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1918: Ernst Korefs Feindbild

  • Dienstag, 12. November 2013 @ 08:00
Geschichte Nach dem Zusammenbruch der Monarchie im November 1918 und der Ausrufung der Republik erreichte die Rätebewegung eine große Bedeutung. Oberösterreich und hier wiederum besonders Linz war zwischen November 1918 und März 1919 die eigentliche Hochburg der österreichischen Rätebewegung.


Die maßgeblichen Führer der Rätebewegung in Oberösterreich, Richard Strasser, Richard Bernaschek, Franz Kelischek, Emil Baumgärtl, Michael Schober u.a. hatten engen Kontakt zur Massenbasis in den Betrieben, waren bestrebt, das Rätesystem auszubauen und verfolgten gegenüber den Kommunisten eine Politik der Integration auf dem ”alle Proletarier einigenden Räteboden”.

Abgleiten nach links verhindert…

Der Linzer Arbeiterrat betrieb auch energisch die gesamtösterreichische Organisierung der Räte. Julius Deutsch lobte später seine oberösterreichischen Parteifreunde, weil sie die Verbindung zu den radikalisierten Schichten des Proletariats auch in den kritischen Phasen nicht abreißen ließen und damit ein Abgleiten der revolutionär gestimmten Arbeiter in das kommunistische Lager verhinderten.

Bereits am 5. November 1918 wurde der Garnisons-Soldatenrat gebildet. Am 19. Februar 1919 fand in den Linzer Redoutensälen eine vorbereitende Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte statt, welche die am 1. März in Wien stattfindende Reichskonferenz vorzubereiten hatte. Bei dieser Konferenz trat der Soldatenrat Leopold Siharsch bereits als Kommunist auf.

Der Einladung zur ersten überregionalen Tagung der Arbeiterräte am 19. Februar 1919 im Kaufmännischen Vereinshaus in Linz folgten 52 Delegierte, darunter als Gäste auch die Kommunisten Eichinger (Wien) und Heinrich Reisecker (Linz). Richard Strasser, der Führer der Rätebewegung, erklärte, dass die Räte ”nicht mehr bloße Vollzugsorgane der Sozialdemokratischen Partei” sein dürften.

Öffnung der Räteorgane

In der lebhaften Debatte wurde von den Delegierten gefordert, die Räteorgane auch anderen sozialistischen Strömungen, darunter den Kommunisten, zu öffnen. Diese Beschlüsse bewirkten, dass die sozialdemokratische Parteiführung nachgab und für den 1. März 1919 eine gesamtösterreichische Reichskonferenz der Arbeiterräte nach Wien einberief, auf der die in Linz laut gewordenen Forderungen erfüllt wurden.

Nach den Wahlen im Mai 1919 waren von den 310 Mitgliedern des Linzer Arbeiterrates 299 Sozialdemokraten. Die Kommunisten errangen 11 Mandate oder 3,6 Prozent. Im Herbst 1919 beteiligten sich von 24.524 Wahlberechtigten 18.400 (75,4 Prozent) an den Wahlen. Die Sozialdemokraten erhielten 16.376, die Kommunisten 2.024 Stimmen (11 Prozent - der höchste Stimmenanteil von allen Arbeiterratswahlen). Gewählt wurden in Linz 226 sozialdemokratische und 29 kommunistische Arbeiterräte. Nach der Kooptierung von 52 Sozialdemokraten und 3 Kommunisten bestand der Linzer Arbeiterrat wiederum aus 310 Mitgliedern.

Zu den Merkmalen des Linzer Arbeiterrates zählte, dass man das Verhältnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten die meiste Zeit über als korrekt bezeichnen konnte. In der Hauptsache war das ein Verdienst Richard Strassers, der als Vorsitzender über parteiegoistische Grenzen hinweg die Zusammenarbeit aller sozialistischen Strömungen zur Erreichung gemeinsamer Ziele verfocht. Kommunisten waren in den Führungsgremien und Ausschüssen des Linzer Arbeiterrates stärker vertreten als es ihrem Stimmenanteil an den Wahlen entsprach.

So sassen in der Mandatsprüfungskommission neben fünf Sozialdemokraten vier Kommunisten, Fuchs, Weyretbeyer, Glaser und Kallinger, in der elfköpfigen Exekutive Leopold Siharsch, im Politischen Ausschuss Oskar Deubler, im Wirtschaftsausschuss Czepek, im Ausschuss für soziale Fürsorge Wernbacher, als kooptiertes Mitglied Fritz Pürerfellner und im Sicherheits- und Verkehrsausschuss erneut Leopold Siharsch.

Die Linie des Zusammenwirkens ist angesichts der damaligen Haltung der KPÖ mit ihren ultralinken und sektiererischen Schlagseiten, von denen auch die Linzer Kommunisten alles andere als unberührt blieben, keineswegs selbstverständlich oder leicht zu realisieren gewesen. Aber auch gegenüber seinen eigenen, auf dem rechten Parteiflügel angesiedelten sozialdemokratischen Genossen mußte sie von Richard Strasser erst in hartnäckigen, zähen Kämpfen durchgesetzt werden.

Die antikommunistische Linie

Das Gesprächsklima im Linzer Arbeiterrat verschlechterte sich, als im Oktober 1919 mit Ernst Koref ein Mann in das Exekutivgremium als Schriftführer eintrat, der aufgrund negativer Erfahrungen in der russischen Kriegsgefangenschaft eine prononciert antikommunistische Linie verfolgte. Um ihn und einige andere rechte Sozialdemokraten (Dametz, Gruber, Hafner, Häuslmayer, Jetzinger, Kandl) formierte sich eine Gruppe, die es als Aufgabe ansah, den ihrer Meinung nach viel zu starken Linkstendenzen im Linzer Arbeiterrat entgegenzuwirken, womit es nur zu einer Frage der Zeit wurde, bis der Konflikt mit Strasser offen ausbrach.

Die Krise verschärfte sich, als bekannt wurde, dass Strasser mit dem Programm der im Oktober 1919 in Wien gegründeten ”Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Arbeiterräte”, einer auf die volle Durchsetzung des Rätesystems drängenden und rasch an Einfluß gewinnenden sozialdemokratischen Linksopposition, sympathisierte.

Überdies flog auf, dass Strasser auf Ersuchen des Linzer KPÖ-Führers Heinrich Reisecker, der sich dafür journalistisch zu ungewandt fühlte, mehrere Situationsberichte über die politischen und sozialen Verhältnisse in Oberösterreich verfasst hatte, die als anonyme Artikel im KPÖ-Organ ”Die Rote Fahne” veröffentlicht wurden. Der Kreis um Koref zwang Strasser daraufhin, den Vorsitz im Linzer Arbeiterrat zurückzulegen - offiziell als ”Beurlaubung” wegen ”Erkrankung” motiviert. An seiner Stelle übernahm am 1. Mai 1920 Richard Bernaschek provisorisch die Obmanngeschäfte.

Soziale Explosion im Mai 1920

Das Jahr 1920 war in Linz ein Jahr großer sozialer Kämpfe: Am 9. Jänner fand ein Streik der Linzer Leichenträger statt. Am 3. Februar kam es zu einer Demonstration der Kriegsinvaliden, Witwen und Waisen mit teilweiser Besetzung des Landhauses. Am 28. April gab es eine Demonstration der Kriegsinvaliden und von 500 Bauarbeitern. Wenige Tage später, am 10. Mai 1920, kam es in Linz zu schweren Unruhen, die 9 Tote und 30 Schwerverletzte forderten und bis zum 15. Mai andauerten.

Diese blutigen Vorfälle und die Frage nach ihrer Urheberschaft führten den Linzer Arbeiterrat in die schwerste Krise seines Bestehens. Auf der am 12. Mai im Redoutensaal tagenden Vollversammlung gingen die Kritiker an Strassers Linie zum Frontalangriff über. Ernst Koref hielt eine lange und äußerst scharfe Rede, in der er die Arbeiterräte aufforderte, die Kommunisten ”als gehässige Schädlinge der Arbeiterschaft und Urheber des Blutvergießens am 10. Mai öffentlich zu brandmarken”.

Koref beantragte, dass der Arbeiterrat ”jede fernere Mitarbeit” mit der KPÖ ablehnen und die Mandate der kommunistischen Arbeiterräte in den Ausschüssen ”für null und nichtig” erklären solle. Strasser war mit diesem Antrag nicht einverstanden, sah sich aber nicht in der Lage, der durch die Rede Korefs angeheizten Stimmung entgegenzutreten und für das Prinzip der weiteren Zusammenarbeit mit den Kommunisten eine Lanze zu brechen. Der Antrag auf Annullierung der kommunistischen Ausschussmandate wurde angenommen.

Die Anhänger Korefs ließen es aber dabei nicht bewenden, sondern setzten gegen den Willen der Exekutive des Linzer Arbeiterrates in den Sitzungen am 17. und 18. Mai 1920 sogar durch, dass alle kommunistischen Vertreter (32 von 310) aus dem Arbeiterrat ausgeschlossen werden sollten. Daraufhin trat Strasser aus Protest von seinen Funktionen zurück.

Den Bogen überspannt

Mit dem Ausschlussverdikt war allerdings der Bogen eindeutig überspannt worden. Ein Hinauswerfen der Kommunisten aus dem Arbeiterrat hätte seine gängigste Begründung, proletarische Richtungskämpfe auf möglichst friedliche Weise in einem gemeinsamen Verständigungsgremium auszutragen, zunichte gemacht und widersprach der offiziellen Politik des führenden Mannes der gesamtösterreichischen Arbeiterräte, Friedrich Adler, und mit ihm starker Kräfte in der Sozialdemokratischen Partei (Otto Bauer, Robert Danneberg, Julius Deutsch, Julius Braunthal und andere) - die sogenannten ”taktischen Befürworter” des Rätesystems.

Eine Woche später fand sich für den Standpunkt Strassers wieder eine Mehrheit, worauf die beim Reichsarbeiterrat schon beantragte Ausschließung der Kommunisten wieder zurückgezogen wurde. Auch die Ende Mai 1920 in Wien tagende 3. Reichskonferenz der Arbeiterräte ignorierte den Diskussionsbeitrag Korefs, in dem er dazu aufrief, ”mit den Kommunisten aufzuräumen”, völlig. Sie pflichtete den Ansichten Strassers bei, der erneut und demonstrativ als Vertreter Oberösterreichs in den Reichsvollzugsausschuss der Arbeiterräte gewählt wurde und der im Juni 1920 die Führung im Linzer Arbeiterrat wieder übernahm.

In der Folgezeit glätteten sich die Wogen, und das Einvernehmen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten wurde im Linzer Arbeiterrat wiederhergestellt. Negative Nachwirkungen der Mai-Ereignisse blieben für die Linzer Kommunisten aber nicht aus.

Die ”Putsch-Legende”

Zum erstenmal taucht schon hier auch die Verleumdung von einem ”kommunistischen Putsch” in einem Schreiben des großdeutschen Landespolitikers Franz Langoth über die Tätigkeit der KPÖ im Bezirk Freistadt im Zusammenhang mit diesen Unruhen aus.

Langoth ordnete auch die Bespitzelung von Oskar Deubler an, wie aus einem Schreiben der Sicherheitsabteilung der Bezirkshauptmannschaft Gmunden an das Präsidium der Landesregierung hervorgeht, welches auf einen Erlass vom 19. April 1920 Bezug nimmt. Darin heißt es, Deubler ”sei aus Bayern ausgewiesen und könnte dorthin nicht mehr zurück, da ihn dies den Kopf kosten würde”und Langoth habe das Gendarmerie-Postenkommando in Goisern ”jedoch streng vertraulich angewiesen, das Eintreffen des Obgenannten sowie etwaiger sonstiger Mitglieder seiner Familie genauestens in Evidenz zu halten”.

Niedergang der Rätebewegung

Im Herbst 1920 war aufgrund des rückläufigen Trends der revolutionären Bewegung und der damit verbundenen Machteinbuße der Arbeiterräte die Wahlbeteiligung erheblich gesunken. Es wurden 14.007 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf die Sozialdemokraten 13.336 und auf die Kommunisten 651, die damit eine schwere Niederlage einstecken mußten und mehr als zwei Drittel ihrer Stimmen verloren. Die Sozialdemokraten erreichten 156, die Kommunisten 5 Mandate. Viele kommunistische Wähler wanderten zum linken Flügel der Sozialdemokratischen Partei ab, deren Exponent Strasser war.

Die letzten Arbeiterratswahlen im Sommer 1922 brachten zwar eine Steigerung der Stimmenzahl, sie waren aber politisch bereits bedeutungslos, weil sich die Kommunisten nicht mehr beteiligten und der Arbeiterrat seiner Auflösung entgegenging. Im Linzer Bezirksarbeiterrat betrug die Gesamtstimmenzahl 24.529. Gewählt wurden 224 Mandatare, die alle der SDAP angehörten.

Die Rätebewegung in Steyr

In Steyr versuchte die KPÖ anfänglich über den Wehrausschuss die Bewaffnung aller Steyrer Werksarbeiter in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten voranzutreiben und aus den Räteorganisationen ein Bindeglied zwischen den beiden proletarischen Parteien, der SDAP und der KPÖ, zu schaffen. Im Steyrer Arbeiterrat war die KPÖ bei der ersten Wahl im November 1918 noch nicht vertreten und es entfielen alle 24 Mandate auf die SDAP.

Bei den Wahlen im April 1919 erreichte die KPÖ zwei (SDAP 113), im Oktober 1919 drei (SDAP 115) und im Jahre 1921 dann sieben (SDAP 101) Mandate. In der Nacht zum 24. Oktober 1920 kam es zu einem großangelegten Waffendiebstahl aus Heeresbeständen zur Bewaffnung des Arbeiterrates. Maßgeblich beteiligt daran waren der Magazineur und KPÖ-Betriebsrat Johann Bauernfeind (geb. 1880) sowie Ludwig Grubelnig, Wehrmann in der Kaserne und KPÖ-Funktionär im Bezirksarbeiterrat, der jedoch später Obmann der sozialdemokratischen Militärsektion wurde.

Literatur:
- Hautmann Hans, Die verlorene Räterepublik, Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs, Europa-Verlag, Wien-Frankfurt-Zürich, 1971
- Hautmann Hans, Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918 - 1924, Wien-Zürich 1987
- Reisenberger Veronika, Der Linzer Arbeiterrat 1918 - 1924, Hausarbeit aus Geschichte (ungedruckt), Salzburg 1978
- Strasser Richard, ein Rückblick auf den Linzer Arbeiterrat, in: Oberösterreich und die Novemberrevolution 1918. Für seine Landsleute zusammengestellt von einem Oberösterreicher, Linz 1928

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