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Graue Wölfe im Schafspelz

  • Dienstag, 22. Januar 2008 @ 15:11
Antifa Zur Ideologie und Geschichte türkischer FaschistInnen - und wie beliebt sie in Oberösterreich sind. Von Thomas Rammerstorfer

1. Mai 2007 in Linz: Türkische Faschistinnen überfallen den Demonstrationszug der kurdischen und türkischen Linken, bei den Auseinandersetzungen wird u. a. ein 14-jähriges Mädchen verletzt. Ähnliche Vorfälle gibt es in Vorarlberg, in St. Polten war einige Tage zuvor ein kurdisches Kulturzentrum Tatort eines Anschlages.

24. Mai, wiederum in Linz: Eine Party mit Rednern und Live-Musikern der MHP, der „Grauen Wölfe“: Im Gegensatz zu ihren einheimischen Kollegen müssen sich die türkischen Rechtsextremen nicht konspirativ in Kellerlöchern verabreden, ihr Veranstaltungsort ist das neue Linzer Rathaus...

Wurzeln des türkischen Nationalismus

Der türkische Nationalismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts nach europäischem Vorbild. Innerhalb der „jungtürkischen“ Reformbewegung kursierten sowohl osmanische, als auch panislamistische und türkischnationalistische Ideen. Bedingt durch die Umstände - den unaufhaltsamen Zerfall des Osmanischen Reiches nach der Niederlage im 1. Weltkrieg, der allen Großmachtsträumen ein Ende machte, setzten sich die Nationalisten durch, und unter ihnen der „pragmatische“ Flügel um Mustapha Kemal Atatürk. Die Pantürkisten oder „Turanisten“ hingegen wollten sich nicht auf Anatolien bzw. Kleinasien als türkischem Herrschaftsgebiet beschränken, sie träumten von einem Wiedererstehen des historische Reiches „Turan“, also jenes Landstrichs vom Kaspischen Meer bis in die chinesische Provinz Xinjang, dass als historisches Siedlungsgebiet der Turkvölker gilt. Ein früher Vertreter dieser Ideologie war Enver Pascha, im 1. Weltkrieg türkischer Kriegsminister und als solcher wesentlich mitverantwortlich am Völkermord an den Armenierinnen, später Bandenchef im heutigen Tadschikistan -wo 1922 die Rote Armee ihm und seinen turanistischen Phantasien ein Ende bereitete.

Die Kemalisten hingegen beschränkten sich auf das machbare - und das war die Gründung der türkischen Republik nach der „Befreiung“ Anatoliens. Befreiung sowohl von den alliierten Besatzungsmächten als auch von lästigen „Minderheiten“, wie der griechischen und armenischen Bevölkerung sowie die Zwangsassimilierung der Kurdinnen, die schlicht zu „Bergtürken“ erklärt wurden.

Bis Ende der 30er Jahre wurde es dann still um den großtürkischen Nationalismus. Erst als im Juni 1939 mit der Übernahme der Republik Hatay (von Frankreich) wieder eine territoriale Erweiterung des türkischen Staatsgebiets gelang begannen die Nationalisten wieder von Expansion im großen Stil zu träumen. Geschürt wurden diese Ideen von Nazi-Deutschland, dass die Türkei gerne an seiner Seite im 2.Weltkrieg sehen wollte. Überall entstanden nun, meist von den Nazis finanziert, pro-deutsche und faschistische Vereine. Der wichtigste Vertreter der türkischen Philo-Nazis war Alpaslan Türkes, der für seine Kriegstreiberei schließlich auch ins Gefängnis musste. Nach dem Ende des Krieges machte Türkes zuerst Karriere bei der Armee und gehörte 1960 zu den Obersten, die gegen die Regierung Menderes putschten. Ab 1964 begannen Türkes und seine Anhänger mehr und mehr die „Republikanische Bauern- und Nationalpartei“ zu übernehmen, die 1969, als er den Vorsitz übernahm, in „Nationalistische Bewegungspartei“ (MHP) umbenannt wurde. Die neue Partei lebte weniger von eigenen Ideen als vielmehr von Feindbildern: Ob die USA oder die UdSSR oder die ethnischen Minderheiten und natürlich die jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung: alle hatten es auf die Türken abgesehen.

Die MHP von den 70ern bis heute

In den 70ern war die MHP in mehreren Rechts-Regierungen, ihre eigentliche „Aufgabe“ lag jedoch woanders: Im blutigen, mit terroristischen Methoden geführten Kampf gegen ihre Gegnerinnen, gegen Kommunistinnen und andre Linke, gegen Kurdinnen, Armenierinnen, Griechinnen und Jüdinnen. Mehrere tausend politische Morde gehen auf das Konto der Kampfgruppen der „Grauen Wölfe“. 1980 beendete ein Militärputsch den bürgerkriegsartigen Zustand, alle Parteien, auch die MHP wurden verboten. „Unsre Ideen sind an der Macht, unsre Kader aber im Gefängnis“ meinte damals der MHP-Funktionär Agha Oktay Güner resignierend. In den 80ern folgten durch den steigenden Einfluss islamistischer Ideen interne Turbulenzen, die auch nach der Wiederzulassung 1987 anhielten und schließlich zu mehreren Abspaltungen führten. 1992 gründeten ehemalige MHP-Kader die islamistisch-faschistische BBP („Große Einheitspartei“).

In den 90ern könnt die MHP allerdings wieder einiges an Boden gut machen: chauvinistische Hetze gegen die Kurdinnen, ein strammer Anti-EU-Kurs und nicht zuletzt ein teilweiser Verzicht auf allzu militantes Auftreten brachten 1999 bei den Parlamentswahlen das Rekordergebnis von 18,4 % der Stimmen; bei der letzten Wahl immerhin noch über 14 %. Die MHP hat sich auf hohem Niveau stabilisiert.

Türkische Faschistinnen in OÖ

Noch stärker ist ihr Einfluss bei den „Auslandstürkinnen“. In Österreich gehören etwa 50 Vereine zur „Föderation der Türkisch-Demokratischen Ülkücü-Vereine in Europa“. Obwohl es immer wieder zu Gewalttaten aus deren Umfeld gegen Linke und/oder Kurdinnen kommt stehen diese nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes (in Deutschland hingegen seit Mitte der 70er). Durchaus Erwähnung finden die „Grauen Wölfe“ hingegen regelmäßig im „Suchtmittelkriminalitäts-Jahresbericht“ des Innenministeriums: als „politisch motivierte Tätergruppe“ im Heroingroßhandel.

Hochburgen der MHP in Oberösterreich sind Linz und Traun. Mit „Radyo Gurbet“ verfugen die türkischen Rechtsextremen auch über eine eigene Radiosendung, die zweimal wöchentlich via Radio FRO zu den Hörerinnen gelangt. Inwieweit man bei den FRO-Macherlnnen - zu den Besitzern gehören verschiedene Initiativen, die zweifelsfrei keine Sympathien für faschistische Propaganda haben, etwa KUPF, KAPU und Stadtwerkstatt - über den Charakter der Sendung informiert sind, ist nicht bekannt. Würden sie sich informieren wollen, wem sie hier Sendezeit schenken, sie müssten nicht allzu lange suchen, denn für ihr Faible für Militanz und Nationalismus machen die Linzer „Grauen Wölfe“ kein Geheimnis: auf der Starseite ihrer Homepage (www.linzulkuocagi.com') posiert ein junger Mann mit Maschinenpistole vor einer türkischen Flagge.

Mangelnde Sensibilität im Umgang mit Rechtsextremismus kann man den FRO-Macherlnnen leider auf in mehreren Fällen attestieren: So werden auf ihrer Homepage (konkret von der Sendung „Islam im Gespräch“, siehe http://www.fro.at/sendungen/islam/Gerhoch.htm) nach wie vor Texte des Weltverschwörungstheoretikers Gerhoch Reisegger beworben. Dieser Umstand wurde bereits im September 2003 vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und 2006 von der Zeitschrift ContextXXI öffentlich kritisiert - ohne Erfolg. Reisegger ist laut Norddeutschen Rundfunk „eine Größe in der Neonazi-Szene“ und begeistert sein meist rechtsradikales Publikum mit abenteuerlichen Verschwörungsfantasien. Und neben „Islam im Gespräch“ und „Radyo Gurbet“ gibt’s auf FRO schließlich noch eine Propagandasendung der nationalistisch-islamistischen ATIB {Türkisch-Islamische Union).

Quelle: Antifa-Info Nr. 138, Dezember 2007/Jänner 2008. Der Text ist in einer gekürzten und geänderten Fassung erstmals in der Zeitung WADI-News (www.leeza.at) im November 2007 erschienen.


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