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Die Erinnerung hochhalten

  • Sonntag, 7. Mai 2006 @ 23:53
Antifa Von Claudia Klimt-Weithaler

Vor rund 20 Jahren war ich zum 1. Mal hier in Mauthausen. Es war im Rahmen einer schulischen Exkursion. Wir hatten im Geschichtsunterricht vom 2. Weltkrieg und den schrecklichen Folgen des Nationalsozialismus gehört. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie interessiert unsere Klasse davor und danach am Geschichtsunterricht teilgenommen hat. Aber sehr genau kann ich mich noch daran erinnern, wie beeindruckend der Besuch der Gedenkstätte Mauthausen für uns alle damals war. Und ich kann mich ebenfalls noch sehr genau daran erinnern, was ich damals gefühlt habe: eine tiefe Betroffenheit, eine gewisse Ohnmächtigkeit und ich habe mich geschämt.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich damals darüber nachgedacht, ob ich nicht vielleicht ein unverschämtes Glück habe, dass ich erst 1971 auf die Welt gekommen bin. In eine Welt, die besser geworden war, weil es Menschen gegeben hat, die dafür gekämpft haben – ohne Wenn und Aber und in dem Wissen, dass sie schlimmsten Falls mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen.

Heute stehe ich auch wieder hier in Mauthausen und habe die Ehre, bei dieser Befreiungs- und Gedenkfeier ein paar Worte und Gedanken sagen zu dürfen. Auch heute empfinde ich tiefe Betroffenheit. Erzählungen über Krieg und Faschismus von Menschen, die diese Zeit miterlebt haben und die ich persönlich kenne, nehmen hier Gestalt an. Hier kann ich mir die unvorstellbaren Dinge, die ich gehört oder über die ich gelesen habe vorstellen, hier sind grausamste Verbrechen geschehen. Und hier sind heute Menschen, die Unfassbares überlebt haben.

Der Nationalsozialismus ist im Zusammenbruch geboren worden und im Chaos untergegangen. Dazwischen lag ein kurzes Vierteljahrhundert, in dem der NS Tod und Schrecken über ganz Europa gebracht hat. Als am Morgen des 12. März 1938 deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, war das mehr, als nur der Übergang von einer in eine andere Diktatur. Der Sprung vom Austrofaschismus zur totalitären Diktatur des deutschen NS bedeutete auch das Ende der staatlichen und nationalen Existenz Österreichs.

Der NS stützte sich aber nicht nur auf die deutsche Fremdherrschaft, sondern wurde auch von einer halben Million Österreicher und Österreicherinnen getragen und war in allen Bevölkerungsschichten verwurzelt. Diesen überzeugten Nationalsozialisten sowie den Mitläufern und so genannten Normalbürgern und –bürgerinnen stand eine kleine Gruppe von Personen gegenüber, die für ein freies und unabhängiges Österreich eintraten und kämpften. Sie haben Widerstand geleistet.

Die Frage, was nun als Widerstand gegen den NS zu bezeichnen ist, ist nicht unumstritten. Die Antworten reichen von der sehr engen Definition, wie sie ursprünglich das Opferfürsorgegesetz festgeschrieben hatte – WiderstandskämpferInnen seien Personen, die um ein unabhängiges, demokratisches und seiner geschichtlichen Aufgabe bewusstes Österreich mit der Waffe in der Hand gekämpft und sich rückhaltlos in Wort und Tat eingesetzt haben - , über jene, wie sie Radomir Luza verwendet – jede politisch bewusste, vornehmlich konspirative organisierte Aktivität, die vom NS-System als feindlich empfunden und für illegal erklärt wird – bis hin zur Definition von Karl Stadler, der Angesichts des totalitären Gehorsamkeitsanspruches der Machthaber, - jegliche Opposition im Dritten Reich als Widerstandshandlung wertet, auch wenn es sich lediglich um den vereinzelten Versuch handelt, anständig zu bleiben.

Zum Glück sind damals viele anständig geblieben. Die organisierte ArbeiterInnenbewegung stellte zahlenmäßig die größte Gruppe des Widerstandes dar, wobei Kommunistinnen und Kommunisten die meisten WiderstandskämpferInnen stellten und auch die meisten Opfer zu verzeichnen hatten. All jenen sind wir, die wir das Glück hatten, später geboren worden zu sein, zu großem Dank verpflichtet.

Bei der Aufarbeitung der NS-Zeit und der in diesem Zeitraum verübten Verbrechen waren wir in Österreich immer wieder mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass Unrecht verdrängt oder nur halbherzig aufgearbeitet wurde. Lange Zeit wurde auch die Erinnerung an den weiblichen Widerstand vernachlässigt. Darum freut es mich sehr, dass heuer besonders den Frauen gedacht wird.

Genauso wie ihre männlichen Genossen haben Frauen organisiert, waren an der Herstellung wichtiger Verbindungen der antifaschistischen Bewegung beteiligt, haben Flugblätter getippt und verteilt, Botschaften überbracht und unermüdlich und ständig unter Einsatz des eigenen Lebens für Illegale Quartiere, Ausrüstung und Verpflegung, für den bewaffneten Kampf für Sprengstoff und Munition gesorgt und sich um aus Gefängnissen und Konzentrationslagern Entflohene gekümmert.

Es waren ganz normale Frauen. Manche hatten Familie, kleine Kinder um die sie sich ohnehin unter den schwierigsten Bedingungen kümmern mussten. Sich in einer Situation, wo die äußeren Umstände jeden und jede zwingen, sich selbst am nächsten zu sein, weil es eigentlich nur mehr ums nackte Überleben geht, trotzdem noch bereit zu sein, sich für die Befreiung des Landes einzusetzen, verdient wohl die größte Hochachtung!

Stellvertretend für die vielen Frauen, die gegen den Austrofaschismus und NS-Faschismus gekämpft haben, möchte ich einige von ihnen, die gerade für das Bundesland Oberösterreich eine große Bedeutung haben, nennen:

Zum einen Risa Höllermann, Mitglied der so genannten „Welser Gruppe“, die am 28. April 1945 im Lager Schörgenhub ermordet wurde.

Ebenso Theresia Pesendorfer, eine der markantesten Gestalten des Widerstandes im Salzkammergut. Sie initiierte bereits 1937 die parteimäßige Organisierung einer Gruppe von 15 Frauen und war später ein wichtiges Verbindungsglied in der regionalen Widerstandsbewegung zwischen Bad Ischl, Goisern, Lauffen und Ebensee. 1942 wurde sie verhaftet, sie kam jedoch wieder frei, weil sie es schaffte, die Gestapo durch beharrliches Leugnen zu täuschen. 1943 gelang es mit ihrer und der Hilfe von Agnes Primocic Sepp Plieseis aus einem Nebenlager des KZ Dachau zu entfliehen. 1944 wurde in Pesendorfers Wohnung eine Besprechung der Ischler KPÖ-Mitglieder abgehalten, bei der die „Gruppe Willy“ – eine Gesamtorganisation aller GegnerInnen des Nazifaschismus gegründet wurde. Diese Organisation wuchs in den folgenden Monaten rasch an und umfasste Ende 1944 etwa 500 Personen. Theresia Pesendorfer hat den Krieg überlebt. Nach der Befreiung war sie in vielen Funktionen in der KPÖ, im KZ-Verband und im Bund Demokratischer Frauen tätig. Sie wurde mit dem „Ehrenzeichen für die Verdienste um die Befreiung Österreichs“ ausgezeichnet.

Und dann noch Gisela Tschofenig-Taurer. Sie stammte aus einer Kärntner Eisenbahnerfamilie und war seit ihrer Kindheit in Jugendorganisationen tätig, wo sie auch ihren späteren Mann, Josef Tschofenig kennen gelernt hat. Bereits 1933, 16-jährig, kam sie wegen einer Flugblattaktion für den Kommunistischen Jugendverband in Villach mit der Polizei in Konflikt. 1935 übersiedelte die ganze Familie nach Linz. Gisela Tschofenig-Taurer war in der illegalen Partei sehr aktiv tätig. Sie war eine wichtige Verbindungsperson zum Landesobmann der illegalen KPÖ, Sepp Teufl. Sie hat Kurierdienste gemacht und Flugblätter getippt. Die Genossen und Genossinnen, die sie noch persönlich kannten, sprachen immer liebevoll und voll Hochachtung von der Taurer Gisl. 1940 wurde ihr Sohn Hermann geboren. Wenn sie ihre Verwandten um mehr Zurückhaltung gebeten haben, mit Rücksicht auf das kleine Kind, dann hat sie argumentiert: „Wenn wir uns alle ängstlich verhalten, dann wird die Nazidiktatur immer brutaler und unsere Nachkommen würden unsere politische Labilität verachten.“ Während die große Verhaftungswelle der „Welser Gruppe“ in Oberösterreich begann, zog sie sich mit ihrem Sohn nach Kärnten zurück. Aber auch dort wurde sie von den Faschisten erwischt und in das Frauengefängnis Kaplanhof nach Linz gebracht. Am 27. April 1945 wurde sie von der SS ermordet.

Viele Überlebende, die mit der Waffe in der Hand oder in anderen Bereichen des antifaschistischen Widerstandes ihre demokratische Pflicht im Kampf gegen den Faschismus und für die Befreiung Österreichs erfüllt haben, sind im KZ-Verband organisiert und heute unter uns. In Erinnerung an tausende Heldinnen und Helden, die im Kampf um die Freiheit gefallen sind, treten sie auch weiterhin gegen jede Form von Faschismus, Rassismus und gegen jede Verharmlosung der Verbrechen des Faschismus auf. Das ist wichtig und notwendig, denn Aktivitäten rechtsextremer Gruppen, insbesondere antiösterreichische und die NS-Zeit verherrlichende Publikationen sowie antisemitische Schmieraktionen und Friedhofsschändungen zeigen uns leider, dass es bis heute, trotz unserer Gesetze gegen Wiederbetätigung, immer noch Faschisten gibt. Es versteht sich von selbst, dass diejenigen, die Opfer politischer und rassistischer Verfolgung waren oder unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leisteten und deren Vertreter und Vertreterinnen nicht gleichgültig bleiben können, wenn sich rechtsextreme Tendenzen in Österreich wieder bemerkbar machen. Vor allem die Herabsetzung von WiderstandskämpferInnen, Partisanen und Opfern des NS darf nicht unwidersprochen bleiben!

Faschismus muss immer bekämpft werden und dass heißt, dass jede Generation ihre Kinder zu Demokraten und Demokratinnen erziehen muss. Die beste Methode dafür ist, ihnen einerseits Demokratie vorzuleben und andererseits nie darauf zu vergessen, sie über Krieg, Faschismus und Nationalsozialismus zu informieren!

An dieser Stelle möchte ich unbedingt erwähnen, dass auf die Initiative von Margit Kain und weiteren Frauen der KPÖ-Frauengruppe Linz erreicht werden konnte, dass eine Straße nach der Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig-Taurer benannt wurde. Weitere Initiativen laufen derzeit auch in Wels für Risa Höllermann und in Bad Ischl für Theresia Pesendorfer. Ich hoffe, dass es auch dort gelingt.

Die Erinnerung an unsere Genossinnen und Genossen muss immer hochgehalten – ihre Taten dürfen niemals vergessen werden! Ich danke dem KZ-Verband Oberösterreich für die Einladung und allen Zuhörern und Zuhörerinnen für ihre Aufmerksamkeit.

Gedenkrede bei der Kundgebung an der Gedenktafel für 42 kurz vor Kriegsende im KZ Mauthausen ermordete oö Widerstandskämpfer anläßlich der Befreiungsfeier am 7. Mai 2006 in Mauthausen
Claudia Klimt-Weithaler ist Landtagsabgeordnete der KPÖ in der Steiermark

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