Die Explosionskatastrophe in einer Feuerwerksfabrik in der niederlĂ€ndischen Stadt Enschede im Mai 2000 hat auch die Sicherheit im Umfeld Ă€hnlicher Fabriken und von Munitionslagern in Österreich aufs Tapet gebracht. Der Gemeinderat von Stadl-Paura forderte in einer Resolution vom Verteidigungsministerium die ÜberprĂŒfung der Sicherheit im Heeresmunitionslagers in Stadl-Paura und Transparenz ĂŒber Art und Menge der gelagerten Sprengstoffe sowie der Transporte in dem militĂ€rischen Sperrgebiet. Das Muna-Lager in Stadl-Paura ist freilich seit gut fĂŒnfzig Jahren ein „heißes Eisen“ und wurde insbesondere von der örtlichen KPÖ immer wieder thematisiert.

Wie die kommunistische „Neue Zeit“ am 9. November 1949 berichtete, war im Herbst 1949 im sogenannten Muna-Lager (einem verlassenen ehemaligen deutschen MilitĂ€rlager) in Stadl-Paura bei Lambach (Oberösterreich) ein Ausbildungslager fĂŒr die Sondertruppe der Gendarmerie – aus der das spĂ€tere Bundesheer hervorging – errichtet worden. Inmitten im Walde gelegenen Bunkern wurden jeweils 800 Mann kaserniert, die in dem abgelegenen GelĂ€nde von amerikanischen Instruktoren in der Handhabung amerikanischer Waffen, vor allem PanzerspĂ€hwagen, ausgebildet wurden.

Im Rahmen einer Verhandlung vor dem Zivilgericht in Linz im April 1950 ĂŒber die RĂŒckstellungsklage eines Landwirtes aus Wimsbach, erklĂ€rte der Vertreter der Finanzprokuratur, „daß der durch ein Netz von Straßen-, Wasser- und Lichtleitungen aufgeschlossene Komplex des Muna-Lagers als Munitionsdepot fĂŒr die kĂŒnftige österreichische Wehrmacht benötigt wĂŒrde“ („Tagblatt“, Linz).

Die Zeitschrift „Wochenecho“ brachte Anfang Mai 1951 eine ausfĂŒhrliche Reportage ĂŒber die AusbildungsstĂ€tten der Gendarmerie in den westlichen BundeslĂ€ndern, besonders ĂŒber das Lager Stadl-Paura. Der Berichterstatter beobachtete in der Linzer Schloßkaserne die militĂ€rische Grundausbildung, den Umgang mit dem deutschen Karabiner 98, mit Pistolen und Maschinenpistolen, und im Lager Stadl-Paura die Übungen der dortigen Alarmeinheit, worĂŒber er wörtlich schreibt: „Diese wurde von den Amerikanern mit Panzer ausgerĂŒstet. Sie verfĂŒgt ĂŒber 14 Panzerwagen.“

Besonders erwĂ€hnenswert erschien dem VdU-Blatt „die Tatsache, daß die Gendarmerie waffen- und fahrzeugmĂ€ĂŸig und auch in gewisser Hinsicht ausrĂŒstungsmĂ€ĂŸig sehr von der amerikanischen Besatzungsmacht abhĂ€ngig ist“. Besonders hervorzuheben sind die Nachtmanöver, die die Spezialeinheiten aus dem Muna-Lager in der Nacht zum 25. September 1951 durchfĂŒhrten. Es wĂŒrde dabei mit Infanteriegewehre, Maschinengewehren und 3,7-cm-GeschĂŒtzen geschossen, auch PanzerspĂ€hwagen, MilitĂ€rfahrzeuge und Funkwagen nahmen an den NachtĂŒbungen teil. Zu gleicher Zeit hielten auch die Amerikaner in der Gegend Manöver ab.

Am 28. Februar 1952 kam es bei der auf dem Muna-GelĂ€nde im Langholz an der Gmundner Bundesstraße tĂ€tigen Dynamit Nobel AG zu einer gewaltigen Explosion, die vier Tote und zehn Verletzte, die Zerstörung der Fabrikshalle und die VerwĂŒstung eines Teiles des Waldes zur Folge hatte. Ausgelöst wurde die Explosion beim Entladen einer als „keineswegs gefĂ€hrlich“ bezeichneten FlĂŒssigkeit, die mit US-MilitĂ€rlastwagen aus der Steiermark angeliefert worden war. In den Tagen danach kamen zahlreiche Delegationen von BetriebsrĂ€ten nach Stadl-Paura, gedachten der Toten und protestierten gegen die Munitionsfabrik als Ausdruck des „Kalten Krieges“. Beim Eingang zum Muna-Lager wurde ein großes Holzkreuz aufgestellt und KrĂ€nze niedergelegt. Das BegrĂ€bnis der Todesopfer am 5. MĂ€rz wurde zu einer großen Manifestation gegen die AufrĂŒstung in Österreich.

Mit diesem UnglĂŒck erhielt die von einem bei einer Versammlung des Friedensrates in Stadl-Paura gebildeten Aktionskomitee in die Wege geleiteten Volksbefragung unter dem Titel „Sagt nein zum Bau der Todesfabrik“ gewaltigen Auftrieb. Von rund 2.000 Wahlberechtigten beteiligten sich bis zum 9. MĂ€rz 1.599 an der Befragung, davon sprachen sich 1.522 gegen das Muna-Lager und nur 41 dafĂŒr aus, 36 enthielten sich der Stimme. Auf Grundlage dieses Ergebnisses sprach am 25. MĂ€rz eine Delegation des Aktionskomitees bei Landeshauptmann Gleißner vor und verlangte die Einstellung der Sprengstoffproduktion.

Der oö Friedensrat fĂŒhrte am 9. MĂ€rz in Stadl-Paura eine Friedenskonferenz mit ĂŒber hundert Delegierten durch, die sich in einem Aufruf gegen AufrĂŒstung und Kriegsvorbereitungen aussprach. Im Anschluß an die Konferenz fand beim KZ-Denkmal eine Friedenskundgebung statt, bei welcher der Pfarrer Erwin Kock und der katholische Schriftsteller Kurt Dichtl Ansprachen hielten. Anschließend marschierten einige hundert Menschen zum Gedenkkreuz beim Eingang des Muna-Lagers, wo KrĂ€nze niedergelegt wurden.

Bei der Sitzung des Alliierten Rates am 14. MĂ€rz verlangte der sowjetische Hochkommissar Swiridow die Schließung der in der US-Besatzungszone gelegenen und von den USA bei der Remilitarisierung Österreichs durch Vorbereitung der Aufstellung des Bundesheeres betriebenen Munitionsfabrik, was der US-Vertreter mit dem Argument die Explosion sei durch Sabotage verursacht worden ablehnte.

Quelle: Die AufrĂŒstung Österreichs, Dokumente und Tatsachen, Österreichischer Friedensrat, 1951