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Entschlossene Gegenwehr

  • Samstag, 7. Februar 2009 @ 08:16
Geschichte Vor 75 Jahren: Bürgerkrieg in Österreich. Bewaffneter Widerstand der Arbeiterschaft gegen die Kräfte der Reaktion, Von Hans Hautmann

Der Februar 1934 nimmt in der Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen den Gesellschaftsklassen in Österreich einen besonderen Platz dadurch ein, daß er in der denkbar schärfsten Form, als bewaffneter Kampf, als Bürgerkrieg ausgetragen wurde.

Möglich wurde diese äußerste Zuspitzung, da in Österreich eine sonst nirgends vorhandene Voraussetzung gegeben war: eine bewaffnete Arbeiterschaft, etwas in der Geschichte sehr Seltenes und Ungewöhnliches. Der im April 1923 gegründete »Republikanische Schutzbund«, eine aus den Ordnerschaften des Arbeiterrats und den Arbeiter- und Fabrikswehren der Jahre 1918 und 1919 hervorgegangene proletarische Militärorganisation, hatte am Höhepunkt seiner Entwicklung, im Jahr 1928, 80 000 Mitglieder.

Er unterwies seine Angehörigen im Waffengebrauch, führte an den Wochenenden militärische Übungen durch und verfügte in geheimen Depots über eine große Zahl an Infanteriegewehren, Pistolen, Maschinengewehren, selbstgefertigten Handgranaten, Munition sowie über reichliche Mengen an Sprengstoff. Eine dem Schutzbund vergleichbare bewaffnete Formation besaß die Arbeiterklasse zur selben Zeit in keinem anderen Land der kapitalistischen Welt.

Signal zum Angriff

Eine weitere Eigenheit der Situation in Österreich bestand darin, daß der proletarische Militärverband des Republikanischen Schutzbundes von einer Partei geführt wurde, die auf reformistischen, den Maximen der bürgerlichen parlamentarischen Demokratie verpflichteten Positionen stand. Das hat der Vorgeschichte, dem Ausbruch und dem Verlauf der Februarkämpfe in jeder Hinsicht seinen Stempel aufgedrückt. Für die sozialdemokratischen Führer war der Schutzbund primär ein politisches Druckmittel gegenüber dem bürgerlichen Lager, nicht aber eine Organisation, die offensiv, als Speerspitze eines Kampfes für den Sozialismus, in Aktion treten sollte.

Die Parteiführung verpflichtete die Schutzbündler zur Taktik des »Gewehr bei Fuß«, zum Abwarten der Weisungen von oben, was sich angesichts der Politik der dauernden Rückzüge des sozialdemokratischen Parteivorstandes gegenüber den Pressionen der Bundesregierung negativ, geradezu katastrophal, auswirkte. Befangen im Legalismus war die Sozialdemokratie unfähig, die Attacken eines Feindes, der ihr den »erprobten«, »normalen« Boden der bürgerlichen parlamentarischen Demokratie sukzessive unter den Füßen fortzog, mit adäquaten Gegenmethoden zu parieren.

Sie gab gegenüber den permanenten Faschisierungsmaßnahmen der Dollfuß-Regierung eine entscheidende Machtposition nach der anderen kampflos auf. Damit manövrierte sie die österreichische Arbeiterbewegung am 12. Februar 1934 in eine Situation hinein, in der die Aussichten auf eine erfolgreiche Abwehr der faschistischen Offensive nur noch als sehr gering zu veranschlagen waren. Wäre es allein nach dem Willen der sozialdemokratischen Führer gegangen, dann hätte ein 12. Februar 1934 in der Form nie stattgefunden.

Daß es zu ihm kam, war das Verdienst jenes klassenbewußten Kerns der österreichischen Arbeiter, der der Stimmung der Resignation widerstand, die durch die dauernden Rückzugsmanöver der Parteiführung hervorgerufen wurde. Er gelangte zur Erkenntnis, daß ein wirklicher Kampf gegen die verfassungsbrechende und demokratieaushöhlende Staatsmacht nur dann möglich sein würde, wenn man die Fesseln einer selbstmörderisch gewordenen Parteidisziplin abwarf. Zum Wortführer dieser sozialdemokratischen Linksopposition wurde der oberösterreichische Landesparteisekretär und Schutzbundobmann Richard Bernaschek.

Er war es, der am 12. Fe¬bruar 1934 gegen den Willen Otto Bauers und der anderen sozialdemokratischen Parteiführer das Signal zum Kampf setzte. Die Februarkämpfe in Österreich sind daher nicht nur als große antifaschistische Abwehraktion, sondern ebenso sehr als Auflehnung klassenbewußter sozialdemokratischer Arbeiter gegen die demoralisierende Rückzugspolitik der eigenen Parteiführung zu sehen, die die historische Prüfung in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus nicht bestanden und die Arbeiterklasse in eine verzweifelte Situation geführt hatte.

Als Folge dieser Entwicklung traten nach dem Februar 1934 der KPÖ, die damals ungefähr 3 000 Mitglieder hatte, in wenigen Wochen etwa 13000 ehemalige Sozialdemokraten bei. Die KPÖ wurde damit unter den Bedingungen der Illegalität mit einem Schlag zu einer Partei, die das erlangte, was sie vorher nicht besaß, nämlich realen Einfluß unter der Arbeiterklasse in Österreich – ein Phänomen, das in dieser Form in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung ebenfalls einzig dasteht.

Die Tatsache, daß es sozialdemokratische Arbeiter waren, die mit der Waffe in der Hand gegen den Austrofaschismus kämpften und sich Parteiführer wie Otto Bauer und Julius Deutsch am 12. Februar 1934 so verhalten haben, daß man ihnen den Vorwurf der Würdelosigkeit und schmählichen Kapitulantentums nicht machen konnte, hat entscheidend dazu beigetragen, sektiererische Positionen in der kommunistischen Weltbewegung gegenüber der Sozialdemokratie – Stichwort: Sozialfaschismus – zu überwinden und eine strategische Neuorientierung zu vollziehen, die auf dem VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale 1935 systematisiert wurde.

Als am frühen Morgen des 12. Februar 1934 sich in Linz Schutzbündler unter der Führung Richard Bernascheks einer Waffensuche der Polizei in der Landesparteizentrale im Hotel Schiff auf der Landstraße bewaffnet entgegenstellten, begann ein vier Tage währender blutiger Bürgerkrieg.

Der Kampf stand von Beginn an unter äußerst ungünstigen Vorzeichen: Die meisten höheren Schutzbundkommandanten waren schon vorher verhaftet worden, wodurch viele geheime Waffendepots unzugänglich blieben; der unbedingt notwendige Generalstreik der Masse der Werktätigen kam nicht oder nur lückenhaft zustande; das Bundesheer konnte über die Eisenbahn ungehindert ihre Truppen in die Kampfzentren verlegen; wo man sich an den Sammelpunkten bewaffnete, wurde in der Regel der Befehl befolgt, von den Waffen erst dann Gebrauch zu machen, wenn die Exekutive angreifen sollte; diese Orientierung überließ die Initiative dem Gegner. Es gelang deshalb den Aufständischen nirgends, größere geschlossene Verbände zum Angriff zu führen.

Ein Wendepunkt

Trotz dieser denkbar schlechten Umstände lieferten die Arbeiter und Schutzbündler den an Zahl und Ausrüstung überlegenen Regierungsstreitkräften erbitterten Widerstand. Brennpunkte der Kampfhandlungen waren die Arbeiterbezirke Wiens, in Oberösterreich Linz, Steyr und das Kohlenrevier des Hausruckviertels, in der Steiermark die Vororte von Graz und das obersteirische Industriegebiet mit Bruck an der Mur.

Der bewaffnete Arm der bürgerlichen Staatsmacht, das Bundesheer, die Polizei, die Gendarmerie und die als Hilfstruppe eingesetzten austrofaschistischen Heimwehren gingen bei den Kämpfen mit äußerster Härte und Brutalität vor. Die Wohnhäuser der Arbeiter in Wien, Linz, Steyr, Bruck an der Mur standen unter stunden-, oft tagelangem Artilleriebeschuß. Auf die Wiener Gemeindebauten sind im Verlauf der drei Kampftage nicht weniger als 613 Granaten abgefeuert worden, die schwere Schäden anrichteten.

Gefallene Schutzbündler ließ man zur Abschreckung tagelang auf den Straßen liegen. Gefangen genommene Arbeiter wurden von Heimwehrlern und Polizisten oft halbtot geprügelt. Im standrechtlichen Verfahren verhängte man vom 14. bis zum 21. Februar 1934 21 Todesurteile und vollstreckte sie an neun Personen durch Erhängen. Einer davon, der Wiener Schutzbündler Karl Münichreiter, der der Exekutive schwerverletzt in die Hände gefallen war, wurde auf einer Tragbahre zum Galgen geschleppt. Über 10000 Februarkämpfer, Schutzbündler und Arbeiterfunktionäre wurden verhaftet; von diesen hat man 1200 Personen zu schweren Kerkerstrafen in der Höhe von 1400 Jahren verurteilt.

Zu solchen Exzessen waren die Herrschenden in Österreich vor 75 Jahren fähig. Nach ihrem Sieg errichteten sie eine autoritär-faschistische ständestaatliche Diktatur, in der ihr Wesen zum Ausdruck kam. Den Februar 1934 und die Diktatur der Jahre 1934 bis 1938 kann die österreichische Bourgeoisie nicht auf andere, auf Hitler und die Nationalsozialisten abwälzen, wie man es mit der »Opferthese« für die Zeit der deutschen Besetzung getan hat und tut. Beide waren das ureigenste Produkt der spezifisch »deutsch«-österreichisch, katholisch-klerikal, monarchie- und habsburgnostalgisch orientierten Kreise des Kapitals, und die Ära des Ständestaates war die einzige Periode im Rahmen der österreichischen Geschichte, in der es ihnen gelang, eine unumschränkte Alleinherrschaft auszuüben.

Die Februarereignisse bewiesen, daß es eine Alternative gegen das kampflose Streichen der Segel vor reaktionären Anschlägen gibt. Damit wurde in Österreich und weit über Österreich hinaus neuer Mut in die Reihen der Arbeiterklasse getragen und ihre Entschlossenheit zur antifaschistischen Gegenwehr gestärkt. Der Februar 1934, der zu den besten revolutionär-demokratischen Traditionen des österreichischen Volkes gehört, stellt somit einen Wendepunkt in der Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung dar. Er wurde zum Vorboten des nationalrevolutionären Krieges in Spanien 1936 bis 1939 und des Kampfes der Völker gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg, der mit dessen völliger Niederlage endete.

Quelle: Junge Welt, 7.2.2009, www.jungewelt.de


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