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Mag. Florian Schwanninger: Im Heimatkreis des Führers

  • Samstag, 25. Februar 2006 @ 11:27
Geschichte Nationalsozialismus, Widerstand und Verfolgung im Bezirk Braunau 1938 – 1945

Im Gedenkjahr 2005 veröffentlichte der oberösterreichische Historiker Mag. Florian Schwanninger seine Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus im Bezirk Braunau. Denn auch hier hat die braune Diktatur ihre willigen Helfer und ihre Opfer gefunden. Sie aus der Anonymität der großen Worte und der großen Zahlen herauszulösen und insbesondere den Opfern ein Gesicht zu geben, ist dem Autor mit diesem regionalen antifaschistischen Standardwerk eindrucksvoll gelungen.

Fast jährlich Ende April scheint das kleine Städtchen am Inn mit der immergleichen Kurzmeldung in den Chronik-Teilen heimischer Tageszeitungen auf; denn fast jedes Jahr um den 20. April kommt es zum immergleichen unappetitlichen Hin und Her von Kundgebungen und Untersagung selbiger, wenn ansonsten lichtscheue Gestalten ans Tageslicht kommen, um dem Geburtstag Adolf Hitlers in seinem Geburtsort Braunau am Inn zu huldigen – immer, und während der letzten Jahre erfreulicherweise immer entschiedener, zurückgewiesen von lokalen antifaschistischen Initiativen.

Angesichts des aktuellen politischen Konfliktpotenzials dieses Erinnerungsortes für Neonazis ist es umso erstaunlicher, dass bislang keine systematische Untersuchung der lokalen Verhältnisse während der Zeit des Faschismus vorliegt. Florian Schwanninger beseitigt dieses Manko nun in seiner vorliegenden überarbeiteten und erweiterten Diplomarbeit. Weniger erstaunlich ist die Tatsache des bisherigen Fehlens einer Arbeit zu Widerstand und Verfolgung im Bezirk Braunau allerdings insofern, als sich – „während in den letzten Jahrzehnten eine Fülle an Detailstudien zu allen möglichen Aspekten der NS-Herrschaft veröffentlicht wurden“ – sich insgesamt „gerade auf dem Gebiet der lokalgeschichtlichen Forschung, der sogenannten Heimatgeschichte, große Lücken diesen Zeitabschnitt betreffend feststellen“ lassen (283). Nicht unwesentlich dürfte zu dieser mangelnden Auseinandersetzung mit konkreten lokalen Ereignissen durch die „Heimatgeschichtsschreibung“ auch die Scheu beigetragen zu haben, in bis heute offenen Wunden zu stochern: „Viele Opfer und Täter sowie Angehörige lebten in denselben Orten und man ging und geht auch teilweise heute noch dieser heiklen Thematik oftmals lieber aus dem Weg um keine Konflikte zu riskieren“. Hinzu kommt in dörflichen Zusammenhängen, dass „bei vielen Menschen alte Vorurteile und Ideologien aus der NS-Zeit weiterwirkten und die sogenannten ‚KZler’ bei Teilen der Bevölkerung über ein nicht sehr hohes Ansehen verfügten“ (283), was dem Autor zufolge das Interesse der Opfer an öffentlicher Darstellung des Geschehenen gering hielt.

Der Autor knüpft nicht nur im Titel an die seit 1975 vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands herausgegebenen Reihe zu „Widerstand und Verfolgung“ in den einzelnen Bundesländern (zuletzt „Widerstand und Verfolgung in Salzburg“, 1991). Wie in diesen Standardwerken würdigt Schwanninger sämtliche vom NS-Regime aus „rassischen“, politischen oder weltanschaulichen Gründen verfolgten Gruppen und untersucht die entsprechenden Formen des Widerstands, wobei die Darstellung mit der Wiedergabe zahlreicher Dokumente (Fotos, Briefe, Opferlisten etc.) verknüpft wird. Neben dem „katholisch-klerikalen Lager“ (57-91), dem „Widerstand der KPÖ und der Arbeiterbewegung“ (93-143) und den Zeugen Jehovas (145-163) schenkt der Autor auch der Verfolgung von Einzelnen durch die Sondergerichte besondere Aufmerksamkeit und schildert detailliert Beispiele von aufgrund des „Heimtücke“- oder „Rundfunkgesetzes“ verfolgten individuellen Widerstands- oder oppositionellen Handlungen.

Entsprechend sowohl dem Ausmaß der Verfolgung wie auch dem Umfang der Widerstandsaktivitäten nimmt das Kapitel zum „Widerstand der KPÖ und der Arbeiterbewegung“ den größten Teil der Darstellung der aus politischen Motiven Verfolgten ein (93-143). Schwanninger zeichnet die Geschichte der Arbeiterbewegung in Oberösterreich seit ihren Anfängen nach, untersucht Positionen und Strukturen der KPÖ vor und stellt schließlich die Arbeit der illegalen Parteigruppen – die Fokussierung auf die KPÖ erfolgt nicht zuletzt deshalb, „da sich ein organisierter Widerstand der RS [Revolutionären Sozialisten; Anm.] im Bezirk Braunau laut den vorhandenen Quellen nicht ausmachen lässt“ (93) – während Austrofaschismus und nach dem deutschen Einmarsch dar.

Weitere Kapitel des Buches widmen sich der „Euthanasie“ sowie der Militärjustiz, wobei der Autor auf die vor allem im erstgenannten Bereich prekäre Quellenlage hinweist: die in den zentralen Quellenbeständen – v.a. Datenbestände aus Hartheim – auffindbaren Opfer repräsentieren bei weitem nicht das ganze Ausmaß der Euthanasie-Morde, da neben der sogenannten „wilden Euthanasie“ nach dem offiziellen Ende der Euthanasie-Aktion „T4“ kaum nachweisbare Tötungen („Kindereuthanasie“, Überdosierungen etc.) passierten, deren Opferzahlen sich kaum mehr nachweisen lassen. Hinzu kommt die allgemeine schwierige Quellenlage bei diesem Thema: „Es gelang den Tätern, einen Großteil der Beweise für die Tötungen in Hartheim und Niedernhart verschwinden zu lassen. Nur sehr wenige Dokumente blieben erhalten.“ (255)

Wie in allen Teilen des Buches beschränkt sich Schwanninger auch in den abschließenden Ausführungen zur NS-Militärjustiz und ihrer Opfern im Bezirk Braunau nicht auf die Aufzählung der aus den Akten erschlossenen Zahlen, sondern skizziert in einer kurzen Einführung die Entwicklung der NS-Militärjustiz, die Funktion derselben im NS-Vernichtungssystem sowie die zentralen Begrifflichkeiten zu diesem Thema.

Die Kombination von neuen, aus bisher weitgehend unbearbeiteten Quellen erschlossenen Erkenntnissen mit allgemeinenverständlichen Einführungen in die Thematik wie in die einzelnen Kapitel macht das Buch für den Fachhistoriker wie für den interessierten Laien interessant und lesbar.

Florian Schwanninger: Im Heimatkreis des Führers - Nationalsozialismus, Widerstand und Verfolgung im Bezirk Braunau 1938-1945.
Mit einem Geleitwort von LH Josef Pühringer.
Edition Geschichte der Heimat, Grünbach 2005
geb., 350 Seiten, zahlreiche Fotos und Abbildungen, ISBN 3-902427-18-3, € 24,50

Rezension von Simon Loidl aus den "Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft", 12.Jg./Nr.4, Dezember 2005


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