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1886: Die Entstehung des 1. Mai

  • Montag, 1. Mai 2017 @ 08:00
Geschichte I. „Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt...“

1. Chicago - 1. Mai 1886

Am 1. Mai 1886 begann in den USA ein mehrtägiger Generalstreik. In so bedeutenden Industriezentren wie New York, Philadelphia, Chicago, Louisville, Saint Louis, Milwaukee und Baltimore traten in 11 562 Betrieben rund 350000 Arbeiter für den achtstündigen Arbeitstag in den Ausstand.

Fast zwei Jahre zuvor hatte sich ein Kongress der Gewerkschaften, die American Federation of Labor, mit der Forderung an die kapitalistischen Unternehmer gewandt, am 1. Mai 1886 die achtstündige Arbeitszeit einzuführen.

Wenn die amerikanischen Arbeiter den 1. Mai zum „Acht-Stunden-Tag“ erklärten, so entsprach das der weit in die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zurückreichenden Tradition, einen bestimmten Tag im Jahr für den Kampf um dieses Ziel auszuwählen. Zum Beispiel hatten die Arbeiter Manchesters den 1. März 1834 als Streiktag bestimmt und ihn langfristig durch eine umfassende Agitation vorbereitet. Seit 1856 feierten Arbeiter der britischen Kolonie Victoria in Australien jährlich am 21. April 1856 ihren Sieg im Kampf um den Achtstundentag als Arbeitertag. In den USA war es seit 1887 der erste Montag im September, der von den Arbeitern als Labor Daybegangen wurde. Während er jedoch weitgehend unpolitisch blieb, erhielt der 1. Mai einen ausgeprägt politischen, kämpferischen Charakter. Seit den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dieser Tag von revolutionären englischen und deutschen Arbeitern im Sinne früherer Volksfeiern als Tag des Erwachens der Natur aus dem Winterschlaf für gemeinsame Ausflüge genutzt. Verschiedene Arbeiterorganisationen führten auch an diesem Tag ihre jährlichen Kongresse durch.'

In den USA war der 1. Mai als sogenannter Moving Day der Stichtag für die Aufhebung oder den Abschluss von Verträgen, für Wohnungswechsel oder Übersiedlungen. Indem die Gewerkschaften ihre Forderungen auf diesen Tag orientierten, wollten sie durchsetzen, dass in die neu abzuschließenden Arbeitsverträge der Achtstundentag als verbindlich aufgenommen wurde. Die Holzarbeiter von San Francisco hatten am 1. Mai 1883 und ihre Berufskollegen in Los Angeles genau ein Jahr später die Einführung des Neunstundentages erreicht.

Die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit, nach Einführung des achtstündigen Arbeitstages stand seit 1865, dem Ende des Bürgerkrieges, im Mittelpunkt des Kampfes der sich entfaltenden amerikanischen Arbeiterbewegung. Die Agitation für den Achtstundentag hatte sich „mit den Siebenmeilenstiefeln der Lokomotive vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean..., von Neuengland bis nach Kalifornien“ ausgebreitet. Wie populär die Losung des Achtstundentages war, zeigte sich darin, dass die amerikanischen Arbeiter „Acht-Stunden-Tabak“ rauchten, „Acht-Stunden-Schuhe“ kauften und das „Acht-Stunden-Lied“ sangen.

Der Generalstreik, der am 1. Mai 1886 in den USA begann, reichte in seiner Bedeutung weit über die Vereinigten Staaten hinaus, weil mit ihm ein Grunderfordernis der internationalen Arbeiterbewegung durchgesetzt werden sollte, das Karl Marx im ersten Band des „Kapitals“ folgendermaßen formuliert hatte: Es gelte an „die Stelle des prunkvollen Katalogs der ´unveräußerlichen Menschenrechte` die bescheidne Magna Charta eines gesetzlich beschränkten Arbeitstages“ zu setzen, „die endlich klarmacht, wann die Zeit, die der Arbeiter verkauft, endet und wann die ihm selbst gehörige Zeit beginnt“„. Während der Generalstreik dieses Ziel für etwa 200000 Arbeiter verwirklichte, mussten die übrigen den erbitterten und mit äußerster Brutalität geführten Gegenangriffen der Unternehmer standhalten.

Schauplatz besonders heftiger Klassenauseinandersetzungen war Chikago, eine der größten Städte Nordamerikas. Hier hatten am 1. Mai 1886 rund 40.000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt und auf einer Massenversammlung die Einführung dis achtstündigen Arbeitstages gefordert. Die Fabrikherren scheuten vor keinem Mittel im Kampf gegen die Streikenden zurück, deren Zahl sich in den ersten Maitagen verdoppelte. Tausende von Arbeitern wurden auf die Straße gesetzt. Von den kapitalistischen Unternehmern gedungene bewaffnete Streikbrecherbanden terrorisierten unter dem Schutz und mit Unterstützung der Polizei die Arbeiter. Als es am 3. Mai zwischen Streikbrechern und den Streikenden einer Nähmaschinenfabrik zu einem Zusammenstoß kam, ging die Polizei mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vor. Sechs von ihnen brachen im Kugelhagel zusammen.

Aus Protest gegen diese Morde wurde für den 4. Mai eine Versammlung auf dem Haymarket, dem Heumarkt von Chicago, einberufen. Unter den Arbeitern kursierte ein von dem Redakteur der Chicagoer „Arbeiter-Zeitung“, August Spies, verfasstes Zirkular, das den Hass gegen die Ausbeuter und deren Schutzgarde noch steigerte; darin hieß es unter anderem: „Ihr habt jahrelang unermessliche Unbilden ertragen; Ihr habt Euch zu Tode gearbeitet; Ihr habt die Schmerzen des Hungers und des Mangels ertragen; Ihr habt den Fabrikherren Eure Kinder geopfert - kurz, Ihr seid all diese Jahre hindurch erbärmliche Sklaven gewesen. Warum? Um die unersättliche Habgier zu befriedigen, um die Truhen Eurer faulen und diebischen Herren zu füllen. Wenn Ihr sie jetzt bittet, Eure Bürde ein wenig zu erleichtern, dann senden sie ihre Bluthunde aus, um auf Euch zu schießen, Euch zu töten.“

Die Protestversammlung am Abend des 4. Mai auf dem Haymarket verlief ohne Zwischenfälle. Ein großer Teil der Demonstranten hatte sich nach Abschluss der Kundgebung bereits wieder entfernt, als ein Polizeihauptmann mit mehr als 150 Polizisten im Eilschritt auf die noch Anwesenden zumarschierte und diesen befahl, auseinander zu gehen. Kurze Zeit später erfolgte eine furchtbare Detonation. Ein Unbekannter hatte eine Bombe geworfen, durch die ein Polizist getötet wurde. Die Polizei eröffnete daraufhin ziellos das Feuer. Vier Arbeiter und sieben Polizisten wurden erschossen und zahlreiche Demonstranten verwundet.

In den folgenden Wochen und Monaten lastete auf den Arbeitern Chicagos eine wahre Schreckensherrschaft. Eine Verhaftung folgte der anderen. Acht Arbeiterführer wurden des Mordes angeklagt. Der gegen sie durchgeführte Prozess richtete sich gegen die gesamte Arbeiterbewegung. Hysterisch forderte der Staatsanwalt, dass die Arbeiter „wie Ratten in ihre Höhlen zurückgejagt“ werden sollten.

Der reaktionären Klassenjustiz gelang es während des Prozesses nicht, den Angeklagten eine Schuld an dem Blutbad auf dem Haymarket nachzuweisen. Die Person, die die Bombe geworfen hatte, ist bis heute unbekannt geblieben, vieles spricht jedoch dafür, dass es sich um einen gedungenen Provokateur gehandelt hatte.

Der Prozess endete damit, dass sieben der Angeklagten auf Grund haltloser Anschuldigungen und Zeugenaussagen zum Tode verurteilt wurden. Zwei von ihnen wurden dann vom Gouverneur des Staates Illinois zu lebenslänglichem Gefängnis „begnadigt“. Der Zimmermann Louis Lingg fand unter mysteriösen Umständen in der Nacht vor der Hinrichtung in seiner Zelle den Tod. Eine Dynamitpatrone hatte ihm den Kopf zerschmettert. Die anderen vier - August Spies, Georg Engel, Adolph Fischer und Albert Richard Parsons - wurden am 11. November 1887 mit dem Strang hingerichtet. Unter dem Galgen hatte Spies noch gerufen: „Die Zeit wird kommen, da unser Schweigen im Grabe mächtiger sein wird als unsere Reden.“

Die Verurteilten waren Anarchisten; aber es war nicht zufällig, dass Spies das „Manifest der Kommunistischen Partei“ als „unser Programm“ bezeichnete und ihm im Vergleich zu diesem die offiziellen Forderungen der amerikanischen Anarchisten als nebensächlich erschienen. Viele linksradikale und anarchistische Auffassungen waren ebenso Ergebnis der ungenügenden Reife der amerikanischen Arbeiterbewegung wie eine spontane Reaktion auf die Brutalität des Klassengegners. Friedrich Adolph Sorge, der in den USA lebende Freund und Kampfgefährte von Marx und Engels, sah in den Verurteilten „eifrige und unermüdliche Agitatoren“, für die „großer Mut, Überzeugungstreue und unantastbare persönliche Ehrenhaftigkeit“ kennzeichnend waren. In einer zeitgenössischen Broschüre der deutschen Sozialdemokratie wurde mit Recht auf die Schädlichkeit der von ihnen vertretenen anarchistischen Auffassungen und Bestrebungen hingewiesen, zugleich aber festgestellt, dass sie „als Vertreter ihrer Klasse“ abgeurteilt und „als Märtyrer ihrer bis zuletzt hochgehaltenen Überzeugung, als Opfer brutalen Klassenhasses“ in den Tod gegangen waren.$ Der an ihnen verübte Justizmord war so offenkundig*, dass eine Welle des Protestes und der Sympathie mit den Opfern durch die internationale Arbeiterklasse ging.

2. Mehr Zeit zum Leben und zum Kampf

Der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit gewann zunehmend an Breite durch den allgemeinen Aufschwung, den die internationale Arbeiterbewegung am Ausgang der achtziger Jahre nahm. Im Dezember 1988 beschloss ein Kongress der amerikanischen Gewerkschaften in St. Louis, dass die Bewegung für den Achtstundentag am 1. Mai 1890 wieder umfassend aufgenommen und durch große Massenversammlungen vorbereitet werden sollte. Wenige Wochen zuvor hatten die französischen Gewerkschaften, die Fédération Nationale des Syndicats et Groupes Corporatifs Ouvriers de France, auf ihrem Kongress in Bordeaux die Forderungen nach Mindestlohn, Achtstundentag und internationalem Arbeiterschutz erhoben. Am 10. Februar 1889 wurden den Präfekten oder Bürgermeistern in etwa 60 französischen Städten und Industriezentren Petitionen unterbreitet, die diese Forderungen enthielten. Der Erfolg der Aktion war so groß, dass beschlossen wurde, dem unmittelbar bevorstehenden Internationalen Arbeiterkongress in Paris einen Antrag vorzulegen, in dem vorgeschlagen wurde, einen derartigen Schritt im internationalen Maßstab durchzuführen.

Der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit entsprach der Forderung nach Einführung des Normalarbeitstages, worunter Karl Marx einen durch „die gesellschaftliche Kontrolle“ gesetzlich beschränkten und regulierten Arbeitstag mit seinen Pausen verstand.

Bereits 20 Jahre früher, im Jahre 1866, hatte der Genfer Kongress der unter Mitwirkung von Marx und Engels gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation die Forderung nach gesetzlicher Beschränkung der Arbeitszeit erhoben. In dem von ihm dazu gefassten Beschluss wurde die Beschränkung der Arbeitszeit als „eine Vorbedingung“ bezeichnet, „ohne welche alle anderen Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müssen. Sie ist erheischt, um die Gesundheit und körperliche Energie der Arbeiterklasse, d. h. der großen Masse einer jeden Nation, wiederherzustellen und ihr die Möglichkeit geistiger Entwicklung, gesellschaftlichen Verkehrs und sozialer und politischer Tätigkeit zu sichern.“ Der Kongress schlug vor, den Arbeitstag durch Gesetz auf acht Stunden zu beschränken. Er verwies darauf, dass eine solche Regelung bereits von den Arbeitern in den USA verlangt und nunmehr durch seinen Beschluss „zur allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der gesamten Welt“ erhoben wurde.

Im Sinne des 1866 auf dem Genfer Kongress der IAA gefassten Beschlusses gehörte der Normalarbeitstag auch zu den nächsten Forderungen des Eisenacher Programms der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1869. Der Dresdener Kongress der SDAP 1871 bezeichnete es in einer einstimmig angenommenen Resolution als „die Pflicht eines jeden Arbeiters, einzutreten für Erkämpfung eines durch Gesetz festgestellten Normalarbeitstages von höchstens 10 Stunden zum Schutze der Arbeiter gegen übermäßig lange Arbeitszeit“. Es bedeutete einen Rückschritt, als diese klare und eindeutiger Forderung dann im Programm des Gothaer Vereinigungskongresses 1875 auf die vage Formulierung von einem „den Gesellschaftsbedürfnissen entsprechenden Normalarbeitstag“ reduziert wurde. Erst in dem Anfang 1885 von den sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag einbrachten Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes wurde r alle gewerblichen Arbeiter über 16 Jahre ein zehnstündiger Maximalarbeitstag gefordert.

Zu dieser Zeit war der Arbeitstag schon nicht mehr so lang wie einige Jahrzehnte zuvor, als eine 14-stündige tägliche Arbeitszeit keine Ausnahme gewesen war. Die Reduzierung des Arbeitstages war vor allem das Ergebnis des Kampfes der Arbeiterklasse und eine Folge der wachsenden Intensität der kapitalistischen Ausbeutung. Im Bergbau und in der Industrie war eine elfstündige Arbeitszeit - die Pausen nicht mit einbegriffen - die Regel geworden. In der Textilindustrie wurde noch immertäglich 12 bis 15 Stunden und in der Konfektionsindustrie nicht selten 16 Stunden gearbeitet. Wie von August Bebel im Jahre 1885 veröffentlichte Auszüge aus den Ergebnissen einer amtlichen Erhebung verdeutlichen, waren Nacht- und Sonntagsarbeit noch gang und gäbe. Auch die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren war _keiner Beschränkung unterworfen.

Was für den Arbeiter ein Tag Fabrikarbeit physisch und psychisch bedeutete, zeigt der folgende 1894 veröffentlichte Bericht eines Arztes: „In den Fabriken wird von früh sechs bis abends sechs Uhr oder von sieben bis sieben Uhr gearbeitet, die Mittagspause dauert von zwölf bis ein Uhr, die Frühstückspause um neun Uhr dauert eine viertel oder eine halbe Stunde, in manchen Betrieben fällt sie ganz weg oder gilt nur für die Kinder. Das bedeutet eine lange Arbeitszeit mit ganz unzureichenden, zu klein bemessenen Unterbrechungen, wie sie sich kaum in einem anderen Berufe findet, und dazu kommt, dass die Arbeit zum größten Teil äußerst einförmig und gleichmäßig ist, häufig den Körper in eine bestimmte, andauernde Haltung zwingt, die leicht zur Ermüdung führt und mit der Zeit durch immerwährende Wiederholung gesundheitsschädlich wirkt. Die Dauer der Esspausen ist ungenügend, vornehmlich zu Mittag müssen die Leute hetzen, um in ihre entfernten Quartiere zum Essen zu kommen und danach wieder zu richtiger Zeit zurück zu sein, denn mit dem Pfiff ein Uhr werden die Fabriktore geschlossen, und wer zu spät kommt, wird ausgeschlossen, was eine empfindliche Strafe an Lohneinbuße bedeutet. Deshalb sind diese Pausen auch durchaus keine Erholungsstunden.“ Nach wie vor galt für den Arbeiter, was Karl Marx bereits zwei Jahrzehnte zuvor in seinem Werk „Das Kapital“ festgestellt hatte, dass ihn nämlich „in der Tat sein Sauer nicht loslässt, solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten“„ ist. Wie das auch bald in Großbritannien populär gewordene „Acht-Stunden-Lied“ der amerikanischen Arbeiter zum Ausdruck brachte, bedeutete kürzere Arbeitszeit für die Arbeiter mehr Leben im Sinne von mehr Freizeit und Erholung. Für die fortgeschrittensten unter ihnen hieß das zugleich auch mehr Zeit für den Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und für die von ihnen ersehnte glückliche Zukunft in einem Leben in Sozialismus und Frieden.

Indem die Sozialisten in verschiedenen Ländern mit Nachdruck die Forderung nach dem Achtstundentag erhoben, kämpften sie ganz im Sinne des „Manifests der Kommunistischen Partei“ für die unmittelbar vor der Arbeiterklasse liegenden Ziele und Interessen, wobei sie „in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung“ vertraten. Diese revolutionäre marxistische Taktik, schrieb Friedrich Engels 1887, hatte die Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus überall zum Siege geführt und bewirkt, „dass heute die Masse der europäischen Sozialisten, in Deutschland wie in Frankreich, in Belgien und Holland wie in der Schweiz, in Dänemark und Schweden wie in Spanien und Portugal, als eine einzige große Armee unter einer und derselben Fahne kämpft“.

3. Paris im Juli 1889

Das Paris des Jahres 1889 war Schauplatz der Festlichkeiten, die von der französischen Bourgeoisie zu Ehren des 100. Jahrestages der Revolution von 1789 veranstaltet wurden. Wie besonders auch die aus diesem Anlas in der Seinestadt durchgeführte Weltausstellung zeigte, dienten sie in erster Linie dem Ruhm und der Ehre des Kapitalismus. Damit hatte der Internationale Arbeiterkongress nichts gemein, zu dem führende französische Sozialisten Anfang Mai 1889 eingeladen hatten. In dem von ihnen veröffentlichten Aufruf „An die Arbeiter in Europa und Amerika!“ stellten sie fest: „Die Kapitalistenklasse ladet die Reichen und Mächtigen zu der Weltausstellung ein, um die Werke der Arbeiter zu betrachten und zu bewundern, die, selber inmitten des mächtigen Reichtums, den je eine menschliche Gesellschaft besessen, zum Elend verurteilt sind. Wir Sozialisten, deren Streben die Befreiung der Arbeit, die Abschaffung des Lohnsystems und die Errichtung eines Gesellschaftszustandes ist, in dem alle Arbeiter - ohne Unterschied des Geschlechtes und der Nationalität- ein Recht auf den durch die gesamte Arbeit geschaffenen Reichtum haben, wir laden die wirklichen Produzenten ein, mit uns am 14. Juli in Paris zusammenzutreffen!

Wir laden sie ein, das Band der Brüderlichkeit zu festigen, das, indem es die Proletarier aller Länder in ihrem Kampfe stärkt, den Beginn der neuen Weltordnung beschleunigen wird.“

Am 14. Juli, dem Eröffnungstag des Internationalen Arbeiterkongresses, fanden sich in Paris etwa 390 Delegierte von sozialistischen Arbeiterparteien und -gruppen sowie von Gewerkschaften zusammen. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas: aus Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland, Schweden, der Schweiz, Spanien und Ungarn. Aber auch die sozialistischen Arbeiter der USA und Argentiniens hatten ihre Vertreter nach Paris entsandt.

An der Stirnwand des mit roten Fahnen geschmückten Saales, in dem der Kongress tagte, konnten die Delegierten die nach dem berühmten Kampfruf aus dem Kommunistischen Manifest formulierte Losung „Proletarier aller Länd vereinigen wir uns!“ lesen. Darunter war ein Transparent angebracht, das folgende Inschrift trug: „Im Namen des Paris vom Juni 1848 und vom März, April und Mai 1871 und des Frankreich der Babeuf, Blanqui und Varlin Gruß den sozialistischen Arbeitern beider Welten.“

Der Schwiegersohn von Karl Marx, der führende französische Sozialist Paul Lafargue, begrüßte die Delegierten. Er erklärte unter anderem: „Die Bourgeoisie feiert das Hundertjahr ihrer Revolution, dieser Revolution, welche verkündete, sie werde Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit unter den Menschen aufrichten, und welche mit nichts Besserem zu endigen wusste, als mit der grausamsten und schrankenlosesten Ausbeutung der Arbeiter ... Die Delegierten des internationalen Sozialistenkongresses von 1889 erklären schon durch ihr bloßes Zusammentreten, dass sie etwas anderes auszuführen haben als das Werk der Revolution von 1789; sie beugen sich nicht vor den ´Rechten des Menschen und Bürgers(von 1789, die ja doch nur die Rechte des Bürgergeldsackes sind... In diesem Saal sind die Apostel eines neuen Gedankens versammelt. Seit Jahren predigen sie den Arbeitern der zivilisierten Nationen: ´Ihr seid Brüder und habt nur einen Feind: das Privatkapital -sei es preußisch, englisch, französisch oder chinesisch.´ Ihre unermüdliche Propaganda hat, bei aller wirtschaftlichen und politischen Unterdrückung durch die Kapitalistenklasse, bereits die geistige Einigung der Sozialisten beider Welten zustande gebracht.“

Es war vor allem Friedrich Engels zu verdanken, dass sich auf dem Pariser Kongress die revolutionären marxistischen Kräfte durchsetzten und die II. Internationale gründeten. Von ihr wurde das große Werk der Internationalen Arbeiterassoziation fortgesetzt, über deren Wirken Wilhelm Liebknecht bei der Eröffnung des Kongresses erklärte: „Sie ist nicht tot - sie ist übergegangen in die mächtigen Arbeiterorganisationen und Arbeiterbewegungen der einzelnen Länder, und lebt in diesen fort. Sie lebt in uns fort. Dieser Kongress ist das Werk der Internationalen Arbeiter-Assoziation. „„

Nach heftigen Auseinandersetzungen mit den französischen Opportunisten (Possibilisten) wandten sich die Delegierten den Berichten zu, die führende Vertreter der internationalen Arbeiterbewegung über die Lage der Arbeit und der sozialistischen Bewegung in den verschiedenen Ländern erstatteten. Der Kongress bekannte sich zur Abschaffung der stehenden Heere und zur allgemeinen Volksbewaffnung und verlangte eine wirksame internationale Arbeiterschutzgesetzgebung.

4. Die Geburtsurkunde des Ersten Mai

Am Nachmittag des 20. Juli fand die letzte Sitzung des Pariser Kongresses statt. Die Verhandlungen näherten sich bereits ihrem Ende, als der französische Gewerkschaftsführer Raymond Lavigne eine von der Tagesordnung her nicht vorgesehene Resolution einbrachte. Wie August Bebel später berichtete, war sie von ihm und Wilhelm Liebknecht, dem Führer der österreichischen Sozialdemokraten, Victor Adler, dem früheren Mitglied des Generalrats der I. Internationale und Mitbegründer der Sozialistischen Partei Frankreichs Edouard Vaillant und Paul Lafargue in vertraulicher Besprechung vorbereitet worden.

Es handelte sich um den folgenden historisch denkwürdigen Antrag:

„Internationale Kundgebung zum 1. Mai 1890.
Der Kongress beschließt:
Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale Manifestation (Kundgebung) zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten (Behörden) die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen und die übrigen Beschlüsse des internationalen Kongresses von Paris zur Ausführung zu bringen.
In Anbetracht der Tatsache, dass eine solche Kundgebung bereits von dem Amerikanischen Arbeiterbund (Federation of Labor) auf seinem im Dezember 1888 in St. Louis abgehaltenen Kongress für den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen.
Die Arbeiter der verschiedenen Nationen haben die Kundgebung in der Art und Weise, wie sie ihnen durch die Verhältnisse ihres Landes vorgeschrieben wird, ins Werk zu setzen.“

Der Resolutionsentwurf wurde nach kurzer Diskussion angenommen. Der Beschluss, am 1. Mai 1890 in allen Ländern Kundgebungen für den achtstündigen Arbeitstag zu organisieren, wurde zur Geburtsurkunde der Maifeier.

Einmütig lehnte der Kongress einen Antrag ab, „als Anfang der sozialen Revolution den Generalstreik [zu] beschließen“. Indem der Kongress damit eine anarchistische Verfälschung des Ersten Mai entschieden zurückwies, bekannte er sich klar zum politischen Klassenkampf als Hauptform des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse, der die Existenz einer revolutionären marxistischen Kampfpartei ebenso zur Konsequenz haben musste wie die Errichtung der Diktatur des Proletariats.

Aus der Geschichte und Gegenwart des Kampfes um die Regelung des Arbeitstages hatte Marx die Schlussfolgerung gezogen, dass in ihm „der vereinzelte Arbeiter... widerstandslos unterliegt“ und dass daher die „Schöpfung eines Normalarbeitstags... das Produkt eines langwierigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse“ ist.

Mit dem historischen Beschluss des Pariser Kongresses 1889 wurde die Forderung nach dem Achtstundentag zur „gemeinsamen Forderung des Weltproletariats“ (Lenin). Darstellung aus dem „Wahren Jacob“

Dieser Kampf besaß für ihn den Charakter einer „aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter“ hervorgehenden „politischen] Bewegung..., d. h. eine[r] Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt“.

Die Geburtsurkunde des Ersten Mai hat sich in den zurückliegenden neun Jahrzehnten als eines der bedeutendsten Dokumente der internationalen Arbeiterbewegung erwiesen. Mit dem Achtstundentag wurde eine Kampflosung zur „gemeinsame[n] Forderung des Weltproletariats“, betonte Lenin, die sich nicht an einzelne Unternehmer richtete, „sondern an die Staatsmacht als die Vertreterin des gesamten gegenwärtigen sozialen und politischen Regimes, an die gesamte Klasse der Kapitalisten, die im Besitze aller Produktionsmittel sind. Die Forderung des Achtstundentages hat besondere Bedeutung erlangt: sie., bekundet die Solidarität mit der internationalen sozialistischen Bewegung.“

Als der Beschluss des Pariser Kongresses am 1. Mai 1890 verwirklicht wurde, sah Friedrich Engels darin ein Ereignis von epochaler Bedeutung. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte erlebte die Menschheit das Schauspiel, hob damals Paul Lafargue hervor, „dass die Proletarier der ganzen Welt in dem gleichen Gedanken geeint, von dem gleichen Willen bewegt, auch der gleichen Losung folgen, dass sie ihre Kräfte zu einer gemeinsamen, einheitlichen Aktion zusammenschließen“

Die in Paris neu gegründete Internationale besaß lange Zeit kein Statut und auch kein zentrales Leitungsgremium. Ein wesentlicher Grund hierfür bestand darin, dass die reaktionäre Klassenjustiz in vielen Ländern einen engeren organisatorischen Zusammenschluss nicht ermöglichte. Gerade deswegen war der Beschluss über die Maifeier für die weitere Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung, für die Festigung und den Ausbau ihrer Verbindungen untereinander von besonders großem Wert. „Die Resolution zum 1. Mai“, stellte Friedrich Engels fest, „war die beste, die unser Kongress annahm. Sie beweist unsere Macht in aller Welt, sie erneuert die Internationale besser als alle formalen Versuche zur Reorganisation..“

Dieter Fricke, Kleine Geschichte des Ersten Mai, Dietz-Verlag, Berlin, 1980

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