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1916: Hungerrevolten als Vorboten für das Kriegsende

  • Mittwoch, 14. September 2016 @ 08:00
Geschichte In den letzten Sommerwochen des Jahres 1916 verschlechterte sich die Stimmung unter den Arbeitern der Steyrer Waffenfabrik zunehmend. Die Versorgung mit Brot und Mehl reichte vorn und hinten nicht mehr aus. Schließlich erhielten die Arbeiter von der Werkskantine überhaupt kein Brot mehr und die Mittagsmahl-Rationen wurden auch immer kleiner.

Am Nachmittag des 14. September 1916 trat die Arbeiterschaft der Waffenfabrik die Arbeit nicht mehr an, sondern zog um 14 Uhr auf den Stadtplatz, wo nach Angaben der Polizei „mindestens 6.000 Mann“ Aufstellung nahmen.

Während eine Abordnung der Arbeiterschaft dem Bürgermeister ihre Forderung nach einer „sofortigen ausreichenden Versorgung mit Brot und Mehl“ vorbrachte, andernfalls „sie nicht mehr imstande seien, die geforderte Arbeit zu leisten“, versuchte die Menge, das Rathaus zu stürmen. Als die Wachorgane aufgrund des vehementen Ansturms die Sicherheit des Rathauses nicht mehr garantieren konnten, mußte der Eingang zum Rathaus geschlossen werden. Dabei wurden mehrere Fensterscheiben eingeschlagen.

Die Lage schien sich zu beruhigen, nachdem sowohl die Arbeitervertreter als auch der Bürgermeister zur Menge gesprochen hatten und letzterer die Zusicherung über eine größere Mehllieferung abgegeben hatte.

Doch gerade, als sich die Steyrer Arbeiter anschickten abzuziehen, zogen einige hundert Arbeiter aus der Gummifabrik in Pyrach unter den Rufen „Hunger!“, „Brot!“, „Wir wollen Brot!“ auf den Stadtplatz. Dieser Demonstration hatten sich auch viele Frauen, Kinder und Jugendliche angeschlossen. Die wenigen Wachleute versuchten vergeblich, die Menge auseinanderzutreiben.

Hatte der Bürgermeister noch vor wenigen Augenblicken gehofft, die Steyrer Arbeiter würden nach seiner Zusage friedlich abziehen, so sah er sich plötzlich zwei Belegschaften, die sich aus purem Zufall zu einer Demonstration vereint hatten, gegenüber. Bis in die späten Nachstunden hinein war die Stadt ein regelrechter Hexenkessel.

Die Menge warf Steine gegen die Wache und zertrümmerte alle Fensterscheiben an der dem Stadtplatz zugewandten Seite des Rathauses. Sie demolierte die auf dem Stadtplatz aufgestellte gemeindeeigene Lebensmittelverkaufshütte und raubte die darin aufbewahrten Kartoffeln. Auch ein eben vorbeifahrender Wagen, der drei Säcke Mehl transportierte, wurde zur Beute der Menge.

Da es der Polizei nicht möglich war, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, forderte sie Verstärkung vom Militärstationskommando Steyr an. Zwei größere Abteilungen Einjährig-Freiwilliger gingen mit gefällten Bajonetten gegen die Aufständischen am Stadtplatz vor.

Gast- und Kaffeehäuser wurden geräumt, die Gäste zum Heimgehen veranlaßt. Die zurückgedrängte Menge wollte am Grünmarkt mit den beim dortigen Hufschmied zur Reparatur eingestellten Wagen Straßenbarrikaden errichten, wurde jedoch durch das „rasche und schneidige Vorgehen der Militärabteilungen“ daran gehindert.

Große Schwierigkeiten bereitete die Räumung der sehr schmalen Engegasse. Dorthin hatte sich ein Teil der Demonstranten zurückgezogen und bewarf das nachrückende Militär mit Steinen und Biergläsern. Auch schlugen sie hier die Auslagenfenster zweier Geschäfte ein und raubten den Großteil der Waren. Erst nach einem langen Militäreinsatz konnte gegen 23 Uhr die Ruhe wiederhergestellt werden. Fünf Personen wurden wegen Widersetzlichkeit gegen das Militär und wegen Raubes festgenommen.

Am nächsten Morgen wurde auf Veranlassung des Statthaltereirates eine Kundmachung bekanntgegeben, wonach „im Falle der Fortsetzung der Widersetzlichkeiten und der Notwendigkeit eines außerordentlichen Einschreitens und wenn die Arbeit in den unter dem Kriegsleistungsgesetze stehenden Betrieben nicht im vollen Umfange sogleich und unweigerlich aufgenommen wird, das Standrecht [...] zur Anwendung gebracht werden müßte“.

Weiters wurde die Bevölkerung aufgefordert, „das überflüssige Herumstehen auf den Straßen, Wegen und Plätzen im Stadtgebiete zu meiden und dafür zu sorgen, daß jugendliche Personen die Wohnungen nur in dringenden Fällen verlassen“.

Vorerst blieb es ruhig. Noch in der Nacht vom 14. auf dem 15. September 1916 wurden per Lastauto 6000 Brotlaibe nach Steyr transportiert, die Dampfbäckerei Reder stellte 4000 Laibe zur Verfügung, und die Linzer Zweigstelle der Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt teilte der Stadt Steyr 56.000 Kilogramm Mehl zu (das war der Bedarf für 7 Tage).

Ein Dreivierteljahr später: Aufgrund des Kartoffelmangels konnte den Arbeitern in der Waffenfabrik Steyr die zum Abendessen üblichen Kartoffeln nicht verabreicht werden. Sie verweigerten die Annahme des Essens und sandten eine Deputation zum Bürochef, die von ihm die Einhaltung des Speiseplans forderte. Nachdem der Bürochef diesbezüglich keine fixe Zusage geben konnte, sondern die nur sehr vage Versprechung abgab, daß bezüglich der „Speisewirtschaft seitens der Fabrik so wie bisher auch in Hinkunft das Möglichste getan“ werde, traten die Arbeiter am 9. Mai 1917 in den Streik. Die Arbeitseinstellung griff auch auf die Waffenfabrik in Letten sowie auf die Betriebe der Firmen Reithoffer und Otto Christ in Neuzeug über.

Am Morgen des 9. Mai sprach die Deputation noch einmal beim Bürochef vor. Allerdings ging es dabei nicht ausschließlich um die schlechte Versorgung, sondern in erster Linie um eine Anhebung der Löhne um 50 Prozent. Seitens der Fabriksdirektion wurde der Arbeiterschaft mitgeteilt, daß noch im Laufe dieser Woche eine entsprechende Lohnerhöhung durchgeführt werde". Genaue Sätze konnten jedoch nicht zugesichert werden, was die Arbeiterschaft veranlaßte, ihren Streik fortzusetzen. Sie gingen zwar in die Fabriksräume zu ihren Maschinen, blieben aber vollständig untätig.

Daraufhin wurde die Räumung sämtlicher Säle veranlaßt. Alle Fabriksräume wurden vom Militär besetzt. Von Linz wurde ein Bataillon nach Steyr als Assistenz geschickt. Die Statthalterei hatte als Regierungskommissär einen Statthaltereirat nach Steyr delegiert. Auf Anweisung des k.k. Amtes für Volksernährung wurden sofort zwei Waggons Kartoffel und zwei Waggons holländischer Rüben nach Steyr umgeleitet.

Laut einem Schreiben der Bezirkshauptmannschaft Steyr vom 12. Mai 1917 wurden „sämtliche Arbeitseinstellungen nach längeren Verhandlungen mit den Arbeitern und nachdem denselben das Erfüllen der Forderungen zugestanden worden war, wieder beendet, so daß in den Betrieben die Arbeit wieder voll im Gang ist.“

Der Ruf nach Beendigung des Krieges wurde immer lauter. Im Juli 1917 verteilten die Revolutionären Sozialisten in Gmunden und Bad Ischl Flugblätter, auf denen sie die schlechte Lebensmittelversorgung anprangerten und die unverzügliche Einleitung von Friedensverhandlungen forderten.

Quelle: Thomas Karny, Lesebuch zur Geschichte der oberösterreichischen Arbeiter, Edition Geschichte der Heimat, 1990; Foto Waffenfabrik Steyr im Jahre 1905

Ein Flugblatt aus dem Jahre 1917:

Arbeiter und Arbeiterinnen!

Ihr streikt, weil ihr Hunger habt! Um Euch zu beruhigen, wird man Euch allerlei Versprechungen machen und einige Dekagramm mehr Brot zugeben. Lasset Euch nicht verführen! Dank den österreichischen und ungarischen Agrariern kann man diese Versprechungen nicht halten. Solange der Krieg dauert, kann es nicht besser werden. Eure Forderung muß daher sein:

Sofortiger Beginn der Friedensverhandlungen, ohne auf andere Länder und Regierungen zu warten! Wir fordern einen Frieden ohne Eroberungen, der allen Völkern die Freiheit bringen soll. Zur Durchsetzung dieser Forderungen müßt Ihr fest und stark bleiben, einheitlich und kräftig vorgehen.

Lernet russisch, lernet von Petersburg! Heraus aus den Fabriken, alle Arbeiter, und auf die Straße! Fürchtet nichts! Auch die Soldaten wollen den sofortigen Frieden! Sie schließen sich Euch an, wenn Ihr anfanget! Wir wollen ja nur spazieren gehen! Gehört die Ringstraße nicht auch uns?

Wohlan! Von heute an wollen wir jeden Abend nach 7 Uhr auf der Ringstraße spazieren gehen und uns und den anderen zeigen, wie stark wir sein können! Nieder mit dem Krieg! Hoch der Friede!

Die revolutionären Sozialisten Wiens.


Ein weiteres Flugblatt aus dem Jahr 1917:

Arbeiter und Arbeiterinnen!

Von dem Parlamente und von der Regierung werdet Ihr ohne Zwang nichts erlangen. Verlaßet Euch darum nicht auf Eure Abgeordneten allein! Denn nicht Vielreden und leere Drohungen, nicht Parlamenteln und Konferenzeln können Euch helfen. Nur wenn Ihr Euch kampfentschlossen und zu allen Opfern bereit und mit Eurer ganzen Kraft hinter Eure Forderungen stellt, und Parlament und Regierung sehen, daß Ihr zu allem entschlossen seid, werden sie gezwungen sein nachzugeben:

1.) Sofortige Befreiung Friedrich Adlers und Aufhebung aller während des Krieges gefällten Urteile wegen politischer Delikte!

2.) Unverzügliche Einleitung von Friedensverhandlungen, ohne auf andere Länder zu warten!

3.) Wahl von Selbstversorgungskomitees in allen Betrieben mit Zwangsgewalt und mit dem Rechte der Beschlagnahme!

4.) Gesetzlicher Acht-Stunden-Tag in allen Betrieben Österreichs.

Gruppe revolutionärer Sozialdemokraten"


Ein satirisches Rezept für einen billigen Sonntagsbraten aus dem Jahr 1917:

Man nehme die Fleischkarte, wälze sie in der Eierkarte und brate sie in der Butterkarte schön braun. Die Kartoffel- und Gemüsekarte dämpfe recht weich und verdicke sie mit der Mehlkarte.

Als Nachtisch brühe die Kaffeekarte auf, gebe die Milch- und die Zuckerkarte dazu und tauche die Brotkarte hinein.

Nach dem Essen wasche die Hände mit der Seifenkarte und trockne sie am Bezugschein ab.

Aufzubewahren und weiter empfehlen!


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