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Comandante Che Guevara: Lange lebe der Mythos!

  • Samstag, 14. Juni 2008 @ 08:00
Global Er ist tot. Seit 1967. Aber er lebt weiter auf Banknoten und Briefmarken, Postkarten und Postern, T-Shirts und Swatch-Uhren, als Zigarettenmarke und auf dem Papiertaschentuch Sniff. Er lebt weiter als millionenfach reproduziertes Photo, geschossen 1960 von Alberto „Korda“ Gutierrez, der es jedoch dem „italienischen Verleger Feltrinelli unentgeltlich überließ - und so die Gelegenheit verstreichen ließ, steinreich zu werden. Denn Korda hat zufälligerweise das wohl berühmteste und am besten vermarktete Photo aller Zeiten geschossen: Comandante Che Guevara, christusähnlich mit schwarzem Bart, Hippiefrisur, schwarzer Baskenmütze mit rotem Stern, in eine Zukunft blickend, die er nicht mehr erleben durfte oder musste.

Denn mutmaßlich wurde Che Guevara am 9. Oktober 1967 von bolivianischen Militärs unter Mitwirkung der CIA nach seiner Gefangennahme im bolivianischen Dschungel kaltblütig exekutiert, an den Kufen eines Hubschraubers festgeschnallt und nach Vallegrande (auf halbem Weg zwischen Sucre und Santa Cruz) geflogen, dort in einem Waschraum kurz der Weltpresse präsentiert und anschließend an einem geheimen Ort buchstäblich verscharrt. Selbst die Hände hat man ihm abgehackt, um eine spätere Identifizierung zu verhindern. Denn man wollte vermeiden, dass sein Grab zu einer Wallfahrtsstätte und der Comandante zur Legende wird.

Die Rechnung ist nicht ganz aufgegangen – Che Guevara ist seit 1967 endgültig zum Mythos, zur Ikone des 20. Jahrhunderts geworden, und das christusähnliche Konterfei des Guerilleros strahlt noch immer in aller Welt. Der argentinische Fußballstar Maradona präsentierte sich gern mit seinem Che-Tattoo auf der Schulter. 1992 setzte die US-Rockgruppe Rage against the Machine sein Foto auf ihr CD-Cover Bombtrack, 1997 erschien ein CD-Sampler mit Beiträgen von Liedermachern aus aller Welt unter dem Titel El Che vive! Tribute to Che Guevara. Und zu seinem 35. Todestag im Jahr 2002 haben weltweit elf Verlage Bücher von oder über ihn veröffentlicht. Che lebt weiter im Gedächtnis zahlreicher Menschen in aller Welt - und dies nicht nur in dem einiger Altlinker kurz vor der Rente. Auch viele junge Menschen, die sich von Globalisierung und Neoliberalismus betrogen fühlen, halten den Mythos Che am Leben.

Wer war Che Guevara?

Er wurde als Sohn des Plantagenbesitzers Ernesto Guevara-Lynch und dessen Ehefrau Celia de la Serna am 14. Juni 1928 in Rosario (Argentinien) geboren. Schon im Alter von zwei Jahren erkrankte er an Asthma, worunter er lebenslang zu leiden hatte. Deshalb siedelte die großbürgerlich-liberale Familie zunächst nach Alta Gracia und später nach Córdoba beziehungsweise Buenos Aires um, wo Che trotz seines Asthmaleidens ein leidenschaftlicher Rugby- und Fußballspieler wurde. Schon in seiner Jugend las er Texte von Marx, Engels, Freud und wurde beeinflusst von der Lyrik Pablo Nerudas. Nach seiner Schulzeit begann er in Buenos Aires ein Medizinstudium, das er 1953 abschloss. Während des Studiums reiste er mit dem Motorrad durch Argentinien und gewann dabei eine Wette, dass seine lange Unterhose vor lauter Dreck allein stehen könne. Sein Spitzname „El Chanco“ (das Schwein) hinderte ihn jedoch nicht daran, immer die schönsten Mädchen zu erobern.

1952 bis 1955 unternahm er längere Reisen durch Lateinamerika bis hinauf nach Mexiko, wobei er mit den dortigen Sozialrevolutionären Bewegungen in Kontakt geriet, vor allem in Bolivien und Guatemala. Zeitweise arbeitete er dabei als Arzt in Leprastationen. In diesem Zeitraum entwickelte sich seine Überzeugung, dass die von den USA mitverursachte Massenarmut, Korruption und Unterdrückung in Lateinamerika nur durch eine gewaltsame Revolution beseitigt werden könne. Nach dem von den Vereinigten Staaten unterstützten Sturz der links-gemäßigten Regierung in Guatemala 1954 gelang ihm die Flucht nach Mexiko, wo er als Krankenhausarzt arbeitete und 1955 Verbindung mit den exilkubanischen Revolutionären unter Führung von Fidel Castro aufnahm. Er ließ sich zum Guerillakämpfer ausbilden und erhielt dabei seinen Beinamen „Che“ (argentinisch: „Kumpel“).

Che wird Kubaner

Am 2. Dezember 1956 war Guevara einer der 83 Guerilleros, mit denen Fidel Castro auf dem Schiff Granma an der Südküste Kubas landete, um das Regime des Diktators Batista zu stürzen. Die Guerillatruppe wurde jedoch von Batistas Soldaten fast vollständig aufgerieben, die wenigen Überlebenden, darunter Guevara, flüchteten in die Sierra Maestra, wo es ihnen in relativ kurzer Zeit gelang, die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen und von Las Villas aus eine militärische Offensive gegen das Batista-Regime zu organisieren. Guevara befehligte dabei die 8. Kolonne der Guerilla-Armee und zog nach der siegreichen Schlacht bei Santa Clara am 4. Januar 1959 in Havanna ein. Seither ist der Name Che Guevara Legende.

Das Batista-Regime war gestürzt, Fidel Castro wurde neuer Staatschef und erklärte Guevara zum „geborenen Kubaner“ und zum Präsidenten der kubanischen Nationalbank, später dann, im Februar 1961, „zum Industrieminister (bis 1965). Che hat selbst gern eine Anekdote erzählt, wie es dazu kam: Inmitten seiner siegreichen Guerilleros fragte Fidel Castro nach einem „economista“. Es ging laut zu, deshalb verstand Che „comunista“ und rief in die Runde: „Hier, ich!“

Als Industrieminister trieb Guevara die Enteignungs- und Verstaatlichungspolitik der Castro-Regierung maßgeblich voran und verknüpfte dies mit bildungspolitischen und landwirtschaftlichen Reformen. Mehrfach beteiligte er sich persönlich an der Zuckerrohrernte, um die Arbeiter anzuspornen, deren Trägheit ihn oft bis zur Weißglut reizte und seinen Zigarrenkonsum (Schwarze Havanna) in die Höhe trieb. Durch die Enteignungs- und Verstaatlichungspolitik Guevaras verschärfte sich der Konflikt mit den USA, die schon 1960 ein bis heute wirksames Handelsembargo über Kuba verhängt hatten.

Die daraus resultierenden wirtschaftlichen Probleme und die von den USA unterstützte Invasion von Exilkubanern (1961) – an deren Vertreibung Che Guevara maßgeblichen Anteil hatte – trieben Kuba in die Arme der Sowjetunion, die versuchte, die kubanische Wirtschaft wieder zu einer Zuckerrohr-Monokultur und zum Stützpunkt für ihre Raketen zu machen, weshalb es 1962 zur so genannten Kubakrise kam. 1964 gab Castro dem Druck der Sowjetunion nach, verlagerte den Schwerpunkt der Wirtschaft wieder auf die Zuckerrohrproduktion und vertagte die von Guevara vorangetriebene Industrialisierung „auf mindestens zehn Jahre“.

Und wieder Revolutionär

Nach seiner Reise durch neun afrikanische und asiatische Staaten (u. a. China) im Jahr 1965 resignierte Guevara offenbar gegenüber Castro, legte sein Amt nieder und verschwand aus der politischen Öffentlichkeit, laut einem Brief an Castro vom 1. April 1965, um sich „einem neuen Gebiet im Kampf gegen den Imperialismus zuzuwenden“. Offenbar war er der Meinung, mit der Waffe in der Hand mehr zum Wohl der Menschheit beitragen zu können als von seinem Ministerschreibtisch aus. Derartiges hat vor und nach ihm noch kein an der Macht befindlicher Politiker getan. Vielleicht liegt darin der eigentliche Grund für den Mythos Che Guevara.

Im Kongo schloss sich Guevara den Anhängern des 1961 ermordeten marxistisch orientierten Präsidenten Patrice Lumumba im seit Jahren tobenden Bürgerkrieg an. Aber frustriert vom mangelnden Kampfgeist der Lumumba-Anhänger brach Guevara im November 1966 mit einer kleinen Gruppe von Guerilleros nach Bolivien auf, in der Hoffnung, dort die Massen der verarmten Landarbeiter und Bergleute in den Zinnminen zum revolutionären Aufstand bewegen zu können. Doch der Versuch, in Bolivien „ein zweites Vietnam“ zu schaffen, scheiterte kläglich wegen mangelnder Unterstützung seitens der Bevölkerung und Verrats aus den eigenen Reihen.

Am Ende der Treibjagd gegen Guevaras kleine Guerillatruppe waren 20.000 Mann der bolivianischen Armee seinetwegen im Einsatz. Am 10. Oktober 1967 gab die bolivianische Regierung fälschlicherweise bekannt, Guevara sei während eines Gefechts nahe dem Städtchen La Higuera „gefallen“. In Wahrheit jedoch wurde er nach seiner Gefangennahme regelrecht exekutiert und an unbekanntem Ort verscharrt – nämlich unter der späteren Landepiste des Flughafens von Vallegrande. Erst am 1. Juli 1997 wurden seine sterblichen Überreste wieder entdeckt und auf Drängen Kubas nach Havanna und von dort nach Santa Clara in ein Mausoleum überführt.

Die Ikone des 20. Jahrhunderts

Schon zu Lebzeiten war Guevara wegen seines konsequenten Kampfes gegen Imperialismus, Neokolonialismus und wegen seines Nonkonformismus gegenüber dem „Realsozialismus“ sowjetischer Prägung weltweit Legende, Mythos, Idol und Ikone. Jean-Paul Sartre hat ihn „den vollkommensten Menschen des 20. Jahrhunderts“ genannt, und einer seiner zahlreichen Biographen, Jorge G. Castaneda, hat über ihn geschrieben: „Ernesto Guevara füllte die sozialen Utopien und Träume einer ganzen Generation mit Leben, er verkörperte, auf eine fast mystische Weise, den Geist seiner Epoche. Ein anderer hätte in den sanften und doch zornigen Sechzigern wohl kaum eine Spur hinterlassen. In einer weniger turbulenten und idealistischen Zeit wäre Che Guevara unbeachtet geblieben. Che Guevara hat hauptsächlich dank der Generation, die er inspirierte, als einmalige und denkwürdige Gestalt überlebt. Seine Bedeutung ist keine Folge seiner Taten oder Ideen, sondern seiner fast vollkommenen Verschmelzung mit einer historischen Epoche.“

Als „Jesus Christus mit der Knarre“ hat ihn dereinst der Liedermacher Wolf Biermann besungen – aber ein Heiliger war er mit Sicherheit nicht. Als Politiker machte er ständig Fehler, als Guerillero ist er im Kongo und in Bolivien kläglich gescheitert. Er muss ein schrecklicher Ehemann gewesen sein, dem die Frauenherzen scharenweise zuflogen, und niemand weiß, wie viele Kinder - außer seinen „offiziellen“ fünf aus zwei Ehen - er hinterlassen hat. Che war eben in Wirklichkeit nur mit der Revolution verheiratet. Das jedoch in einzigartiger Ernsthaftigkeit, Integrität und Radikalität.

Deshalb war er auch nicht gerade zimperlich in der Wahl seiner Mittel, um dem von ihm ersehnten Ziel des Sozialismus nahe zu kommen. Er hat als Revolutionär gehandelt, um der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende zu setzen. Che Guevara jedenfalls ist wohl auch deshalb zum Mythos geworden, weil er bereit war, für dieses Ziel als Rebell bis in den Tod zu gehen mit Selbstlosigkeit, Entschlossenheit und der Bereitschaft, etwas zu geben ohne Gegenleistung. Denn er hasste das Unrecht und die Ungerechtigkeit.

Es gibt ein weit weniger bekanntes Photo von Che Guevara: Es zeigt den nackten Leichnam mit offenen, zuversichtlichen Augen und einem ruhigen Lächeln. So ist er gestorben. Mit einem Fluch auf den Lippen. In Bolivien, wo ihn die Menschen erst nach seinem Tod verstanden haben, heißt er seither San Ernesto de la Higuera. Man liebt eben nur die Rebellen, nicht die Rebellion.

Heinz Vestner


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