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Kommunismus und Emanzipation - Stalin und das Maß der Politik

  • Montag, 21. Dezember 2009 @ 08:00
Geschichte Von Walter Baier, 1994 bis 2006 Bundesvorsitzender der KPÖ, tätig im Netzwerk Transform

„Da es Stalin (...) durchzusetzen vermochte, dass er als der legitime Erbe Lenins, als sein authentischer Ausleger, dass er als vierter Klassiker anerkannt werden sollte, hat sich das verhängnisvolle Vorurteil von der Identität der Stalinschen Theorien mit den Grundprinzipen des Marxismus immer mehr verfestigt.“ (Georg Lukacs, „Marxismus und Stalinismus“)

Es gibt eine verhängnisvolle Übereinstimmung zwischen AntikommunistInnen und VerteidigerInnen des Stalinismus. Beide betrachten als eine unumstößliche Tatsache, dass es zu dem von Stalin Ende der 20er Jahre in der Sowjetunion errichteten Herrschaftssystem keine Alternative gegeben habe. Hält aber diese Behauptung einer theoretischen und geschichtlichen Kritik stand?

In einem seiner ersten Werke formuliert Marx als Maxime seines wissenschaftlichen und politischen Programms: „Die Theorie ist fähig die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem (am Menschen) demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein, heißt das Übel an der Wurzel fassen. Die Wurzel aber für den Menschen ist der Mensch selbst“ (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung ).

KommunistInnen, die es ernst meinten, betrachteten seit je den Menschen und seine Emanzipation als Maß der Politik. Letztlich ergibt sich daraus auch der Maßstab für die Beurteilung des Stalinismus und seiner Verbrechen. Doch auch aus historischer Sicht erweist sich die gesellschaftspolitische Wende der Sowjetunion, die mit dem Namen Stalin verbunden ist, keineswegs als jene zwingende Notwendigkeit zu der sie 1938 in der „Geschichte der KPdSU(B). Kurzer Lehrgang“, also der von Stalin persönlich auf dem Wege eines ZK-Beschlusses verordneten Sicht auf die Revolutionsgeschichte erklärt wurde.

Weit eher als eine Notwendigkeit stellt sie sich als eine willkürliche Weichenstellung der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung Repression und Terror heraus. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass sich vom Beginn des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land“ und durch seine gesamte Geschichte ein stetes Ringen um ökonomische, soziale und politische Alternativen abspielte, das allerdings jeweils an Stalin und die ihn selbst überdauernden Strukturen scheiterte - bis diese Strukturen selbst zerfielen. Eine andere These, die - bis heute - zur Abwehr einer vertieften Auseinandersetzung bemüht wird, beklagt einen angeblichen Mangel an wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema.

Auch diese Behauptung lässt sich, sobald man die Fülle der zugänglichen Tatsachen und der Literatur überblickt, nicht aufrechterhalten. Wenn Mangel besteht, so aufgrund einer über Jahrzehnte hindurch verweigerten Auseinandersetzung in vielen kommunistischen Parteien, für den diese selbst und insbesondere die KPdSU die Verantwortung tragen. So lässt sich jedenfalls keine Begründung dafür ableiten, dass die im Namen des Kommunismus - und an ihm - begangenen Verbrechen jahrzehntelang nicht als solche benannt wurden. Zumindest so viel steht heute, zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion fest, dass die Nichtbewältigung dieses schweren Erbes eine der Hauptursachen für den Zusammenbruch des Realsozialismus darstellt.

Stalinismus: Wovon wir reden

Heute mit Rehabilitierungsfragen beschäftigte russische Stellen schätzen die Gesamtzahl der in der Stalin-Zeit verhafteten und internierten Menschen auf mehr als zehn Millionen. Neun Zehntel der Todesurteile wurden in den Jahren 1937 und 1938, d.h. zur Zeit der drei Moskauer Schauprozesse ausgesprochen und vollstreckt. Im Laufe dieser Prozesse erschienen auf der Anklagebank all die Männer, die das Polbüro Lenins gebildet hatten - mit Ausnahme von Trotzki und Stalin.

Die Schauprozesse bildeten die Spitze eines Eisberges. In den Jahren 1937/38 wurden pro Tag 1.000 Menschen erschossen. Über Stalinismus zu reden, erfordert daher, zuallererst über Verfolgung, Einkerkerung, Folterung und Ermordung von Kommunisten durch Kommunisten zu reden. Zu konstatieren ist, dass die opferreichste KommunistInnenverfolgung des 20. Jahrhunderts tragischerweise im Zeichen des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land“ entfesselt wurde.

Die Massenverfolgung hatte vor allem Konsequenzen für den Charakter der kommunistischen Partei. Bereits Jahre vor dem Krieg waren ihre Bezirksleitungen zu 80 Prozent durch Kooptierung von oben nach unten zusammengesetzt worden. Wir reden also nicht über diese oder jene autoritäre Deformation der Partei. Strukturell bedeutet Stalinismus die Durchsetzung der Stalinischen Diktatur über die Partei mittels des NKWD und mittels der Partei über Staat und Gesellschaft. Eine Vielzahl marxistischer AutorInnen betrachtet als entscheidend für das Verständnis dieser Entwicklung jene Wendung, die der Generalsekretär seit 1927/28 in der Agrarpolitik vollzog, und die sich als eine radikale Umkehrung der bisher gültigen Konzeption der Gesellschaftspolitik erwies.

Stalinismus. Leninismus mit anderen Mitteln?

Vor allem die bürgerlich-konservative Geschichtsschreibung stellt Stalin als den Fortsetzer und Vollstrecker der Leninschen Ideen dar. Tatsächlich lief aber die von Stalin angeordnete Durchsetzung der Kollektivierung mittels der „außerordentlichen Methoden“ auf einen Rückgriff zu den Mitteln des Kriegskommunismus hinaus. Tatsächlich implizierte das einen dramatischen Bruch mit der von Lenin entwickelten Idee eines „Sozialismus als System zivilisierter Genossenschaften“.

Zwischen 1930 und 1932 wurden im Zuge der „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ (nach den vorsichtigsten Schätzungen) rund eine Million Familien, d.h. vier bis fünf Millionen Menschen zwangsweise in entlegene Gebiete der Sowjetunion umgesiedelt. Die Kollektivierung wurde zur militärischen Aktion, zum Bürgerkrieg. Das Chaos und die Widerstände, die sie hervorrief, und weil, um die Industrialisierungsziele zu finanzieren, große Getreideexporte beschlossen wurden, kam es in den Jahren 1932 und1933 zu Hungersnöten, denen - wiederum den vorsichtigsten Schätzungen zufolge - drei bis vier Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Zu den düstersten Seiten des Stalinismus zählt schließlich der planmäßige Einsatz des Terrors als Faktor der Industrialisierung: Der Erste Fünfjahresplan war 1929 im Wesentlichen noch auf Basis der Neuen Ökonomischen Politik entwickelt worden. Zwar wurde ein beachtenswertes industrielles Wachstum erreicht, trotzdem entstand eine wachsende Kluft zwischen den proklamierten Zielen und den tatsächlichen Resultaten, die durch Propaganda allein nicht geschlossen werden konnte.

Das Wachstum sollte nun auch durch den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeit beschleunigt werden. Berija, der Jagoda und Jeschow - beide wurden als „Konterrevolutionäre“ erschossen - als Leiter des NKWD nachgefolgt war, hatte zur Bewältigung der Aufgaben des Dritten Fünfjahresplans Arbeitskräfte bereitzustellen. Anfang 1940 bestand der GULAG aus 53 Arbeitslagern, 425 Arbeitsbesserungskolonien (davon 170 Industriebetriebe) und 50 Kolonien für Minderjährige mit insgesamt 1,7 Millionen Häftlingen. Das NKWD stellte in diesem Jahr Arbeitskräfte für 17 Wirtschaftszweige und 13 Prozent aller Investitionsvorhaben der Sowjetunion. Die Umerziehung war zur Sklavenarbeit degeneriert, bei der an Menschenleben ein unerhörter Raubbau betrieben wurde.

„Marxismus-Leninismus“ - Stalinismus

1956 rechnete der 20. Parteitag der KPdSU zwar mit den Exzessen der stalinistischen Repression ab. Das Thema Stalinismus kann damit aber nicht als erledigt betrachtet werden. Eine zentrale Rolle spielte seit Mitte der Zwanziger-Jahre der Begriff „Marxismus-Leninismus“, das heißt die Umwertung und Kanonisierung des Werkes Lenins. Dabei darf eines nicht missverstanden werden.

Bei der Kritik dieses Begriffes ist weder Marx noch die Stellung, die Lenin als Theoretiker und Praktiker der Revolution bereits zu Lebzeiten eingenommen hat, das Thema. Lenins Rückkehr zu Marx wurde mit Recht der Verfälschung der Marxschen Theorie durch die Vertreter der 2. Internationale entgegengehalten. Sein Werk galt und gilt als ein Modellfall der Anwendung der Marxschen Denkmethode; jedoch nicht, und das ist der entscheidende Unterschied, als die einzig mögliche Variante der Entwicklung und Propagierung des Marxismus.

Selbst nachdem der „Kurze Lehrgang“ aus dem Verkehr gezogen worden war, ohne dass allerdings die meisten seiner grundlegenden Thesen einer Kritik unterzogen worden waren, wurde unter dem Begriff des „Marxismus-Leninismus die Stalinsche Dogmatik weiter tradiert. Andererseits bildete ein lange Zeit umstrittenes Diskussionsthema unter KommunistInnen, ob der Begriff „Stalinismus“ verwendet werden soll. Selbstverständlich lassen sich große historische Prozesse weder im Guten noch im Schlechten aus dem Wirken einer einzelnen Person erklären. Ohne die damit zusammenhängende historische Bedeutung des 20. Parteitags der KPdSU zu schmälern, stellte der von Chrustschow verwendete Begriff „Personenkult“ bei der Bezeichnung des stalinistischen Herrschaftssystems eine Einengung dar.

Es wäre sinnlos, die Auseinandersetzung mit der Geschichte um die Verwendung eines speziellen Begriffs führen zu wollen, wenn in der Sache selbst Übereinstimmung besteht. Aber immerhin war es tatsächlich Stalin, der, indem er die Serie der Fraktionskämpfe an der Spitze der Partei für sich entscheiden konnte, an die Stelle der politisch-intellektuellen Auseinandersetzung seine Kontrolle über den Parteiapparat und über den Apparat die der Partei durchsetzen konnte. Das ermöglichte ihm immer mehr jeden öffentlichen Widerspruch gegen das von ihm forcierte Modell der Gesellschaftsentwicklung mittels Terror zu unterbinden, und mehr noch, den Terror selbst zu einem wesentlichen Element der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zu machen. Erstmals wurde der Begriff „Stalinismus“ von bolschewistischen Führern, wie Trotzki, die Stalin in den Fraktionskämpfen unterlegen waren, verwendet.

Von Trotzki stammen auch erste Versuche einer theoretischen Darstellung. Stalinismus sei der „Sieg der Bürokratie über die Massen“, in einem „totalitär bürokratischen Staat“ schrieb er 1936( „Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie?“) Ab den 30er Jahren fand der Begriff Eingang in die Debatten linker Sozialwissenschaftler im Westen und in der Sozialdemokratie. In den 60er Jahren griff ihn die Frankfurter Schule auf. Aus dieser Tradition stammt die bekannte Definition des Begriffs Stalinismus von Werner Hofmann als „jenes Exzesses der Macht, der nicht in den Aufgaben der Erziehungsdiktatur gründete „ („Was ist Stalinismus?“).

1970 erschien Georg Lukacs' „Marxismus und Stalinismus“. In den Diskussionen der meisten Kommunistischen Parteien spielte der Begriff Stalinismus bis Ende der 80er-Jahre kaum eine Rolle, was weniger eine Frage der Wissenschaft denn der Politik war. Auch das erleichterte es den Konservativen, sich des Begriffs „Stalinismus“ zu bedienen, ihn zum antikommunistischen. Kampfbegriff zu machen und mit Sozialismus/Kommunismus schlechthin zu identifizieren.

Legitimität sozialer und politischer Befreiung

Gerade in der jetzigen durch immer stärkere Ungleichheit und globale Gefahren bedrohten Welt ist das der entscheidende Streitpunkt. Sowie der Stalinismus nicht mit dem Kommunismus identisch ist, hebt er auch die Legitimität revolutionärer Bestrebungen nicht auf. Die von den kommunistischen Parteien im vergangenen Jahrhundert auf die Wege gebrachten revolutionären Projekte waren trotz tragischer Fehlentwicklungen heroische Versuche, aus Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung auszubrechen: Sie stellten legitime Antworten auf die bis heute bestehenden gesellschaftlichen Krisen des Kapitalismus dar.

Die sowjetischen Menschen waren es schließlich, die die militärische Hauptlast bei der Zerschlagung des Faschismus trugen. Sie waren wesentlich an der Verhinderung eines Dritten - nuklearen - Weltkrieges und an der Auflösung des Kolonialsystems beteiligt. Darin besteht unter anderem die bleibende historische Bedeutung der russischen Oktoberrevolution. Dies wurde durch den Stalinismus zwar entstellt, aber es wird nicht aufgehoben. Der Kapitalismus ist durch ihn nicht legitimiert.

Quelle: Volksstimme, Nr. 24/2001, 14. Juni 2001


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