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1927: Reaktion schlägt zu

  • Samstag, 15. Juli 2017 @ 08:00
Geschichte Wiener Polizei erschießt am 15. Juli 1927 Arbeiter bei Demonstrationen. Von Hans Hautmann, Historiker, Wien

Am 15. Juli 1927 war Wien Schauplatz eines Ereignisses, das in der Geschichte staatlicher Repression gegen Demonstranten an Brutalität seinesgleichen sucht. Am Ende dieses Tages hatte die Polizei 85 Menschen erschossen. Die Zahl der Verletzten, die nie genau ermittelt werden konnte, belief sich nach Schätzungen zwischen 548 und 1057 Personen. Das geschah im »Roten Wien«, der Hochburg der österreichischen Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratischen Partei, die die Stadt regierte.

Auslöser der spontanen Massenempörung war der skandalöse Freispruch eines Geschworenengerichts für rechtsradikale Täter, die bei einem Zusammenstoß ein achtjähriges Kind und einen 40jährigen kriegsinvaliden Angehörigen des sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbundes durch Gewehrschüsse getötet hatten. Das Urteil reihte sich in das von vier weiteren Prozessen ein, die bereits in den Jahren vorher ähnlich abgelaufen waren: Auseinandersetzungen im Zuge von Versammlungen und Kundgebungen zwischen Arbeitern und Faschisten; Schüsse der Faschisten auf die Arbeiter mit tödlichem Ausgang; milde Urteile gegen die Täter.

Die Arbeiterschaft erblickte in diesen Urteilen, die unter ihr wachsende Verbitterung und Wut hervorriefen, mit Recht eine Manifestation der Klassenjustiz. Der Freispruch im geschilderten Prozess, verkündet am Abend des 14. Juli 1927, brachte das Fass zum Überlaufen.

Gewalttätige Polizei

Als die Nachtschicht der städtischen Elektrizitätswerke vom Urteil erfuhr, beschloss sie für den nächsten Tag eine Protestaktion. Eine Delegation begab sich in die sozialdemokratische Parteizentrale, erhielt dort aber, anders als sonst, keine klaren Weisungen. Die SP-Führung befand sich in dem Dilemma, die Geschworenengerichtsbarkeit stets verteidigt zu haben und wollte, obwohl das Fehlurteil evident war, dagegen nicht offen auftreten. Denn das bürgerlich-konservative Lager schien nur auf den Anlass zu warten, um gegen das Institut der Laiengerichtsbarkeit zum Angriff überzugehen. So entschied man sich, nicht zu entscheiden, und verließ sich darauf, dass man – wie oft mit Erfolg praktiziert – auf die Kundgebung beruhigend einwirken können werde.

Bei Arbeitsbeginn am Morgen des 15. Juli 1927 fanden in allen Wiener Großbetrieben stürmische Protestkundgebungen statt. Die Arbeit wurde niedergelegt, und um acht Uhr waren bereits Tausende Menschen im Anmarsch auf das Stadtzentrum. Um 9.30 Uhr näherte sich die Menge der Demonstranten, die von den Radialstraßen aus den Außenbezirken steten Zuzug erhielt, dem Parlamentsgebäude. Dort hatte die Polizei an der Rampe Stellung bezogen und eine Sperre errichtet. Man stand sich einige Zeit gegenüber; die Kundgebungsteilnehmer beließen es immer noch bei Pfuirufen, Schimpfworten und verbalen Drohungen.

Die Eskalation zum katastrophalen Gewaltausbruch trat ein, als der Leiter des Polizeieinsatzes vor Ort, Stadthauptmann Albert Tauß, eine Reiterattacke mit gezogenen Säbeln gegen die Menge befahl, mit der er sie vom Parlament auf den Schmerlingplatz, dem Sitz des Justizpalastes, trieb. Die Arbeiter bewaffneten sich mit Steinen einer Straßenbaustelle, warfen sie gegen die berittene Polizei und errichteten Barrikaden aus Parkbänken, Teilen von Baugerüsten und Müll¬eimern. Warnschüsse der Polizei aus den Dienstpistolen bewirkten eine weitere Steigerung der Wut. Das Wachzimmer in der benachbarten Lichtenfelsgasse wurde erstürmt, wobei die ersten Demonstranten durch Schüsse der Polizei getötet wurden. Gegen elf Uhr war die Menge, die nun Zehntausende zählte, so angeschwollen, dass die Polizei das Feld räumen und sich auf die Verteidigung des Haupteingangs des Justizpalasts beschränken musste. Um 12 Uhr gelang es einzelnen Demonstranten, über die Fenster in den Justizpalast einzudringen. Die Büroeinrichtungen wurden zertrümmert, Akten auf die Straße geworfen, Feuer gelegt. Eine halbe Stunde später stand der Justizpalast in Flammen. Die Löschzüge der Feuerwehr blieben stecken, weil die Menge ihnen nicht Platz machte.

Inzwischen hatte bereits um zehn Uhr eine Ministerbesprechung am Ballhausplatz im Beisein von Bundeskanzler Ignaz Seipel und des großdeutschen Innenministers Karl Hartleb über den Einsatz des Bundesheeres stattgefunden. Dieser Einsatz unterblieb, weil sich die Regierung der Verlässlichkeit der Soldaten der Wiener Garnison nicht sicher war. Daraufhin erwirkte der Wiener Polizeipräsident Johannes Schober von Seipel die Erlaubnis, Waffen des Bundesheeres ausgehändigt zu bekommen. 600 Wachleute und Polizeischüler wurden mit Karabinern und Scheibenschußmunition ausgerüstet, die an den Opfern verheerende Wirkungen, ähnlich Dumdum-Geschossen, ausüben sollte.

Gegner der Demokratie

Gegen 14.30 Uhr begann die Polizei, in Schwarmlinie über die Reichsratsstraße und den Ring anmarschierend, aus den Karabinern zu feuern; zunächst blindlings auf alle in der Menge, dann systematisch in der Weise, dass man die Demonstranten in die Außenbezirke abzudrängen suchte. Dabei spielten sich entsetzliche Szenen ab. Wer sich eine Vorstellung davon verschaffen möchte, dem sei die Lektüre der Sammlung von Augenzeugenberichten und Dokumenten anempfohlen, die Karl Kraus im Heft der Fackel vom Oktober 1927 unter dem Titel »Der Hort der Republik« abgedruckt hat.

Das Scharfschießen ging in der Innenstadt den ganzen Nachmittag weiter und endete in den Außenbezirken erst am Abend des 16. Juli, als die »Hüter der staatlichen Ordnung« der Lage wieder Herr waren.

Am 15. Juli 1927 übte die österreichische Reaktion blutige Vergeltung für das, was ihr seit dem November 1918 aufgezwungen worden war: Republik, Demokratie, Sozialgesetzgebung, »Rotes Wien«. Organe des bürgerlichen Klassenstaates hatten demonstrierende Arbeiter und Arbeiterinnen förmlich hingeschlachtet. Die politischen und psychologischen Folgen waren enorm. Zum ersten Mal in der Geschichte der Ersten Republik lag vor aller Augen offen, dass weder Mitgliederwachstum noch Wahlerfolge, weder Vormachtstellung in der Bundeshauptstadt noch die bewaffnete Macht des Republikanischen Schutzbundes eine Garantie für den Erfolg des austromarxistischen Weges des friedlichen, evolutionären Hineinwachsens in den Sozialismus bedeuteten.

Der schweren und – wie die Folgejahre zeigen sollten – nicht wieder gutzumachenden Niederlage der Sozialdemokratie stand eine gewaltige Stärkung des bürgerlichen Lagers gegenüber. Ihr Führer Ignaz Seipel, der »Prälat ohne Milde«, gab sich nun nicht mehr mit Kompromissen ab, sondern verfolgte fortan das Ziel der totalen politischen, sozialen und ökonomischen Niederwerfung der Arbeiterbewegung, auch und gerade um den Preis der Beseitigung der parlamentarischen Demokratie. Es sollte nur knapp sieben Jahre dauern, bis sein Nachfolger Engelbert Dollfuß dies in Form des austrofaschistischen »Ständestaates« nach dem zweiten, noch schlimmeren bürgerkriegsartigen Massaker, dem des Februar 1934, verwirklichte.

Quellentext. Karl Kraus: Der Hort der Republik

Die Menschheit, die für die Idiotie ihrer Vaterländer sich ins Chaos gestürzt hatte und überlebend, ihren seelischen Selbstmord überlebend, die größere Schmach nicht mehr empfinden kann, den größeren Weltkrieg zu ersehnen, alles vergessend und nichts mehr im Sinne als den Fortschritt der Vernichtung – welch eine Idylle! (...)

Hier haben das povere Hirn der Vorschriftsmäßigkeit, die sanierte Dreckseele, das Fibelchristentum– mit dem die Luft einer Friedenszeit zu atmen schon tödlich war –, hier hat eine Menschenart, die in ihrer unbesiegbaren Jämmerlichkeit doch den Phönix des Weltbrands vorstellt, hier hat der überschüssige Hass der besiegten Nation, die Rache der geistigen Unterernährung, das dumpfe Gefühl, die anrüchige Spezialität der europäischen Zivilisation zu bilden – hier haben sie, im Bunde und Dienste welttüchtigerer Mächte, befohlen, gebilligt und bejubelt: dass hundert Herzen zu schlagen aufhören, Hunderte aus den Qualen der furchtbarsten Verwundung bleibendes Siechtum davontragen und Invalide eines Polizeikriegs, vom Vaterland preisgegebener als seine ruinierten Beschützer, auf den Straßen betteln werden, über die ihr Blut geronnen ist.

Das ist geschehen, wir haben es erlebt, und wir fliehen nicht zu den Wölfen vor einer Mitbürgerschaft, der das Herz in der Tasche sitzt und die sich mit Diebsfingern die Ohren zuhält vor jedem Menschenton der Klage und Anklage, um tagtäglich die Litanei der Ordnung zu plärren; vor diesem schmählichen Blutbündnis berufsmäßiger Gottesdiener mit den Idealisten des Besitzes, denen das Leben des Nächsten nichts gilt, wenn es gilt, den Raub am Nächsten zu schützen.

Quelle: Die Fackel, Nr. 766–770, Oktober 1927

Aus: junge Welt, 14./15. Juli 2007, http://www.jungewelt.de


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