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1952: Volksbefragung gegen das Muna-Lager in Stadl-Paura

  • Freitag, 9. März 2012 @ 08:00
Geschichte Die Explosionskatastrophe in einer Feuerwerksfabrik in der niederländischen Stadt Enschede im Mai 2000 hat auch die Sicherheit im Umfeld ähnlicher Fabriken und von Munitionslagern in Österreich aufs Tapet gebracht.

Der Gemeinderat von Stadl-Paura forderte in einer Resolution vom Verteidigungsministerium die Überprüfung der Sicherheit im Heeresmunitionslagers in Stadl-Paura und Transparenz über Art und Menge der gelagerten Sprengstoffe sowie der Transporte in dem militärischen Sperrgebiet. Das Muna-Lager in Stadl-Paura ist freilich seit gut fünfzig Jahren ein „heißes Eisen“ und wurde insbesondere von der örtlichen KPÖ immer wieder thematisiert.

Wie die kommunistische „Neue Zeit“ am 9. November 1949 berichtete, war im Herbst 1949 im sogenannten Muna-Lager (einem verlassenen ehemaligen deutschen Militärlager) in Stadl-Paura bei Lambach (Oberösterreich) ein Ausbildungslager für die Sondertruppe der Gendarmerie – aus der das spätere Bundesheer hervorging – errichtet worden. Inmitten im Walde gelegenen Bunkern wurden jeweils 800 Mann kaserniert, die in dem abgelegenen Gelände von amerikanischen Instruktoren in der Handhabung amerikanischer Waffen, vor allem Panzerspähwagen, ausgebildet wurden.

Im Rahmen einer Verhandlung vor dem Zivilgericht in Linz im April 1950 über die Rückstellungsklage eines Landwirtes aus Wimsbach, erklärte der Vertreter der Finanzprokuratur, „daß der durch ein Netz von Straßen-, Wasser- und Lichtleitungen aufgeschlossene Komplex des Muna-Lagers als Munitionsdepot für die künftige österreichische Wehrmacht benötigt würde“ („Tagblatt“, Linz).

Die Zeitschrift „Wochenecho“ brachte Anfang Mai 1951 eine ausführliche Reportage über die Ausbildungsstätten der Gendarmerie in den westlichen Bundesländern, besonders über das Lager Stadl-Paura. Der Berichterstatter beobachtete in der Linzer Schloßkaserne die militärische Grundausbildung, den Umgang mit dem deutschen Karabiner 98, mit Pistolen und Maschinenpistolen, und im Lager Stadl-Paura die Übungen der dortigen Alarmeinheit, worüber er wörtlich schreibt: „Diese wurde von den Amerikanern mit Panzer ausgerüstet. Sie verfügt über 14 Panzerwagen.“

Besonders erwähnenswert erschien dem VdU-Blatt „die Tatsache, daß die Gendarmerie waffen- und fahrzeugmäßig und auch in gewisser Hinsicht ausrüstungsmäßig sehr von der amerikanischen Besatzungsmacht abhängig ist“. Besonders hervorzuheben sind die Nachtmanöver, die die Spezialeinheiten aus dem Muna-Lager in der Nacht zum 25. September 1951 durchführten. Es würde dabei mit Infanteriegewehre, Maschinengewehren und 3,7-cm-Geschützen geschossen, auch Panzerspähwagen, Militärfahrzeuge und Funkwagen nahmen an den Nachtübungen teil. Zu gleicher Zeit hielten auch die Amerikaner in der Gegend Manöver ab.

Am 28. Februar 1952 kam es bei der auf dem Muna-Gelände im Langholz an der Gmundner Bundesstraße tätigen Dynamit Nobel AG zu einer gewaltigen Explosion, die vier Tote und zehn Verletzte, die Zerstörung der Fabrikshalle und die Verwüstung eines Teiles des Waldes zur Folge hatte. Ausgelöst wurde die Explosion beim Entladen einer als „keineswegs gefährlich“ bezeichneten Flüssigkeit, die mit US-Militärlastwagen aus der Steiermark angeliefert worden war. In den Tagen danach kamen zahlreiche Delegationen von Betriebsräten nach Stadl-Paura, gedachten der Toten und protestierten gegen die Munitionsfabrik als Ausdruck des „Kalten Krieges“. Beim Eingang zum Muna-Lager wurde ein großes Holzkreuz aufgestellt und Kränze niedergelegt. Das Begräbnis der Todesopfer am 5. März wurde zu einer großen Manifestation gegen die Aufrüstung in Österreich.

Mit diesem Unglück erhielt die von einem bei einer Versammlung des Friedensrates in Stadl-Paura gebildeten Aktionskomitee in die Wege geleiteten Volksbefragung unter dem Titel „Sagt nein zum Bau der Todesfabrik“ gewaltigen Auftrieb. Von rund 2.000 Wahlberechtigten beteiligten sich bis zum 9. März 1.599 an der Befragung, davon sprachen sich 1.522 gegen das Muna-Lager und nur 41 dafür aus, 36 enthielten sich der Stimme. Auf Grundlage dieses Ergebnisses sprach am 25. März eine Delegation des Aktionskomitees bei Landeshauptmann Gleißner vor und verlangte die Einstellung der Sprengstoffproduktion.

Der oö Friedensrat führte am 9. März in Stadl-Paura eine Friedenskonferenz mit über hundert Delegierten durch, die sich in einem Aufruf gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen aussprach. Im Anschluß an die Konferenz fand beim KZ-Denkmal eine Friedenskundgebung statt, bei welcher der Pfarrer Erwin Kock und der katholische Schriftsteller Kurt Dichtl Ansprachen hielten. Anschließend marschierten einige hundert Menschen zum Gedenkkreuz beim Eingang des Muna-Lagers, wo Kränze niedergelegt wurden.

Bei der Sitzung des Alliierten Rates am 14. März verlangte der sowjetische Hochkommissar Swiridow die Schließung der in der US-Besatzungszone gelegenen und von den USA bei der Remilitarisierung Österreichs durch Vorbereitung der Aufstellung des Bundesheeres betriebenen Munitionsfabrik, was der US-Vertreter mit dem Argument die Explosion sei durch Sabotage verursacht worden ablehnte.

Quelle: Die Aufrüstung Österreichs, Dokumente und Tatsachen, Österreichischer Friedensrat, 1951




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