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1917: Die Oktoberrevolution und Österreich

  • Mittwoch, 7. November 2007 @ 08:00
Geschichte Von Hans Hautmann

Wenn man über die Oktoberrevolution und ihre Auswirkungen auf Österreich spricht, dann ist es neben der Darstellung der unmittelbaren Zusammenhänge notwendig, zunächst den Blick zu weiten und den Geschichtsablauf gewissermaßen aus der Vogelperspektive zu betrachten. Nur so, fernab von der Enttäuschung der einen und der Freude der anderen über das Verschwinden des Erbes der sozialistischen Umwälzung des Jahres 1917, kann ein Phänomen wie die Oktoberrevolution heute angemessen bewertet und historisch eingeordnet werden.

I.

Revolutionen sind seltene Erscheinungen in der Menschheitsgeschichte, und erfolgreiche Revolutionen noch seltenere. Niemand, ausgenommen Ignoranten, wird aber zu bestreiten wagen, daß sie es sind, die die Historie entscheidend prägen. Ihre Wirkungen haben sich in den Jahrhunderten seit dem Beginn der Neuzeit, angefangen mit der frühbürgerlichen Revolution des deutschen Bauernkrieges, in stetig wachsendem Maße verstärkt, und die Abstände, in denen sie aufeinander folgten, sind immer kürzer geworden. Wir müssen uns bewußt sein, daß wir uns nach wie vor in einem weltgeschichtlichen Zeitalter revolutionärer Umwälzungen befinden. Und wir als Marxisten sind davon überzeugt, daß die Perioden des Rückschlags, wie wir jetzt eine erleben, Zeiten, in denen die Herrschenden, die Kräfte der Beharrung scheinbar wieder triumphieren und sich fest im Sattel sitzend wähnen, auch dann, wenn sie Generationen dauern mögen, nur Zwischenspiele sind auf dem Weg neuer Anläufe, den Epochenübergang vom Kapitalismus zum Sozialismus zu vollenden. Optimistisch können wir trotz allem sein, weil die Geschichte gezeigt hat, daß Revolutionen die notwendige und unvermeidliche Folge von bestimmten Gesellschaftsstrukturen sind, die ihrerseits in ökonomischen Verhältnissen, im Kern in den Eigentumsverhältnissen, wurzeln. Revolutionen sind folglich keine „Betriebsunfälle“ der Geschichte, sondern sozusagen „normale“ Vorgänge, da durch sie und nur durch sie die grundlegenden Widersprüche gelöst werden können und der Übergang zu höheren Gesellschaftsformationen bewirkt werden kann.

II.

Der Preußenkönig Friedrich II hat einmal bei einem Parademanöver seiner Truppen dem kommandierenden General, als der die bewundernswerte Exaktheit der Bewegungen der Soldaten und das marionettenhafte Befolgen aller Befehle herausstrich, zur Antwort gegeben: „Nicht dies, sondern daß die Kerle uns nicht totschießen, ist das Merkwürdigste.“ Das Rätsel ist also nicht, warum Revolutionen ausbrechen, sondern warum Menschen generationenlang die Zustände ertragen, gegen die sie schließlich aufstehen. Eine Erklärung dafür findet sich unvermutet in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“, in dem es an einer Stelle heißt: „Denn nur die Mächtigen wissen immer genau, wer ihre wahren Feinde sind.“ Der Satz enthält eine tiefe Wahrheit. Er gibt uns Antwort darauf, warum erfolgreiche Revolutionen so selten sind, warum so viele Aufstände, Empörungen, Revolten in der Vergangenheit verpufften und scheiterten, ihre Träger sich täuschen und übertölpeln ließen, warum auch die meisten Revolutionen nicht bis zum Ende, bis zur letzten Konsequenz durchgefochten wurden und auf halbem Weg stehenblieben. Nur in wenigen Fällen paarte sich der objektive Faktor mit dem subjektiven, erwiesen sich die Revolutionäre als stärker, entschlossener, schlauer und unerbittlicher als ihr Widerpart und bereiteten ihm eine vernichtende Niederlage: 1789 in Frankreich und 1917 in Rußland, Revolutionen, denen deshalb zu Recht das Attribut „groß“ verliehen wird.
Die Revolution, die am 7. November 1917 in Rußland siegte, war eine sozialistische Revolution. Ihre Ursachen sind nicht erklärbar, wenn man sich nicht vor Augen hält, was vorher geschah und wogegen sie sich wandte. Die imperialistischen Bourgeoisien der Großmächte, für die es - wie Karl Kraus es einmal ausdrückte - „zuzeiten notwendig ist, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden“, hatten im August 1914 die Menschheit in eine noch nie dagewesene Katastrophe gestürzt. Es war ein Krieg im Interesse der nach Expansion gierenden ökonomischen Eliten gegen die Interessen der Volksmassen, in dem der dem Imperialismus inhärente Drang nach Gewalt, seine Brutalität und Menschenverachtung orgiastisch zum Ausbruch kam. Die Oktoberrevolution war der Versuch, diesen Zustand zu beenden, den Teufelskreis von Ausbeutung, Imperialismus und Krieg zu durchbrechen und die Grundlagen einer gesellschaftlichen Ordnung, die Derartiges hervorgebracht hatte, aus der Welt zu schaffen. Gerade darin bestand ihre internationale Bedeutung. Gerade dadurch blieb ihre Wirkung nicht auf Rußland beschränkt, sondern strahlte über die Grenzen hinweg in andere Länder aus. Eines dieser Länder war Österreich, und es wurde besonders tief und nachhaltig von den Ereignissen in Rußland beeinflußt.

III.

Bekanntlich hat Rußland zwischen 1905 und 1917 nicht weniger als drei Revolutionen erlebt. Schon die erste Revolution des Jahres 1905 hatte auf Österreich eine stärkere Wirkung ausgeübt als auf andere europäische Länder. Das war so, weil die innere Lage im Zarenreich der in der Habsburgermonarchie ähnelte. Beide waren Vielvölkerstaaten, in denen das herrschende Volk, das „Staatsvolk“, ökonomische wie politische Privilegien genoß und die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der anderen Völkerschaften niederhielt. In beiden Ländern behaupteten sich hartnäckig überkommene feudale Strukturen, war der obrigkeitsstaatliche Charakter des Regimes besonders ausgeprägt. Der revolutionäre Funke aus Rußland sprang daher auf einen Boden, der sich hier leichter entzündete als anderswo. Eine große Massenbewegung der Arbeiterschaft, ausgelöst von der russischen Revolution, erzwang damals in Österreich die Einführung des allgemeinen Wahlrechts.
Größer und tiefgreifender war der Einfluß der zweiten russischen Revolution des Februar (März) 1917, die die zaristische Selbstherrschaft stürzte. Auch sie traf in Österreich erneut auf Bedingungen, die ihre revolutionierende Wirkung ermöglichten und besonders verstärkten.
Der erste Weltkrieg hatte alle Gegensätze, die im Habsburgerreich seit langem bestanden, extrem verschärft. Die Massen litten im dritten Kriegsjahr an katastrophalem Lebensmittelmangel, Teuerung und Desorganisation der Versorgung sowie an der Knebelung ihrer Rechte, die sich in der Beseitigung des Parlaments, der Unterstellung kriegswichtiger Betriebe unter militärisches Kommando und Ausdehnung der Militärgerichtsbarkeit auf alle politischen Delikte äußerte. Die nationalen und sozialen Spannungen spitzten sich im berüchtigten Hungerwinter 1916/17 immer mehr zu. Aus dem Krieg, in dem die herrschenden Klassen in Österreich die Möglichkeit gesehen hatten, einen Ausweg aus ihren wachsenden Schwierigkeiten zu finden und sozial- wie nationalrevolutionäre Bestrebungen ein für allemal zu unterdrücken, war für Österreich-Ungarn ein Kampf auf Leben und Tod geworden, in dem nicht nur der Thron der Habsburger und die Existenz des multinationalen Staates selbst schon auf dem Spiel stand, sondern darüber hinaus bereits der Bestand des Systems imperialistischer Herrschaft schlechthin.
In diese Situation platzte die Nachricht vom Sturz des Zaren und vom Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland, der die den Krieg bereits gründlich hassenden werktätigen Massen aufhorchen ließ. Zeigte ihnen das russische Beispiel doch, daß es auch unter den Bedingungen eines kriegsdiktatorischen Regimes möglich war, die Dynasten zu verjagen und demokratische Freiheiten zu erkämpfen, wenn man sich auf seine eigenen Kräfte besann. Es war daher nur folgerichtig, daß die seit Kriegsbeginn durch die verlogenen Losungen von der „Vaterlandsverteidigung“ und vom „Burgfrieden“ desorientierten österreichischen Arbeiter in Bewegung kamen und im Gefolge der nun einsetzenden großen Streikaktionen ihr Selbstbewußtsein zurückgewannen. Die Parolen „Machen wir es so wie in Rußland!“ und „Wir müssen mit unseren Herrschenden auch ‘russisch’ reden!“ wurden unter ihnen populär.

IV.

Lehrreich ist nun, wie die herrschenden Schichten in Österreich auf die Zusammenballung der Widersprüche zu einer revolutionären Krise reagierten. Bis dahin hatte sich das Proletariat gegenüber der Bourgeoisie in einer äußerst ungünstigen Lage befunden. Das Kapital übte auf der ganzen Welt die Macht aus, in seinen Händen befanden sich die durch jahrhundertelange Traditionen geheiligten Instrumente zur Durchsetzung und Behauptung der Herrschaft. Das Proletariat hingegen war nicht nur eine ökonomisch ausgebeutete, sondern auch eine erniedrigte, materiell und geistig benachteiligte Klasse gewesen. Damit war es schon mit der russischen Februarrevolution des Jahres 1917 vorbei. Jetzt begann sich das Kräfteverhältnis zwischen den einander feindlich gegenüberstehenden Hauptklassen zugunsten des Proletariats zu verändern. Es ging zum Angriff über und drängte die Bourgeoisie in die Defensive. Die kaiserliche Regierung sah sich somit im Frühjahr 1917 gezwungen, zu lavieren, die Linie des „harten“ Kriegsabsolutismus zu verlassen, einen flexibleren Kurs einzuschlagen und den Massen eine Reihe von Zugeständnissen zu machen. Das österreichische Parlament wurde nach dreijähriger Zwangspause wieder einberufen und eine Amnestie für politische Häftlinge verkündet. Man gestand den Arbeitern in den militarisierten Betrieben der Rüstungs- und Schwerindustrie die Bildung von „Beschwerdekommissionen“ zu, gewährte Lohnerhöhungen und soziale Verbesserungen. Dazu zählten der Mieterschutz, das Verbot der Nachtarbeit im Bäckergewerbe, die Erhöhung der Krankengelder und Unterhaltsbeiträge u.a.m. In einzelnen Betrieben gründeten die Arbeiter im Frühjahr 1917 spontan „Fabrikausschüsse“ mit dem Ziel, eine gerechtere Verteilung der Lebensmittel zu erreichen. Das war der erste Versuch, nach dem Vorbild der russischen Sowjets den Rätegedanken - so wie ihn die Arbeiter mangels genauer Information damals verstanden - auf österreichische Verhältnisse zu übertragen, auf einem Teilgebiet, dem der Lebensmittelversorgung, die unfähigen und durch Korruption schon zersetzten staatlichen Organe durch Organe der Arbeiter zu ersetzen.

V.

Am größten war jedoch die Wirkung der dritten russischen Revolution, der sozialistischen Oktoberrevolution. Denn sie zeigte, daß es der Arbeiterklasse möglich war, die Macht zu erobern. Sie erst hat den von den Volksmassen in allen kriegführenden Ländern so heißersehnten Friedensschluß in den Bereich des Realisierbaren gerückt. Und sie hat schließlich demonstriert, daß die Sowjets, daß Arbeiter- und Soldatenräte nicht nur Kampforgane zur Erringung vermehrter Mitspracherechte sein können, sondern auch Machtorgane, Träger einer proletarischen Staatsmacht.
Die Revolution der Bolschewiki hatte in Österreich die Sympathie der Werktätigen, weil sie die Losung „Frieden“ auf ihren Fahnen trug, die in der damaligen Situation die weitaus stärkste Triebkraft für jede Massenbewegung war. Gleichzeitig spornte sie innerhalb der klassenbewußten Arbeiterschaft den revolutionären, sozialistischen Kampfgeist enorm an. Das äußerte sich bereits auf der großen Friedenskundgebung der österreichischen Sozialdemokratie, die am 11. November 1917 im Wiener Konzerthaus und auf dem benachbarten Platz des Eislaufvereins stattfand. Die Arbeiter waren mit Transparenten zum Konzerthaus gezogen, mit Aufschriften wie: „Gebt uns den Frieden wieder, sonst legen wir die Arbeit nieder“, „Wir wollen Frieden und Brot“, „Nieder mit den Kriegshetzern“ und „Wir wollen den sozialistischen Verständigungsfrieden“. Die Versammlung selbst lief in erregter Atmosphäre ab. So oft die sozialdemokratischen Redner das Wort „russische Revolution“ auch nur in den Mund nahmen, ertönten brausende Hochrufe, und sie wurden mit Beifall und Rufen wie „Revolution!“, „Wir kommen wieder!“ und „Generalstreik!“ überschüttet. Nach Schluß der Kundgebung zogen Gruppen von Arbeitern durch die Innere Stadt und riefen „Nieder mit dem Krieg!“, „Nieder mit dem Militarismus!“, „Heraus mit dem demokratischen Frieden!“ und „Hoch die russische Revolution!“
Die Begeisterung der österreichischen Arbeiter über den Sieg ihrer russischen Klassengenossen, ihr wiedergewonnenes Selbstbewußtsein, ihre Mobilisierung und Aktivierung brachte neben den vorhandenen Widersprüchen ein neues gegensätzliches Moment aufs Tapet. Weil die sozialdemokratische Parteiführung auch nach der russischen Oktoberrevolution der kaiserlichen Regierung ihre Unterstützung lieh und damit außerstande war, die Hoffnung der Arbeiter nach Ingangsetzen kraftvoller Antikriegsaktionen einzulösen, kam es zwischen ihr und den nun in Aufbruchstimmung befindlichen Arbeitermassen zur Kollision. Die innere Krise in Österreich verschärfte sich rapide und ging Ende Dezember 1917 unter dem Eindruck der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk in eine akut revolutionäre Situation über. Da sich die Verhandlungen von Brest, die in der „Arbeiter-Zeitung“ im Wortlaut nachzulesen waren und die von den österreichischen Arbeitern mit höchster Spannung verfolgt wurden, durch die erpresserischen annexionistischen Aspirationen Deutschlands noch dazu unerwartet in die Länge zogen, stieg in Österreich die Unruhe von Tag zu Tag.

VI.

Am 14. Jänner 1918 kam es zur Explosion. In Wiener Neustadt legte die Belegschaft der Daimler-Motoren-Werke die Arbeit nieder. Binnen weniger Tage weitete sich der Streik auf ganz Österreich aus. Am Höhepunkt der Bewegung, am 19. Jänner, befanden sich in der Habsburgermonarchie 750.000 Arbeiter im Ausstand (in Österreich einschließlich Krakau, Brünn, Mährisch-Ostrau und Triest 550.000, in Budapest und anderen ungarischen Städten 200.000). Der Jännerstreik war nicht nur die bedeutendste revolutionäre Streikaktion in der gesamten Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, nicht nur ein durch und durch politischer Streik, ein Streik für den Frieden, sondern darüber hinaus der Höhepunkt der sozialen und politischen Konfrontation zwischen den herrschenden Klassen und den Volksmassen in Österreich. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges war er neben der russischen Revolution die größte Erhebung der Arbeiterschaft in ganz Europa. Überall bildeten sich nach russischem Vorbild Arbeiterräte zur Führung des Ausstandes. Im Jänner 1918 waren die objektiven Bedingungen für eine revolutionäre Veränderung herangereift, der kaiserliche Herrschaftsapparat, ja das gesamte Gesellschaftssystem standen am Rande des Abgrundes. In einem von Kaiser Karl an Außenminister Graf Czernin am 17. Jänner nach Brest-Litowsk gesandten Telegramm hieß es: „Ich muß nochmals eindringlichst versichern, daß das ganze Schicksal der Monarchie und der Dynastie von dem möglichst baldigen Friedensschluß in Brest-Litowsk abhängt...Kommt der Friede nicht zustande, so ist hier die Revolution, auch wenn noch so viel zu essen ist. Dies ist eine ernste Warnung in ernster Zeit.“ Nur aufgrund der intensiven Bemühungen der sozialdemokratischen Parteispitze, gegen deren Willen der Ausstand ausgebrochen war und die den Kampf um die Staatsmacht nicht zu führen gewillt war, gelang es entgegen heftigen Protesten der Arbeiter, die grandiose Streikbewegung beizulegen und sie auf papierene Kompromißergebnisse zu begrenzen. Diese ernüchternde Erfahrung war für die revolutionären Kräfte der entscheidende Anstoß, mit dem Reformismus zu brechen und eine neue, eine kommunistische Partei zu gründen, die am 3. November 1918 ins Leben trat.

VII.

Das Fanal der Oktoberrevolution fand auch in den Streitkräften Österreich-Ungarns tiefen Widerhall. Die Soldaten an der Ostfront weigerten sich, weiterzukämpfen, und verbrüderten sich mit ihren russischen Kameraden. Österreichische Kriegsgefangene in Rußland erklärten sich bereit, die Sowjetmacht in ihrem Kampf gegen die innere und äußere Konterrevolution zu unterstützen und wurden Kommunisten. Zu ihnen zählten Persönlichkeiten wie Johann Koplenig, Gottlieb Fiala, Karl Tomann, Heinrich Brodnig, Gregor Kersche, Josef und Anna Grün, die nach ihrer Heimkehr in der KPÖ an führender Stelle tätig waren. Im Februar 1918 kam es zum Aufstand der Matrosen von Cattaro, deren Ziele von den Prinzipien der Oktoberrevolution (demokratischer Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, Erklärung des Selbstbestimmungsrechts der Völker bis zum Recht auf Bildung eigener, unabhängiger Staaten) stark beeinflußt waren. Im Mai 1918 meuterten in mehreren Garnisonen Österreich-Ungarns Ersatztruppenkörper der kaiserlichen Armee, deren Träger, fast durchwegs aus Rußland heimgekehrte Kriegsgefangene und - wie es in einer Kundmachung des Generalobersten Rhemen hieß - „von den bolschewikischen Ideen so besessen, daß sie den seiner Majestät geleisteten Treueid schmählich vergaßen“, standrechtlich erschossen wurden.

VIII.

Wenn man von den Auswirkungen der Oktoberrevolution auf Österreich spricht, so wäre es primitiv und falsch, sich darunter einen „Export der Revolution“ in Form von „Zersetzungsarbeit“ irgendwelcher Agitatoren vorzustellen. Der revolutionäre Aufschwung in Österreich in den Jahren 1917 und 1918 war das Ergebnis der Zuspitzung aller Widersprüche im Inneren unseres Landes, die unabhängig vom Wunsch oder Willen einzelner Personen, Parteien oder Klassen erfolgte. Die Wirkung der sozialistischen Oktoberrevolution bestand darin, daß sie die bereits vorhandene Krise in Österreich verstärkte und den Kampf der Arbeiter auf eine neue, qualitativ höhere Stufe hob. Der Einfluß blieb daher nicht auf die Tage und Wochen nach dem 7. November 1917 beschränkt, sondern erstreckte sich über einen längeren Zeitraum, im Grunde genommen und unmittelbar ablesbar bis zum Ende der revolutionären Nachkriegskrise in Österreich im Herbst 1920. Ohne das russische Revolutionsbeispiel und die ebenso vom sozialrevolutionären Impetus getragenen Räterepubliken in Ungarn und München des Frühjahrs 1919, die wie Damoklesschwerter über den besitzenden Klassen schwebten und sie zu Zugeständnissen zwangen, wären die wesentlichen politischen und sozialen Errungenschaften der Umwälzung in Österreich in dem Umfang und der Tiefe nicht möglich gewesen - als da waren: Ausrufung der Republik, Erweiterung der demokratischen Rechte für die Volksmassen, starke Stellung der Arbeiter- und Soldatenräte, Achtstundentag, Arbeitslosenunterstützung, Arbeiterurlaubsgesetz, Betriebsrätegesetz, Gründung der Arbeiterkammern.

IX.

Es ist in dem Rahmen nicht möglich, auf jene Wirkungen einzugehen, die in der Epoche danach der zum Staat und nach 1945 zum Staatensystem gewordene Sozialismus auf die Welt und auf Österreich ausübte. Sie waren höchst bedeutsam, und ihr Gewicht wird einem umso mehr bewußt, seit dieses System als gesellschaftliche Alternative, die die Gegenwelt des Kapitals ernst nehmen mußte, nicht mehr existiert. Es eröffnete den arbeitenden Menschen bei uns umfangreiche, bis dahin nicht dagewesene und nicht gekannte Möglichkeiten für die Verteidigung ihrer Lebensinteressen und ließ ihnen soziale Errungenschaften zukommen, die ohne diese Systemkonkurrenz undenkbar gewesen wären. Was seit einigen Jahren zu verzeichnen ist, gegenwärtig geschieht und künftig bei uns sich fortsetzen wird, die immer vehementer und dreister betriebene Demontage dieser ökonomisch-materiellen Zugeständnisse, der Rückbau des sogenannten „Sozialstaates“, bliebe unverständlich ohne den Fortfall des realen Sozialismus.
Wenn wir uns heute eingestehen müssen, daß der erste Anlauf einer sozialistischen Umwälzung letztlich scheiterte, dann heißt das nicht, daß er der letzte war. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus dauerte Jahrhunderte und benötigte mehrere revolutionäre Anläufe. Alles spricht dafür, daß es sich beim Übergang zum Sozialismus genauso verhält, und nichts spricht dagegen, warum es ausgerechnet hier ein „einmal und nie wieder“ geben soll. Die Perpetuierung des jetzigen Zustandes wird früher oder später die Suche nach einem grundsätzlichen Systemwechsel wieder auf die Tagesordnung setzen, wobei klar ist, daß sich die Methoden, Strukturen und Abfolgen revolutionärer Veränderungen künftig im Vergleich zu früher beträchtlich unterscheiden werden. Der 7. November 1917 in Rußland als Ergebnis einer konkreten historischen Situation wie politischen Konstellation ist in der Art, wie er über die Bühne ging, nicht wiederholbar. Sein Inhalt wird aber weiterhin historischen Bestand haben, weil ohne einen politischen Machtwechsel, ohne die Überführung der Schlüsselpositionen der Wirtschaft aus dem privatkapitalistischen Besitz in das Eigentum des Volkes, der Produzenten, an eine echte antikapitalistische Alternative, eine Überwindung der Klassenteilung nicht zu denken ist.
Die Oktoberrevolution von 1917 war der erste und bisher bedeutendste Anstoß für eine antikapitalistische, eine sozialistische Alternative. Eine Würdigung ihrer epochalen Bedeutung muß die Kritik ihrer Mängel, Unterlassungen und Deformationserscheinungen einschließen, sie muß aber auch ihren gewaltigen Schatz an Erfahrungen und positiven Errungenschaften für ein künftiges Ringen um eine sozialistische Perspektive auswerten. Nur durch deren Aneignung und Einfließen in das Traditionsverständnis wird es heute und in Zukunft linken, emanzipatorischen, fortschrittsbewußten Kräften möglich sein, das fortzuführen, wofür vor achtzig Jahren der Grundstein gelegt wurde.

Referat auf dem Symposium der Alfred Klahr Gesellschaft „80 Jahre Oktoberrevolution“, 8. November 1997



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