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1945: „...mit Hoffnung und fester Zuversicht“

  • Mittwoch, 29. April 2015 @ 08:00
Geschichte Am 20. Mai 1944 besuchte er zusammen mit seiner Tochter eine Aufführung von Verdis "Requiem" im neuen Dom zu Linz. Im September 1944 wurde er verhaftet und am 29. April 1945 fünf Minuten vor der Morgenröte der Freiheit, wurde er auf ausdrücklichen Befehl des Gauleiters Eigruber im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Zwischen diesen Ereignissen stand er einmal vor dem Radioapparat und lauschte andächtig einer Beethoven-Sonate.

Seine Tochter, damals ein Mädchen in dem Alter, da die Wißbegierigkeit im direkten Vorstoß bis auf den Grund kommen will, fragte ihn, was ihm lieber wäre, hatte er die völlige Freiheit der Entscheidung: die Musik oder die Politik. Er habe, so berichtet seine Tochter, auf diese Frage eine kleine Weile übelegt. Dann habe er mit einem scherzhaften Lächeln die Alternative dieser Frage zurückgewiesen und erklärt, daß der politische Kampf Vorrang habe, solange die Unmenschlichkeit des Faschismus die Macht ausübe.

Und es ist von ihm ein erschütterndes Opfer der Solidarität und Kameradschaft überliefert: Auf der Todesstiege in Mauthausen war ein Kamerad, größer und stärker als er, unter der Last eines großen Granitsteines zusammengebrochen. Er nahm den Stein des Genossen auf sich und trug ihn hinauf über die granitene Höllenleiter. Als ihm im März 1944 ein Sohn geboren wurde, betrachtete er sinnend die Händchen des Kleinen. Der Bub habe schöne, gerade Finger, sagte er, vielleicht könnte er einmal ein ausübender Musiker werden. Und dafür, daß die Welt freundlicher sei, ist er in Mauthausen in den Tod gegangen. Und Linz, Oberösterreich und unser ganzes Land hätte ihn und die 42 Genossen, die an 29. April 1945 ermordet wurden, bitter notwendig.

Sepp Teufl wurde am 24. November 1904 in Wien geboren. Die Briefe, die er während des ersten Weltkrieges an seine Mutter geschrieben hat, weisen ihn schon als einen Knaben von ungemein scharfer Beobachtungsgabe aus. Er erzählt von Bubenstreichen, fertig und exakt und seine Schrift ist ein strenges und gewissenhaftes Bild. Diese Akuratesse blieb ihm sein ganzes Leben. Auf Bescheide über abgewiesene Haftbeschwerden im Konzentrationslager Wöllersdorf notierte er nicht nur den Tag, sondern auch die Stunde, da er sie erhalten hat.

Er erlernte das Handwerk eines Maschinenschlossers. Seine Zeugnisse der Fortbildungsschule in der Staatsgewerbeschule vermerken sehr gute Lernerfolge. Er muß jedoch schon damals ein unbotmäßiger Untertan gewesen sein, es findet sich unter dem „vorzüglich" und „lobenswert" eine Sittennote. Er ging durch die Schmieden der revolutionären Arbeiterbewegung in Oberösterreich: durch die einstige Lokomotivfabrik Krauss und Comp. und durch die Steyrwerke. Hier, in den Steyrwerken, wo er von 1926 bis 1929 arbeitete, hat sich sein revolutionäres Bewußtsein ausgebildet. Noch später erzählte er, wie schwierig es war, den Arbeitskollegen verständlich zu machen, daß das Akkordsystem eine besonders raffinierte Methode der Ausbeutung ist.

1929 trat er als Schlosser in den Dienst der Linzer Tabakfabrik ein. Er hatte inzwischen geheiratet, seine Frau war eine Funktionärin der Tabakarbeiterinnen und die Ehe wurde eine Lebensgemeinschaft auf Leben und Sterben, zu einer Treue bis über den Tod hinaus.

Seine Arbeitskollegen berichten, daß mit dem 25jährigen ein frischer Wind in die Tabakfabrik eingezogen sei. Im Gewerkschaftsausschuß setzte er eine Protestresolution gegen den Justizmord an Sacco und Vanzetti durch. Die „Hofpartie“ wählte ihn, den hochqualifizierten Arbeiter zum Betriebsrat. Hier lernte er auch den späteren „Betriebsobmann" der Tabakfabrik, Hausleitner, kennen, der später eine so schändliche Rolle spielte. Daneben wuchs sein Weltbild. Auf die Rückseite einer kleinen Photographie notierte er Buchtitel „Der stille Don" von Scholochow und „Zement" von Gladkow.

Er war Mitglied des Schutzbundes und bereitete den Boden dafür vor, daß die besten Kämpfer des Schutzbundes später zur kommunistischen Partei kamen. In den berühmten Versammlungen Otto Bauers Ende 1933 trat er als unbarmherziger Warner auf, leidenschaftlich fordernd, daß man rechtzeitig kämpfen müsse. Im Februar 1934 war er dabei bis zum bitteren Ende. Einem der Führer des Aufstandes, Richard Bernaschek, sollte er dereinst in tragischer Stunde wieder begegnen. Bei der Neuorganisierung der KPÖ wurde er zum Obmann der Landesorganisation Oberösterreich gewählt. Es folgten Verhaftungen und zähe und umsichtige illegale Tätigkeit. Die Direktion der Tabakfabrik warf ihn auf die Straße.

Er kam nach Wöllersdorf, wo er mit den Genossen Fürnberg und Honner zusammen inhaftiert war. Eine Haftbeschwerde lehnte der damalige Sicherheitsdirektion „Graf" Peter Revertera mit der Begründung ab, er, Teufl, habe sich der „Nachsicht nicht würdig erwiesen". Die „Nachsicht" bestand darin, daß er nach Verbüßung einer Strafe freigelassen worden war. „Graf“ Revertera vergaß auch nicht, auszuführen, daß dem Staat durch die Überstellung nach Wöllersdorf Kosten in der Höhe von S 50.50 entstanden seien. Teufl reklamierte gegen den Bescheid, da er, im Lager Wöllersdorf inhaftiert, „keinen Verdienst" habe. Er brachte aus dem österreichischen KZ eine selbstgebastelte Mandoline mit und eine Schmuckkassette in Einlegearbeit für seine Tochter.

Die Mandoline war überhaupt in diesen Jahren ein wichtiges politisches Handwerkszeug. Bei den illegalen Zusammenkünften war sie eine unschuldige und romantische Tarnkappe. Aber Sepp Teufl betrieb die Musik auch ernst. Sein Sohn, der Violine spielte, berichtete, wie ihn sein Vater beim Stimmenschreiben und beim Üben „gemartert“ habe.

1938 wurde Teufl zusammen mit anderen Gemaßregelten wieder in die Tabakfabrik eingestellt. Die NS-Gewaltigen begannen mit einem zähen Liebeswerben um den bekannten Arbeiterfunktionär, der inzwischen Mitglied des illegalen Zentralkomitees der KPÖ geworden war. Gauleiter Eigruber bemühte sich höchstpersönlich, Sepp Teufl herüberzuziehen. Die Abfuhr, die er sich dabei geholt hat, scheint er nicht vergessen zu haben, wie spätere Äußerungen Eigrubers im Konzentrationslager Mauthausen beweisen.

Teufl und seine Mitkämpfer begannen wieder, vorsichtig das Netz der Verbindungen zu knüpfen. In der Tabakfabrik war Sepp Teufl ein hoch angesehener Kollege und die „Deutsche Arbeitsfront" setzte alles in Bewegung, den Einfluß des Arbeiterführers für sie nutzbar zu machen. Sie legte ihm eine große Bitternis auf, indes sie ihn nach Winniza schickten, damit er angebliche „bolschewistische Greuel" bezeuge. Massenmorde der SS sollten den sowjetischen Truppen in die Schuhe geschoben werden. Teufl mußte in Vorträgen über seine Eindrücke berichten. Zeugen seiner Vorträge berichten, daß er stets Redewendungen gebrauchte, wie: „Man hat mir gesagt, die Greueltaten seien von der Roten Armee verübt worden".

Die Arbeiter verstanden ihn. Aber auch die NS-Machthaber. Im Lager Glasenbach wurden die „Verdrehungen" des roten Teufl mit grimmiger Anerkennung besprochen und die Tatsache, daß es nicht gelungen sei, den „Hund" zu biegen. Zu Hause sprach Teufl in dieser Zeit oft von der entsetzlichen Gewissenspein, die ihm diese Vorträge bereiteten. An seinem ernsten Verhalten erkannte die Familie, daß Teufl wieder mitten in der gefahrvollen illegalen Arbeit stand. Teufl las in dieser Zeit sehr viel, er war Stammgast im Antiquariat Neugebauer und trug Werke über Beethoven, Mozart und Bruckner zusammen. Er verband seine revolutionäre Gesinnung mit der großen Kulturtradition.

Im September 1944 schlug die Gestapo zu. Von vornherein ging es offenbar darum, die führenden Kopfe des Widerstandes unschädlich zu machen, denn auch das blutbefleckte Regime wußte, daß seine Tage gezählt waren. In Konzentrationslager Mauthausen ließ Gauleiter Eigruber die 43 Verhafteten antreten und hielt dabei eine zynische Rede. Da habe man ja nun die „neuösterreichische Regierung" beisammen, brüllte er und nannte die Antifaschisten Trottel und Idioten. Und dann kam die Morddrohung: „Wir brauchen euch noch zur Arbeit" sagte Eigruber, „aber euer Leben ist abgeschlossen."

Bei der Verhaftung Teufls war Betriebsobmann Hausleitner in voller SA-Uniform zugegen. Insgesamt waren vier Arbeiter festgenommen und bei einem der Verhaftung folgenden „Betriebsappell" rief Hausleitner aus: „Für die Schädlinge ist der Strick schon gedreht, sie werden nicht wiederkommen". Hausleitners Schwiegersohn war der berüchtigte Gestapo-Schläger Pötscher, der „Sachbearbeiter 32" in der Linzer Polizeidirektion. Er ist 1945 verschwunden und die Gerüchte verstummen nicht, daß er verschiedentlich in Italien gesehen worden sei. Aber die Staatspolizei scheint kein besonderes Interesse an dem Fall zu haben. Pötscher hat ja „nur" Kommunisten malträtiert.

In der Tabakfabrik herrschte nach der Verhaftung Teufls und seiner Genossen tiefe Niedergeschlagenheit. Für Teufl selbst begann nun der mörderische Kampf auf Leben und Tod mit der entfesselten Bestie. Seine Briefe aus den letzten Monaten setzen ihm ein Denkmal menschlicher Größe und Standhaftigkeit. Weihnachten 1944 erhielt die Familie die erste offizielle Nachricht von ihm. In dem Brief heißt es: „Für die Feiertage wünsche ich mir nur von Euch, daß Ihr selbst sie nicht mit Tränen feiert, sondern mit Hoffnung und fester Zuversicht in die Zukunft seht." So schreibt ein Mann, der schwere Granitsteine über die Todesstieg trägt. Das Wort: Seht, welch ein Mensch! drängt sich einem auf.

Im Jänner 1945 schreibt er: „Diese Zeit aber schmiedet uns noch fester zusammen." Sepp Teufl arbeitete in einem Rüstungsbetrieb im „Wiener Graben". Dort konnte er eine Verbindung zur Außenwelt herstellen und eine Reihe von illegalen Briefen haben seine Frau erreicht. Ganz in der Nähe des Todes geschrieben, enthalten diese Briefe nicht einen einzigen Hinweis auf die Martern, denen der Briefschreiber ausgesetzt war. Lediglich der lange Speisezettel wird einmal aufgeführt und die Tatsache, daß aus Auschwitz und Ravensbrück Frauen nach Mauthauses gekommen sind. „Welch ein trauriger Zug!" schreibt Sepp Teufl. In einem Brief ersucht er um eine kleine Karte von Deutschland. Und Sepp Teufl, täglich die Gaskammer vor Augen, tröstet seine Frau, damit sie es leichter ertrage, daß vom Sohn an der Front keine Post kommt. Einmal bemerkte er, daß er „z´wider" ist, weil er nichts zu rauchen hat.

Man kann diese Briefe nur mit den Gefühl tiefer Erschütterung lesen, so voll tiefen Herztönen sind sie. In seinem letzten Brief vom 30. März 1945 schreibt er: „Besonders freuen mich Deine Beschreibungen vom Sepperls Entwicklung. Also, wenn er schon so heftig zum Tanz auffordert, wenn die entsprechende Musik erklingt, kann ich doch rechnen, daß er musikalisch wird.“ Und in tiefem Vaterstolz fügt er hinzu: „Das habe ich ja auch nie bezweifelt, aber es dreht sich um die überdurchschnittliche Begabung. Trag ihn für mich auf den Armen.“

Die Todesnähe, gepaart mit der Überzeugung von einer besseren Zukunft hat Sepp Teufl in seinen letzten Tagen die Gewalt des Wortes verliehen. Da liest man: „Ich denke ja immer an Dich und besonders abends, wenn das Licht ausgedreht wird, beginnt meine schönste Stunde. Da male ich unsere schöne Vergangenheit und träume von unserer schönen Zukunft, in der wir ganz gewiß wieder alle glücklich beisammen sind. Es ist das allerletzte Tief, das wir noch zu überwinden haben. Weine Dir nicht Deine Augen trübe, denn ich will mich bald darin wiederspiegeln. Herze meinen Sepperl für mich und wenn Du den Brief gelesen hast, dann mußt Du statt meiner einmal mit ihm tanzen, damit er auch eine Freude hat." In diesem letzten Brief steht auch der Satz: „Meine Rechnung geht jetzt bis zum 1. Mai!"

Die Ereignisse überstürzten sich. Sepp Teufl wirkte an der Widerstandsbewegung im Lager mit und hatte enge Verbindung mit Richard Bernaschek, bis dieser linke Arbeiterführer am 18. April von den SS-Unterscharführer Niedermaier erschossen wurde. Am 28. April traf in Mauthausen ein Funkbefehl Eigrubers ein. Heinrich Rau, der spätere Außenhandelsminister der DDR, der in der Leitung des illegalen Lagerkomitees arbeitete, informierte die oberösterreichischen Genossen darüber. Der Befehl lautete: „Ich ordne an, daß sämtliche Linzer und Welser Kommunisten, die am 7. September 1944 verhaftet wurden, sofort zu liquidieren sind, denn im vorübergehenden Falle eines Einbruches der Alliierten konnten sie diesen von guten Diensten sein."

Die österreichischen Häftlinge erhielten vom Lagerkomitee drei Pistolen und sechs Handgranaten. Ein Ausbruchsversuch in der Nacht zum 29. April schlug fehl. Um 23 Uhr wurden die Gefangenen auf den Appellplatz getrieben. Sepp Teufl konnte einem anderen Häftling, Richard Dietl aus Wels zuflüstern, daß der heutige Tag gewonnen sei, weil die Vergasung nicht vorgenommen werden könne, da das betreffende SS-Kommando sinnlos betrunken sei. Am Morgen des 29. April wurde vereinbart, daß jetzt nur noch Einzelaktionen möglich sind.

Richard Dietl konnte in einen anderen Block entkommen und von dort ins Russenlager. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daß sich auch Sepp Teufl hätte retten können, aber offenbar wollte er sich von seinen Kameraden nicht trennen.

Am Morgen des 29. April wurden 42 Häftlinge zusammengetrieben, der 43., Richard Dietl fehlte und er ist als einziger der Gruppe dem Tode entronnen. Es war ein Samstag und die Häftlinge, unter ihnen Sepp Teufl, mußten bis am späten Nachmittag stehen. Sie wußten, was kommen würde, aber es gab keine Möglichkeit mehr, den Tod abzuwenden. Gegen Abend wurden sie in die Gaskammer getrieben. Erst nach der Befreiung erfuhr Linz von der Ermordung Sepp Teufls und seiner Genossen.

Der ehemalige „Betriebsobmann" Hausleitner bezog später eine Pension der Tabak-Werke AG, vormals Tabakregie. Ordnung muß sein. Für Sepp Teufl und seine Genossen aber wurde im Werk nicht einmal eine Tafel angebracht.

Franz Kain, 1963



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