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Das Gedächtnis der Holzkiste

  • Dienstag, 6. November 2007 @ 08:42
Kultur Mit ihrem neuen Buch „Flüsterlieder“ hat die Linzer Schriftstellerin Eugenie Kain eine verstörend schöne Erzählung über das Erinnern vorgelegt, welche den bisherigen Höhepunkt ihrer Erzählkunst markiert.

Heiner Müller hat in einer Autobiografie die These aufgestellt, dass das Medium Fotografie in den modernen Gesellschaften die Erinnerung habe verkümmern lassen. Weil man sich ohnehin gewiss sein konnte, dass das Geschehene auf Polaroid gebannt war, musste man sich nicht in der Technik des Erinnerns, der Gehirnleistung üben. Eugenie Kain hat in ihrer Erzählung den umgekehrten Weg gewählt. Fotografien evozieren in ihr Erinnerungen, sie wirken als Katalysator für den Prozess des Erinnerns, der weit über das hinausgeht, was auf den Bildern zu sehen ist. Mit ihrem Text „beseelt“ die Autorin die Photographien, wie dies Roland Barthes in „Die helle Kammer“ formuliert hat. Die rein historische Verortung des Geschehenen als so-ist-es-gewesen weitet sich darin aus zu einem Bild, das über persönliche, soziale, politische und emotionale Facetten verfügt, die auf eine Fotografie alleine nie und nimmer zu lesen wären. Eugenie Kain gibt den Bildern jene Aura zurück, die Walter Benjamin zufolge, mit der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken, also auch mit der Fotografie, verloren gegangen schien.

„Flüsterlieder“ ist gleichzeitig ein Requiem auf einen Künstler und den Geliebten einer Frau, die wir in der Nacht nach dem Tode des Lebensmenschen, der nach langer Krankheit, aber ohne Abschied gegangen ist, erleben. „Sie würde keinen Schlaf finden und keine Ruhe. Es gab tausend Worte die nicht gesagt worden waren. Es gab tausend Verletzungen, die nicht vermieden worden waren. Es gab tausend Begebenheiten, die in der Erinnerung nicht gespeichert worden waren. Ein Bild gab es, das verschwommen war und zerrann, ein Bild, das flirrte, sich auflöste…“ heißt es. Am Totenbett des Gefährten, das in eine Abstellkammer des Krankenhauses geschoben worden war, hielt sie seine Hand und „hatte nicht viele Gedanken“. Erst zu Hause, beschäftigt mit Routinetätigkeiten, auf der Suche nach einem geeigneten Bild für den Partezettel, stellten sich diese ein. Eine lädierte Sperrholzkiste, die ein Chaos von Fotografien beherbergt, ist zum Gedächtnis geworden. Zum Gedächtnis an die eigene Kindheit und Jugend, an die Kindheit des Mannes, von dem sie doch so wenig wusste und zum Gedächtnis an die gemeinsame Beziehung, die von Vertrautheit und Fremdheit gleichermaßen bestimmt war: „Sie waren aufeinander zugegangen, darauf bedacht, den Abstand zu halten, der notwendig war, um einander zu erkennen. In diesem Spannungsfeld entstand Energie, die bleiben sollte. Sie ließ sich Liebe nennen.“

Dieses Spannungsfeld von Vertrautheit und Fremdheit umfasst auch die Bilder, die Geschichten, die sich beim Betrachten der Bilder entwickeln. Sie, aufgewachsen in einem kommunistischen Umfeld, hatte schon früh erfahren müssen, was es bedeutet von ehemaligen Nazis und deren MitläuferInnen geschnitten zu werden, weil sie als „kleine Heidin“ nicht am Religionsunterricht teilnahm oder weil in ihrer Familie keine kleinformatige Zeitung sondern die kommunistische „Neue Zeit“ gelesen worden war. Vor allem die weibliche Verwandtschaft, zumeist antifaschistische Widerstandskämpferinnen hatten sie gelehrt, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, „damit sie dich nicht hinterrücks schlagen können“. Und sie hatten ihr auch beigebracht „Gib immer nur zu was sie schon wissen.“ Er, auf einem Foto eine dünnbeiniges, unterernährtes und rachitisches Nachkriegskind, aufgewachsen in der Enge einer Arbeitersiedlung am Rande von Linz. Seine Musik was es, die ihn aus der nicht nur räumlichen Enge dieses Milieus hatte hinauswachsen lassen. Was blieb war ein feines Sensorikum gegen Unrecht und Anfeindungen, wie auch die Empörung über Borniertheit und Ewiggestrigkeit. Seine künstlerische Arbeit als Liedermacher war aber auch der Grund für weitere Verletzungen, die ihm zugefügt worden waren, weil Singer/Songwriter mit kommunistischem Background nicht in die ausufernde Gesellschaft des Spektakels passten.

Wir erkennen in der Frau unschwer die Autorin selber und im Mann ihren Lebensgefährten, den Musiker Gust Maly. Doch die Erzählung gerät keineswegs zu eine larmoyanten Nabelschau einer jungen Witwe, sie meistert mit großer Erzählkunst das ambivalente Verhältnis von Nähe und Fremdheit, von Trauer und dem Gewinn mit dem Gefährten gelebt zu haben. Mit einer klaren, nüchternen Sprache entwickelt Eugenie Kain eine feine Poesie und eine starke Musikalität, welche die gesamte Erzählung von der erste bis zur letzten Zeile, oder vielleicht vom ersten bis zum letzten Takt trägt.

Und Eugenie Kain misstraut auch den eigenen Erinnerungen: „Es war kein Verlass auf das Gedächtnis. Im Schleier der Erinnerung veränderten sich die Gesichter. “ heißt es im Text. Dadurch, dass die Autorin von sich in der dritten Person spricht, werde eigene Erinnerungen dekonstruiert, immer wieder aufs neue auf den Prüfstand geschickt, wie dies Frigga Haug in „Kollektive Erinnerungsarbeit“ im feministischen Kontext vorgeschlagen hat. Eigene Erfahrungen werden hier kritisch hinterfragt, scheinbar unverrückbare Identitäten zerstört und eigenes Erinnern immer ins Verhältnis zu Befreiung gestellt. So tritt Kains Erinnerungsarbeit in „Flüsterlieder“ keineswegs auf der Stelle, sie wird zur Erfahrung, die weit über das Gewesene hinausweist.

Eugenie Kain. Flüsterlieder, Erzählung. Otto Müller Verlag, Salzburg 2006.

Franz Fend


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