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Ein kultureller Ausnahmezustand droht

  • Dienstag, 12. Juni 2007 @ 12:33
Kultur Von Franz Fend

Der Flaneur hat die Stadt längst schon wieder verlassen. Seine Art sich zu bewegen ist gemächlich. Gemessenen Schrittes durchmisst er die Stadt, beobachtend, reflektierend. Langsames Gehen und Denken ist in Linz nicht gefragt, er ist nicht gegangen, er ist geflohen.

„Die Linzer gehen schon auf der Straße schneller als die Grazer.“ So beschreibt die Wirtschaftsstadträtin Susanne Wegscheider den Unterschied zur letzten österreichischen Kulturhauptstadt. Sie benennt hier aber hier nicht nur eine Differenz zu einer anderen Stadt, vielmehr das, was die Stadt und deren Kaufmannschaft von ihren Bürgern fordert: Beschleunigung, Hetze, höhere Geschwindigkeiten, Besinnungslosigkeit. Der Wirtschaftsstadträtin Herz ist voll, ihr Mund sprudelt über: „Die Geschäftsleute ziehen an einem Strang. Es gibt ein positives Echo auf Linz 09. Profitieren werden alle Branchen.“ Der Tourismus, der Einzelhandel, die Gastronomie. „Es wird ein Run auf die Stadt einsetzen und darauf legen wir es auch an.“

Die Wirtschaftstadträtin gerät in ihrer grenzenlosen Besessenheit nach Profit vollends aus dem Häuschen. Wer glaubt, dass die Institution Kulturhauptstadt der nachhaltigen Verbesserung der Defizite im Kunst und Kulturbereich dienen sollen, wird von der politische Repräsentantin der Linzer Krämerschaft eines Besseren belehrt. Bar jeglicher strategischer Ambitionen geht es ihr um den schnellen Reibach, wie ihn die Schausteller auf Jahrmärkten machen. Dafür will sie die Geschäfte am Sonntag offen halten und findet im Intendanten von Linz 09 einen willfährigen Helfer. „Es gehört zum Leben, dass sich Gewohnheiten ändern, und das auch zum Wochenende“, assistiert der Intendant der Wirtschaftsfrau hinsichtlich der völligen Liberalisierung der Öffnungszeiten, dass selbst die Wirtschaftskammer den Übereifer bremsen muss.

„Mit entsprechendem Profit wird kapital kühn.“, schrieb Marx, „Zehn Prozent sicher, uns man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß.“ Lebhaft waghalsig sind bislang nur die Wirtschafttreibenden der Stadt geworden und die Stadträtin trampelt in ihrer schrillen Lautstärke einstweilen auch nur auf dem guten Geschmack herum. Aber was Kulturhauptstadt bedeutet, das können Interessierte schon jetzt genau erkennen. Es geht um die nachhaltige Verbesserung der Verwertungsbedingungen des Kapitals, und da gehört einfach dazu, dass soziale und arbeitsrechtliche Standards mit medialem Getöse und mit Hilfe eines konsumistischen Mobs entsorgt werden.

Die Bedenken, die das transdisziplinäre Forschungsprojekt der Kunstuni, flexible@art, formuliert hat scheint schon jetzt bestätigt: „Zu befürchten ist, dass Linz 2009 eines von vielen Großereignissen in Trend von Festivalisierung und Eventisierung wird und dadurch eine Verengung auf ökonomische Konzepte wie etwa die Umwegrentabilität stattfindet“ heißt es in einer Publikation von felxart. Es sei durchaus auch anzunehmen, dass sich die Zahl der atypischen und der prekär Beschäftigten bis zum Jahr 2009 um ein Vielfaches steigern könnte. Was Kulturhauptstadt für die Beschäftigten auf diesem Feld bedeutet ist ebenso jetzt schon deutlich sichtbar, KabelträgerInnen, AusstellungsbetreuerInnen und „Kulturguides“ für die Touristen, das sind die Jobs die für 09 geschaffen werden. Und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse sind nun einmal Strategie und Werkzeug, die Verwertungsbedingungen des Kapitals zu verbessern.

Der Tourismus ist neben den Geschäften der Krämer und der Wirte das einzige was eine gewisse mediale und politische Aufmerksamkeit genießt. Selbst die Grünen, die von sich immer vollmundig behauptet haben, hinter der freien Szene zu stehen (de facto wollten sie die Szene für sich instrumentalisieren indem sie die Szene als ihren „Federschmuck“ herumgetragen haben), legen sich in der Zwischenzeit mit der Wirtschaft und mit dem Tourismus in Bett. „Ist Linz touristisch fit für die Kulturhauptstadt“ – diese Frage bewegt die Grünen dermaßen, dass sie sogar eine Podiumsdiskussion dazu abhielten.

„Wie kann Linz die Chancen optimal nutzen, um den Bekanntheitsgrad nachhaltig zu erhöhen und von Image der Industriestadt wegzukommen“, die Fragestellung ist verräterisch und noch mehr verraten sich die Grünen mit der Einladungspolitik zu ihrer Veranstaltung. TourismusfunktionärInnen wie Ulrich Fuchs, Manfred Grubauer, Klaus Sondergeld (man sollte mit Namen keine Witze machen, aber manchmal geht es nicht anders) und WirtInnen kamen zu Wort. KünstlerInnen oder VertreterInnen der initiativen Kulturarbeit musste man vergeblich suchen. Dafür ließ der Verkehrstadtrat Jürgen Himmelbauer mit einer „Eventmobilitätsstudie“ aufhorchen.

Ob diese zum Inhalt haben soll, das Besucherinnen zu Events mobilisiert werden sollen oder umgekehrt blieb im dunklen. Aber der Focus der Bemühungen ist deutlich: Spektakelhafte Ereignisse um möglichst viel Touristen zu billigen Events zu locken. Der Touristenverband-Obmann Manfred Grubauer gibt die Linie vor: „Es wird immer eine Spannung zwischen Kultur und Tourismus geben.“ Die Übersetzung lautet: Auf die Wehleidigkeit der Kulturszene können wir in der Kulturhauptstadt wirklich keine Rücksicht nehmen. „Die Kulturangebote wollen wir so bald wie möglich haben, damit wir sie auch anbieten können.“ Also die Kulturangebote müssen der Tourismuswirtschaft gemacht werden, damit diese sie verkaufen kann.

Also nicht Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität einer Stadt wird eingefordert, sondern, buchbarer (am besten via Internet) Festival-Schnickschnak. Als ob Guy Debord, der Kritiker der Gesellschaft des Spektakels und des Warenfetischismus die Ansinnen auf der grünen Podiumsdiskussion mitbekommen hätte: „ Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche Zirkulation, das heißt der Tourismus, lässt sich im wesentlichen auf die Muße zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist. Die wirtschaftliche Erschließung des Besuchs verschiedener Orte ist bereits von selbst die Garantie ihrer Äquivalenz. Dieselbe Modernisierung, die der Reise die Zeit entzogen hat, hat ihr auch die Realität des Raums entzogen.“

Die Eröffnung der Schaufensterausstellung Schaurausch bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Das es nicht um einer Auseinandersetzung mit Kunst im Öffentlichen Raum gegangen ist, war ohnehin klar. Aber die Eröffnungsveranstaltung hat gezeigt, dass hier künstlerische Belanglosigkeiten als Dekoration für die Feier des Konsumismus der übelsten Sorte angebracht worden sind. Die Tausenden BesucherInnen feierten das Offen-Halten der Geschäfte, ein Hochamt des Konsumismus und des Warenfetischismus. Pier Paolo Pasolinis These vom Konsumismus als neue Form des Totalitarismus erfuhr hier ihre praktische Bestätigung.

Hier wurde gezeigt, dass sämtliche Freiheits-Vorstellungen mit der Pflicht zum Konsumieren aufgefüllt werden, einem Zwang, dem die Massen nur all zu gerne folgen, wie sie dem Spektakel der Kulturhauptstadt folgen werden. Aber was das ganze mit Kunst und Kultur zu tun hat, bleibt unbeantwortet. Die Blicke der Menschen sollen in die Geschäfte und in die Auslagen gelenkt werden, das ist alles, hier liegt auch der Grund für die geradezu hysterische Begeisterung der Wirtschaft für diese Schau. Dass damit Defizite im Kunst und Kultur Feld behoben werden könnten, wie das kritische, aber wohlmeinende Beobachterinnen von Linz 09 erhoffen, ist doch nur eine hilflose Wunschvorstellung.

Den Gipfel der Forderungen der Tourismus-Wirtschaft formuliert Grubauer auf der grünen Bühne: „Für die Leute, die direkt in Kontakt mit Touristen kommen, sollen Qualifizierungsmaßnahmen erfolgen.“ Immer schön devot, freundlich und hilfsbereit, fesch geschnäuzt, ordentlich und sauber bekleidet, reinlich gewaschen keineswegs bekifft und/oder angetrunken und schon gar nicht renitent und aufbegehrend, sollen die LinzerInnen den Touristen gegenübertreten. Hier wird die Unterwerfung unter die Maschine Konsum/Kulturhauptstadt evident.

Es handelt sich hier nicht um Freiwilligkeit sondern um manifesten Zwang. Diese kategorische Ansage lässt auch keinen Zweifel offen, dass jene, die sich nicht den touristischen Erfordernissen unterwerfen ausgeschlossen, ja ausgesondert werden. Hier herrscht Ausnahmezustand. Nicht einer wie ihn die Kunstuniversität in einem Vorprojekt zu Linz 09 flapsig spektakulär formuliert, sondern einer, wie ihn Giorgio Agamben formuliert hat: Ausnahmezustand als das derzeitige Paradigma des Regierens. Und dieser Ausnahmezustand der mit Linz 09 droht, bedeutet nicht nur die Suspendierung aller kulturellen Vereinbarungen und, wie Wegscheider es zeigt, auch der sozialen Übereinkünfte. Es ist ein groß angelegtes Projekt des Ausschlusses alle jener, die sich nicht dem Regime des Warenfetischismus unterwerfen.

Quelle: Versorgerin Nummer 74, Juni 2007, Versorgerin-Gratisabo unter http://www.servus.at/VERSORGERIN/



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