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Vom Konsumieren und sich Konsumieren-Iassen

  • Montag, 18. Juni 2007 @ 12:36
Kapital Karl Reitter über Konsum und Kapitalismus.

Die Kritik am Konsumismus, den ich als Kaufen und Konsumieren um seiner selbst willen definieren möchte, hat historisch an Brisanz verloren. Ich würde die große Zeit des Konsumismus in die 60er und 70er Jahre verlegen. Damals war der ständig steigende Konsum tatsächlich ein ganz wichtiges Mittel, die kapitalistische Herrschaft zu festigen.

Noch in den 50er Jahren hatte die Mehrheit der Bevölkerung in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Wasser und WC am Gang, Auto und später Fernseher. Schwer zu finanzierende Konsumgüter - das war noch in den 50ern durchaus Standard. Das änderte sich später rapide und massenwirksam. Nach Krieg- und Nachkriegszeit war der Konsumismus nicht nur ein Mittel/den Faschismus zu verdrängen, sondern markierte vor allem den Versuch, die Tristesse des fordistischen Arbeitsalltags durch »sich etwas leisten können« zu kompensieren.

Die 68er Bewegung erkannte klar die herrschaftsstabilisierende Funktion des Konsums. Ganz im Sinne von Marx galt es dem konsumistischen Reichtumsbegriff den wirklichen Reichtum entgegen zu halten: die Vielfältigkeit der sozialen Beziehungen. Kritik am Konsumismus meinte niemals Askese und Verzicht, sondern klare Prioritätensetzung. Sich das Streben nach neuen, emanzipatorischen Beziehungen jenseits und gegen kapitalistische Sozialstrukturen - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht abkaufen zu lassen, diese Haltung drückte sich in dieser Kritik aus. Und diese Ansicht war höchst aktuell und bestätigte sich durchaus: Im Frankreich des Jahres 1968 gestand das Kapital Lohnerhöhungen um die 30 Prozent (!) zu.

Die Karte des Fordismus, steigende Löhne und steigender Konsum, wurde gegen das Begehren nach neuen sozialen Formen ausgespielt. Aber nicht nur in dieser Periode der Rebellion, auch im kapitalistischen Alltag bestimmte der Zusammenhang von Produktion der Massenwaren sowie deren Konsum zu einem Großteil die Interessen und die Beschäftigung in der Freizeit. Eine der feinsten und scharfsichtigsten Analysen dieses Zusammenhangs finden wir im Buch von Rudolf M. Lüscher »Henry und die Krümelmonster«. Henry bezieht sich klarerweise auf Henry Ford, die Krümelmonster sind die Massen im Fordismus, deren Lebensrhythmus durch die scharfe Trennung von Arbeit und Konsumfreizeit strukturiert ist.

Der Untertitel »Versuch über den fordistischen Sozialcharakter« benützt einen interessanten Begriff: Sozialcharakter, das heißt die Formung von Verhalten, Wünschen, Denkkategorien und Handlungen durch die spezifisch fordistischen Verhältnisse. Planung, Organisation, Bewertung und Praktizierung von Kaufen und Konsum nehmen darin einen entscheidenden Platz ein. Die Kritik am Konsumismus setzt am Sinn dieser Handlungen an und gewinnt dann Dimensionen, wenn sie auf die Lohnarbeit zurückgeht, die den Konsum ja erst möglich macht. Der Konsumismus ist der Versuch, die Verkehrung von Leben und Arbeiten scheinbar aufzuheben. Nicht um zu existieren arbeiten wir im Kapitalismus, sondern wir existieren, um zu arbeiten. Und wenn wir schon für die Arbeit da sind, dann soll uns wenigstens der Konsum für diese Redaktion auf ein Arbeitstier entschädigen.

In der gegenwärtigen Wende zum Postfordismus tritt die Bedeutung der Kritik am Konsumismus allerdings zurück. Die Verhältnisse scheinen sich zu drehen, die Schwerpunkte verlagern sich: nicht wir sollen konsumieren, sondern wir sollen uns vor allem konsumieren lassen. Der Zugriff auf die Arbeitskraft, ihre Formung und Zurichtung auch jenseits der Lohn- und Erwerbsarbeit durch die Agenturen des Staates, vor allem der Arbeitsmarktverwaltung (AMS), läuft dem Konsumismus den Rang ab. Mehr und länger arbeiten für weniger Geld lautet die Botschaft. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich wieder, alle Statistiken zeigen dies.

Auf das Versprechen des Fordismus, durch Arbeit zur Reichtum und Wohlstand zu gelangen folgte das kurze Intermezzo des Reichwerdens durch Aktienspekulation. Auch diese Blase ist geplatzt, nun dominiert die ultimative Forderung, die eigene Arbeitskraft möglichst zu allen Bedingungen dem Konsum durch das Kapital zur Verfügung zu stellen. Nach EU Plänen soll die Lebensarbeitszeit bis 67 Jahre ausgedehnt werden. In Frankreich wird sogar über ein .Rentenantrittsalter von 70 Jahren diskutiert. Die kapitalistischen Verhältnisse zeigen wieder ihren eigentlichen Kern und dieser ist der Konsum der lebendigen Arbeitskraft durch das Kapital.

Auf das Zuckerbrot des Fordismus, den Versprechungen und Verlockungen der bunten Warenwelt, folgt die Peitsche des Postfordismus, die bedingungslose Bereitschaft zur Lohnarbeit soll nur noch das Abwenden von Übel garantieren. Wer brav arbeitet ist eben dadurch kein Sozialfall, kein Sozialschmarotzer, kein Problemfall. That's it, mehr haben wir nicht zu erwarten. Dass unlängst ein in Deutschland residierender SPD Politiker öffentlich gegen zuviel Urlaub und all die unnötigen Fernreisen gewettert hat; ist mehr als ein Symbol. Hier hat die Herrschaft Klartext gesprochen.

Ist die Kritik am Konsumismus daher obsolet? Produktion und Konsumation sind nur zwei Aspekte derselben Prozesse, wer produziert konsumiert und umgekehrt. Akkumulation des Kapitals ist immer auch Konsumation, von menschlicher Arbeitskraft wie der Naturstoffe. Freilich ist die »kleine Zirkulation«, so Marx in den »Grundrissen«, das heißt das Umsetzen des Lohnes in Gebrauchswaren, ein eigener Zyklus.

Auch hier ist das Kapitalverhältnis imaginär präsent. Es war in den 60er Jahren sicher richtig und legitim, auch diese »kleine Zirkulation«, also das Kaufen und Konsumieren von Waren für sich zu thematisieren und zu kritisieren/Gegenwärtig erscheint es mir sinnvoller, den Konsum der Massen wieder stärker als das zu thematisieren, was er ist, ein Teilmoment des größten Produktions- und Konsumationszyklus des Kapitals insgesamt. Nur diese Wendung erlaubt es, die Konsumation der Arbeitskraft durch das Kapital in den Blick zu bekommen.

Quelle: Versorgerin Nummer 74, Juni 2007, Versorgerin-Gratisabo unter http://www.servus.at/VERSORGERIN/


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