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Reisebericht aus dem Nordirak

  • Mittwoch, 4. Juni 2008 @ 15:48
Global Von Thomas Rammerstorfer

Von 30. April bis 7. Mai 2008 nahm ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter der „Liga für emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit (LEEZA)“ an einer Reise durch den Nordirak teil, die uns – sechs LEEZA-MitarbeiterInnen, den Filmemacher Daniel Binder sowie Wolfgang Machreich, Redakteur der „Furche“ – nach Erbil, Suleymania, Biara, Halabja, Kifri, Wali Hajdar und Kirkuk führte.

Die KurdInnen im Irak erkämpften sich nach jahrzehntelanger Unterdrückung und Phasen genozidaler Verfolgung (Anfal-Kampagne Ende der 80er mit 182.000 Ermordeten) ab 1991 eine gewisse Unabhängigkeit, die ab 2003 weiter ausgeweitet wurde. Das Autonomiegebiet umfasst allerdings nicht das gesamte kurdische Gebiet im Irak, der Status von Kirkuk oder Mossul ist weiterhin ungeklärt. Erschwert wird die Lage durch dauernde Angriffe türkischer und zeitweise auch iranischer Truppen auf irakisch-kurdisches Gebiet. Vom Terror islamistischer Gruppen ist die Region jedoch weitgehend verschont.

Knapp vier Stunden fliegt man von Wien nach Arbil, der Hauptstadt Irakisch-Kurdistans. Die Austrian Airlines ist die einzige Fluglinie, die hier regelmäßig landet. Die AUA unterstützt die Frauenprojekte von LEEZA und hatte uns Gratisflüge gesponsert. Der moderne, neue Flughafen hätte sicherlich Platz für stärkeren Verkehr. Am Rande der ausgedehnten Sicherheitszone um den Flughafen werden wir von unseren ProjektpartnerInnen abgeholt – es geht ins ca. 200 km entfernte Suleymania. Auf der Fahrt gilt es insgesamt 6 Checkpoints zu passieren, besetzt mit jeweils rund 5 bis 10 Peschmergas (ehemalige kurdische Widerstandskämpfer, heute kurdische Polizei und Militär) mit MPs; die Abwicklung hier erfolgt durchaus schnell und sehr freundlich.

Suleymania, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz,

und mit irgendwas zwischen einer halben und einer ganzen Million Einwohner eine echte Metropole. Leider mit schlechter Versorgungslage. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, und wann weiß man nicht. Die Abgase zehntausender Generatoren und Autos lassen gemeinsam mit den schwarzen Wolken der brennenden Mülldeponie die Sonne manchmal etwas früher untergehen. Dazu kommt eine enorme Staubentwicklung, da es seit Monaten nicht mehr richtig geregnet hat. Man gewöhnt sich daran alles durch einen gewissen Grauschleier zu betrachten.

In Suleymania selbst unterstützen wir derzeit keine Projekte, es ist jedoch Bürositz unserer ProjektpartnerInnen und Treff- und Koordinierungspunkt der mobilen Gesundheitsteams, die durch die abgelegeneren Dörfer der umliegenden Regionen fahren, um eine gewisse medizinische Grundversorgung zu sichern. Ebenso betreiben diese Teams die Aufklärungskampagne gegen FGM (Genitalverstümmelung). Von diesem grausamen, traumatisierenden Brauch sind in ländlichen Regionen etwa 60 bis 80 Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen.

Unser Programm in „Suli“ ist dicht gedrängt: Es stehen Treffen mit MitarbeiterInnen verschiedener NGOs auf dem Programm, um Erfahrungen auszutauschen und eventuelle künftige Möglichkeiten zur Zusammenarbeit auszuloten. Besichtigt werden das Frauenzentrum von Khanzad und das Straßenkinderprojekt der britischen Organisation STEP. Einen Vormittag verbringen wir im „Red Building“, ehemaliges Zentrum der Saddam Hussein-Truppen und Folterlager in Suleymania. 1991 war es von den KurdInnen erobert worden. Jetzt ist es ein Museum – und ein Taubenschlag; Tauben als Symbol des Friedens. Auf dem Parkplatz rosten Kanonen, Mörser und Panzer vor sich hin.

Ein weiterer ausgesprochen interessanter Termin war der bei Rizgar Mohammed Amin, ehemals erster Richter im Prozess gegen Saddam Hussein. Amin zeigte sich sehr interessiert am österreichischen Justizsystem und auch am Umgang Österreichs mit den NS-Kriegsverbrechern. Er selbst bereitet gerade Prozesse gegen ehemalige Kollaborateure mit dem Saddam-Regime vor.

Biara, iranisch-irakisches Grenzgebiet

Die Berge sind wunderschön und laden zum Wandern ein; nur würde man bei einer Begehung mitunter seinem Schöpfer näher kommen als einem lieb ist – hunderttausende Minen sind hier noch vergraben, vom Saddam Hussein-Regime in seinen Kriegen gegen die KurdInnen und den Iran eingesetzt. Ein tödliches Erbe, das dem Nordirak vermutlich noch Jahrzehnte erhalten bleiben wird. Die Leidensgeschichte von Biara ist lange. Ende der 90er war das Dorf von Abu Musab az-Zarqawi besetzt worden, dem späteren Führer der Al Kaida im Irak. Erst 2003 wurde es nach dem amerikanischen Bombardement durch kurdische Peschmergas befreit. Kurz wurde hier ein von LEEZA unterstütztes Frauenzentrum eröffnet; unter Zarqawis Herrschaft durften die Mädchen nicht einmal die Schule besuchen, vieles wird jetzt nachgeholt. Das Frauenzentrum bietet ein breites Programm von Gesundheitsberatung bis zu Computerkursen.

Halabja

erlangte am 16. März 1988 eine traurige, weltweite Berühmtheit. Die Stadt, mit 60.000 EinwohnerInnen etwa in der Größe von Wels, wurde Ziel des vermutlich größten Giftgasangriffes seit dem 1. Weltkrieg. Es war der traurige Höhepunkt der Völkermordkampagne gegen die KurdInnen: über 5.000 Menschen starben sofort eines qualvollen Todes; weitere, vielleicht 10.000 an den Folgen – bis heute.

Wir sind zum Mittagessen im Frauenzentrum eingeladen, das von uns mitfinanziert wird. Neben einem breitgefächerten Fortbildungsangebot wurde hier auch gerade das erste und einzige Frauencafe des gesamten Irak (und vermutlich der ganzen kurdisch/arabischen Welt) eröffnet. Das Frauenzentrum erfreut sich sehr großen Zuspruches; rund 80 Prozent der Frauen der Region nutzen es.

Weiters wird in Halabja der Radiosender „Dengue Nwe“ („Neue Stimme“) von LEEZA mitfinanziert. Er ist eines der wenigen unabhängigen Medien überhaupt im Irak und wendet sich insbesondere an Frauen und Jugendliche.

Wali Habjar

Auf dem Weg nach Kifri stoppen wir in einem kleinen Dorf namens Wali Habjar. „Hier ist 3. Welt“, denke ich. Die Hütte ist aus Lehmziegeln, der Inhalt der Toilettenlöcher fließt in der Mitte der unasphaltierten Strassen zusammen. Darin stapfen Hühner und Gänse herum. Der Lehrer des Dorfes hat sein Haus für drei Tage einem mobilen Gesundheits-Team Verfügung gestellt. Heute steht der FGM-Aufklärungsfilm auf dem Programm. Die Debatten unter den Einwohnerinnen sind heftig; auch die „Beschneiderin“ des Dorfes ist anwesend und verteidigt wortreich die Verstümmelung. Andere Frauen wähnen sich durch den Film bestätigt und versprechen ihren Töchtern nicht anzutun, was ihnen angetan wurde. Mit gemischten Gefühlen fahren wir weiter nach

Kifri,

keine 150 Kilometer nördlich von Bagdad, hier befindet sich das 3. Frauenzentrum von LEEZA. Es freut uns zu hören, dass sich die Mädchen hier Kurse in arabischer Sprache wünschen; kurdisch (sorani) sei ihnen zuwenig. Man hat den Eindruck, hier gedeihen erste zarte Pflanzen einer kurdisch-arabischen Versöhnung, eines geeinten Irak. Und das obwohl die EinwohnerInnen Kifris unter Saddam Hussein viel zu erleiden hatten: Seit den 60ern wurde die Stadt als Hochburg der KommunistInnen immer wieder angegriffen und weitgehend zerstört; zuletzt noch 2003 durch die iranischen „Volksmujaheddin“, einer mit Saddam verbündeten Miliz.

Kirkuk

Auf eine Mitfahrt nach Kirkuk habe ich verzichtet. Die Stadt liegt außerhalb des kurdischen Autonomiegebietes und ist zutiefst gespalten. Wegen seiner riesigen Erdölvorräte wird sie von unterschiedlichen Gruppen beansprucht. Jeden zweiten Tag explodiert hier eine Bombe: Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger von LEEZA sowie die beiden Journalisten und ein gutes Dutzend Peschmergas als Schutz brechen nach Kirkuk auf und kehren abends auch unbeschadet wieder zurück. Nach Treffen mit dem Bürgermeister und andren Politikern aus Kirkuk erscheint ihnen keine friedliche Lösung in Sicht.

Arbil,

die Hauptstadt: Nach einer Woche Rundreise im kurdischen Nordirak steht ein Treffen im Parlament auf dem Programm – mit dem Komitee der Frauen, bestehend aus 10 Parlamentarierinnen. Ein bunter Haufen: Sowohl die bürgerlichen und sozialdemokratischen Parlamentarierinnen sind vertreten, auch die Islamistinnen – und die Vorsitzende ist Kommunistin. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Arbeit, derer es genug gäbe: Das Erbrecht soll reformiert werden (derzeit erhalten Frauen nur die Hälfte von Männern), das Scheidungsrecht auch für Frauen eingeführt werden, ebenso wie ein Unterhalts- bzw. Alimentsanspruch. Wenige Aussichten bestehen auf ein Verbot der Polygamie – durchaus gut jedoch die Chance eines FGM-Verbotes, da dies auch von vielen Männern befürwortet wird – vorausgesetzt diese überwinden ihre Scham, überhaupt darüber zu sprechen.

Das Treffen im Parlament verlief wie alle Begegnungen im Irak in herzlicher, interessierter Atmosphäre. Die Menschen im kurdischen Nordirak scheinen fast begierig darauf „ihren“ Irak zu zeigen – mit vielen, vielen Problemen einerseits, andererseits jedoch friedlich und geradezu harmonisch im Vergleich zum Rest des Landes.

Wirtschaftlich und politisch hat Irakisch-Kurdistan alle Möglichkeiten zu einer Demokratie zu werden, in der auch Frauen und ethnische wie religiöse Minderheiten gleichberechtigt leben können, und vielleicht einmal eine Vorbildwirkung für den gesamten Irak und andere Staaten der Region. Internationale Unterstützung in Rat und Tat ist hier sinnvoller denn je; die Chance lebt.

Infos: www.leeza.at


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