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Unumbringbar ist der Jude

  • Mittwoch, 23. September 2009 @ 13:54
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Franz Stelzhamer kennen fast alle Oberösterreicher. Aber nicht gut. Bekannt sind die Landeshymne, Denkmäler im Linzer Volksgarten, in Ried und anderswo, vielleicht noch rührselige Geschichten über des Dichters Lotterleben und Mutterliebe. Fast sein gesamtes Werk ist freilich vergessen, das hochsprachliche mehr noch als das im Dialekt, die Prosa mehr als die Lyrik, die Essays mehr als die Erzählungen. Antisemitisches findet sich in verschieden starken Dosen immer wieder darin, obwohl er bedeutenden Juden wie Salomon Sulzer oder Ludwig August Frankl selbstlose persönliche und literarische Unterstützung verdankt.


Hans Schnopfhagen ersann die berühmte, erst später der Hymne unterlegte Melodie einst für Stelzhamers Ahasver-Gedicht Dá gehát Schuestá, worin die Legende vom ewigen Juden thematisiert wird, der Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung eine Rast verweigert haben soll.

Zur Strafe findet er selbst keine Ruhe mehr und muß auf alle Zeiten umherirren. Übertragen auf das jüdische Volk an sich gehört diese Geschichte zum altbewährten Vorrat der Judenhaßschürer. In Stelzhamers Gedicht jedoch wird der Tod des ewigen Juden prophezeit, und das lyrische Ich, ein rastloser Wanderer wie der Franzl selbst, wird dereinst in seine Fußstapfen treten. Warum, erschließt sich nicht, aber das ist bei Stelzhamer oft so.

Könnte man Texte wie diesen noch als skurril abtun, hört sich der Spaß auf, wenn Stelzhamer etwa in seinem bestürzenden Essay Jude tatsächlich dem Genozid das Wort redet. Zuerst erklärt uns der Dichter, ein Zeitgenosse Heines und Mendelssohn-Bartholdys, um nur zwei ihn turmhoch überragende jüdische Künstler zu nennen, Ägypter, Griechen und Römer, große Kulturvölker allesamt, seien untergegangen, der Jude aber bestehe völlig unumbringbar, obwohl seine einzige Leistung darin bestehe, als Riesenbandwurm kultivierte Staatskörper auszusaugen, und wie oft man ihn auch abzutreiben versucht hat, man gewann, nicht so glücklich wie beim kleinen im menschlichen Körper, bis jetzt nur größere oder kürzere Stücke, nie aber den Kopf selbst. Seitenlang walzt der Innviertler Franz Stelzhamer, die Verkörperung des hiesigen Volkscharakters, wie seine Biographen schwärmen, sämtliche Vorurteile gegen die Juden aus, in bestürzenden Bildern voll Geifer, absurden Unterstellungen und verschwörungstheoretischen Versatzstücken.

Für das Kulturhauptstadtbuch „Linz. Randgeschichten“ habe ich auf 50 Seiten nicht nur zahlreiche Beispiele von Stelzhamers Antisemitismus thematisiert, sondern auch die Wirkungsgeschichte des Autors, dessen Abgründe noch 2002 bei den Feiern zum 200.Geburtstag offiziell ausgeblendet blieben. Nur ein paar Jahre nach dem von seinem engeren Landsmann Hitler vollzogenen Völkermord an den Juden wurde Stelzhamers s’Hoamatgsang Landeshymne.

Hans Commenda, der mit ausdrücklichem Bezug auch auf den Essay Jude 1953 (!) urteilt, es handle sich dabei in seiner eigenwilligen, rein persönlichen Art, die Dinge zu sehen, um verblüffende Geistesblitze, um tiefes, selbständiges Denken in einer Mischung aus zeitgebundenen Vorurteilen und seherischer Zukunftsblicke, hatte großen Anteil daran, Stelzhamer quasi zum Landesheiligen zu befördern. Neun Wissenschaftler, die im Auftrag des Landes Stelzhamers Äußerungen jetzt in den Kontext seiner Zeit einordnen sollen, werden hoffentlich auch seine Rezeption bis in die Gegenwart untersuchen.

Artikel von Ludwig Laher in Café KPÖ Nummer 27, Juli 2009




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