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1912: Der Titania-Streik in Wels

  • Mittwoch, 7. März 2012 @ 08:00
Geschichte Die Titania-Werke in Untereisenfeld, ehedem Gemeinde Pernau, waren auf die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen spezialisiert und beschäftigten etwa 120 Arbeiter, als am 7. März 1912 die Bekanntgabe verringerter Akkordsätze einen Tumult auslösten und 107 Arbeiter die Arbeit niederlegten.

Die Streikenden verlangten von der Firmenleitung die Verkürzung der zehnstündigen Arbeitszeit, einen Minimallohn von vier Kronen für Facharbeiter (ein 32-jähriger Schlosser z.B., der seit sieben Jahren im Betrieb beschäftigt war, erhielt drei Kronen 80 Heller pro Tag), sowie eine Grundlohngarantie bei Akkordarbeit. Forderungen, die bereits eineinhalb Jahre zuvor, im September 1910, an die Firmenleitung schriftlich überreicht, von dieser aber nicht einmal beantwortet wurden.

Wachsender Unmut

Für Unmut unter der Arbeiterschaft im Land sorgten die seit Jahren steigenden Lebenshaltungskosten. Die Löhne hielten mit dieser Steigerung nicht Schritt, denn ihre Erhöhung hinkte meist um Jahre nach. Ein Konjunkturaufschwung zu Jahresbeginn 1912 erweckte berechtigte Hoffnung auf Erfüllung länger bestehender Lohnforderungen. Diese Umstände bewogen wohl auch die junge Gewerkschaftsbewegung, bald nach Ausbruch des Streiks im Titania-Werk dessen Führung zu übernehmen.

Abgesehen von geringfügigen Zugeständnissen bei den Löhnen, lehnte die Betriebsleitung aber jedwede politische Forderung, wie arbeitsfrei am 1. Mai, Anerkennung gewerkschaftlicher Vertrauensmänner oder direkte Verhandlungen mit Vertretern der Gewerkschaft ab. Dadurch wurden die Fronten sehr verhärtet. Die Gewerkschaft ließ es auf eine Machtprobe ankommen, und war entschlossen, den Streik fortzuführen.

Breite Solidarität

Dabei war sie sich auch der Solidarität und Opferwilligkeit der Welser Arbeiterschaft sicher, wie aus einem Artikel der sozialdemokratischen „Wahrheit“ vom 21. März 1912 ersichtlich ist, als die Titania-Arbeiter sich bereits 14 Tage im Ausstand befanden.

Der Gewerkschaft gelang es dann zwar, Massen in Bewegung zu setzen in einem Ausmaß und über einen Zeitraum, der uns heute unvorstellbar erscheint. Doch ausgetragen wurde diese Auseinandersetzung letztlich auf dem Rücken der 107 unmittelbar Betroffenen.

Die Betriebsleitung reagierte mit der Aussperrung der streikenden Arbeiter und glaubte, durch einen Hilferuf an ihren deutschen Schwesterbetrieb, „Teutonia-Werke“ in Frankfurt/Oder, die Produktion wieder aufnehmen zu können. Dabei hatte sie sich aber gründlich verrechnet. Am 27. März beschlossen die Frankfurter Arbeiter eine Resolution, in der sie gegen die Haltung des Welser Direktors protestierten, und es ablehnten, als Streikbrecher eingesetzt zu werden.

Die Firma versuchte dann, über Zeitungsinserate und die Arbeitgeberorganisation von auswärts Streikbrecher für die Wiederaufnahme der Produktion am 2. April anzuwerben. Damit wurde aber vorerst nur bewirkt, dass der Streik breiteste Unterstützung und Anteilnahme fand. Vor dem Bahnhof und vor dem Betrieb kam es ab Anfang April fast täglich zu Kundgebungen, an denen oft 2.000 bis 3.000 Personen (lt. WZ am 3.4.: 2.500) teilnahmen, und sogar am Wiener Westbahnhof bewirkten Demonstrationen des Metallarbeiterverbandes bei einigen angeworbenen Streikbrechern, dass sie von ihrem Vorhaben, nach Wels zu fahren, wieder Abstand nahmen.

Symptomatisch für Metallbranche

Im einem Brief an das Statthalterei-Präsidium in Linz schildert der Welser Bezirkshauptmann die entstandene Lage und erklärt, dass es sich bei dem Streik im Titania-Werk nicht nur um einen solchen von hundert Beschäftigten eines Unternehmens handle, sondern um eine symptomatische Bewegung der ganzen Metallarbeiterbranche. Daraus erkläre sich auch die Unterstützung der Streikenden durch ihre Organisation sowie durch die Arbeiterschaft aller Welser Betriebe.

Trotz intensiver Bemühungen hatte die Firmenleitung bis Mitte April erst 26 Streikbrecher einschleusen können, die aber zumeist ungelernte Arbeiter waren. Die Auseinandersetzungen wegen Streikbrechern hatten allerdings schon einigen Titania-Arbeitern unliebsame Bekanntschaft mit den Behörden eingebracht.

Dessen ungeachtet standen Streikposten vor dem Betrieb und wurden solidarisch unterstützt. Die Streikbrecher waren dazu verhalten, den Betrieb nicht zu verlassen - geschlafen wurde in der Lackiererei - und mit Essen wurden sie vom Hotel Greif versorgt.

Am 13. Mai richteten die Titania-Werke einen Brief an die Gemeindevorstehung, mit der Bitte um Freihaltung der Passage vor ihrem Fabriktor, in dem sie sich darüber beklagten, dass ständig seit Ausbruch der „Arbeiterunruhen“ bei ihrem Eingang größere Gruppen nicht nur ihrer Arbeiter, sondern auch Arbeiterfrauen, die doch mit dem Arbeitskampf selbst nichts zu tun hätten, sowie „fremde Elemente“ jedem Verkehr zu und von der Fabrik hinderlich seien. Man hoffe diesbezüglich auf den Schutz der löblichen Stadtgemeindevorstehung und glaube, damit rechnen zu können, dass derartige Belästigungen behördlich untersagt würden.

„Wirksam entgegentreten...“

Eine Gemeinderatssitzung beschäftigte sich am 29. Mai mit diesem Ansinnen und beschloß, an den Bezirkshauptmann und an den Statthalter heranzutreten, um geeignete Maßnahmen zu erflehen, „um derartigen außergewöhnlichen Ausschreitungen wirksam entgegenzutreten“. Angepeilt war ein behördlich erlassenes Ansammlungsverbot. Für ein solches waren die örtlichen Industriellen sogar bereit, einen eventuellen Generalstreik „selbstverständlich gerne“ in Kauf zu nehmen.

Am späten Abend des 1. Juni kam es zu einer Provokation von Seiten einer geschlossenen größeren Gruppe Streikbrecher, die sich um 21 Uhr vom Werk aus, zum Teil bewaffnet, zu einem Gasthausbesuch aufgemacht hatten und dort lauthals über die Streikenden zu schimpfen begannen.

Beim Verlassen des Gasthauses sahen sie sich einer aufgebrachten Menge von mehreren hundert Personen gegenüber. Die Gendarmen konnten nur mit Mühe mit aufgepflanzten Bajonetten den Rückzug der Streikbrecher ins Werk ermöglichen.

Am 8. Juni wurde vom Bezirkshauptmann das Ansammlungsverbot erlassen, und gleichzeitig wurden vom Innenministerium 40 Gendarmen aus Böhmen und Niederösterreich nach Wels abkommandiert. Die Behörden stellten sich damit voll an die Seite der konzentriert vorgehenden Unternehmer, die ihren Beschäftigten die Entlassung angedroht hatten, wenn sie in ihrer Freizeit beim Titania-Werk demonstrieren oder Streikposten stehen.

Große Massenversammlung

Am 11. Juni fand eine Arbeiterversammlung mit etwa tausend Personen statt, wo über die Frage eines Generalstreiks in Wels zwischen christlichsozialen und sozialdemokratischen Gewerkschaftern keine Einigung zustande kam.

Verbal verurteilte man in einer verabschiedeten Resolution die Vorgangsweise der Behörden und erklärte sich mit den kämpfenden Arbeitern solidarisch. Und zum Schluß hin hieß es darin kräftig formuliert: Bei noch weiteren behördlichen Konzessionen an die Unternehmer und Einengung der Freiheit der kämpfenden Arbeiter müßte notgedrungen das Kampffeld erweitert werden, und würde sich die gesamte Welser Arbeiterschaft diesem Schritte anschließen.

Die sich abzeichnende Niederlage dürfte im Anschluß an die Versammlung noch für lebhafte Diskussionen auf der Straße gesorgt haben, wo die zahlreich postierten Gendarmen mit großer Härte selbst gegen unbeteiligte Personen vorgingen, was am darauffolgenden Tag dann auch noch die Stadtgemeindevorstehung bewog, die Bevölkerung in einer Kundmachung auf die bevorstehenden Gefahren aufmerksam zu machen.

Statt eines Generalstreiks bemühten sich in den darauffolgenden Tagen die Gewerkschaftsvertreter, mit der Direktion der Titania-Werke zu einer Einigung zu kommen. Die aber konnte bereits von einer Position der Stärke aus agieren. Klammheimlich war es ihr bereits Anfang Juni möglich, durch Einsatz neuer Maschinen auf die ausgesperrten Facharbeiter zu verzichten, und mit 70 angeworbenen, großteils ungelernten Hilfsarbeitern als Streikbrecher, die ein Jahr zuvor mit hundert, überwiegend Facharbeitern, erreichte Produktion zu übertreffen. Das äußerste Zugeständnis der Direktion war, 21 Streikende ihrer Wahl wiederaufzunehmen, und das ohne Bedingungen. Darauf konnte sich die Gewerkschaft nicht einlassen, woraufhin es aber auch zu keinem Generalstreik mehr kam. Bei den betroffenen Arbeitern kam Niedergeschlagenheit auf. Mitte Juli erklärten Betrieb und Behörde den Streik als beendet.

Die Gewerkschaft beharrte noch bis Ende Juli darauf, dass der Betrieb bestreikt würde, und konnte anschließend nur einem Teil der Streikenden zu einem anderen Arbeitsplatz verhelfen. Die Schwarzen Listen der Unternehmer bewirkten, dass viele der aufmüpfigen Arbeiter noch lange Jahre danach Schwierigkeiten hatten, einen ihrer Qualifikation angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

Arbeiter vor Gericht

Trotz des relativ diszipliniert geführten Streiks mußten sich mehrere der ausgesperrten und gemaßregelten Arbeiter wegen verschiedener ihnen zur Last gelegter Delikte vor Gericht verantworten, und bekamen auch deren Härte zu spüren. So kam es zum Beispiel nach den Vorfällen vom 1. Juni zu einer Verurteilung des Arbeiters Aberl zu einem halben Jahr schweren und verschärften Kerkers, wegen gefährlicher Drohung und Widerstand gegen die Staatsgewalt, während einer der Streikbrecher, der als messerstechender Provokateur auftrat und der einen Arbeiter an der Hand verletzt hatte, freigesprochen wurde.

Dieser beispiellose, fast fünfmonatige Welser Arbeiterkampf war aber auch für einige eine Schule fürs Leben, die sie ihre Stellung in der Gesellschaft besser begreifen ließ, und dazu beitrug, dass sie später, nach den leidvollen Jahren des 1. Weltkrieges, der Sozialdemokratie den Rücken kehrten und in die bald nach Kriegsende gegründete Kommunistische Partei Österreichs eintraten.

Josef Knasmüller




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