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Weder ein Heiliger noch ein Drückeberger...

  • Donnerstag, 9. August 2007 @ 06:00
Geschichte Symbolträchtig zum Todestag von Franz Jägerstätter wurde 2006 in Braunau eine Parkanlage nach diesem christlichen Widerstandskämpfer benannt. Der Streit um seine Person hat vor allem in den 90er Jahren hohe Wellen geschlagen: Die einen sehen in Franz Jägerstätter die Personifizierung des christlichen Widerstandes gegen den Nazifaschismus schlechthin und betreiben sogar seine Seligsprechung. Andere unterstellen ihm zumindest indirekt Antisemitismus mit dem Vorwurf, nichts gegen die Verfolgung der Juden gesagt oder geschrieben zu haben, was freilich für fast alle WiderstandskämpferInnen zutrifft, wie der frühere Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW), Wolfgang Neugebauer, feststellte. Beide Seiten interpretieren in den Mesner aus Sankt Radegund im Innviertel Aspekte hinein, die seiner Person nicht gerecht werden.

Reaktionären Kreisen des Kameradschaftsbundes, die im Kriegsdienstverweigerer Jägerstätter ohnehin immer nur einen „Drückeberger“ gesehen haben, kam dies immer schon sehr gelegen. Unter diesem Druck scheiterte in Braunau 1995 eine geplante Straßenbenennung nach Jägerstätter nach einem „Umfaller“ der SP-Fraktion. Die Mehrheit der Mandatare (13 SPÖ, 5 ÖVP, 9 FPÖ) lehnte dies bei Gegenstimme von Bürgermeister Gerhard Skiba und drei weiteren SP-Gemeinderäten, einem ÖVPler und den fünf FMU-Mandataren ab. Nach Jägerstätter benannte Straßen gibt es mittlerweile hingegen in Wien, Linz und Sankt Pölten.

Der „Wüde auf der Maschin“

Jägerstätter wurde als Franz Huber am 20. Mai 1907 als lediges Kind der Magd Rosalia Huber geboren und wuchs bei den Großeltern mütterlicherseits, später väterlicherseits auf, eher seine Mutter 1917 den „Leherbauern“ Heinrich Jägerstätter in Sankt Radegund heiratete. Dieser adoptierte Franz Huber, gab ihm den Namen Jägerstätter und machte ihn zum Hoferben. Weil die Zeiten in den zwanziger Jahren schlecht waren ging der Jungbauer als 20jähriger zunächst als Erntearbeiter im bayrischen Teising und werkte anschließend drei Jahre lang bis 1931 am Erzberg in der Steiermark. Im Bergbau erschrak er über das kirchenfeindliche Milieu und hielt Kontakt zu seinem Pfarrer Matthias Lehner daheim. Jägerstätter wirkte bei den örtlichen Passionsspielen mit, er war aber kein Griesgram. Als der „Wüde auf der Maschin“ hatte er als erster im Grenzdorf St. Radegund ein Motorrad, er zechte, raufte und rannte den Frauen hinterher.

1933 starb sein Stiefvater 49jährig und Jägerstätter musste den Hof übernehmen. Im selben Jahr wurde er Vater einer ledigen Tochter, Mutter war die ledige Magd Theresia Auer vom Nachbarhof. Am Gründonnerstag 1936 zur ungewöhnlichen Zeit um 6.30 Uhr frühmorgens heiratete er Franziska Schwaninger aus Hochburg, eine für diese Kreise ungewöhnliche Hochzeitsreise des tiefreligiösen Jägerstätter ging nach Rom. Bis 1940 wurden dem Ehepaar drei Mädchen, Rosalia, Maria und Aloisia, geboren.

Der „Gründonnerstag Österreichs“

Nach der „Machtergreifung“ Hitlers in Deutschland 1933 beobachtete Jägerstätter sehr aufmerksam die Entwicklung im benachbarten Bayern. Nach der Okkupation Österreichs an Nazi-Deutschland stimmte Jägerstätter trotz „guten Zuredens“ seiner Frau bei der „Volksabstimmung“ im April 1938 als einziger Bewohner von Sankt Radegund gegen den „Anschluss“. Diesen Tag bezeichnete er später als „Gründonnerstag Österreichs“, weil „dort ließ sich die Kirche Österreichs gefangen nehmen“.

Durch das Studium religiöser Literatur, regelmäßige Bibellesungen und häufige Gottesdienstbesuche wurde Franz Jägerstätter immer klarer, dass seine katholische Einstellung mit der NS-Weltanschauung nicht vereinbar war. Er orientierte sich dabei auch am Hirtenbrief des Linzer Bischofs Gföllner, der das mörderische Euthanasieprogramm der Nazis verurteilt. Jägerstätter grüßte, auch gegenüber eingefleischten Nazis, weiterhin mit „Grüß Gott“ statt mit „Heil Hitler!“. Auch ließ er sich die neue NS-Kinderzulage für seine zwei Töchter ebenso wenig auszahlen wie eine Wiedergutmachung von Unwetterschäden, die den Bauern nunmehr von den Nazis gewährt wurde.

Einberufung zur Nazi-Wehrmacht

Am 17. Juni 1940 wurde er zum Wehrdienst nach Braunau einberufen, aber schon nach einigen Tagen auf Initiative der Gemeinde „unabkömmlich“ gestellt. Am 5. Oktober 1940 wurde er neuerlich eingezogen und machte Dienst als Kraftfahrer. Im April 1941 wurde er wegen seines Hofes aber auf Betreiben seiner Heimatgemeinde als unabkömmlich zurückgestellt. Wie sein Biograf Kurt Benesch berichtet, wurde er bei seiner Grundausbildung in der Alpenjägerkaserne in Enns endgültig von der Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes überzeugt. Auch hatte er von den Morden an Behinderten in Ybbsitz und von den Gewalttaten im Konzentrationslager Mauthausen erfahren.

Als er von der Grundausbildung abrüstete, beschloss er für sich, nie mehr einzurücken, weil er sonst einen ungerechten Krieg und ein gottloses System unterstützen würde. Am 8. Dezember 1940 trat er in den Dritten Orden des Heiligen Franziskus, einen Laienorden, ein - ein Schritt, den er schon seit 1935 überlegt hatte – und wurde 1941 Mesner. Freunde, Pfarrer Josef Karobath und sogar Diözesanbischof Fließer wollten ihn überzeugen, dass er nur wie alle anderen seine Pflicht tun würde und dass er im Interesse seiner Familie nachgeben solle. Der „Ausweg“, Jägerstätter sei angeboten worden zur Sanität einzurücken, wurde hingegen von der Kriegergeneration nach 1945 als Rechtfertigung ihrer Haltung bei der aktiven Unterstützung des verbrecherischen Krieges kolportiert. Seine diesbezüglichen Gesuche wurden, wie Dokumente beweisen, wiederholt abgelehnt, da die Wehrmacht für die Rücknahme der Verweigerung nur die Möglichkeit einer Strafkompanie vorsah.

In zwei Jahren lähmender Ungewissheit schrieb sich Jägerstätter, der täglich die Messe besuchte, in mehreren Heften und auf losen Blättern seine Zweifel von der Seele: Er glaubte an die katholische Lehre und dass Christen unter bestimmten Umständen zum Wehrdienst verpflichtet seien, daher war er auch den Einberufungsbefehlen gefolgt. Aber in einen ungerechten Krieg ziehen wollte er nicht und schrieb „…auch für uns gibt es kein glückliches Auferstehen, bis wir nicht bereit sind für Christus und unseren Glauben zu leiden und – wenn es sein muss – auch zu sterben“. Er verfasste sogar einen Katechismus zu Glaubensfragen, weil er fürchtete, dass seine Kinder keinen Religionsunterricht mehr erhalten würden. Seine Entschiedenheit führte auch zu Auseinandersetzungen in der Familie, vor allem mit seiner Mutter.

Verhaftung, Verurteilung, Hinrichtung

Für den 25. Februar 1943 erfolgte eine neuerliche Einberufung nach Enns. Nach dem Unterschreiben der Empfangsbestätigung meinte er: „Jetzt habe ich mein Todesurteil unterschrieben“. Seine Mutter mobilisierte in ihrer Angst um den Sohn Verwandte und Nachbarn. Seine Ehefrau Franziska berichtete: „Am Anfang habe ich ihn sehr gebeten, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen, aber dann, wie alle mit ihm geschimpft und gestritten haben, hab ich es nicht mehr getan“. Auf das Angebot des Bürgermeisters zu versuchen ihn zum Dienst ohne Waffe einzuziehen ging er nicht ein.

Erst am 1. März 1943 meldete sich Jägerstätter in der Kaserne in Enns, wo er sofort seine endgültige Kriegsdienstverweigerung aus religiösen Gründen aussprach. Er wurde in Haft genommen, in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Linz und von dort dem Reichskriegsgericht nach Berlin-Tegel überstellt. Sein Angebot als Sanitäter Dienst zu versehen kam zu spät. Das Reichskriegsgericht verurteilt am 6. Juli 1943 „den Kraftfahrer Franz Jägerstätter wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte“. Ab diesem Tag war er Tag und Nacht in engen Handschellen gefesselt. Sein Pflichtanwalt konnte durchsetzen, dass ihn seine Gattin Franziska begleitet vom örtlichen Pfarrer am 12. Juli 1943 besuchen und von ihrem Mann Abschied nehmen konnte. Am Tag vor der Hinrichtung schrieb er einen letzten Brief nach Hause. Am 9. August 1943 wurde Jägerstätter in Brandenburg von der Blutjustiz der Nazis hingerichtet.

Verklärung und Diffamierung

Von katholischen Kreisen wurde Jägerstätter immer mehr monumentalisiert und verklärt. Dies geschieht wohl auch mit der Absicht, die Mitverantwortung der Kirche für die Verbrechen der NS-Herrschaft zu vertuschen, haben doch gerade die Bischöfe im April 1938 dazu aufgerufen, bei der erzwungenen Volksabstimmung dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland zuzustimmen. Kirchenkreise wollen Jägerstätter heute als das Alibi des katholischen Widerstandes herausstreichen, um von der eigenen Mitverantwortung und Mitschuld, insbesondere dem „Irrtum“ des hohen Klerus bei der Anschlussempfehlung von 1938 abzulenken. Gerade diese Mystifizierung und Verklärung Jägerstätters interpretiert in ihn Züge einer Unantastbarkeit hinein, die er nie besessen hat. Auch ist Jägerstätter sicher nicht der Widerstandskämpfer schlechthin, sein Motiv war vielmehr ein individuelles, seinem konservativem Religionsverständnis geschuldetes.

Die Kehrseite sind die anhaltenden massiven Attacken gegen seine Person von reaktionären Kreisen des Kameradschaftsbundes und von Kriegsteilnehmern, die aus den bitteren Erfahrungen des 2. Weltkrieg nichts gelernt haben. Indirekte Schützenhilfe erhalten diese Kreise dabei mit dem Vorwurf, dass er sich „nie Gedanken über die Verfolgung von Juden gemacht hat“. Freilich widersprechen sich diese Behauptungen: Etwa wenn als Argument gegen die von Jägerstätter-Verteidigern angeführte Behauptung, Jägerstätter habe von der Judenverfolgung nichts gewusst, konstatiert wird, dass Jägerstätter sich „weigerte, einer Vertreterin der NS-Frauenschaft Kleiderstoffe abzukaufen, nachdem er erfahren hatte, dass diese Stoffe aus einem arisierten Geschäft eines vertriebenen Juden stammen“, wie auch in einem Theaterstück über ihn ausgedrückt wurde.

Der Umgang mit Jägerstätter im Nachkriegs-Österreich

Jägerstätters Witwe Franziska erhielt 1946 eine Amtsbescheinigung als überlebende Angehörige eines NS-Opfers. Zwei Jahre später stellten sich jedoch die Behörden auf den Standpunkt, dass das Opferfürsorgegesetz auf Franz Jägerstätter nicht zutreffe: Er sei zwar zweifellos ein NS-Opfer, „doch kämpfte er nicht im Sinne des Opferfürsorgegesetzes 1947 für ein freies und demokratisches Österreich“. Jägerstätters Witwe musste zwei Jahre auf die Auszahlung warten, wie der Historiker Andreas Maislinger berichtet.

Jägerstätters Tod polarisierte Sankt Radegund: Weder die Amtskirche noch die Bevölkerung war bereit ihn zur „Ehre der Altäre“ zu erheben. Er wurde als Spinner und Feigling betrachtet, der seine Familie in Stich gelassen hatte. Erst nach heftigen Auseinandersetzungen wurde sein Name auf das örtliche Kriegerdenkmal aufgenommen. Erst spät begannen ein Umdenken und eine langsame Aufarbeitung seines Schicksals. Das 1964 erschienene Buch „In Solitary Witness. The life and death of Franz Jägerstätter“ von Gordon C. Zahn inspirierte die christliche Friedensbewegung in den USA und bestärkte etwa Daniel Ellsberg in seinem Engagement gegen den Vietnam-Krieg. Der 1971 gedrehte Film „Der Fall Jägerstätter“ von Axel Corti leitete ein Umdenken in Österreich ein.

Die katholische Amtskirche verhielt sich sehr zwiespältig: Der damalige Kardinal Hans Hermann Groer lehnte es ab, die Tat Jägerstätters bedingungslos zu befürworten. Hingegen zählte Kardinal Franz König zu seinen wärmsten Bewunderern, woraufhin einige Einwohner von Sankt Radegund mit Kirchenaustritt drohten. Seit 1983 finden auf Initiative von Erna Putz jährlich zum Todestag Jägerstätters Gedenkfeiern in Sankt Radegund und Ostermiething statt, die seit 1986 auch von ehemaligen Soldaten mitgestaltet werden. 1993 ehrte die Post Jägerstätter mit einer Gedenkmarke, sein Bauernhof wurde als Gedenk- und Begegnungsstätte eingerichtet. 1997 hob das Berliner Landgericht das Todesurteil gegen Jägerstätter auf, seither läuft auch ein Seligsprechungsprozess.

Quellen: OÖ Rundschau, 20.1. 1994; Kurt Benesch, Die Suche nach Jägerstätter, Styria, 1993; Hans Werner Scheidl, Er wollte für Christus, nicht für Hitler sterben, Die Presse, 19.5.2007; Mostschädelzeitung, Ausgabe 1995


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