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Leninistische Volkstümler und basisdemokratische Provokateure

  • Montag, 8. Mai 2006 @ 14:40
Kultur Eine Gratulation zum 20. Geburtstag und eine etwas verhaltene Liebeserklärung an die KUPF von Franz Fend

Mit ihrem kleinen Jubiläum ist die KUPF gerade noch haarscharf an den von oben verordneten Jubiläumsfeierlichkeiten, bei welchen sich die akute Regierung vor allem selber feiern wollte, und die Geschichte der Zweiten Republik als sensationelle Erfolgsstory darzustellen versuchte, vorbeigeschrammt.

Ein Beweis dafür, dass die Geschichte der Zweiten Republik so eine Erfolgsgeschichte nicht ist, wie uns die Regierenden immer darzustellen versuchen, ist die Gründung der Kulturplattform Oberösterreich. Entstand die alternative Kulturbewegung, welche die Elternschaft der KUPF nie bestritten hat, doch aus einem Unbehagen (nicht aus einer Kritik) den vorherrschenden politischen Verhältnissen und einer diffusen Abneigung dem Hochkulturbetrieb gegenüber.

Eine Annäherung und Gratulation an die Institution KUPF ist ein schwieriges Unterfangen, denn sie ist nie das gewesen, als was sie erschienen ist. Ob sie es nicht wollte oder nicht konnte, ist eine Frage, die anderswo verhandelt werden sollte. Wollte sie Gewerkschaft sein, erschien sie als Institution, die stellvertretend für die Kulturinitiativen verhandelte, diese gegenüber den Gebietskörperschaften vertrat und nicht ihre Mitglieder mobilisierte.

Ein paternalistischer Apparat eben, mit allen schlechten Manieren, die hierzulande übliche Gewerkschaften haben. Wollte sie sich der theoretischen Arbeit widmen, war das Ergebnis ein Berufsbild für Cultural Worker, wie es die Wirtschaftskammer gerne den Lehrlingen überstülpt. Wollte man einen radikaldemokratischen politischen Ansatz entwickeln, verschrieb man sich doch wieder jenen politischen Parteien, die eben zu diesem Zeitpunkt nicht gerade das Sagen hatten oder einfach das kleinere Übel bedeuteten. Wollte sie Allianzen gegen neoliberale Übermacht bilden, wurde das mit der Attitüde einer neuen leninistischen Avantgarde-Partei getan, aber die politischen Aktionen blieben aus. Und wollte man die Szene mobilisieren und politisch handlungsfähig machen, waren Streifzüge im Fundus der aktuell hipsten Theorieproduktion das Resultat.

Die Entstehung der KUPF verfolgte der Verfasser als Aktivist eines kleinstädtischen Kulturvereins, der sich zur Aufgabe gestellt hatte, ein zusätzliches Kulturangebot zu Trachtenverein, Heimathaus und Blasmusikkapelle auf die Beine zu stellen. Es ging da nicht um Alternativen sondern um Ergänzungen. War es Jahre zuvor nicht gelungen, Räume für ein autonomes Jugendzentrum zu erkämpfen, versuchten wir Ende der Siebziger-Jahre mittels Kulturarbeit Orte zu schaffen, wo wir unbehelligt sein konnten. Wir, das waren Lehrlinge, junge Arbeiter, Angestellte, Beamte und ein paar Schüler. Wir hörten Musik, die das Prädikat progressiv trug, Frank Zappas “Sheik Yerbouti” von 1979 lehnten wir ab, weil das schon zu discomäßig daherkam.

Wir rauchten Zeug, das nur halb so stark war, wie jenes, das heute umgeht. Wir lasen Feuchtwanger, Seghers und Apitz, weil uns das ältere Kollegen vom Antifa-Komitee empfohlen hatten. Und wir organisierten Konzerte und Lesungen. Wir taten den Job, den eigentlich der kleinstädtische Kulturdirektor tun hätte müssen. Und wir wurden geohrfeigt dafür, weil es in der Kleinstadt noch nie so gewesen ist, dass jemand selber was gemacht hätte.

Unser Tun war unschuldig, ohne politischen Hintergedanken und ohne theoretischen Überbau. Eine diffuse Abneigung gegen die Hochkultur und vor allem deren Publikum in Loden- oder Nadelstreifanzug war Triebfeder genug. Horkheimers und Adornos Kritik der Kulturindustrien hatte es, nachdem es 1969 neu aufgelegt worden ist, nach mehr als zehn Jahren auch in die Kleinstadt geschafft. Die Arbeiterbewegungs-Marxisten, zu denen wir Kontakt hatten, lehnten die “Dialektik der Aufklärung” aber ab, weil sie einer Totalitarismus-Theorie das Wort rede, so die Genossen, die Faschismus und Sozialismus gleichsetze. Dass Kulturindustrie, der Kommerz, wie wir es damals nannten, Herrschaft stabilisierend sei, vielmehr ihr ganzer Zweck darauf ausgerichtet war, ahnten wir daher nur. Wir begriffen nicht den Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, das jegliches kritische Denken im Keim erstickt.

Wir vermuteten diesen Verblendungszusammenhang nur. Und wir standen Adorno auch wegen seiner Kritik des Jazz äußerst kritisch gegenüber, der inzwischen unsere Musik geworden war. Wir hörten auch das Schlagwort von der kulturellen Hegemonie, das der italienische Kommunist Antonio Gramsci geprägt hatte. Demnach hatten wir es mit einem Typus von Herrschaft zu tun, der im Wesentlichen auf der Fähigkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen. Und das Feld der Kultur sei eben eins, so hörten wir (niemand von uns hat damals die Gefängnishefte von Gramsci gelesen oder gar besessen), auf dem dieser Kampf um die Hegemonie stets aufs Neue ausgetragen wird. Wir, die eine grundsätzliche Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wollten, glaubten, mit unserer Kulturarbeit auf dem richtigen Dampfer zu sein.

Als dann, Anfang der Achtziger, die ersten Organisierungsversuche unternommen wurden, aus denen in weiterer Folge die KUPF entstanden ist, schien Dynamik ins Geschehen zu kommen. In dieser Zeit liegen wohl auch die größten Verdienste der KUPF. Nämlich die Unterstützung der Kulturinitiativen bei den Bemühungen, den Gebietskörperschaften gegenüber die Bittstellerhaltung abzulegen. Kulturinitiativen wurden als Verhandlungspartner anerkannt, jedoch nur als Verhandlungspartner, der im kleinen Kultur-Reservat eingesperrt war, und es bis heute noch weitgehend ist.

Die Bemühungen, sich auch als politische Initiativen zu konstituieren, weil sie einerseits das Feld bilden, auf dem um kulturelle Hegemonie gestritten wird, andererseits Kulturinitiativen einen Raum für politische Artikulation bilden können, dauern bis heute an. Sie haben gewaltige Rückschläge erlitten. Nicht zuletzt die Theoriearmut der Interessensvertretung und die Intellektuellenfeindlichkeit der Event-Manager und Kabarett-Veranstalter mögen Gründe dafür gewesen sein. Unsere Hoffnung der Anfangsjahre, die Organisierung würde auch unsere theoretischen Defizite beheben, war schnell verflogen. Wir ahnten, dass die so genannte freie Kulturszene längst eine Fraktion der Kulturindustrie geworden war und als kleines Rädchen der herrschenden Hegemoniemaschine ihren Dienst versah.

Es waren aber auch nicht die verbissenen Gegner und rechtsradikalen Kulturkämpfer, die diese Rückschläge bewirkt haben, es waren die wohlmeinenden Propagandisten der offenen Gesellschaft in den eigenen Reihen, welche die Interessensvertretung zu einem ordnungspolitischen Knebel für die Kulturszene machte.

Die Angriffe aus den Reihen der freiheitlichen Beobachter und der völkischen Stürmer einten die Szene auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner, der später in der so genannten “Guttenbrunner Erklärung” verschriftlicht und beschlossen worden ist. In ihr findet sich unter anderem die Sentenz, dass die viel strapazierte “Freiheit der Kritik” nicht als Narrenfreiheit missverstanden werden darf. Dieser Satz war, obwohl das zu diesem Zeitpunkt niemand wahrgenommen hat, eindeutig in Richtung Kulturinitiativen gerichtet und nicht in Richtung ihrer Gegner in politischen Formationen aller Couleurs. Die Interessensvertretung war zum Gefängniswärter ihrer eigenen Mitglieder geworden.

Hatte wenige Jahre zuvor ein KUPF-Geschäftsführer proklamiert Kultur ist Provokation, waren zu diesem Zeitpunkt die Interessensvertretung und deren Geschäftsführer jene, die sich provoziert fühlten. Einem kleinen Mühlviertler Kulturverein wurde sogar mit dem Ausschluss gedroht, weil dieser es gewagt hatte, sich in satirischer Form mit dem damals kursierenden Pamphlet “Kultur Und Politik Furz” einer freiheitlichen Kulturtitanin auseinander zu setzen. Die kulturpolizeilichen Disziplinierungsversuche dauerten über ein ganzes Jahr, bis der Geschäftsführer dann endgültig in die ÖVP-Zukunftswerkstatt verabschiedet worden ist.

Der Begriff der Provokation begleitet die KUPF seit ihren frühesten Stunden. Doch haben sich auch die Koordinaten dieses Begriffs verschoben und verdreht. Kam die Provokation früher als Vorwand für reaktionäre Attacken gegen die Kulturszene daher, ist sie heute zum Herrschaftswerkzeug der konservativen Eliten geworden. Wenn die hoch dotierten Kulturmanager Springer und Lorenz mit ihrer Plakataktion “25 Peaces” von katholisch fundamentalistischen Kreuzzüglern angegriffen werden, springt ihnen der Katholik und Nationalratspräsident bei und proklamiert: Kunst muss provozieren können und dürfen. Wenn die KUPF mit ihrem Innovationstopf den Begriff Provokation beleuchten lassen möchte, tut sie das nicht ohne den Hintergedanken, dass vielleicht doch das eine oder andere provokante Projekt dabei sein könnte.

Doch schon früher zeigte sich, dass Provokation ein inhärenter Begriff ist. Er ist verhaftet in den bestehenden Hegemonieverhältnissen, die in diesem Falle immer starre sind. Provokation hat in diesen Fällen keinen dynamischen Charakter. Der Begriff wird immer definiert von jenen, die gerade hegemonial sind. Aus dem Grund ist es unmöglich, als oppositionelles Subjekt zu sagen, ich provoziere. Weil es die Grenzen des jeweils Vorherrschenden von vornherein akzeptiert, auch wenn behauptet wird, sie überschreiten zu wollen. Aber überschreiten kann man nur etwas, was man akzeptiert. Redet jemand von Provokation, hat er/sie immer die Schere der Zensur im Kopf. Der Provokations-Diskurs ist immer einer, der von den Herrschenden aufgezwungen ist.

Historisch ist evident, dass Provokation die Grenzen des “Erlaubten” immer enger gemacht hat. Weil es eben diese Fixiertheit auf die bestehenden Grenzen gibt. Provokation scheint kein tauglicher Begriff zu sein, weil er das Bestehende und nicht die Alternative ins Blickfeld rückt. Er ist ein ungenaues Werkzeug, das die Definitionsmacht bei den Gegnern belässt. Es wäre sinnvoller, radikale Formen und Methoden der Kritik zu denken und zu entwickeln.

Aber das erfordert selbstverständlich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Herrschaftsverhältnissen und den Willen, diese zu verändern. Aber das ist es ja, was viele Provokateure scheuen, ja oft käme dann auch zu Tage, dass die Provokation, sieht man genauer hin, durchaus in die Strategie der Macht passt, ja eine ist. Der Provokationen-Diskurs zählt zu den Dispositiven der Macht wie es der Überwachungsstaat, die Schule, die Psychiatrie und der Repressionsapparat tun.

In den frühen 90er Jahren ist der Maler und Messenleser Nitsch immer als Provokation gehandelt worden. Völlig unverständlich, besorgte er doch die Geschäfte jener, die ansonsten die Namen von SchriftstellerInnen und TheaterdirektorInnen plakatieren ließen und diese somit zum Abschuss freigaben. Nur ganz wenige haben erkannt, dass dieses mystische Brimborium in Wirklichkeit den esoterischen Paradigmenwechsel in der Kunst bezeichnet hat. Und somit genau in das antiemanzipatorische, reaktionäre, ultrareligiöse Kunst- und Weltbild passt, dass uns unter dem Namen Bürgergesellschaft zitzerlweise verabreicht wird. Aber nichts desto trotz ist sie (die rechte Provokation) als Keule gegen die letzten aufklärerischen Ansätze in der Kunst und gegen (radikal)demokratische Strategien in der Kulturpolitik verwendet worden.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Begriff Provokation könnte dann produktiv werden, wenn das Thema nicht einen vordergründigen Versuch darstellt, eine Radikalisierung der Politiken herbeizuführen. Wenn anhand der Arbeit zum Begriff der Provokation, die eigene Position im Herrschaftsgeflecht überprüft werden könnte, wenn ein Ausbruch aus dem kulturalistischen Getto in Angriff genommen würde, wäre viel erreicht.

Einer der großen Vorzüge, den der Beobachter bei der KUPF feststellen konnte, ist deren Veränderbarkeit. Hieß es 1994 in der Gutenbrunner Erklärung noch: Die Vermittlung von Unterhaltung, Wohlbefinden, Lebensfreude, Schönheit und Harmonie durch Kunst und Kultur werden (…) als ein grundlegendes menschliches Bedürfnis voll anerkannt, so nimmt das heute niemand mehr wirklich ernst. Es hat sich doch weit gehend die Meinung durchgesetzt, dass es nicht die denkbar beste Welt ist, in der wir leben. Und dass Kulturarbeit, so sie als politische Arbeit betrachtet wird, daran etwas zu ändern vermag. Dazu muss man ihr gratulieren.

Franz Fend, Publizist, lebt und arbeitet in Linz
Quelle: Festschrift 20 Jahre KUPF


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