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Eugenie Kain: „Flüsterlieder“

  • Samstag, 13. Mai 2006 @ 16:22
Kultur Von Erich Hackl (Die Presse)

Nicht mehr. Noch zu früh. Die erste Nacht, die auf den Tod des Lebensgefährten folgt: Eugenie Kains „Flüsterlieder“ – eine innige Erzählung über Trauer und Glück.

Cloveska ribica, Menschenfisch. So heißt der Grottenolm auf slowe nisch, die namenlose Protagonis tin in Eugenie Kains neuer Erzählung erfährt dies während einer Führung durch die Tropfsteinhöhle von Postojna. Und sie lernt auch, was den Grottenolm vor anderen Lebewesen auszeichnet: Er versteht sich anzupassen. Bei Lichteinwirkung bilden sich Pigmente, die seine helle Haut schützen. Er stellt auf Lungenatmung um, kann seine Augen aktivieren. So übersteht er die Katastrophe, wird bis zu 100 Jahre alt.

Mit dem Bedürfnis, wie ein Menschenfisch unter radikal veränderten Umständen weiterzuleben, geht die Frau in die erste Nacht, die auf den Tod ihres Lebensgefährten folgt. Er ist, ohne ihr Beisein, in einem Krankenhaus an Krebs verstorben, als sie verständigt wird, hat man sein Bett schon in eine Abstellkammer geschoben. Sie setzt sich zu dem Toten, der noch warm ist und weich. „Aber es war nicht mehr sein Gesicht. Die Karikatur eines Schmerzensmannes. Der Tod als Zahnweh verkleidet, über dem linken Ohr die verknoteten Zipfel einer Baumwollwindel. Sie saß da, hielt seine Hand und hatte nicht viel Gedanken.“

Drei Jahre lang haben die beiden mit dem Wissen um die Folgen der Erkrankung zugebracht, aber das mindert nicht die Wucht des Verlustes. Denn sie und er, und ihr Kind, „hatten sich auf die Gegenwart konzentriert, ihr viel Licht und kräftige Farben gegeben, um sie nicht zu übersehen“. Jetzt ist diese Gegenwart vorbei und doch nicht vergangen.

Man könnte meinen, die ersten Stunden nach dem Tod des oder der Geliebten seien leicht auszuhalten. Der eigene Körper reagiert auf das Unfassbare, indem er die Sinne auf Tätigkeiten richtet, die Routine erfordern. Es gilt, die Angehörigen zu verständigen, für Amtswege vorzusorgen, die Todesanzeige aufzusetzen. Kleine bürokratische Formalitäten. Und sich den Erinnerungen zu stellen, die bei der Suche nach den benötigten Dokumenten hochkommen. Während die Frau in der Küche sitzt, im Lichtkegel der Lampe, schläft nebenan das Kind, noch ahnungslos, am nächsten Tag, wenn es von der Schule heimkommt, wird sie es ihm sagen. Bis dahin geschieht wenig und viel zugleich.

„Flüsterlieder“ ist die Chronik einer Winternacht und bringt dabei erzählte Zeit und Lesezeit beinahe zur Deckung. Für eine Elegie ist die Erzählung zu herb, für eine Hommage an den Verstorbenen schwingt sie zu weit aus, hin zur Kindheit und Jugend der Frau, die vielleicht Anfang 40 ist und gelernt hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Natürlich will sie den abwesenden Gefährten nicht loslassen, jetzt, wo er ihr für immer abhanden gekommen ist. Aber sie ist auch gezwungen, an sich selbst und ihr Verhältnis zu ihm zu denken. „Er war fremd geblieben. Er war ihr vertraut geworden in seiner Fremdheit. Sie hatten sich angenähert. Sie waren aufeinander zugegangen, darauf bedacht, den Abstand zu halten, der notwendig war, um einander zu erkennen. In diesem Spannungsfeld entstand Energie, die bleiben sollte. Sie ließ sich Liebe nennen.“

In der Erinnerung an diese so vorsichtig benannte Liebe treten Unterschiede zu Tage, wesenhafte wie biografische. Kann sein, der vertraute Fremde hatte es schwerer als die Frau, war ungeduldiger, litt stärker unter den widrigen Verhältnissen für einen, den Unrecht empört. Sie dagegen hatte schon als Kind von Großmutter und Tante gelernt, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. „Damit sie dich wenigstens nicht hinterrücks schlagen können.“ Kain versieht ihre Protagonistin mit Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, die es, den aufgeregten Österreichverächtern zufolge, in Österreich nie gegeben hat: Sie ist in einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen, unter überlebenden Freiheitskämpfern, Frauen vor allem, die Anfeindungen der ehemaligen Mitläufer oder Nazis haben sie nicht schwächen können. Aber es war und ist ein Leben, das Wachsamkeit und Mut erfordert. „Gib immer nur zu, was sie wissen“, ein Gebot, gültig bis in die Gegenwart. (Auch der Verstorbene war Kommunist, Liedermacher zudem, also in Berufung und Gesinnung zweifach an den Rand gedrängt.) Es gab andere Prioritäten als für die Freundinnen und Nachbarn.

Der Muttertag zum Beispiel fiel fast immer mit dem Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen zusammen, in dem ein Großonkel ermordet worden war, also führte der Ausflug ins Konzentrationslager „und war deshalb kein Ausflug. Jedes Jahr fuhren sie nach Mauthausen. Und obwohl es eine Befreiungsfeier war, war Mauthausen der schwerste Tag im Jahr. ,Was macht ihr am Muttertag', fragte die Mutter einer Schulfreundin. ,Wir fahren nach Mauthausen.' ,Mauthausen, das wäre auch einmal eine Idee. Wo kann man dort gut essen?'„

Eugenie Kain schreibt weder verhalten noch schonungslos, dafür nüchtern und poetisch zugleich. Sie ist, mit jedem Satz, ganz bei der Frau und deren Empfindungen. Sie verschweigt nichts, aber sie plaudert auch nichts aus. Es ist einsichtig, dass ihre Erzählung autobiografische Züge aufweist (im Verstorbenen ist Kains Lebensgefährte Gustl Maly zu erkennen, im Vater der Schriftsteller und Politiker Franz Kain), aber die Autorin erpresst die Leser nicht mit dem realen Gehalt des Geschriebenen. Gerade weil sie so überzeugend zu erzählen weiß, will man glauben, dass Kain ihre „Flüsterlieder“ von vorn bis hinten erfunden hat. Oder doch erlitten.

Schon ihre früheren Erzählungen haben sich dadurch ausgezeichnet, dass sie den Helden, Heldinnen Räume öffnet, die Fähigkeit zugesteht, trotz aller Hindernisse zu sich selbst zu finden, sich gegenüber der Welt zu öffnen und ihre Erfahrungen als Gewinn zu verbuchen. So verhält es sich auch mit diesem Buch über eine Zwischenzeit, in der das Selbstverständliche obsolet geworden ist. „So wie immer war es nicht mehr. Für alles andere war es noch zu früh.“

Nicht zufällig stehen der neuen Erzählung ein paar Verse des Dichters Theodor Kramer voran, dem Eugenie Kain in der Bereitschaft, die Fülle des Daseins zu erkunden, ebenbürtig ist. Der Alltag erweist sich bei ihr nicht als Abfolge von Versäumnissen, sondern als Hort von Sehnsucht und Erfüllung. Er ist rauh und schön, beschwerlich und geheimnisvoll. Er bringt Trauer, aber auch alles, was es braucht, dass sie nicht wie ein Schatten der Trauernden folgt. Keine Angst, keine Enge. Und das Leben der sogenannten kleinen Leute wird nicht klein gemacht, sondern groß geschrieben.

Quelle: Die Presse, 13.5.2006, http://www.diepresse.com/home/diverse/literatur/103197



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