Christian Stöbich, als Themensprecher fungiert der Leiter des Archives der Stadt Wels, Günter Kalliauer.

Genau wie auch die bereits traditionellen jährlichen Welser Gedenkveranstaltungen an den Todesmarsch der ungarischen Juden und an die Reichspogromnacht erfüllt auch der Erinnerungsweg einen bestimmten Hauptzweck: „Es hat sich damals auf tragische Weise gezeigt, wohin aggressiver Rassismus und Sündenbockpolitik führen können: Nämlich zu Krieg, Tod und Verderben. Die Erinnerung daran soll die Menschen dazu animieren, aktiv daran mitzuwirken, dass solche Tendenzen in Zeiten wie diesen keine Chance mehr haben“, betonte Bürgermeister Dr. Peter Koits, der sich bei allen Beteiligten für ihr Engagement für den Erinnerungsweg bedankt.

Insgesamt elf Stationen

Insgesamt besteht der Erinnerungsweg aus elf Stationen. Es handelt sich dabei um Gebäude, in denen Opfer faschistischer und/oder faschistoider Regierungssysteme in Wels gewohnt oder auch gearbeitet haben. Auf speziellen Tafeln sind in Kurzform die wichtigsten Daten über die betreffenden Persönlichkeiten nachzulesen. Die Begehung der gesamten Route dauert in Form einer Stadtführung rund 90 Minuten. Ziel ist die Schärfung und Stärkung des Bewusstseins für die Bedeutung demokratischer Verhaltensregeln in der Gesellschaft wie in der Politik. Nachstehend nun Details zu den Stationen:

1.) Karl-Loy-Straße 17: Gedenktafel für den Widerstandskämpfer Karl Loy

Karl Loy (geboren 1895) war in der Sozialdemokratischen Partei aktiv. Er leitete die Arbeiterkammer Wels, bis ihn die Austrofaschisten 1934 absetzten. Während der NS-Zeit schloss er sich der „Welser Gruppe“ des Widerstandes an, die im September 1944 verhaftet wurde. Loy kam in das KZ Mauthausen. Dort wurde er noch am 28. April 1945 auf Befehl von Gauleiter August Eigruber gemeinsam mit anderen Widerstandskämpfern vergast. 1946 erhielt die Karl-Loy-Straße (die bis dahin Jahnstraße hieß) seinen Namen. Seit 1995 erinnert hier auch eine Gedenktafel an Karl Loy.

2.) Rainerstraße 5: Schule des Lehrers und Widerstandskämpfers Josef Weber

Josef Weber (geboren 1889) war seit 1930 an der Knabenhauptschule Rainerstraße Lehrer für Deutsch, Geschichte und Geographie. Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurde er als Anhänger der NSDAP zum Direktor der Schule befördert. Später erkannte Weber seinen Irrtum und schloss sich der „Welser Gruppe“ des Widerstandes an, die im September 1944 verhaftet wurde. Josef Weber kam in das KZ Mauthausen. Schon nach wenigen Tagen, am 19. September 1944, starb er dort beim Steinetragen. 1990 erhielt eine Straße im Stadtteil Neustadt seinen Namen.

3.) Rablstraße 3: „Stolperstein“ für den Widerstandskämpfer Ignaz Rößler

Ignaz Rößler (geboren 1887) war in der Sozialdemokratischen Partei aktiv. Er gehörte von 1925 bis 1934 dem Welser Gemeinderat an. Während der NS-Zeit schloss er sich der „Welser Gruppe“ des Widerstandes an, die im September 1944 verhaftet wurde. Am 25. Februar 1945 kam er im Linzer Polizeigefängnis durch einen Bombenangriff ums Leben, weil er als Häftling nicht in Sicherheit gebracht wurde. 1990 erhielt eine Straße im Stadtteil Neustadt Ignaz Rößlers Namen. Seit 2008 erinnert vor dem Haus Rablstraße 3, in dem er zeitweise wohnte, auch ein „ Stolperstein“ an ihn.

4.) Bahnhofstraße 3: Geschäft von Ernst und Hilda Hoffmann

Ernst Hoffmann (1892 bis 1975) und seine Frau Hilda (1906 bis 1979) führten im Haus Bahnhofstraße 3 ein Fahrradgeschäft. 1938 wurden sie wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Wels vertrieben. Das Geschäft wurde „arisiert“. 1941 konnte das Ehepaar gerade noch aus Wien in die USA flüchten und entging so dem Holocaust. 1949 kehrten Ernst und Hilda Hoffmann in die Stadt zurück. Nach langem Verfahren erreichten sie die Rückgabe ihres Geschäftes. Hildas Mutter Anna Ermes (1883 bis 1967), die drei Jahre im KZ Theresienstadt überlebt hatte, zog 1949 zu ihnen nach Wels.

5.) Kaiser-Josef-Platz 53: Geschäft der Familie Grünberg

Im Haus Kaiser-Josef-Platz 53 führte die jüdische Familie Grünberg ein Textilgeschäft. Mehrere Familienmitglieder konnten nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 flüchten - der Vater Max (geboren 1889) etwa nach Shanghai in China. Es gelang ihm aber nicht mehr, seine Frau Ernestine (geboren 1897), seine Schwägerin Klara (geboren 1899) und seine Tochter Elfriede (geboren 1929) nachzuholen. Alle drei wurden von den Nationalsozialisten im Mai und Juni 1942 deportiert und ermordet. Vor dem Haus Knorrstraße 3, ihrem letzten Wohnort, erinnern seit 2008 „Stolpersteine“ an sie.

6.) Kaiser-Josef-Platz 11: Geschäft der Brüder Jellinek

Im Haus Kaiser-Josef-Platz 11 befand sich das Kleiderhaus Hrzan & Co. 1923 übernahm Richard Jellinek (geboren 1894) dieses Textilgeschäft. Er stellte auch seinen Bruder Jaques (geboren 1898) und später seinen Bruder Julius (geboren 1911) an. 1938 wurden die Brüder wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Wels vertrieben. Das Geschäft wurde „arisiert“. Richard und Julius Jellinek konnten nach Frankreich ausreisen. Nach der NS-Besetzung Frankreichs 1940 kamen sie in das KZ Drancy. 1942 wurden sie im KZ Auschwitz ermordet. Das weitere Schicksal von Jaques Jellinek ist unbekannt.

7.) Ringstraße 8: Wohn- und Geschäftshaus der Familie Neubauer

Im Haus Ringstraße 8 führte die jüdische Familie Neubauer ein Textilgeschäft. Sie wohnte auch im Haus. Nach dem „ Anschluss“ Österreichs 1938 wurde die Familie aus Wels vertrieben. Geschäft und Wohnung wurden „arisiert“. Samuel Neubauer (geboren 1871) und seine Frau Sophie (geboren 1875) mussten nach Wien ziehen. 1940 starb Samuel Neubauer eines natürlichen Todes, 1941 Sophie Neubauer. Dadurch entgingen sie der Deportation und Ermordung. Ihr Sohn Leopold Neubauer (später Newbower, 1902 bis 1980) konnte mit seiner Frau Gerda (geboren 1910) in die USA flüchten.

8.) Pollheimerpark: KZ-Denkmal von Josef Scheiblhofer

Die Stadt Wels schrieb 1947 einen Preis für die Gestaltung eines KZ-Denkmals aus. Dieses Denkmal sollte an die Opfer des österreichischen Widerstandes gegen das NS-Regime erinnern - besonders an jene Mitglieder der „Welser Gruppe“, die noch am 28. April 1945 auf Befehl von Gauleiter Eigruber im KZ Mauthausen vergast worden waren. Der Preis ging an den Linzer Bildhauer Josef Scheiblhofer, der das erste Keramikdenkmal Mitteleuropas schuf. Es wurde am 24. April 1949 an seinem jetzigen Standort im Pollheimerpark von Bürgermeister Franz Grüttner feierlich enthüllt.

9.) Pollheimerpark: Mahnmal für die jüdischen Bürger von Wels

Die Welser Initiative gegen Faschismus (Antifa) forderte seit 1988 die Errichtung eines Mahnmals für die jüdischen Bürger von Wels. Im Auftrag der Stadt schuf der Künstler Sepp Auer eine große Gedenktafel, die am 21. November 1995 am Tiefgaragenabgang Kaiser-Josef-Platz/Bäckergasse enthüllt wurde. Weil dort ein würdiges Umfeld fehlte, setzte sich die Antifa für eine Verlegung und Neugestaltung des Mahnmals ein. Am 9. November 2004 wurde die Gedenktafel - nach einem Entwurf von Stadtbaudirektor Dipl.-Ing. Karl Pany nun von 15 schmalen Säulen getragen - im Pollheimerpark neuerlich enthüllt.

10.) Pollheimerpark: Gedenktafel für die Welser Widerstandskämpfer

Am 28. April 1946 wurde im Pollheimerpark an der Stadtmauer eine Gedenktafel des KZ-Verbandes für 28 namentlich genannte Welserinnen und Welser enthüllt, die ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlt hatten. Ein Teil der „ Welser Gruppe“ war im KZ Mauthausen noch am 28. April 1945 - genau ein Jahr vor der Enthüllung der Gedenktafel - auf Befehl von Gauleiter August Eigruber vergast worden. Im April 2005 und im Oktober 2011 wurde die Gedenktafel umfassend renoviert. Am Hauptgang des Welser Friedhofes erinnern zwei Gedenksteine ebenfalls an die „Welser Gruppe“.

11.) Minoritengasse 3: Wohnung des Widerstandskämpfers Franz Schöringhumer

Franz Schöringhumer (geboren 1903) war in der KPÖ und in der „Roten Hilfe“ aktiv. 1936 wurde er deshalb von den Austrofaschisten mit sechs Wochen Arrest bestraft. Nach dem „ Anschluss“ Österreichs im März 1938 kam er für zehn Tage in „ Schutzhaft“. Trotzdem leistete Schöringhumer weiterhin Widerstand gegen das NS-Regime. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, 1941 verhaftet. Im Mai 1942 erhielt er eine sechsjährige Zuchthausstrafe.

Außer den Stolpersteinen für Rößler und die drei weiblichen Mitglieder der Familie Grünberg sind noch diejenigen für Karl Ammer, Goethestraße 21, und Pater Paulus Wörndl, Stefan-Fadinger-Straße 7, zu erwähnen; ebenso das Mahnmal für Herrn Sukri Arifi, der im Mai 1997 einem Brandanschlag auf das Ausländerquartier Porzellangasse 38 zum Opfer fiel.




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