Willkommen bei KPÖ Oberösterreich 

Marx am Mondsee

  • Freitag, 20. Dezember 2013 @ 08:00
Geschichte Spanienkämpfer, KZ-Häftling, Partisan: Für Hammer und Sichel kämpfte Sepp Plieseis gegen Franco und Hitler. Eine Ausstellung im kleinen Salzburger Ort Strobl nimmt sich jetzt der fast vergessenen Geschichte des Widerstandskämpfers im Salzkammergut an. Text: Thomas Trescher


Seine Biografie musste zweimal neu aufgelegt werden. Seine Lebensgeschichte inspirierte zu einem mehrteiligen Fernsehfilm, der 1978 im deutschen Hauptabendprogramm ausgestrahlt wurde. In der DDR galt Sepp Plieseis als Volksheld. Kein Wunder: Er kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen den Klerikalfaschismus Francos und kam 1941 in ein NS-Konzentrationslager, aus dem er zwei Jahre später flüchten konnte. Kaum draußen, machte er sich an den Aufbau einer Partisanenbewegung, leistete bis Kriegsende Widerstand gegen das NS-Regime und war am Ende sogar an der Verhaftung von Ernst Kaltenbrunner beteiligt - dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, der 1946 in Nürnberg vom Internationalen Militärtribunal zum Tod durch den Strang verurteilt wurde. In seiner Heimat ist Sepp Plieseis trotz alldem so gut wie vergessen. Seine Heimat, das ist Österreich; die Flucht gelang ihm aus dem KZ-Nebenlager Hallein und seine Partisanengruppe operierte im Salzkammergut.

Im Rahmen der oberösterreichischen Landesausstellung ist dem Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft jetzt eine Ausstellung zum Thema gewidmet. „UnSICHT-BAR“ lautet der Titel der Schau, die jüngst in der Salzburger 4.000-Seelen-Gemeinde Strobl - die 54 Gemeinden umfassende Region Salzkammergut erstreckt sich über Oberösterreich, Salzburg und die Steiermark- in der Deutschvilla eröffnet wurde. Sie nähert sich dem Thema Widerstand in künstlerischer wie historischer Weise. Mit einem Thema, das längst Vergessenes und Verdrängtes wieder zutage fördern will, hatten es die Organisatoren nicht leicht. „Im Rahmen der Landesausstellung waren wir selbst die Widerständigen“, sagt Wendelin Pressl, gemeinsam mit Franz Riedl künstlerischer Leiter der Ausstellung, „weil die Landesausstellungen oft nur auf eine Maximierung der Nächtigungszahlen im Tourismus ausgelegt sind.“ Motto: Je massentauglicher das Thema, desto einfacher die Umsetzung. „Trotzdem hatten wir bei der Gestaltung völlig freie Hand“, sagt Klaus Kienesberger, Leiter des historischen Teils der Ausstellung. „Es war für die Politik sicher nicht immer leicht, nicht zu wissen, wie die Ausstellung am Ende aussieht.“ Den Titel „UnSICHTBAR“ deuten die Organisatoren in zwei Richtungen: Unsichtbar waren die Widerstandskämpfer zuerst während des NS-Regimes, als sie sich in den Bergen versteckten, aber auch danach, als ihr Kampf gegen die Nazi-Herrschaft totgeschwiegen wurde.

Sepp Plieseis ist die zentrale Figur der „Vergessenen“ im Salzkammergut. 1937 verkaufte der damals 23-Jährige alles, was er nicht am Leib tragen konnte, um sich vom Erlös eine Fahrkarte nach Spanien zu kaufen. Knapp zwei Jahre lang kämpfte er mit den Internationalen Brigaden - einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und anderen Linken aus aller Herren Länder - gegen Francos Truppen für die Republik. Er wurde dabei verwundet, meldete sich nach seiner Genesung aber gleich noch einmal zum Frontdienst. 1941, als die Niederlage der Republikaner längst feststand, beschloss Plieseis, über das mittlerweile besetzte Frankreich nach Österreich, das nunmehr Ostmark hieß, zurückzukehren, „weil man den Kampf gegen den Faschismus am besten in der Heimat führen kann“. Daher sei es am besten, „heimzufahren, selbst auf die Gefahr hin, in Deutschland ins Konzentrationslager zu kommen oder vernichtet zu werden“, wie er im Manuskript zu seiner Autobiografie „Vom Ebro zum Dachstein“ (Verlag Neue Zeit, vergriffen) schreibt. Die böse Vorahnung verwirklichte sich schnell: Kaum hatte Plieseis wieder seinen Fuß auf reichsdeutschen Boden gesetzt, wurde er aufgegriffen und ins Konzentrationslager Dachau überstellt. Sofort begann er, Fluchtpläne zu schmieden. Es dauerte jedoch zwei Jahre, bis zum 20. Oktober 1943, bevor es ihm gelang, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

An jenem Tag fiel heftiger Regen im KZ-Nebenlager Hallein, in das Plieseis zum Arbeitsdienst überstellt worden war. Wachen wie Gefangene suchten Unterschlupf in einem Heustadel, und als sich die Wachen im Heu ausruhten, nutzte der damals 29-Jährige die Gelegenheit, sich davonzuschleichen. Keine Kurzschlussreaktion: Plieseis' Flucht war von langer Hand geplant worden. Sein alter Freund Karl Gitzoller, selbst erst aus der Haft der Geheimen Staatspolizei der Nazis (Gestapo) entflohen, erwartete ihn mit einem Schlosseranzug und einer Pistole; gemeinsam traten sie die Flucht in die Berge des Salzkammerguts an. Bereits sehr früh war in dieser Region eine Arbeiterbewegung entstanden, getragen von den tausenden Salinenarbeitern, die in den örtlichen Salzbergwerken schufteten. Auch Plieseis, am 29. Dezember 1913 in Lauffen nahe der alten kaiserlichen Sommerresidenz Bad Ischl geboren, war seit seiner Jugend überzeugter Sozialist. Beeinflusst durch seinen Vater, einen Schuster und Steinmaurer, engagierte er sich schon früh in der Sozialistischen Jugend (SJ). Nach den Februarkämpfen 1934, an denen der damalige Brauereiarbeiter Plieseis in Ebensee selbst beteiligt war, befand er, dass der Kampf gegen den Faschismus aber nur in der Kommunistischen Partei (KPÖ) möglich sei.

Der Bürgerkrieg im Februar 1934 hatte ein Verbot der sozialdemokratischen Partei, der Gewerkschaften und aller sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen nach sich gezogen und war schließlich im Ständestaat gemündet, der österreichischen Version des Faschismus. Die KPÖ war bereits seit dem 26. Mai 1933 verboten und Sepp Plieseis war in der Folge in Bad Ischl für Organisation und Propaganda in der nunmehr im Untergrund tätigen Bewegung zuständig. Auf diese Netzwerke, der weder die Austrofaschisten noch die Nazis Herr wurden, konnte er bei seiner Flucht aus dem KZ zurückgreifen.

Es waren Kommunisten wie Plieseis, die in Österreich den Kern des Widerstandes gegen die Nazis bildeten: Von den während der NS-Herrschaft aufgeflogenen Widerstandskämpfern in Österreich kam die größte Gruppe - 44 Prozent - aus dem Umfeld der KPÖ, lediglich fünf Prozent aus dem der Sozialdemokratie. 1934 hatten viele Sozialdemokraten im Salzkammergut ihrer Partei den Rücken zugekehrt und sich in der KPÖ organisiert. Obwohl die Ideologie im täglichen Leben im Widerstand keine große Rolle spielte. Die Errichtung eines sozialistischen Systems bildete für die Partisanen im Salzkammergut kein primäres Ziel.

„Wir wollen keinen Krieg, wir wollen keinen Sieg, wir wollen unser Österreich und eine schöne Führerleich'„ lautete eine der Parolen, die von ihnen verbreitet wurden. Erst nachdem ein demokratisches Österreich in den Grenzen von 1938 wiederhergestellt sein würde, wollten die politischen Köpfe der Partisanen rund um Plieseis die zweite Stufe in Angriff nehmen: ein sozialistisches Österreich. Sie orientierten sich dabei am „Volksfrontkonzept“, das auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935 erarbeitet worden war. Dieses sah die Unterscheidung zwischen einem Nahziel, einer parlamentarischen Demokratie, und einem Fernziel, dem demokratischen Sozialismus, vor. Einen von vielen - auch von den Widerständigen selbst - unterschätzten Anteil an der Bewegung hatten die Frauen.

„Die Rolle der Frauen wurde von den Widerständigen völlig ignoriert. Das war eine Männerpartie“, sagt Ausstellungsleiter Klaus Kienesberger. In „Vom Ebro bis zum Dachstein“ spielen die Frauen eine im Vergleich zu den Heldentaten der männlichen Widerstandskämpfer unbedeutende Rolle. Dabei wäre selbst die Flucht von Plieseis ohne die Hilfe von Frauen unmöglich gewesen. So fungierte etwa die Halleiner Bäuerin Theresia Weiß als Botschafterin zwischen Plieseis und seinen Fluchthelfern. Eine zentrale Rolle im Widerstand kam aber Theresia Pesendorfer zu, einem jungen Stubenmädchen aus dem Ort Schwarzenbach: Sie war maßgeblich an der Planung von Plieseis Flucht beteiligt - und sie war es auch, die Karl Gitzoller nach seinem Ausbruch zu einem ersten Unterschlupf verhalf.

In ihrer Wohnung wurde die Partisanengruppe rund um Plieseis begründet und unter dem Namen „Willy“ aus der Taufe gehoben. All das war möglich, weil die Nazis Frauen generell unterschätzten -eine konspirative Tätigkeit wurde ihnen schlicht nicht zugetraut. So waren sie meist als Kuriere unterwegs: Pesendorfer etwa radelte regelmäßig mit dem Fahrrad quer durch das Salzkammergut, oft bis zu 90 Kilometer. Einer, dem die Erforschung der Rolle der Frauen im Widerstand stets ein Anliegen war, war Peter Kammerstätter.

Sein Geist schwebt auch über der gesamten Ausstellung in Strobl. Der 1993 verstorbene Laienhistoriker hatte sich zeit seines Lebens der Aufarbeitung der lokalen Widerstandsbewegung gewidmet. Ohne die Forschungen des Voest-Arbeiters, Betriebsrates und späteren langjährigen Mitglieds des Zentralkomitees der Bundes-KPÖ (1951-1965) wäre vieles von dem, was die heutige Ausstellung präsentiert, nicht bekannt. Der 1911 geborene Kammerstätter war in Österreich einer der Vorreiter der Oral History, jener wissenschaftlichen Methode, die auf der Befragung von Zeitzeugen beruht. Die Abschriften von Kammerstätters stundenlangen Interviews mit Widerstandskämpfern bilden in vielen Fällen die einzigen Quellen zum Thema Widerstand im Salzkammergut. Selbst illegales KPÖ-Mitglied und von 1939bis 1940 im KZ Buchenwald inhaftiert, begann Kammerstätter ab 1967 über die Arbeiterbewegung und den Widerstand in Oberösterreich zu forschen.

Hätte es ihn nicht gegeben, wäre die Forschung heute noch viel weniger weit“, sagt Wolfgang Quatember, Leiter des Zeitgeschichtemuseums in Ebensee und in dieser Funktion Partner der Ausstellung in Strobl. Jahrzehntelang führte Kammerstätter Interessierte in die Berge rund um Bad Ischl, in denen die Partisanen bis 1945 ihren Unterschlupf errichtet hatten. „Igel“ hatten die Partisanen das Versteck getauft, nachdem ein ebensolcher aus dem Unterholz gekrochen war, als sie gerade mit dem Bau begonnen hatten. Der „Igel“, in dem nur Männer zugelassen waren, blieb während der gesamten Zeit des Widerstandes unentdeckt.

Zehn bis fünfzehn Personen lebten dort anfänglich; 1945 waren es über 30. Sie mussten den harten Winter in den Bergen überstehen und lebten mit der ständigen Lebensmittelknappheit und der Gefahr, jederzeit entdeckt oder verraten zu werden. Der Jäger, in dessen Revier der „Igel“ errichtet wurde, war zum Schweigen verpflichtet: Sein Sohn Hans Mitterndorfer hatte sich ein Bein brechen lassen, um der Einberufung in die Wehrmacht zu entgehen, und gehörte nun ebenfalls dem „Igel-Trupp an. Es waren Aktionen wie diese, die die Partisanen als widerständiges Handeln verstanden. Denn ihr Widerstand war ein passiver -aktiv handelten die Partisanen erst gegen Kriegsende im Mai 1945.

Davor hatte das nackte Überleben die wichtigste Herausforderung der Widerständigen gebildet. Plieseis selbst berichtete stolz davon, dass allein die Existenz der Gruppe „Willy“, die später in „Fred“ umbenannt wurde - die Gründe für den ursprünglichen wie für den späteren Namen sind nicht bekannt -, anderen Gruppen ihre Widerstandstätigkeit erleichterte: Die Gestapo war damit beschäftigt, die Berge des Salzkammerguts erfolglos nach der Gruppe „Willy/Fred“ zu durchforsten. Für die Nazis waren die Partisanen in den Bergen ein besonderer Dorn im Auge. Das Salzkammergut, geschützt durch die Berge und weit abseits der Front, war für viele hochrangige Nazis ein beliebter Ort zum Ausspannen: Propagandaminister Joseph Goebbels weilte beispielsweise gerne in der Villa Roth am Grundlsee, der heutigen Villa Grundlsee. Je länger und aussichtsloser der Krieg, desto größer wurde die Unterstützung der Bevölkerung.

600 Menschen umfasste die Partisanengruppe um Plieseis gegen Kriegsende. Ideologische Scheuklappen kannte Willy/Fred nicht: In der Widerstandsbewegung waren selbst NSDAP-Mitglieder willkommen - so sie Reue zeigten. In den letzten Kriegstagen trat Willy/Fred dann offensiver in Erscheinung: Als der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, der in der Nazi-Hierarchie gleich unter Joseph Goebbels, Heinrich Himmler oder Hermann Göring stand, seine Flucht in die Berge plante, wurde ihm die Hilfe des Jägers Fritz Moser zuteil. Der stand allerdings auch in Kontakt mit den Partisanen - und informierte nach seiner Rückkehr sofort die frisch eingerückten amerikanischen Soldaten vom Aufenthaltsort Kaltenbrunners: Schon am darauffolgenden Tag wurde er verhaftet.

Ein kurzer Triumph für die Widerständigen: Ihr Erbe wurde schnell verdrängt. Oft galten sie im Nachhinein als Feiglinge, die sich vor dem Wehrdienst gedrückt hatten. Nur in der kurzen Zeit von der Befreiung 1945 bis zu den ersten freien Wahlen 1949 waren die ehemaligen Widerstandskämpfer dem wiederauferstandenen Österreich wichtig. Damals wurden sie als Beweis dafür herangezogen, dass sich die Österreicher gegen die Nazi-Diktatur gestemmt hatten und das Land Opfer, nicht Täter war. So wurden die Widerstandskämpfer nach Meinung des Ebenseer Museumsleiters Wolfgang Quatember „benutzt, geradezu missbraucht“. Die ehemaligen Nazis hingegen waren plötzlich vor allem eines: potenzielle Wähler.

Der Verband der Unabhängigen, die spätere FPÖ, bildete für diese ein Sammelbecken; aber auch SPÖ und ÖVP wussten, dass bei den ehemaligen Nazis mehr Stimmen zu holen waren als bei den Widerstandskämpfern. Zumal diese ihre politische Aufgabe vielfach mit dem Ende der Herrschaft Hitlers als beendet sahen und sich aus dem politischen Leben der Nachkriegszeit zurückzogen. Oft aus dem Frust heraus, ignoriert zu werden: „Die ehemaligen Widerstandskämpfer haben teilweise einen unheimlichen Gram gehegt. Es hat sie furchtbar gestört, in Vergessenheit zu geraten“, sagt Austeilungsorganisator Klaus Kienesberger. Dazu kam, dass die Widerstandskämpfer sich fast alle im Umfeld der verbotenen KPÖ bewegt hatten, die nach dem Krieg marginalisiert war. Der Traum vom sozialistischen Österreich war für die Widerstandskämpfer ausgeträumt: Für ihre Geschichte hat sich niemand mehr interessiert. Plieseis agierte nach dem Krieg als Gemeinderat für die KPÖ in Bad Ischl. Er starb im Jahr 1966.

Quelle: DATUM 6/2008


Publikationen

 
 
Rote Fahnen sieht man besser. Stationen in der Geschichte der KPÖ in Oberösterreich.
Browse Album

Aktiv werden in der KPÖ …

… oder einfach mehr über die KPÖ erfahren? Schick uns ein E-Mail oder nutze das Kontaktformular oder ruf an: 0732 652156