Oder: Wenn ein Intendant zum BĂ€ckermeister wird ... Von Kurt Palm

Linz soll 2009, gemeinsam mit Vilnius, Kulturhauptstadt Europas werden. Intendant von Linz 09 ist Martin Heller, der aus ZĂŒrich stammt und dort die Firma "Heller Enterprises" betreibt, ĂŒber die der Einfachheit halber gleich mehrere Projekte fĂŒr Linz 09 abgewickelt werden. Im Fachjargon nennt man so etwas "UmwegrentabilitĂ€t". Martin Heller verdient als Linz 09-Intendant also nicht nur 183.048 Euro im Jahr (fĂŒr 65 % Arbeitsleistung), sondern schneidet auch noch an der Realisierung diverser Vorhaben durch seine Firma mit. Darauf angesprochen, meinte Heller nur: "Ich bin das Geld wert, das ich verdiene." FĂŒr einen Kulturmanager, der gerne Worte wie "Wettbewerb", "Leistung" und "Markt" in den Mund nimmt, ist diese Sicht der Dinge nicht weiter ĂŒberraschend. So gesehen ist es auch verstĂ€ndlich, dass er kein Problem damit hat, wenn sich der MilliardĂ€r Dietrich Mateschitz mit geschĂ€tzten drei Millionen Euro bei Linz 09 einkauft, um sich durch die UnterstĂŒtzung von Hubert von Goiserns "Linz Europa Tour" in den DonaulĂ€ndern Osteuropas einen musikalisch untermalten Marktauftritt zu verschaffen.

Seither tourt Hubert von Goisern im Auftrag von Linz 09 als Red Bull-WerbetrÀger durch halb Europa und reagiert eher sauer, wenn man ihn fragt, was das alles mit Linz zu hat: "Die Leute sollen nachdenken, sich hinein meditieren und nicht dauernd Antworten verlangen."

Vor diesem Hintergrund klingt es also reichlich absurd, wenn Intendant Heller die Goisern-Tour als "Risikoprojekt" und "Wagnis" bezeichnet, wobei er damit aber gleichzeitig zu erkennen gibt, dass er von der Linzer Musikszene wenig Ahnung hat. Von "Texta", "Attwenger", "*censored*head" oder Cherry Sunkist ist im Linz 09-Programm jedenfalls weit und breit nichts zu sehen. Überhaupt neigt Heller dazu, seine dĂŒrftigen Programmideen mit blumigen Formulierungen zu verzieren. O-Ton Heller: "Aus dem Winter wird FrĂŒhling, aus Zuneigung wird Liebe und aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt der kulturelle Nabel des Kontinents."

So schnell kann es gehen, wenn ein ZĂŒrcher nach Linz kommt und mit dieser Stadt in erster Linie den Pöstlingberg und die Linzer Torte verbindet.

Folgerichtig wird 2009 der Pöstlingberg zum "Heiligen Berg" erklĂ€rt und die berĂŒhmte Mehlspeise in den Mittelpunkt eines ungemein aufregenden Projekts gestellt: "Migranten backen ihre ganz persönliche Linzer Torte und machen sie zur InterventionsflĂ€che." Und ich dachte immer, die Linzer Torte wĂ€re zum Essen da. So kann man sich tĂ€uschen, wenn ein Intendant zum BĂ€ckermeister wird.

Aber auch Hellers Stellvertreter, der aus Bremen stammende Kulturmanager Ulrich Fuchs, hat eine faszinierende Sicht auf Linz anzubieten. In einem Interview sagte er: "Ich hatte noch keine Ahnung von Linz und dachte mir, da fĂ€hrst du jetzt einfach mal hin. Es war sehr schönes Wetter, sehr heiß. Ich bin dann auch mit dieser gelben Bimmelbahn durch die Stadt gegondelt, und es war sofort eine Sympathie da."

Pöstlingberg und Bimmelbahn, auf diese einfachen Begriffe lĂ€sst sich Linz 09 also reduzieren, und zu echt fĂŒhlt man sich dabei an Adalbert Stifter erinnert, der Linz einmal als "Hottentottien" und "Dorf mit Gasbeleuchtung" bezeichnete.

Von einer Aufbruchstimmung ist Linz - zurzeit jedenfalls - weit entfernt, eher macht sich eine Stimmung breit, die Heller aus seiner Heimatstadt kennen mĂŒsste und die in Bestatterkreisen so beschrieben wird: "ZĂŒrich ist zwar doppelt so groß wie der Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig."

Quelle: Der Standard, 21.3.2008