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Personenkult als Religionsersatz

  • Donnerstag, 21. April 2005 @ 08:00
Geschichte Der Papst ist tot, endlich hat er seine Ruhe, sein Sterben hat lange genug gedauert. Millionen Menschen nahmen in einer medial gepushten Hysterie von ihm Abschied und machten damit einmal mehr den gesellschaftlichen Einfluss der Religion deutlich. Was Karl Marx als „Opium des Volkes“ definiert hatte, ist immer noch Realität. Nicht nur im fundamentalistischen Islam, dank des Antikommunisten Karol Wojtyla auch im angeblich so „aufgeklärten“ Europa.

Die Hysterie um das Sterben des Papstes geht aber weit über den religiösen Bereich hinaus. Vielmehr geht es dabei auch und vor allem darum, wie die gezielte Heraushebung von Personen, insbesondere jener mit angeblich „historischer Größe“ unabhängig von Religion religiösen Charakter aufweist.

„Als Stalin starb, weinten die Menschen auf den Straßen. Nicht nur in Moskau, auch in Paris. Es war die Generation, für die die Sowjetunion, mit Stalin an der Spitze, Hoffnung und Stütze im Kampf gegen den Faschismus gewesen war. Die Stabilität der Sowjetunion hatte für sie Priorität, für diese Stabilität stand Stalin.“ Das schreibt der Stalin-Apologet Hans-Heinz Holz.

Die Hysterie beim Tod Stalins war ähnlich jener beim Tode Wojtylas, Millionen marschierten vor seinem Sarg auf, es gab dutzende Tote. Dass der „militärische Genius“ Stalin nach den politischen Fehleinschätzungen infolge seiner Quasi-Verbrüderung mit Hitler im August 1939 nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 für Wochen im Untergrund verschwunden war ist für seine Verehrer eine mehr als peinliche Erinnerung.

Eine andere „historische Persönlichkeit“, nämlich Adolf Hitler konnte bedingt durch den Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ im Feuer der anrückenden Roten Armee keine solche Volkstrauer mehr für sich entfachen. Er musste sich mit der ihm schon zu Lebzeiten angetragenen Hysterie begnügen. Das reichte immerhin dazu, eine der brutalsten Schreckensregime der Geschichte an die zwölf Jahre lang gestützt auf eine politische Massenbasis zu erhalten und Verehrer hat er leider heute noch immer mehr als genug.

Ähnliche Beispiele ließen sich wohl bei weiteren „historischen Persönlichkeiten“ finden, die (zumindest aus historischer Nachsicht) keineswegs für Fortschritt und Demokratie, vielmehr für Despotie, Reaktion, Terror oder Unterdrückung gestanden sind finden. Warum diese Begeisterung von Unterdrückten für ihre Unterdrücker (das –Innen kann man sich dabei sparen, denn es handelt sich ausschließlich um Männer)?

Und erklärt man uns heute in aller Eindringlichkeit, dass es in der Politik nicht auf Inhalte, sondern auf Personen ankommt? Warum zelebrieren jene, die jahrzehntelang den bösen Personenkult im Osten verurteilten heute denselben Personenkultur hierzulande? Auch wenn nicht alle PolitikerInnen letztlich wirklich kultgeeignet sind, einige wie etwa Jörg Haider waren es jahrelang wohl. Dafür gesorgt haben schon die Medien als vierte Macht im Staate.

Aber warum finden sich sogar in der Linken Menschen, die allen Ernstes meinen, einem „rechten“ Haider müsse man einen „linken“ Haider gegenüberstellen? Es ist ein historisches Problem der ArbeiterInnenbewegung, dass sie von Anfang an ausgesprochen führerorientiert war. Die Philosophie des historischen Materialismus predigte das Primat der Massen. Sie versuchte vom theoretischen Ansatz her die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte auf das ihr zustehende Maß zurechtzustutzen.

Dem stand eine jahrzehntelange reale Praxis gegenüber, bei Demonstrationen und Kundgebungen die Bilder der Führer vergleichbar den Heiligenbildern bei kirchlichen Prozessionen und anderen Kulthandlungen durch die Straßen zu tragen. Nicht die Masse der Menschen, nicht die vielbeschworene Arbeiterklasse, sondern einige wenige Heroen wurden auf diese Weise zur Projektionsfläche für den politischen Willen aller.

Eine Antwort findet sich bei Antonio Gramsci, der in seiner Kritik am frühen Sowjet-Sozialismus folgendes diagnostiziert hat: Die Idee der Aufklärung ist ein bleibendes Erbe der bürgerlichen französischen Revolution von 1789, daraus folgert die dialektische Verbindung von bleibenden Errungenschaften und neu zu erkämpfenden Werten. Laut Gramsci kann ohne die „Inkorporation der Argumente des Gegners“ die revolutionäre Klasse nicht die Hegemonie erlangen, weil ihr historische Legitimität und Reife fehlen, die zur Eroberung der Macht und zur Errichtung einer neuen Gesellschaft unerlässlich sind.

Als Folge dieses Defizits nahm in der Komintern-Ära und darüber hinaus wirkend der Kampf für eine neue Gesellschaft „eine Form von Religion und von Reizmitteln (aber in der Art von Drogen)“ an. Sie machte den Sozialismus durch mechanistische Auffassungen zu einer „Religion der Subalternen“. Die von Marx erhobene Kritik der Religion als Opium des Volkes verkehrte sich damit auf eine fatale Weise ins Gegenteil, indem der Marxismus-Leninismus eine religiöse und messianische Gestalt gewann.

Aber nur wenn der historische Materialismus „die Widersprüche nicht nur begreift, sondern sich selbst als Element des Widerspruchs setzt“ ist er zu einer wirklichen Selbstreflexion in der Lage. Nur diese ständige Hinterfragung kann sichern, eine gesellschaftliche Bewegung auf der Höhe der Zeit zu halten.

© Leo Furtlehner, April 2005


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