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Kein Ort. Nirgends.

  • Samstag, 25. Juni 2011 @ 20:08
Kultur Ausfransender Verkehrsknotenpunkt: Kurt Palms Lokalaugenschein in Attnang-Puchheim, wo zurzeit das Festival der Regionen läuft

Ich beginne meine Erkundungstour durch Attnang-Puchheim am Platz vor dem Bahnhof. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das derselbe Platz, auf dem der legendäre KPÖ-Politiker Ernst Fischer Ende der Fünfzigerjahre eine Rede zum Ersten Mai mit der Frage begann: „Wo sind die Massen?“

Das frage ich mich auch, aber Deniz, der den Pizza-Kebap-Lahmacun-Bosna-Dürüm-Stand hier betreut, zuckt nur mit den Schultern. „Weiß nicht“, sagt er. Deniz, was so viel wie „das Meer“ heißt, ist einer von etwa 1700 Einwohnern Attnang-Puchheims mit migrantischem Hintergrund. Nicht wenig für eine Stadt mit 9000 Einwohnern. Als ich Deniz frage, wo sich das Zentrum befinde, macht er eine vage Handbewegung. Ich bin mir nicht sicher, ob er Richtung Meer oder Richtung B 1 deutet.

Eineinhalb Stunden später bin ich am Rathausplatz gelandet, zu dem die Einheimischen überraschenderweise „Zentrum“ sagen. Dieser Platz strahlt den herben Charme einer rumänisch-moldawischen Grenzstadt aus, was ich aber durchaus sympathisch finde. Architektonisch herrscht hier die pure Anarchie, aber immerhin gibt es neben der obligaten Bank noch ein Wirtshaus („Post“), eine Bäckerei („Brotstube Streumühle“) und einen Brunnen, der sich selbst genügt und gemütlich vor sich hin plätschert.

Während ich mich in Ermangelung einer Sitzgelegenheit an diesen Brunnen lehne und über Attnang-Puchheim nachdenke, fällt mir der Titel eines Buchs von Christa Wolf ein: Kein Ort. Nirgends. Darin geht es zwar nicht um Attnang-Puchheim, sondern um Karoline von Günderrode, aber es wird schon seinen Grund haben, warum mir ausgerechnet jetzt dieser Titel in den Sinn kommt.

Dass Attnang-Puchheim heute ein Nicht-Ort ist, der nach allen Richtungen hin ausfranst, ist nicht die Schuld der Leute, die hier wohnen. Attnang-Puchheim ist vielmehr das Produkt einer chaotischen Raumplanung, die allerdings den Charakter der gesamten Region hier prägt. Ein Blick in die nähere Umgebung zeigt, dass viele andere Orte mit denselben Problemen wie Attnang-Puchheim zu kämpfen haben, in Nang-Pu gewisse Defizite aufgrund historischer Besonderheiten nur deutlicher sichtbar werden.

Dass die meisten Gebäude der Stadt in verschiedenen Etappen nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden, hängt mit den verheerenden Bombardements vom 21. April 1945 zusammen, durch die große Teile des Ortes zerstört wurden. Mit diesen Bombardements der US-Armee sollte nicht nur der Nachschub der Nazis aus der „Alpenfestung“, sondern auch die Belieferung der geheimen Raketentestanlage in Zipf unterbunden werden. In beiden Fällen diente der Bahnhof Attnang-Puchheim als wichtiger Knotenpunkt und Umladeplatz. Wenige Tage nach diesen Angriffen wurden Häftlinge aus dem KZ Ebensee, einem Nebenlager des KZ Mauthausen, nach Attnang-Puchheim verfrachtet, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Viele Häftlinge dieser sogenannten „Todeskolonne“ starben bei diesen Einsätzen. 2003 wurde in Erinnerung an die Häftlinge des „Todeskommandos Attnang-Puchheim“ am Bahnhof ein Mahnmal errichtet, das im Zuge der gegenwärtigen Umbauarbeiten allerdings wieder weggeschafft wurde. Als ich mich bei der Fahrdienstleitung nach dem Verbleib des Mahnmals erkundige, kann mir niemand sagen, wo es sich gerade befindet und wann es wieder aufgestellt wird.

Überall Provisorien

Dass der Bahnhof von Attnang-Puchheim gerade umgebaut wird, merkt man an allen Ecken und Enden. Ein Teil des alten Gebäudes ist bereits abgerissen, und überall stößt man auf Provisorien. Statt eines Warteraums gibt es einen Container, der „wegen Vandalismus“ von 20 Uhr bis vier Uhr geschlossen ist. Um vier Uhr früh gehen in Attnang-Puchheim die Vandalen offenbar schlafen. Die Bahnhofstoilette (Eingang am Dr. Karl-Renner-Platz 1) ist von 20 Uhr bis 7 Uhr geschlossen. Im neuen Bahnhofskomplex, der 2014 fertig sein soll, werden die Toiletten dann rund um die Uhr geöffnet sein, dafür wird man für die Verrichtung der Notdurft auch bezahlen müssen.

Überhaupt gilt der neue Bahnhof von Attnang-Puchheim schon jetzt als Vorzeigeprojekt der ÖBB: Lichtdurchflutet wird er sein (was man sich gar nicht vorstellen kann, weil es hier selbst am helllichten Tag überall finster ist), barrierefrei und klimaneutral sowieso, und jede Menge Läden werden die Herzen der Konsumenten höher schlagen lassen. Bahnhofsgaststätten wie die legendäre „Anni“ werden endgültig der Vergangenheit angehören, und statt faschierter Laibchen mit Erdäpfeln und einer Halben Bier wird es künftig Big Mac's mit Pommes frites und Coca-Cola geben. Und alle werden glücklich sein. Ob Gerhard Bronner auf der Suche nach seinem „Baby“ allerdings auch im neuen Bahnhof von Attnang-Puchheim Station gemacht hätte, wage ich zu bezweifeln. Im Bundesbahnblues von 1956 hat er das noch getan: „Is she in Scheibbs, in Lunz, in Ybbs, in Schruns, in Wulkaprodersdorf, in Attnang-Puchheim?“

Aber noch ist es mit dem neuen Bahnhof nicht so weit, und wenn es nach der neuen Finanzministerin ginge, könnte es sogar sein, dass bei seiner Eröffnung 2014 die ÖBB privatisiert sind. O-Ton Maria Fekter: „Die ÖBB kann man locker privatisieren, da hab ich kein Problem damit. Das kann eine strategische Partnerschaft sein, eine Kooperation, ein Börsengang. Mir wäre eine strategische Partnerschaft am liebsten, damit das Werkl funktioniert.“ Dass für die heutige Misere der ÖBB die schwarz-blau-orangen Regierungen der Jahre 2000 bis 2006 verantwortlich sind, die die ÖBB in Teilgesellschaften zerstückelt haben, verschweigt Fekter. Überhaupt ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet eine Finanzministerin, die aus der Eisenbahnerstadt Attnang-Puchheim stammt, die Zerschlagung der ÖBB vorantreibt.

Aber lassen wir das und schauen, was es außer Baustellen sonst noch gibt. An den Wänden des spärlich beleuchteten Betontunnels, der zu den Bahnsteigen führt, wird z. B. nicht nur für die Gartenschau in Ansfelden geworben, sondern auch für das „Festival der Regionen“, das derzeit bis 3. Juli stattfindet. „Das große Umsteigeseminar. Regionen wechseln“ steht auf einem Plakat, wobei sich das Seminar nicht an die 7200 Pendler, die hier täglich ein-, aus- oder umsteigen, richtet, sondern an Menschen, „die ihr Geschlecht wechseln, von einer Religion in eine andere umsteigen, von einer Partei zur anderen umsatteln und in eine andere Haut schlüpfen wollen“.

Auch ein kopierter Zettel, der mit Tixo auf einen Baustellenzaun geklebt ist, weist auf ein Projekt des Festivals hin. „Dringend! Statisten für Theaterstück im öffentlichen Raum in Attnang-Puchheim gesucht. Kurze Rollen (ca. 1-2 Minuten). Gute Bezahlung sofort vor Ort. Keine Vorkenntnisse werden benötigt.“ Für ihr Projekt „Passantenbeschimpfung“ sucht die Performance-Gruppe God's Entertainment noch Statisten, die „Passagiere am Bahnhof auf hohem sprachlichem Niveau beschimpfen“. Wenn Sie dieser Tage in Attnang-Puchheim nichtsahnend auf dem Bahnsteig stehen und von jemandem beschimpft werden, machen Sie sich nichts draus: Es handelt sich dabei um ein Kunstprojekt und ist nicht gegen Sie persönlich gerichtet.

Aber in Attnang-Puchheim tut sich auch abseits des Festivals einiges: In der Kellerbühne Puchheim läuft gerade die Komödie Die drei Eisbären von Maximilian Vitus; die Gruppe „OKUD-Balkanfolk Attnang-Puchheim“ spielt Balkanfolk; im Arbeiterbriefmarkensammlerverein sammeln Arbeiter Briefmarken, und im „Foto- und Whiskeyclub Attnang“ wird im Rahmen „geselliger Zusammenkünfte umfassendes Wissen über Fotografie und Whiskey ausgetauscht“. Auch das Angebot für Sportler ist passabel: So kann man die „Attnanger Meile“ laufen oder beim Bogenschützenverein „Attnanger Indianer“ lernen, wie die Apachen mit Pfeil und Bogen umgegangen sind.

Das Schlusswort gehört aber zwei jungen Heimwerkern, denen ich am Leberkäsestand im Foyer eines Vöcklabrucker Baumarktes zuhörte: Der eine mit der Rohrzange: „Oida, wos reiß ma on heit Nocht?“ Der andere mit der Überwurfmutter: „Oida, gemma Attnang-Puchheim.“

Kurt Palm, Jg. 1955, ist Theater- und Filmregisseur, Autor und Volksbildner. Sein jüngstes Buch, die Provinz-Krimi-Groteske „Bad Fucking“ (Residenz Verlag), wurde vor kurzem auf der 25. Criminale mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

Quelle: Der Standard, Printausgabe, 25./26.6.2011






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