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1942: Flucht aus dem Polizeigefängnis

  • Mittwoch, 11. Juli 2012 @ 08:00
Geschichte Der 11. Juli 1942 war ein regnerischer Tag. Bei der Ausgabe des morgendlichen Feigenkaffees im Erdgeschoß des Untersuchungstraktes im damaligen Landgericht Wels war es daher noch nicht richtig hell. Das Wachorgan wunderte sich, daß die beiden Häftlinge in der Zelle 38 anscheinend noch im Bett lagen.

Er sperrte das Türchen an der Zellentür auf und rief unwirsch in die Zelle: „Hallo, he he, aufstehen, was ist denn?“ Dann sperrte er die Zellentür auf und nun erst war zu sehen, daß ein Gitterstab des Fensters unten abgesägt und oben hinausgebogen war. „Dö san in da Bliah“ knurrte er erschrocken, alarmierte die Wache und dann begannen die Sirenen des Gefängnisses zu heulen, wohl eine halbe Stunde lang.

Die zwei entsprungenen Häftlinge waren die Kommunisten Alois Straubinger, Jahrgang 1920, aus Bad Goisern und der Monteur Fritz Schwager, Jahrgang 1913, aus Knittelfeld, zuletzt in Wien wohnhaft. Beide waren politisch schon „aufgefallen“. Straubinger war 1937 von einem Jugendgericht zu drei Monaten Arrest verurteilt worden. Schwager, der zeitweilig auch als Instrukteur der KPÖ tätig war, war ebenfalls schon einigemale verhaftet worden.

Im Februar und März 1941 setzte mit dem Auffliegen einer Gruppe des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) eine Verhaftungswelle ein, wobei Straubinger, der in der Wehrmacht war, erst Ende April in Polen verhaftet und erst im Dezember 1941 nach Wels, seinem „Heimatgefängnis“ überstellt wurde.

Er hatte zwar vom Wiederaufbau des KJV und der KPÖ gewußt, da er aber zunächst am Westwall und auf der Insel Sylt arbeitsverpflichtet war und dann einrücken mußte, hatte er mit der neuen Organisation nur indirekt zu tun, er gehörte also nicht zu den „schweren Fällen“.

Fritz Schwager hingegen legte die Gestapo den Wiederaufbau ganzer Organisationen zur Last und wichtige Verbindungen nach Linz und Wien. Er bekam in der Haft in Wels auch bereits die Anklageschrift vom 2. Senat des berüchtigten Volksgerichtes in Berlin, der von den Häftlingen sarkastisch und mit grimmigen Galgenhumor der „Köpflersenat“ genannt wurde. Er mußte daher mit dem Schlimmsten rechnen und deshalb mußte auch eine waghalsige Flucht ins Auge gefaßt werden.

Eine kleine Eisensäge

Für Straubinger bedeutete das gemeinsame Vorgehen eine schwere Entscheidung, denn rein von der gerichtlichen Verfolgung her hätte er wohl nur mit einer mittelschweren Strafe rechnen müssen. Daß er sich trotzdem voll und ganz auf den Fluchtplan Schwagers mit all seinen tödlichen Risken einstellte, war ein Solidaritätsakt von ganz besonderer Art.

Es gelang Schwager, eine kleine Eisensäge zu beschaffen und die beiden begannen in Etappen - ohne Lärm eine Meisterleistung - einen Stab des wuchtigen Eisengitters am unteren Ende durchzusägen. Den oberen Teil des Gitterstabes sägten sie noch in der Nacht der Flucht soweit durch, daß sie ihn mit Hilfe der Tischbeine hinausbiegen konnten. Etwa um Mitternacht gelangten sie in den Gefängnishof, dann dauerte es längere Zeit, bis sie mit Hilfe von allerlei Gartengeräten endlich auf die etwa vier Meter hohe Mauer gelangen konnten. Beim Sprung auf die Straße hinunter verstauchte sich Schwager den Knöchel, sodaß er sich nur mühsam humpelnd weiterbewegen konnten.

Die Verdunklung half

Das Rätsel, wieso es die ganze Nacht dauerte, bis die Flucht der beiden Häftlinge bemerkt wurde, läßt sich so aufklären, daß der Wachhabende bei seinem stündlichen Kontrollgang wegen der Verdunklung nur spärlich Licht gebrauchen konnte. Er schaute nur durch das Guckloch des Zellentürchens, aufsperren war nur dann üblich, wenn dem Wachorgan etwas verdächtiges auffiel.

Durch das kleine Guckloch, das genau gegenüber dem Fenstergitter situiert war, konnte man nicht erkennen, ob ein Stab des Fenstergitters nach außen gebogen war. Die beiden Häftlinge hatten zudem Kübel und Stockerl in die Betten gestellt, die Decke darübergeworfen, sodaß es aussah, als lägen sie mit angezogenen Knien in den Eisenbetten. Den gebogenen Gitterstab konnte man erst bemerken, wenn man in der Zelle schräg unten auf das Gitter schaute.

Verschärfung und Hoffnung

Mit dem Ausbruch der beiden Häftlinge Straubinger und Schwager wurde das Regime im Gefängnis sehr verschärft. Ich selbst, der ich trotz meiner 19 Jahre schon ein „Altgedienter“ in Wels war und die meisten Wachleute mich schon von 1936 her kannten, wo ich das erstemal mit dem Haus in der Welser Hamerlingstraße Bekanntschaft gemacht hatte, wurde sofort von meiner Funktion als Fazi abgezogen. Ich war „dabei“ gewesen, als die Flucht bei der Kaffeeausgabe entdeckt wurde.

Der „Fazi“ war ein Hausarbeiter, der bei der Essensausgabe mithelfen mußte, die Scheißkübel zu entleeren hatte und das Zellenhaus kehren mußte, wobei er sich viele Stunden außerhalb der Zelle bewegen konnte. Diese „Freiheit“ machte den Fazi zu einem wichtigen Kurier. Er konnte Kassiber befördern, Nachrichten weitergeben und alle möglichen Informationen hin und hertragen.

Jetzt nach dem Ausbruch herrschte ein strenges Regime. Kein „Politischer“ konnte mehr Fazi sein und bei den spärlichen Besuchen gab es scharfe Kontrollen. Die Besatzung der einzelnen Stockwerke wurde neu „gemischt“. Wir stöhnten wohl unter all diesen Verschärfungen, aber sie waren von der Hoffnung begleitet, daß es den beiden gelingen möge, wirklich in die Freiheit zu gelangen. Jeder Tag, der verstrich, ohne daß die Ausbrecher wieder eingeliefert wurden, stärkte unsere Zuversicht.

Erste Station Vöcklabruck

Straubinger und Schwager hatten zunächst vor, auf einen Kohlenzug aufzuspringen, der nach Polen fuhr. Sie mußten jedoch den Plan fallenlassen, weil Schwager stark gehbehindert war und sie nicht erkennen konnten, welche Lastenzüge wohin fuhren. Sie schleppten sich auf die Welser Heide hinaus, wo sie bei strömenden Regen die letzten Nachtstunden verbrachten.

Sie kamen nach Vöcklabruck und fanden bei der Familie des kommunistischen Postangestellten Johann Stadler, die Fritz Schwager von der illegalen Tätigkeit her kannte, im Hause Schubertstraße 19 eine erste Bleibe. Mit Hilfe dieser Familie konnte die Verbindung mit Wien hergestellt werden und Schwager tauchte dann auch in Wien unter.

Straubinger konnte unter abenteuerlichen Umständen - er trug noch die schon recht mitgenommene Wehrmachtsuniform - über Salzburg nach Bad Ischl gelangen und kam später ebenfalls nach Wien. Dann aber kehrte er ins Salzkammergut zurück und hielt sich abwechselnd in Bad Ischl, Goisern, Bad Aussee und Traunkirchen verborgen. Bis er mit Sepp Plieseis zusammentraf, der aus einem Nebenlager des KZ Dachau in Hallein flüchten konnte. Zusammen mit Plieseis konnten er und andere KommunistInnen ein umfangreiches Netz einer Widerstandsbewegung mit über 300 Verbindungen aufbauen.

Ein Überlebender

Fritz Schwager wurde im November 1942 in Wien verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht. Den Aufenthaltsort Straubingers, den er kannte, hat er nicht preisgegeben, trotz schärfstem Druck, dem er unterworfen wurde. Er kam mit dem Leben davon und war nach dem Krieg in der DDR wohnhaft, wo er auch gestorben ist.

Franz Kain

PS: Alois Straubinger, der u.a. 47 Jahre lang auch führender Funktionär des erfolgreichen Konsum Salzkammergut und Direktor der Volksbank war, lebte in Goisern und nahm am politischen Leben bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nach wie vor lebhaften Anteil.


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