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Salzburger Amigos

  • Montag, 28. Januar 2008 @ 15:20
Kultur O.P. Zier beleuchtet in „Tote Saison“ das Kulturleben in der Salzburger Provinz. Von Franz Fend

Gewiss, O.P. Zier merkt zu seinem jüngsten Roman an, dass sämtliche Figuren frei erfunden seien und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen rein zufällig sei. Doch wie der Zufall so spielt, stellte sich beim Rezensenten während der gesamten Lektüre von „Tote Saison“ das Gefühl ein, das ganze Figurenensemble irgendwie aus der Realität zu kennen. Gewiss, O.P. Zier überhöht so manches satirisch in seinem Roman, er abstrahiert und verfremdet den Stoff.

Diese Abstraktion dient einzig dem Ziel, den Blick auf das Wesentliche seines Prosa-Textes, nämlich auf die zumeist verschleierten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge in der österreichischen Provinz zu erleichtern. „Tote Saison“ ist kein Schlüsselroman in dem Sinne, dass dem Personal und der Handlung konkrete vorangegangene Ereignisse zu Grunde lägen, aber er zeigt die gesellschaftliche Verfasstheit einer Region, deren Eliten ihr Politikverständnis dem absolutistischen Feudalismus entlehnt haben dürften und deren Methoden eine frappante Verwandtschaft zu jenen der heiligen Inquisition aufweisen. O.P. Zier verfremdet das Geschehen bis zu seiner Kenntlichkeit und zeigt damit, dass die Verortung des Romans nicht zwangsläufig im salzburgischen Pongau sein muss, sondern in jeder anderen Region Österreichs sein könnte.

Doch der Reihe nach: Die Hauptfigur und der Ich-Erzähler des Romans, der Schriftsteller Werner Burger (wir kennen ihn bereits aus anderen Prosa-Arbeiten Ziers), wird des Mordes an der Kulturbeamtin des Landes Salzburg und der Tochter des früheren Landeshauptmannes, Barbara Lochner, verdächtigt und in Untersuchungshaft genommen. Sie wurde aus dem fünften Stock eines Rohbaus gestoßen, wo sie mit Burger verabredet war. Die Indizienkette, die gegen den Schriftsteller spricht, scheint lückenlos. Noch dazu, wo sich der Schriftsteller mit Lochner und deren Vorgesetzten in der Landeskulturbürokratie öffentlich aufs heftigste angelegt hatte.

Ein Motiv wäre also ebenfalls vorhanden. Burger scheint den dunklen Mächten, in Politik, Verwaltung und Justiz hilflos ausgeliefert. Der Rechtsanwalt und frühere Schulfreund Burgers, den dieser in seiner Not zu Hilfe gerufen hat, scheint sich auch mehr für Pferdezucht und die Salzburger Loden-Schicki-Mickies zu interessieren, als für den unschuldig inhaftierten. Doch O.P. Zier belässt es nicht bei einer fatalistischen Stimmungsbeschreibung und larmoyanter Opfer Pose des Verdächtigen. Mit einer klugen Dramaturgie von Rückblenden erkundet Zier die Umstände die zur Verhaftung seines Protagonisten geführt haben.

Da ist der Lehrer und Kulturvereinsaktivist Erwin Lang, der von der hinterfotzigen Gemeinheit und Durchtriebenheit der Kulturbürokratie um seinen Verstand gebracht worden ist, und schließlich in der geschlossenen Abteilung der Landesnervenklinik landete. Denn die hierorts vorherrschende Partei mit christlichem Hintergrund, ist der Auffassung, dass ihr ausnahmslos alle Kulturvereine des Landes gehören und wer unter diesen Umständen die eigene Unabhängigkeit hervorkehrt, wird nach allen Regeln der Kunst abmontiert und in den Ruin getrieben.

Werner Burger deckt bei seinen Recherchen ein feines, aber dichtes Netz eines Bürokratie- und Politklüngels auf, das zwecks eigenen Machterhalts alles nieder macht, was sich ihm in den Weg stellt. Die Rechercheergebnisse Burgers lassen beim Leser die Anteilnahme mit der Ermordeten schwinden und dem Ich-Erzähler kommen zunehmend Zweifel an seiner eigenen Unschuld. Denn was er bei seinen Erkundungen aufdeckt, würde einen Totschlag, wenn schon nicht einen Mord, allemal rechtfertigen. Erst nach seiner überraschenden Freilassung kann Burger die wirklichen Hintergründe des Mordes erkunden. Die Auflösung ist überraschend, aber durchaus stimmig.

O.P. Zier zeigt mit seiner Arbeit die Kehrseite der ländlichen Idylle, die von der Tourismuswerbung lautstark zu Markte getragen wird. Und er kehrt – darin ist er mit dem großen Franz Kain verwandt – das soziale Unterfutter der Region hervor, von dem sonst nur Wenige sprechen. Zier lässt seinen Protagonisten erste Klassenerfahrungen machen, wenn er ihn an die Begehrlichkeit des Eisenbahnerbuben dem schönen Spielzeug eines Aristokratenabkömmlings gegenüber erinnern lässt.

Wenn er den Bruder des Protagonisten, einen Arbeiter und Häuslbauer samt familiären Umfeld skizziert, dann zeigt er, dass jenseits von Salzburger Festspielen samt Bergschuh-Aristokratie und bösartigem Polit-Filz ein Leben existiert, das nicht auf den Fremdenverkehrsplakaten affichiert wird. Berührend auch das Treffen mit einem ehemaligen Mitglied des Kulturverwaltungsfilzes, das aber, weil es nicht so funktioniert hat, wie es sollte, auf brutale Weise ausgesondert worden ist, um sein Leben fürderhin im Suff und voll von Rachegelüsten vergehen zu lassen.

So ist „Tote Saison“ ein höchst realistischer Roman. Realistisch nicht in den Sinne, dass der Autor sich eines naiv naturalistischen Nach-Erzählens befleißigen würde, sondern realistisch, weil O.P. Zier die oft verborgenen Widersprüche von harmoniesüchtigen und vermeintlich idyllischen Verhältnissen aufspürt, sie benennt, nicht ohne dazu klar Stellung zu beziehen. Ein brechtscher Realismus könnte man sagen. Zier tut das in einer präzisen, treffenden Sprache, in einem kunstvoll gestalteten Roman. Das macht ihn zu einem der wichtigsten Gegenwartsautoren Österreichs.

O.P. Zier: Tote Saison. Roman, Residenz Verlag, Salzburg 2007



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