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1927: „Justizpalastbrand“ oder Menschenjagd?

  • Samstag, 15. Juli 2017 @ 08:00
Geschichte Am 14. Juli 1927 sprach ein Wiener Geschworenengericht drei Angehörige der faschistischen Frontkämpfervereinigung frei, die am 30. Jänner 1927 im burgenländischen Grenzort Schattendorf ein achtjähriges Kind und einen Kriegsinvaliden erschossen hatten. Der Freispruch führte am 15. Juli zu einer spontanen Massendemonstration auf der Wiener Ringstraße, die von berittenen Polizisten angegriffen wurde.

Als Polizisten, die sich vor der Menge in den Justizpalast zurückgezogen hatten, von dort aus auf die Demonstranten schössen, wurde das Gebäude gestürmt und angezündet. Nachdem es der sozialdemokratischen Wehrorganisation, dem Republikanischen Schutzbund, endlich gelungen war, die aufgeregten Demonstranten so weit zu beruhigen, dass die Feuerwehr mit der Brandbekämpfung anfangen konnte, begann die Polizei ein beispielloses Massaker, das sich bis zum 16. Juli fortsetzte und dem 85 Demonstranten zum Opfer fielen. Von den vier getöteten Polizisten waren mindestens einer, höchstwahrscheinlich aber zwei, selbst Opfer von Polizeisalven.

„Weg und Ziel“ sprach mit den beiden Autoren des Buchs „Wien 1927 – Menetekel für die Republik“, Winfried R. Garscha und Barry McLoughlin.

Der 15. Juli 1927 ist im öffentlichen Bewusstsein, das durch Schule und Massenmedien geprägt wird, mit dem Begriff „Justizpalastbrand“ verbunden. Warum kommt der im Titel eures Buchs nicht vor?

Garscha: Vor allem aus zwei Gründen. Erstens ist für uns die Tatsache, dass die Polizei mit einer bis dahin nicht gekannten Brutalität, die auch vor Kindern und Verwundeten nicht haltmachte, 85 Menschen abschlachtete, wesentlich schlimmer, als dass das Grundbuch von Wien verbrannte. Man muss sich gegen diese Umkehrung der Werte wehren, die darin zum Ausdruck kommt, immer nur vom Brand zu reden.

Der zweite Grund ist, dass wir einen Untertitel wählen wollten, der die Bedeutung der Ereignisse am 15. Juli und den darauf folgenden Tagen deutlich macht. Für die demokratischen, fortschrittlichen Kräfte in Österreich hätte dieses Polizeimassaker und vor allem die gleichzeitig erfolgte Heranziehung faschistischer Heimwehr-Verbände zur Niederwerfung der Arbeiter in den Bundesländern ein Warnsignal, ein Menetekel sein müssen für das, was der Republik drohte, wenn es nicht gelang, den Vormarsch des Faschismus aufzuhalten.

McLoughlin: Wobei wir bemüht waren zu zeigen, dass es nicht so war, dass die Entwicklung ab 1927 unaufhaltsam auf den Faschismus zusteuerte, obwohl es – wie wir dokumentarisch belegen können – damals schon Leute gab, und zwar nicht nur Kommunisten, die das volle Ausmaß der Gefahr erkannten, Schutzbund? Obmann Julius Deutsch zum Beispiel. Die Gefahr bestand im Zusammenspiel von „respektablen“ bürgerlichen Kräften mit den deklariert faschistischen Heimwehren, das es zwar ab 1922, ab der Genfer Sanierung, gab, das aber nun erstmals ganz offen zur Schau gestellt wurde.

Nochmals zum Justizpalastbrand: War es nicht doch so, dass erst die Brandstiftung den Schießbefehl an die Polizisten hervorrief? Wäre es möglich, dass der Brand von Provokateuren gelegt wurde?

Garscha: Die erste Behauptung wurde von der Geschichtswissenschaft längst widerlegt, auch wenn sie in den Schulbüchern immer wieder auftaucht. Bereits am Vormittag des 15. Juli hat es eine kurze Besprechung des Ministerrats gegeben, in der der Heeresminister und der für Sicherheitsfragen zuständige Vizekanzler zusammengekracht sind, weil sie sich nicht einigen konnten, ob die Polizei Militärkarabiner kriegen soll oder nicht. Bundeskanzler Seidel hat die Frage dann auf kurzem Weg im Einvernehmen mit Polizeipräsident Schober gelöst, und ab Mittag begann die; Ausrüstung der Polizisten mit Gewehren aus Militärbeständen, wobei man neben normaler auch Scheibenschußmunition ausgab, auf die an» Nachmittag dann die schlimmsten. Verletzungen zurückzuführen waren. Wieso sollte man Stunden, bevor der Justizpalast brannte, die Polizisten mit Gewehren ausrüsten, wenn nicht zu dem Zweck, dass sie ein Massaker veranstalten? Außerdem gingen die Schießereien in den westlichen Bezirken Wiens ja am Samstag, den 16. Juli weiter. Da war der Justizpalast längst abgebrannt. Man muss im Gegenteil sagen, dass es erst der Beginn des Gemetzels durch die Polizei der Feuerwehr endgültig unmöglich gemacht hat, das Gebäude zu retten.

McLoughlin: Die zweite Frage berührt ein Grundproblem unseres Buchs: Wir wollen mit unserer Darstellung zeigen, wie sich solche spontanen Prozesse abspielen. Da braucht man keine „Aufwiegler“, wie die Polizei meinte, aber auch keine „Provokateure“. Man muss sich die Ungeheuerlichkeit des Freispruchs vorstellen - es war ja nicht der erste, sondern ein Glied einer langen Kette von Morden und anschließenden milden Urteilen. Außerdem wurde aus dem Justizpalast, gegen den die Demonstranten von den berittenen Polizisten gedrängt wurden, geschossen. Und wenn's erst einmal brennt, entwickeln solche Ereignisse eine Eigendynamik.

Die sozialdemokratische Parteiführung hat das genau erkannt. Parteivorsitzender Karl Seitz, der Wiener Bürgermeister, hat sich ja persönlich bemüht, auf der Spritze stehend, der Feuerwehr einen Weg zu bahnen. Die Parteiführung zog daraus die Schlussfolgerung, dass man eine Wiederholung nur durch die Einführung einer straffen Disziplin verhindern könne. Wir haben am Beispiel des Republikanischen Schutzbunds gezeigt, was das bedeutete. Der wurde zu einer Art Parteiarmee in der Verfügungsgewalt des Parteivorstands, statt des bewaffneten Arms der Arbeiterklasse, gewissermaßen die Vorhut im Kampf gegen den Faschismus, zu bilden.

Wir haben in unserem Buch ausführlich die Geheimverhandlungen zwischen dem sozialdemokratischen Parteivorstand und er Regierung beziehungsweise Bundeskanzler Ignaz Seipel dargestellt. Und da hat man hinsichtlich des Republikanischen Schutzbunds direkt den Eindruck, als würde die sozialdemokratische Parteiführung sich schon für die Existenz dieser Organisation gegenüber den Bürgerlichen genieren. Der Schutzbund blieb während des Polizeimassakers kaserniert, was großen Unmut hervorrief.

Wie hat eigentlich die KPÖ auf die Ereignisse reagiert? Konnte sie bei ihrer geringen Größe überhaupt auf eine Masse Einfluss nehmen, die auf dem Höhepunkt der Demonstration fast 200.000 Menschen zählte?

Garscha: Die KPÖ wurde von der Wucht des spontanen Ausbruchs genauso überrascht wie die anderen politischen Faktoren in Österreich, hat aber bereits in den Vormittagsstunden, nach den ersten Schießereien der Polizei, ein Flugblatt herausgebracht. Ab dem frühen Nachmittag wurden Losungen der KPÖ von zehntausenden Menschen übernommen. Aber um den Ereignissen eine andere Richtung geben zu können, hätte die Partei organisatorisch stärker sein müssen.

Euer Buch heißt „Wien 1927“. Der 15, Juli 1927 war doch nicht nur eine Wiener Angelegenheit. In Brück an der Mur hat beispielsweise der 1934 hingerichtete Koloman Wallisch den bürgerlichen Kräften den Generalstreik aufgezwungen, wogegen ja dann die steirische Heimwehr mobil machte. Setzt ihr die Tradition der fast ausschließlich auf Wien bezogenen Geschichtsschreibung fort?

McLoughlin: Natürlich war der 15. Juli in erster Linie ein Ereignis, das sich in Wien abspielte. Wir haben aber ein eigenes Kapitel über die Vorgänge in den Bundesländern geschrieben, das sich auf bisher unbekannte Archivquellen, auf Interviews und die lokalen Parteizeitungen der Sozialdemokratie stützt. Es gab übrigens nicht nur die Ereignisse in Brück an der Mur, eine große Rolle spielten auch die Vorgänge in Tirol, über die schon vor einigen Jahren der Innsbrucker Universitätsprofessor Gerhard Oberkofler einen Dokumentenband publiziert hat. Wir versuchen, einen Überblick über das gesamte Bundesgebiet zu geben, wobei wir besonders über Ober- und Niederösterreich eine Menge interessanter Details gefunden haben.

Habt ihr auch Augenzeugenberichte herangezogen? Welche Rolle spielt die „oral history“ (mündliche Geschichtsschreibung) in eurem Buch?

McLoughlin: Wir konnten uns auf eine größere Anzahl von Interviews stützen, die ich für meine Dissertation über die Haltung der Angehörigen des Republikanischen Schutzbunds zur Gewalt in der Politik geführt habe. Für die meisten Wiener Schutzbündler, die ich befragt habe, war der 15. Juli ein Schlüsselerlebnis in ihrer politischen Entwicklung. Einige meiner Interviewpartner, Universitätsprofessor Dr. Eduard Rabofsky, Landtagsabgeordneter a. D. Robert Dubovsky, Polizeirat i. R. Valentin Strecha und andere waren am Mittag des 15. Juli auf der Ringstraße dabei. Kurze Ausschnitte aus ihren Berichten haben wir ins Buch mit aufgenommen.

Garscha: Die Schilderung Valentin Strechas wird demnächst ausführlicher nachzulesen sein. Die Historische Kommission beim ZK der KPÖ bereitet eine Reihe „Biographische Texte zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung“ vor, als Band II wird im Herbst die Autobiographie Valentin Strechas erscheinen.

Der 15. Juli 1927 stellt doch eine der größten Niederlagen der österreichischen Arbeiterbewegung dar. Worauf ist sie eurer Meinung nach zurückzuführen?

Garscha: Mit einem Satz könnte man sagen: auf die Kapitulationspolitik des sozialdemokratischen Parteivorstands. Das erklärt aber noch nicht, warum die Kapitulation so vollständig erfolgte, dass Prälat Seipel wenige Tage später die Arbeiter im Parlament verhöhnen konnte, sie sollten von ihm „keine Milde“ erwarten. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, was die Alternative zur Kapitulation gewesen wäre. Der Bürgerkrieg?

Wir haben versucht, die einzelnen Schritte dieser Kapitulation nachzuzeichnen, und dabei sieht man, dass es im Wesentlichen immer wieder ein Ausweichen vor der Entscheidung war. Die sozialdemokratische Parteiführung war schlicht ratlos angesichts der spontanen Militanz, dieses „Disziplinbruchs“, wie sie es nannte. Der linke Austromarxist Max Adler hat der Parteiführung auf dem Parteitag im Oktober 1927 vorgehalten, dass der Vorwurf der „Disziplinlosigkeit“ voraussetzt, dass es Direktiven geben hätte müssen, gegen die die Parteimitglieder verstoßen hätten können. Um diese Direktiven hatte sich der Parteivorstand gedrückt.

Übrigens fiel die Kopflosigkeit der sozialdemokratischen Unterhändler auch Bundeskanzler Seipel auf, was natürlich dessen Verhandlungsposition stärkte. Wir meinen, dass dieses ständige Ausweichen vor der Entscheidung letztlich die Niederlage unvermeidlich machte. Am schlimmsten war die Kasernierung des Republikanischen Schutzbunds, weil die sozialdemokratische Parteiführung damit jedes Druckmittel gegen die Regierung aus der Hand gab. Dass der Generalstreik in Wien und dann auch der Verkehrsstreik im übrigen Österreich abgebrochen wurde, ist hingegen nur konsequent: Der Parteivorstand verband den Streik nicht mit einer politischen Forderung, sondern führte ihn nur durch, um bei den eigenen Mitgliedern „Dampf“ abzulassen.

Und wie hätte die Alternative ausgesehen?

Garscha: In einer Situation, in der der Gegner aufs Ganze geht, kann man nicht ausweichen. Es ist möglich, dass es in der Steiermark zum Bürgerkrieg gekommen wäre, wahrscheinlicher ist, dass eine harte Haltung der SPÖ-Führung die Gegenseite zu Konzessionen gezwungen hätte. Auf einen Bürgerkrieg waren - im Gegensatz zum Februar 1934 - weder die Regierung noch die Heimwehren ausreichend vorbereitet. So aber konnte der Juli 1927 zum Auftakt für eine Entwicklung werden, die schließlich zur Vernichtung der demokratischen Errungenschaften in Österreich führte.

Quelle: Weg und Ziel, 7-8/1987

Winfried R. Garscha/Barry McLoughlin, Wien 1927 – Menetekel für die Republik, Globus Verlag, Wien, 1987, 309 Seiten, 50 Abbildungen, 2 Karten


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