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Die nicht gehaltene Festspielrede: Der Aufstand des Gewissens

  • Samstag, 23. Juli 2011 @ 11:05
Global Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler hätte die Eröffnungsrede in Salzburg halten sollen. Auszüge aus der Rede, die er nicht gehalten hat (Foto: Archivbild Die Zeit).

Die mit Sicherheit kontroversielle, wohl auch aufrüttelnde Rede von Jean Ziegler" schrieb Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller in einem Gastkommentar im profil, hätte ich als wichtige und willkommene Bereicherung der Festspieleröffnung empfunden.

So weit sollte es nicht kommen. Der Schweizer Globalisierungskritiker wurde nach einer „informellen" Einladung, wie Burgstaller meint, informell wieder ausgeladen. Als Grund wurde das „angebliche Naheverhältnis" Zieglers zu Libyens Machthaber Muammar Gaddafi genannt.

Der Ausgeladene wittert andere Gründe: Die Rede sei auf Druck von Schweizer Großbanken und Festspielsponsoren verhindert worden. Eine Gegenrede zur Festspieleröffnung, wie sie ihm einige Salzburger Organisationen - darunter die Grünen - vorgeschlagen hatten, lehnte Ziegler allerdings ab. Ganz ohne Kommentar will er die Eröffnung (bei der nun an seiner statt Joachim Gauck sprechen wird) offenbar trotzdem nicht vorbeistreichen lassen: Rechtzeitig erscheint am Montag im Ecowin-Verlag für 2,50 Euro die nicht gehaltene Rede. Nachstehend einige Auszüge aus der sechsseitigen Rede, die auch auf www.zeit.de veröffentlicht wird.

Sehr verehrte Damen und Herren, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag, und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe World-Food-Report der FAO, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte. Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht.

Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. [...] Bei unterernährten Kindern setzt der Zerfall nach wenigen Tagen ein. Der Körper braucht erst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Die Kinder werden lethargisch, dann immer dünner. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod. [... ]

Das Geld fehlt. Das Welternährungsprogramm, das die humanitäre Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1.Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Mio. Euro. Nur 62 Mio. kamen herein. Das normale World-Food-Programm-Budget (WPF) betrug 2008 sechs Mrd. Dollar. 2011 liegt das reguläre Jahresbudget noch bei 2,8 Mrd. Warum?

Weil die reichen Geberländer - insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien -viele tausend Milliarden Euro und Dollar ihren einheimischen Bankenhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbankenkredits zur Rettung der Spekulationsbanditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld. [... ] Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzernmogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.

Was ist mein Traum? Die Musik, das Theater, die Poesie - kurz: die Kunst - transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen. Und plötzlich bricht die Defensivmauer seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Staub und Asche. Ins Bewusstsein dringt die Realität, dringen die sterbenden Kinder.

Wunder könnten in Salzburg geschehen: das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen! Ich erwache. Mein Traum könnte wirklichkeitsfremder nicht sein! Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. [...] Vergangenes Jahr - laut Weltbankstatistik - haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8% des Weltbruttosozialprodukts, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer, kontrolliert.

Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist gleichgültig, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert er dieses nicht, wird er aus der Vorstandsetage verjagt.

Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos. [...] Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, an dem Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.

Mutter Courage, aus dem gleichnamigen Drama von Bertolt Brecht, erklärt diese Hoffnung ihren Kindern: „Es kommt der Tag, da wird sich wenden Das Blatt für uns, er ist nicht fern. Da werden wir, das Volk, beenden Den großen Krieg der großen Herr'n. Die Händler, mit all ihren Bütteln Und ihrem Kriegs- und Totentanz Sie wird auf ewig von sich schütteln Die neue Welt des g'meinen Manns. Es wird der Tag, doch wann er wird, Hängt ab von mein und deinem Tun. Drum wer mit uns noch nicht marschiert, Der mach' sich auf die Socken nun." Ich danke Ihnen.

Quelle: Die Presse. 23.7.2011, www.diepresse.com




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