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Vom Narrenturm zur psychosozialen Versorgung

  • Donnerstag, 24. Mai 2007 @ 18:03
Gesundheit Eine kurze Geschichte der Psychiatrie

Die Entwicklung der Psychiatrie war im Laufe ihrer relativ kurzen Geschichte von zahlreichen Irrwegen gekennzeichnet, die sie weit weg geführt hat von ihrem Anspruch, Heilkunde zu sein. Der schrecklichste endete in Hitlers Euthanasiegesetz. Die Kasernierung von Irren, im alten Osterreich erstmalig durch den Wiener "Narrenturm" symbolisiert, stieß schon früh auf Ablehnung, wurde aber erst durch die Entwicklung der Psychopharmaka und den Ausbau der extramuralen Versorgung in größerem Ausmaß abgebaut.


Der Narrenturm

Eigentlich war der "Narrenturm", der 1784 in der Mitte des Wiener Allgemeinen Krankenhaus errichtet wurde, ein Symbol des Fortschrittsdenkens. Der fünfstöckige Rundbau mit 139 Einzelzellen war die erste "psychiatrische Abteilung", die einem Krankenhaus angegliedert wurde. Die Turmform sollte die Lüftung begünstigen und Krankheitskeime unwirksam machen. Gleichzeitig machen die dicken Mauern, die kleinen Fenster, die Zellentüren und Kettenringe in den Wänden die Positionierung der psychisch Kranken sichtbar - sie wurden, wie Menschen nach einer Straftat, weggesperrt.

Die Idee "Irre" zu kasernieren, entstand im Rahmen der absolutistischen Staatsidee. Menschen, die als ökonomisch unnütz eingeschätzt wurden, sollten in Korrektions- oder Zuchthäuser gebracht werden. So wurden im 18. Jahrhundert VerbrecherInnen, BettlerInnen, "Asoziale", "unmoralische" Personen, Waisen, Krüppel und Kranke festgenommen und nach Möglichkeit für die Arbeit in staatlichen Manufakturen eingesetzt. Menschen, die als "Dorftrottel" oder in klösterlicher Betreuung ein relativ unauffälliges Leben geführt hatten, wurden plötzlich als Bedrohung der öffentlichen Ordnung eingeschätzt. Der Obrigkeit waren Eigenheiten und Ausdrucksformen - ihre "animalischen" Wesenszüge - ungeheuer. Gleichzeitig wurden " Tobsüchtige" bei Jahrmärkten als Attraktionen zur Abschreckung und Belustigung in Käfigen vorgeführt.

Johann Christian Reil - die Medizin entwickelt die Psychiatrie

Psychisches Anderssein, psychische Probleme wurden als philosophische und nicht als medizinische Problematik empfunden. Idealistische und naturphilosophische Richtungen stritten sich darum, ob der Geist vom Körper abhängig sei und Wahnsinn somit einen seelischen oder einen körperlichen Defekt darstelle.

Ein neue Art der Einschätzung und des Umgangs mit - nun als psychisch krank angesehenen - Menschen begründete der Mediziner Johann Christian Reil (1759-1813), der in Halle und Berlin lehrte und den Begriff der "Psychiatrie" prägte. Reil setzte sich dafür ein, dass zur Therapie aller Krankheiten nicht nur die körperlich-medizinische, sondern auch die psychische Kur gehöre. Seine gesamt medizinische Sichtweise, die von der Romantik beeinflusst war, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Die preußische Staatsreform regelte das Anstaltswesen neu - zugeschnitten auf die Erfordernisse der preußischen Verwaltung. Unbedingter Gehorsam der PatientInnen wurde mit Heilung gleichgesetzt, Uneinsichtige wurden einfallsreichen körperlichen Torturen (Behandlungen) ausgesetzt. Auch wenn von wissenschaftlicher Seite schon bald gegen körperliche Züchtigung Einspruch erhoben wurde, blieben die PatientInnen dem Druck der Disziplinierung ausgesetzt. "Irre" waren für ihren Zustand verantwortlich und mussten, wenn schon nicht körperlich so doch psychisch diszipliniert werden. In Verkennung humanitärer Ziele wurde Heilung als Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen um jeden Preis angestrebt.

Erst Wilhelm Griesinger (1817-1868) forderte - allerdings vergebens - eine Ende der Kasernierung psychisch Kranker, denen in lokalen Anstalten ein individuelles Maß an Freiheit gewährt werden sollte.

Psychoanalyse und NS-Euthanasiegesetz

In Österreich war die Entwicklung der Psychiatrie mit der Einrichtung des Narrenturms stagniert. Erst die Arbeiten Sigmund Freuds (1856-1939) und Julius Wagner-Jauregg (1857-1940) gaben der Psychiatrie neue Impulse.

Die Psychoanalyse entdeckte und berücksichtige die individuelle Psychodynamik und stellte mit ihrer Theorie die bürgerliche Gesellschaft und ihre Werte infrage. Freuds umstrittene Behandlungsmethoden wurden vor allem zur Behandlung neurotischer Störungen angewandt. Wagner-Jauregg behandelte mit seiner "Malaria-Kur" PatientInnen mit progressiver Paralyse. Mit dieser somatischen, auf den Körper ausgerichteten Ursachenforschung verbesserte Wagner-Jauregg die Therapiemethoden für psychische Erkrankungen, die als unbehandelbar galten.

Gleichzeitig manifestierte sich eine rigide Gegenbewegung und klassifizierte Psychosen als "Erbkrankheiten", denen therapeutisch nicht beizukommen sei. Alfred Ploetz (1860-1940) prägte den Begriff der "Rassenhygiene" und gründete 1905 eine gleichnamige Gesellschaft mit Ortsgruppen in Deutschland und Österreich. Auf der Basis früherer Überlegungen zur Sterbehilfe entwickelten der Jurist Karl Binding (1841-1920) und der Psychiater Alfred Hoche (1865-1943) ihre Forderung nach der "Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Diese menschenverachtenden Ansätze wurden in der NS-Zeit rigoros umgesetzt. 100.000 bis 200.000 Erwachsene und 5.000 Kinder wurden Opfer von Hitlers Euthanasiegesetz. Hinzu kamen die Zwangssterilisierung von bis zu 350.000 "erbkranken" Menschen und zahllose erzwungene Abtreibungen. Widerstand gegen diese Praktiken erhob sich nur vereinzelt.

Das Zeitalter der Psychopharmaka

Nach dem Schock der NS-Gräuel wurden in Deutschland und Österreich neue Ansätze in der Psychiatrie gesucht. Mit der Verwendung von Psychopharmaka, die 1952 mit der Einführung des Chlorpromazin (Megaphon) einsetzte, ließ sich die Verweildauer der PatientInnen in psychiatrischen Anstalten mitunter erheblich verkürzen oder gar vermeiden. Gleichzeitig wurden begleitende Behandlungsmethoden wie Beschäftigungs- und Bewegungstherapien, Sport und Gymnastik entwickelt.

Auch wenn Psychopharmaka neue Lebensmöglichkeiten bieten, werden sie - nicht zuletzt von PatientInnen/KonsumentInnen - infrage gestellt. Kritisiert werden unangenehme, reduzierende Nebenwirkungen, unabsehbare Spätfolgen des massiven Einsatzes, Abhängigkeit, lebensbedrohliche Entzugssymptome sowie mangelhafte wissenschaftliche Forschung.

Seit den 60er Jahren kritisieren immer wieder PsychiaterInnen und Angehörige von Betroffenen die Ausgrenzung von unangepassten Menschen. Diese Ausgrenzung und Isolation erfolgt heute vermehrt durch den Einsatz von starken Medikamenten. Aus den äußeren Mauern des Narrenturms formten sich innere Mauern der Psyche. Die Paradigmen der Psychiatrie haben sich im Laufe der 200 Jahre also nicht geändert. Menschen mit psychosozialen Problemen werden als "psychisch Kranke" weiterhin ausgesondert, diskriminiert und vom normalen gesellschaftlichen Leben abgeschnitten.

Demokratisierung der Psychiatrie und regionale psychosoziale Versorgung

"Wir bemühen uns, die psychiatrische Anstalt in ein Zentrum umzuwandeln, das, soweit wie möglich, gemeinschaftlich geführt werden soll, und gleichzeitig sind wir gegen unseren Willen in eine soziale Wirklichkeit eingegliedert, die in höchstem Grad repressiv und am Leistungsprinzip orientiert ist; wir wollen gemeinschaftlich an den Geisteskranken herantreten, um ihn aus dem Zustand der Regression, in den er gebracht wurde, herauszuführen, und dabei riskieren wir, in ihm eine neue Fehlanpassung an das institutionalisierte Klima der Gesellschaft hervorzurufen." (Franco Basaglia)

Die gesellschaftspolitische Entwicklung, die 1968 zum Höhe- und Wendepunkt gelangt ist, hat ihren Niederschlag auch in der Psychiatrie gefunden. Der italienische Psychiater Franco Basaglia (1924-1980) wurde zum prominentesten europäischen Vertreter einer demokratischen Psychiatriekritik und -reform, die sich von Triest aus ansatzweise über Europa und Lateinamerika verbreitet.

So engagierte sich Ende der 70er Jahre auch eine Gruppe kritischer LinzerInnen für die Demokratisierung der Psychiatrie und gründete 1981 den Verein für psychiatrische Nachsorgeeinrichtungen (seit 1997 EXIT - sozial. Verein für psychosoziale Dienste). Motiviert von der Erfahrung und Theorie Basaglias eröffnete der Verein das erste alternative Übergangshaus für ehemalige PsychiatriepatientInnen - das Franco-Basaglia-Haus in Linz - Urfahr, eine demokratische Hausgemeinschaft, in der die BewohnerInnen Mitverantwortung tragen und Mitspracherechte und -pflichten wahrnehmen.

In den folgenden Jahren wurden in ganz Österreich unter dem Titel "Regionalisierung" bzw. "Gemeindepsychiatrie" Konzepte der komplementären, psychosozialen Versorgung entwickelt, in denen der sogenannten extramuralen Versorgung neben der stationär-psychiatrischen ein zunehmender Stellenwert zukommt. Obwohl der Anteil der nicht-medizinischen Fachleute, die nun mit Psychiatrie-PatientInnen arbeiten, stark zugenommen hat, obwohl sozialarbeiterische, psychologische, psychotherapeutische u.a. Perspektiven und Angebote unverzichtbar geworden sind, ist die medizinische Institution Psychiatrie noch immer vorherrschend. Ansätze zu einem Paradigmenwechsel haben zwar breiten theoretischen, aber nur sehr schmalen praktischen Niederschlag gefunden.

Die gegenwärtige Entwicklung stellt der Medizinsoziologe Rudolf Forster mit dem Schlagwort "Modernisierung statt Reform" infrage: unter gleichbleibenden Vorzeichen wird der Behandlungsauftrag von den großen Anstalten auf Fachstationen in Krankenhäusern übertragen (klein statt groß); psychosoziale Kontrolle wird von extramuralen Einrichtungen ausgeübt (draußen & bunt statt drinnen & weiß); Subventionen an psychosoziale Vereine sind günstiger als der Erhalt von Krankenhäusern (billige BetreuerInnen statt teuere ÄrztInnen).

Eine wesentliche Entwicklung stellt die Selbstorganisation der Psychiatrie-Erfahrenen dar. Bei der 1. Österreichischen Konferenz der Psychiatrie-Erfahrenen im Dezember 1998 in Linz wurde der Grundstein für die österreichweite Arbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener gelegt, die sich mittlerweile konstituiert hat. Psychiatrie-Erfahrene nehmen ihre demokratischen Rechte wahr und vertreten ihre Interessen, ihre Wünsche, Forderungen und Bedürfnisse selbst.

Quelle: www.exitsozial.at


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