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Schluss mit der Ehrung von NS-Denunzianten!

  • Mittwoch, 8. März 2006 @ 08:38
Antifa OÖ. NETZWERK GEGEN RASSISMUS UND RECHTSEXTREMISMUS

Zwei oberösterreichische Gemeinden halten an der Ehrung von Personen fest, die während der NS-Zeit als fanatische Anhänger des Regimes zu Denunzianten wur-den. Die verantwortlichen Bürgermeister und die meisten Mitglieder beider Gemein-deräte weigern sich, im Sinne des österreichischen Staatsvertrages diese „Spuren des Nazismus“ zu entfernen.

In St. Wolfgang im Salzkammergut erinnert die direkt am Wolfgangsee gelegene „Dr.-Franz-Xaver-Rais-Promenade“ an den früheren Gemeindearzt. Dr. Franz Xaver Rais (1899 – 1972) trat bereits 1933 der NSDAP und später auch der SA bei. Nach dem Anschluss Österreichs war er als NS-Ortsgruppenamtswalter tätig. Er sei „stets einsatzbereit“, lobte ihn die Partei. Am 12. August 1942 denunzierte Dr. Rais – da-mals stellvertretender Bürgermeister von St. Wolfgang – in einem Brief an den NSDAP-Landrat in Gmunden die Jüdin Gertrud Peter. Deren nichtjüdischer Ehemann befand sich gerade aus politischen Gründen in Haft. Dr. Rais teilte dem NSDAP-Landrat in dieser für Gertrud Peter äußerst bedrohlichen Lage mit, sie zeige sich „zu frei und geradezu frech im Ort“ und sitze „im Kreise von Bekannten, einer typisch judenfreundlichen Clique, breit im Vorraum des Hotels“. Dr. Rais fuhr fort: „Ich bitte um Stellungnahme. Es ist ja ein arischer Haushalt, da der Gatte Arier, nun aber ist er verhaftet.“ Er schloss den Brief: „Soll ich sie verwarnen oder Herr Landrat oder die Gendarmerie oder ...“.

Die angesehenen Linzer Zeithistoriker Univ.-Prof. Dr. Rudolf Kropf und Univ.-Prof. Dr. Reinhard Kannonier haben dazu festgestellt: „Dieses Schreiben von Dr. Rais ent-hält zweifelsfrei antisemitische Angriffe auf Frau Peter zu einer Zeit, in der die mörde-rische Vernichtungspolitik Hitler-Deutschlands gegen die Juden in ihre Endphase mündete. Das offene Ende des Briefes deutet außerdem darauf hin, dass Dr. Rais an Deportation und Konzentrationslager dachte.“

Frau Peter und ihr Mann konnten das NS-Regime – wenn auch unter großen Schika-nen – trotzdem überleben: Das war der Familie des Mannes zu verdanken, die sich bei den Behörden mit Nachdruck einsetzte, und angesichts der gegebenen Umstän-de alles andere als selbstverständlich.

1998 appellierten u.a. der Bundesverband Israelitischer Kultusgemeinden und das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes an die Gemeindevertreter von St. Wolfgang, die „Dr.-Franz-Xaver-Rais-Promenade“ umzubenennen – vergeb-lich.

In Lambach wurde 1953 die Kunstmalerin Margarethe Pausinger (1880 – 1956) zur Ehrenbürgerin ernannt. 1958 erhielt auch eine Straße im Ort ihren Namen. Pausinger trat 1937 der NSDAP bei. Laut Gendarmerieprotokoll zeigte sie am 30. Dezember 1939 ihren Berliner Malerkollegen Gottfried Wingen, der in Lambach seine Tochter besucht hatte und von Frau Pausinger zum Kaffee eingeladen worden war, wegen regimekritischer Äußerungen an. Diese Denunziation hatte zur Folge, dass Gottfried Wingen vom Sondergericht Linz nach dem Heimtückegesetz zu zehn Monaten Ge-fängnis verurteilt wurde. Die Freiheitsstrafe verbüßte Wingen in Linz und Garsten. 1943 kam der überzeugte NS-Gegner neuerlich mit dem Regime in Konflikt: Er wurde zuerst in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und dann in das KZ Lublin überstellt. Dort starb er am 23. Jänner 1944, nachdem ihn SS-Ärzte vorsätzlich mit Typhuserre-gern infiziert hatten.

Im Gedenkjahr 2005 trat die Welser Initiative gegen Faschismus für die Aufhebung der Ehrenbürgerschaft und die Umbenennung der Straße ein. Der Gemeinderat von Lambach lehnte beides zuerst mit großer Mehrheit ab. Einige Monate später wurde zwar unter öffentlichem Druck die Straße umbenannt, die Ehrenbürgerschaft aber mit der unzutreffenden Begründung, sie sei ohnehin durch den Tod der Geehrten erlo-schen, nicht aufgehoben. Tatsächlich hat der Verfassungsdienst des Bundeskanzler-amtes festgestellt, dass die Verleihung einer Ehrenbürgerschaft über den Tod hinaus gilt. Aus diesem Grund beschloss der Gemeinderat von Haslach im Mühlkreis 2004 einstimmig die Aufhebung der Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers.

Wir Unterzeichneten halten es für unerträglich, dass 61 Jahre nach dem Untergang des braunen Mordregimes noch immer NS-Denunzianten in öffentlichen Ehren ste-hen. Wir fordern die Bürgermeister und Gemeinderäte von St. Wolfgang und Lam-bach auf, diese Ehrung unverzüglich zu beenden. Außerdem ersuchen wir die Lan-desregierung und den Landtag von Oberösterreich, auf die Vertreter der zwei Ge-meinden entsprechend einzuwirken.

Rudolf Ardelt Historiker und Rektor der Johannes-Kepler-Universität Linz
Brigitte Bailer-Galanda Leiterin des Dokumentationsarchivs des österr. Widerstandes
Gerhard Bronner Komponist und Kabarettist
Barbara Coudenhove-Kalergi Journalistin
Robert Eiter Sprecher des OÖ. Netzwerks gegen Rassismus und Rechtsextremis-mus
Raimund Fastenbauer Generalsekretär des Bundesverbandes Israelit. Kultusge-meinden
Franzobel Schriftsteller
Karl-Markus Gauß Schriftsteller
Andreas Gruber Regisseur und Vorsitzender von „SOS Menschenrechte“
Wolf Haas Schriftsteller
Josef Hader Kabarettist
Gerhard Haderer Zeichner
Josef Haslinger Schriftsteller
Margit Hauft Präsidentin der Katholischen Aktion OÖ.
Rudolf Haunschmid Widerstandskämpfer und Ehrenvorsitzender des oö. KZ-Verbandes
Peter Henisch Schriftsteller
Elfriede Jelinek Schriftstellerin (Nobelpreis für Literatur)
Michael John Historiker
Günter Kaindlstorfer Kulturjournalist
Reinhard Kannonier Historiker und Rektor der Kunstuniversität Linz
Michael Köhlmeier Schriftsteller
Walter Kohn Naturwissenschafter (Nobelpreis für Chemie)
Alfred Komarek Schriftsteller
Harald Krassnitzer Schauspieler
Rudolf Kropf Historiker
Ludwig Laher Schriftsteller
Albert Langanke Generalsekretär des Internationalen Mauthausen Komitees
Hannah M. Lessing Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich
Hans Marsalek KZ-Überlebender und Obmann der Österr. Lagergemeinschaft Maut-hausen
Eva Menasse Schriftstellerin
Willi Mernyi Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich
Samy Molcho Pantomime
Johnny Moser Historiker
Ariel Muzicant Präsident des Bundesverbandes Israelit. Kultusgemeinden
Wolfgang Neugebauer Historiker
Kurt Palm Regisseur
Anton Pelinka Politikwissenschafter
Karl Pfeifer Journalist
Doron Rabinovici Schriftsteller
Gerhard Roth Schriftsteller
Hans-Henning Scharsach Autor
Robert Schindel Schriftsteller
Margit Schreiner Schriftstellerin
Dietmar Schönherr Schauspieler
Erwin Steinhauer Schauspieler und Kabarettist
Alfred Ströer Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer
Irma Trksak KZ-Überlebende
sowie weitere 22 Unterschriften

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Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Dokumentation über den kommunistischen Widerstand gegen den NS-Faschismus im Bezirk Vöcklabruck von 1938 bis 1945.
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